Was teure Profi-Rennräder von günstigen Modellen unterscheidetFoto: Matthias Borchers

Profi / Rennsport Was teure Profi-Rennräder von günstigen Modellen unterscheidet

Jens Klötzer

 6/16/2022, Lesezeit: 3 Minuten

Für die besten Profi-Rennräder zahlt man häufig fünfstellige Beträge. Die gleichen Modelle gibt es mit identischem Werbetext auch für die Hälfte oder noch weniger. Was die Sparversionen im Detail unterscheidet, erfahren Sie hier.

Material-Schlacht auf Frankreichs Straßen

Wenn die besten Radprofis der Welt drei Wochen lang das größte Spektakel des Radsports austragen, werden die Straßen Frankreichs auch zur Bühne für eine beispiellose Materialschlacht.

Die schnellsten und teuersten Profi-Rennräder der Welt sind bei der Tour de France am Start, und Technikinteressierte werden genau beobachten, welche Radmarken, welche Schaltung und welche Reifen die Profis fahren - und welche Produkte auf welchen Etappen vorne liegen. Doch die meisten Fans werden wohl weiter von solchem Top-Material träumen, als sich tatsächlich zum Kauf inspirieren zu lassen.

Profi-Rennräder werden teurer

Zwar bleibt es eine Besonderheit des Radsports, dass theoretisch jedes der Profi-­Geräte für alle zu kaufen ist. Doch durch die jüngsten Entwicklungen können sich leider immer weniger Menschen diese Räder leisten. Zum einen werden die Boliden immer kostspieliger - durch technische Innovationen, zuletzt aber auch durch krisenbedingte “Preisanpassungen” vieler Hersteller.

Für viele Top-Modelle werden inzwischen 10000 Euro und mehr aufgerufen. Zum anderen werden auch andere Lebensbereiche teurer - und vielen Radsportlern bleibt weniger Budget fürs Hobby.

Für die meisten leider nur ein Traum: Das Specialized S-Works Tarmac SL7  ist derzeit eines der erfolgreichsten Wettkampf-Rennräder, aber leider auch eins der teuersten. Bis zu 16000 Euro kostet der Bolide.
Für die meisten leider nur ein Traum: Das Specialized S-Works Tarmac SL7 ist derzeit eines der erfolgreichsten Wettkampf-Rennräder, aber leider auch eins der teuersten. Bis zu 16000 Euro kostet der Bolide.

Da drängt sich die Frage auf, ob es nicht ein günstigeres Modell genauso tut. Schließlich bieten die Hersteller von ihren Profi-Modellen oft preiswertere Ableger mit anderen Ausstattungen an. Diese heißen wie die Profi-Rennräder, sehen auf den ersten Blick genauso aus und werden mit den gleichen Argumenten beworben: leicht, aerodynamisch, steif und komfortabel sollen sie sein und das Profi-­Feeling erschwinglich machen. Doch wie viel von den besten Rädern der Welt steckt wirklich in den günstigeren Varianten?

Giant TCR Advanced 1Foto: Matthias Borchers
Giant TCR Advanced 1
Giant TCR Advanced SL 0Foto: Matthias Borchers
Giant TCR Advanced SL 0
Giant TCR Advanced 1Foto: Matthias Borchers
Giant TCR Advanced 1
Giant TCR Advanced SL 0Foto: Matthias Borchers
Giant TCR Advanced SL 0
Giant TCR Advanced SL 0
Giant TCR Advanced 1

Den ersten Hinweis gibt die Waage. Dabei gilt generell: Je teurer, desto leichter. Während die Profi-Rennräder um sieben Kilogramm oder sogar weniger wiegen, können die Einstiegsversionen des gleichen Modells bis zu zwei Kilogramm Mehrgewicht mitbringen. Auch aerodynamisch sind die preiswerten Ableger messbar langsamer - vor allem, weil das Budget für schnelle Carbonlaufräder fehlt.

Geringe Unterschiede bei den Rahmen-Sets

Doch die realen Unterschiede sind geringer, als es die Preisschilder suggerieren. Wer nicht vom Fahrgefühl eines Sieben-­Kilo-Boliden verwöhnt ist, kann mit einem günstigeren Rad sowohl Fahrspaß haben als auch Rennen gewinnen. Spürt man dennoch den Ursachen für die Leistungsunterschiede im Detail nach, finden sich zudem gezielte Tuning-Maßnahmen, die ein günstiges Rad mit überschaubarem Einsatz näher an die Leistung der Profi-Rennräder rücken.

Denn die unterschiedliche Rahmenquali­tät, welche die Hersteller in den Preisklassen anbieten, ist in vielen Fällen nicht der Rede wert. Meist sind die günstigen Rahmen-Sets lediglich 100 bis 150 Gramm schwerer.

Merida Scultura 7000Foto: Matthias Borchers
Merida Scultura 7000
Merida Scultura TeamFoto: Kerstin Leicht
Merida Scultura Team
Merida Scultura 7000Foto: Matthias Borchers
Merida Scultura 7000
Merida Scultura TeamFoto: Kerstin Leicht
Merida Scultura Team
Merida Scultura Team
Merida Scultura 7000

Dass preiswertere Räder systematisch schwerer als Profi-Rennräder sind, liegt im Wesentlichen an den Komponenten wie Schaltungen, Laufrädern, Reifen, Lenker oder Sattel. Vor allem die Laufräder beeinflussen Gewicht und Aerodynamik in hohem Maße, und so würde manchen Rädern schon ein höherwertiger Reifen auf die Sprünge helfen.

Bei anderen entpuppen sich die günstigen Laufräder als die größten Bremser. Über die nackten Zahlen hinaus finden sich an den preiswerten Modellen noch andere Sparmaßnahmen, die sich nur schwer objektiv erfassen lassen, aber das Fahrerlebnis trüben.

So empfanden wir bei günstigen Rennrädern häufig die Kontaktpunkte als unnötig unbequem, wie dünne Alu-Lenker oder unflexible Sättel. Aber auch das ließe sich leicht ändern, ohne gleich ein Vielfaches berappen zu müssen.

Zum Durchklicken: So unterscheiden sich teure und günstige Version des gleichen Modells

Die Stütze des TCR Advanced 1 ist etwas weniger komfortabel und schwerer, dafür in einem größeren Bereich einstellbarFoto: Matthias Borchers
Die Stütze des TCR Advanced 1 ist etwas weniger komfortabel und schwerer, dafür in einem größeren Bereich einstellbar
Die teureren Räder sind mit leichteren Antriebsgruppen ­ausgestattet, die in aller Regel elektrisch schalten. Bei einigen ist, wie bei Canyon, serienmäßig ein Leistungsmessgerät integriert.Foto: Matthias Borchers
Die teureren Räder sind mit leichteren Antriebsgruppen ­ausgestattet, die in aller Regel elektrisch schalten. Bei einigen ist, wie bei Canyon, serienmäßig ein Leistungsmessgerät integriert.
Die günstigen Räder haben schwerere Schaltgruppen verbaut und schalten teils noch mechanischFoto: Matthias Borchers
Die günstigen Räder haben schwerere Schaltgruppen verbaut und schalten teils noch mechanisch
Felgen und Bereifung haben direkten Einfluss auf die  Fahrleistungen: Gewicht, Aerodynamik und Rollwiderstand können extrem unterschiedlich ausfallen. Die schnelle  Specialized-Kombi (links) spart im Vergleich zur günstigsten Tarmac-Version fast 700 Gramm Gewicht und mehr als 10 Watt Aero-LeistungFoto: Matthias Borchers
Felgen und Bereifung haben direkten Einfluss auf die Fahrleistungen: Gewicht, Aerodynamik und Rollwiderstand können extrem unterschiedlich ausfallen. Die schnelle Specialized-Kombi (links) spart im Vergleich zur günstigsten Tarmac-Version fast 700 Gramm Gewicht und mehr als 10 Watt Aero-Leistung
Einfache Laufräder sind einer der wirksamsten Tuning-AnsätzeFoto: Matthias Borchers
Einfache Laufräder sind einer der wirksamsten Tuning-Ansätze
Eine windschnittige Carbon-Kombi ist bei den meisten Profirädern Standard, ganz modern sind elegant integrierte Zusatzschaltknöpfe (hier am Lapierre Xelius SL)Foto: Matthias Borchers
Eine windschnittige Carbon-Kombi ist bei den meisten Profirädern Standard, ganz modern sind elegant integrierte Zusatzschaltknöpfe (hier am Lapierre Xelius SL)
Preiswerte und schwere Alu-Lenker greifen sich oft unkomfortabel. Weil sie angeschraubt sind, lassen sie sich aber austauschenFoto: Matthias Borchers
Preiswerte und schwere Alu-Lenker greifen sich oft unkomfortabel. Weil sie angeschraubt sind, lassen sie sich aber austauschen
Carbongestell, flexible Satteldecke: Der teure Specialized-Sattel wiegt wenig und ist äußerst bequem...Foto: Matthias Borchers
Carbongestell, flexible Satteldecke: Der teure Specialized-Sattel wiegt wenig und ist äußerst bequem...
... Das günstigere Modell mit Stahlgestell ist das komplette GegenteilFoto: Matthias Borchers
... Das günstigere Modell mit Stahlgestell ist das komplette Gegenteil
Giant liefert nur am teuren TCR Advanced SL einen integrierten Sitzdom, der Gewicht spart und viel Komfort bringt.Foto: Matthias Borchers
Giant liefert nur am teuren TCR Advanced SL einen integrierten Sitzdom, der Gewicht spart und viel Komfort bringt.
Die Stütze des TCR Advanced 1 ist etwas weniger komfortabel und schwerer, dafür in einem größeren Bereich einstellbarFoto: Matthias Borchers
Die Stütze des TCR Advanced 1 ist etwas weniger komfortabel und schwerer, dafür in einem größeren Bereich einstellbar
Die teureren Räder sind mit leichteren Antriebsgruppen ­ausgestattet, die in aller Regel elektrisch schalten. Bei einigen ist, wie bei Canyon, serienmäßig ein Leistungsmessgerät integriert.Foto: Matthias Borchers
Die teureren Räder sind mit leichteren Antriebsgruppen ­ausgestattet, die in aller Regel elektrisch schalten. Bei einigen ist, wie bei Canyon, serienmäßig ein Leistungsmessgerät integriert.
Die teureren Räder sind mit leichteren Antriebsgruppen ­ausgestattet, die in aller Regel elektrisch schalten. Bei einigen ist, wie bei Canyon, serienmäßig ein Leistungsmessgerät integriert.
Die günstigen Räder haben schwerere Schaltgruppen verbaut und schalten teils noch mechanisch
Felgen und Bereifung haben direkten Einfluss auf die  Fahrleistungen: Gewicht, Aerodynamik und Rollwiderstand können extrem unterschiedlich ausfallen. Die schnelle  Specialized-Kombi (links) spart im Vergleich zur günstigsten Tarmac-Version fast 700 Gramm Gewicht und mehr als 10 Watt Aero-Leistung
Einfache Laufräder sind einer der wirksamsten Tuning-Ansätze
Eine windschnittige Carbon-Kombi ist bei den meisten Profirädern Standard, ganz modern sind elegant integrierte Zusatzschaltknöpfe (hier am Lapierre Xelius SL)
Preiswerte und schwere Alu-Lenker greifen sich oft unkomfortabel. Weil sie angeschraubt sind, lassen sie sich aber austauschen
Carbongestell, flexible Satteldecke: Der teure Specialized-Sattel wiegt wenig und ist äußerst bequem...
... Das günstigere Modell mit Stahlgestell ist das komplette Gegenteil
Giant liefert nur am teuren TCR Advanced SL einen integrierten Sitzdom, der Gewicht spart und viel Komfort bringt.
Die Stütze des TCR Advanced 1 ist etwas weniger komfortabel und schwerer, dafür in einem größeren Bereich einstellbar

Um wieviel schneller die teuren Profi-Rennräder wirklich machen, erfahren Sie in der TOUR-Ausgabe 7/2022: Dort haben wir sechs verschieden teure Paarungen im Testlabor, im Windkanal und auf der Straße ausgiebig getestet und die Vorteile bis auf die Hundertstelsekunde genau ausgerechnet.