Endurance-RäderSechs Modelle mit unterschiedlichem Konzept im TOUR-Test

Jens Klötzer

, Julian Schultz

 · 25.12.2022

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Foto: Skyshot/Greber

In keiner anderen Rennrad-Gattung finden sich so unterschiedliche Konzepte wie beim Marathonrad. Sechs Endurance-Räder mit individuellen Ideen, Stil und Persönlichkeit im TOUR-Test.

KURZ & KNAPP

Fast 20 Jahre nach seiner Geburtsstunde ist das Marathonrad so etwas wie der Libero der Fahrradgattungen geworden. Anders gesagt: Zwischen den relativ klar positionierten Wettkampfrennern einerseits und Gravelbikes anderseits ist eine Spielwiese entstanden, auf der die Hersteller vielseitige Räder mit individuellen Charakteren kreiieren. Die sechs Räder im Test stellen interessante Interpretationen der Idee vom sportlichen Radfahren vor.

   Foto: Skyshot/Greber

Endurance-Rennräder: Geburtsstunde 2003

Komfortrad, Marathonrad, Endurance-Rennrad: Da soll sich noch einer auskennen! Über die Jahre hinweg haben sich viele Bezeichnungen für eine Gattung etabliert, die 2003 auf der Fahrradmesse Eurobike ihre Geburtsstunde erlebte. In den Messehallen von Friedrichshafen stellte Radhersteller Specialized das Roubaix Pro (siehe unten “Geburtsstunde des Marathonrads”) vor, für dessen noch nie dagewesenes Federungskonzept die US-Amerikaner erst einmal belächelt wurden. Ein Rennrad, so die damals vorherrschende Meinung, ist ein Sportgerät und braucht nicht komfortabel zu sein.

Das Specialized Roubaix Comp Foto: Matthias Borchers
Das Specialized Roubaix Comp

So kann man sich irren. Es dauerte nicht lange, bis auch viele andere Hersteller die wachsende Nachfrage nach komfortablen Rennrädern erkannten. Eigentlich auch nicht verwunderlich: Wer sich nicht wie ein Profi in jeder Situation so windschnittig wie möglich auf seinen Renner falten muss, fährt auf einem Rad mit etwas aufrechterer Sitzposition und mehr Federkomfort am Sattel sowie breiteren, stärker federnden Reifen besser - im Wortsinn.

So wurde der neue Typ Rennrad innerhalb weniger Jahre zu einer populären Gattung - die jedoch von der aktuellen Rennradentwicklung fast ein wenig an den Rand gedrückt wird. Das hat zwei wesentliche Gründe: Zum einen ist dem Marathonrad im Gravelbike ein naher Verwandter entstanden, der fast noch vielseitiger, noch komfortabler, meistens robuster und auf jeden Fall absolut trendy ist - was neue Käufer anlockt, die bisher einen Bogen ums Rennrad gemacht haben und den Herstellern wachsende Umsätze versprechen.

  Asphalt oder Schotterweg? Mit aktuellen Marathonrädern ist beides möglich, viele lassen inzwischen Platz für bis zu 38 Millimeter breite Reifen  Foto: Skyshot/Greber
Asphalt oder Schotterweg? Mit aktuellen Marathonrädern ist beides möglich, viele lassen inzwischen Platz für bis zu 38 Millimeter breite Reifen

Zum anderen: Die technische Weiterentwicklung des sportlichen Straßenrennrads konzentriert sich derzeit vor allem auf Wettkampfmaschinen; deren wichtigstes Feature ist die Aerodynamik, deren Verbesserung enorme Kapazitäten bindet und viel Geld kostet. Das lässt sich mit Preisen jenseits der 10000 Euro für die im Profirennsport weltweit und publikumswirksam vorgeführten Hightech-Boliden wieder verdienen. Viele Hobbysportler orientieren sich nach wie vor am Profisport und begeistern sich für die Arbeitsgeräte der Stars.

Das Canyon Endurace CF 7 All-Road Foto: Matthias Borchers
Das Canyon Endurace CF 7 All-Road

Ergebnisse unserer aktuellen Leserbefragung unterstreichen das: Zwar schätzt sich die Mehrheit (67 Prozent) der 15547 Umfrageteilnehmer und -teilnehmerinnen als “Tourensportler“ ein, die den Fitness- dem Leistungsgedanken vorziehen - eigentlich die ideale Zielgruppe für Marathonrennräder. Fragt man jedoch nach der Kaufabsicht, wollen mehr als 52 Prozent der Befragten als nächstes ein Wettkampfrad kaufen, nur 36 Prozent ein Endurance-Rad.

Endurance-Rennräder - Charakterdarsteller

Es könnte aber gut sein, dass manche Aspiranten für Race-Boliden nach der Lektüre dieses Artikels noch mal ins Grübeln kommen, denn: Die sechs Räder in diesem Test sind durchweg interessante Charaktere; sie betonen ganz verschiedene Stärken, leisten sich das Besondere, geben sich individuell und sprechen Individualisten an. Was sie eint, ist ihre klare Ausrichtung auf das Rennradeln auf der Straße - wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel.

 Cannondale Synapse Carbon 2 RL Foto: Matthias Borchers
Cannondale Synapse Carbon 2 RL

Und sie können noch mehr: Die einen laden ein zum spontanen Ausflug über unbefestigte Wege, die anderen machen auch am Start eines schnellen Jedermannrennens eine gute Figur. Nicht ganz unwichtig: Die Preise der Räder liegen in Regionen, die nicht sofort Schnappatmung auslösen. Ausnahmen auch hier bestätigen die Regel.

Aktuelle Marathonräder überzeugen mit interessanten Konzepten und individuellen Details. Man sollte sich nicht davon blenden lassen, dass nur teure Wettkampfräder die Sterne vom Himmel holen.

Dem Federkomfort als Entwicklungsziel haben sich vor allem die US-Hersteller Specialized und Trek verschrieben, beide versehen ihre Marathonmodelle mit speziellen, aufwendigen Federelementen. Bei Specializeds’ Roubaix sitzt das verstellbare System (Future Shock 2.0) mit 20 Millimetern Federweg zwischen Vorbau und Steuerrohr; Trek integriert am Domane ein Gelenk zwischen Sitz- und Oberrohr, das der Sattelstütze erlaubt, Stöße effektiver abzufedern.

Trek Domane SLR 7 Foto: Matthias Borchers
Trek Domane SLR 7

Bei älteren Modellen war ein ähnliches System auch noch an der Gabel zu finden. Beide Konstruktionen federn für Rennradverhältnisse überragend; das spart Kraft und Kondition und prädestiniert die Räder für lange Fahrten auf schlechten Pisten. Nachteil der Federsysteme ist, dass sie die Räder tendenziell schwerer machen - oder teurer, wenn das Mehrgewicht durch eine besonders leichte Ausstattung kompensiert wird.

Noch mehr Komfort?

Dass man Federkomfort am Sattel auch anders hinbekommen kann, zeigt Canyon. Die tief geklemmte Carbonsattelstütze des Endurace CF 7 All-Road federt Unebenheiten ebenso beeindruckend ab wie das Trek. Das Defy Advanced 1 von Giant kann das mit einer Carbonstütze mit D-förmigem Querschnitt ähnlich gut. Insgesamt zeigen die sechs Marathonräder, dass bei der Federhärte am Sattel ein Optimum gefunden scheint.

Mehr ist für ein Straßenrad kaum sinnvoll; schwerere Fahrer können das durchaus schon als störend empfinden, weil der Sattel mangels Dämpfung beim Pedalieren zu wippen beginnt. Die besten Modelle bewegen sich bei rund 90 Newton pro Millimeter. Das heißt, dass der Sattel bei einer Belastung von 90 Kilogramm rund einen Zentimeter nach hinten/ unten nachgibt.

TOUR-Testredakteur Julian Schultz Foto: Kerstin Leicht
TOUR-Testredakteur Julian Schultz

Mehr Freiheit für die Reifen!

Canyon macht sich zudem eine Entwicklung zunutze, die durch die Verbreitung der Scheibenbremsen einen riesigen Schub erfuhr: die Reifenfreiheit. Die Felgenbremse fehlt als begrenzender Faktor, Gabel und Rahmen lassen Raum für mehr Fahrkomfort durch breitere Reifen. Das Endurace schöpft das Potenzial voll aus und rollt auf 35 Millimeter breiten Pneus - noch dazu auf Schwalbes Gravelreifen G-One Allround -, womit es sich kaum noch von einem Gravelbike unterscheidet.

Giant Defy Advanced 1 Foto: Matthias Borchers
Giant Defy Advanced 1

Das Trek ließe gar Platz für 38-Millimeter-Schlappen, begnügt sich aber mit 32 Millimeter breiten Reifen. 30 bis 32 Millimeter sind derzeit der Standard für Marathonbikes, die überwiegend auf der Straße gefahren werden. Sie liefern den besten Kompromiss aus Federkomfort, agilem Lenkverhalten und großem Einsatzspektrum. Wenn sie, wie am Giant, auch noch schlauchlos montiert sind und mit weniger Druck gefahren werden können, steht der Fahrt durchs Gelände nichts mehr im Weg. Die 28-Millimeter-Pneus am Cube wirken da fast schon wie aus der Zeit gefallen.

Cube Agree C:62 Foto: Matthias Borchers
Cube Agree C:62

Bewährtes Mittel, um die gewünschte aufrechtere Sitzposition zu realisieren, ist bei vielen Herstellern ein langes Steuerrohr, das den Lenker höher platziert. Wobei nicht alle dieser Idee folgen, Cubes Agree etwa orientiert sich mit einer relativ gestreckten Sitzposition an Wettkampf-Allroundern. Eins sind die sechs so unterschiedlichen wie charakterstarken und technisch zeitgemäßen Räder leider alle nicht: leicht. Alle wiegen mehr als acht Kilo, eines sogar deutlich mehr als neun. Auch ein Preis des Fortschritts ...


Geburtsstunde des Marathonrads

   Foto: Daniel Simon

Specialized nimmt mit dem Roubaix die Vorreiterrolle im Segment der Marathonräder ein. Bereits beim Ur-Modell von 2003 schrieben die US-Amerikaner das Thema Komfort groß. Dämpfungselemente in Form von Elastomerkissen in Sitzstreben, Sattelstütze und Gabel waren zum damaligen Zeitpunkt ein klares Alleinstellungsmerkmal. Das lange Steuerrohr brachte den Fahrer zudem in eine aufrechtere Sitzposition. Das Rad kostete damals 4500 Euro, wog 7,5 Kilogramm und war mit Shimanos Dura-Ace 2x10 ausgestattet. Die Federwirkung der Elastomerkissen ließ sich nicht sinnvoll nachweisen - was sich mit Einführung des sogenannten Future-Shock-Systems änderte. Mit dem Dämpfungselement zwischen Vorbau und Lenklager setzt das Roubaix bis heute Maßstäbe und verdient sich in TOUR regelmäßig Bestnoten beim Komfort.


Marathonräder: Fragen & Antworten

Wie sitzt man auf einem Marathonrad?

Der Lenker liegt wenige Zentimeter höher als bei Wettkampfrädern, dadurch ist die Sitzposition auf Marathonrädern aufrechter. Das kommt vor allem Hobbyfahrerinnen und -fahrern auf langen Ausfahrten zugute, denn die gestreckte Sitzhaltung auf Wettkampfrennern erfordert eine ausgeprägte Rumpfmuskulatur. Außerdem entlastet die entspanntere Haltung Hände und Nacken. Die wichtigste Kennzahl für die Sitzposition liefert das Verhältnis aus Stack und Reach des Rahmens. Der Quotient aus Höhe zu Länge (Stack-to-Reach, STR) drückt unabhängig von Sitzrohr- oder Vorbaulänge die tatsächliche Rahmengröße aus und beschreibt eindeutig, wo das Ende des Steuerrohrs relativ zum Tretlager liegt.

Um den Stack zu bestimmen, misst TOUR am tiefsten Punkt des Steuerrohrs, an dem der Vorbau montiert werden kann, Steuersatzkappen oder mögliche Spacer - die speziell bei integrierten Cockpits zur Kabelführung benötigt werden - mit eingerechnet. Je größer der STR, desto aufrechter sitzt man im Sattel. Während bei Marathonrädern ein Quotient zwischen 1,50 und 1,60 typisch ist, liegen Wettkampfräder deutlich unter 1,50. Gravelbikes decken je nach Ausrichtung die komplette Bandbreite ab.

Welche Reifenbreite ist üblich?

Bei neuen Modellen sind 32 Millimeter inzwischen Standard, bis vor einigen Jahren passten maximal 28 Millimeter breite Pneus durch die damals üblichen Felgenbremsen. Die Vorteile der breiten Gummis sind ein höherer Komfort, weil man sie mit weniger Luftdruck fahren kann, besserer Pannenschutz und mehr Grip. Außerdem zeigen die TOUR-Rollwiderstandstests, dass voluminösere Pneus nicht automatisch langsamer als ihre schmäleren Pendants sind. Ob sich am Marathonrad noch breitere Reifen durchsetzen, lässt sich derzeit kaum beurteilen; bis zu 38 Millimeter sind vereinzelt schon möglich.

  Komfort macht schneller: Diese Erfahrung dürfte auch der eine oder andere Teilnehmer bei der diesjährigen TOUR-Transalp gemacht haben, hier während der zweiten Etappe am Stilfser Joch  Foto: Uwe Geissler
Komfort macht schneller: Diese Erfahrung dürfte auch der eine oder andere Teilnehmer bei der diesjährigen TOUR-Transalp gemacht haben, hier während der zweiten Etappe am Stilfser Joch

Was macht Endurance-Rennräder komfortabel?

Neben der Rahmengeometrie, die eine aufrechtere Sitzposition erlaubt, ist es vor allem der Federungskomfort durch konstruktive Maßnahmen: Das probateste Mittel ist eine flexible, federnde Carbonsattelstütze. Intelligent konstruierte Carbonlenker können ebenfalls Vibrationen dämpfen und damit den Fahrkomfort verbessern. Integrierte Federsysteme wie bei Specialized oder Trek sind die Ausnahme; sie funktionieren ausgezeichnet, machen die Räder aber teurer und schwerer.

Kann man mit einem Marathonbike Rennen fahren?

Kurz und knapp: natürlich! Man nehme nur die unzähligen Radmarathons dieser Welt, vom Ötztaler bis zur TOUR-Transalp: Genau dafür ist das Marathonrad prädestiniert. Die Kombination aus aufrechter Sitzposition und relativ niedrigem Gewicht bietet ein attraktives Gesamtpaket, um lange Rennen mit vielen Höhenmetern zu bestreiten. Ein spezielles Wettkampfrad ist für schnelle und taktisch geprägte Rennen aufgrund seiner besseren Aerodynamik und der dynamischeren, windschlüpfigeren Sitzposition die bessere Wahl, aber nicht so vielseitig einsetzbar wie ein Marathonrenner.

Wo liegt der Unterschied zum Gravelbike?

Durch immer größere Reifenfreiheiten bei Marathonrädern verschwimmt die Grenze zum geländetauglichen Gravelbike zunehmend. Einige Marken betonen die breite Nutzbarkeit und entwickeln sogenannte Allroad-Räder, die mit der identischen Rahmengeometrie des Marathonrads und dicken Schlappen im Gelände fast genauso gut funktionieren wie die Spezialisten. Insgesamt fühlt sich ein Endurance-Rad auf Asphalt und befestigten Wegen immer noch am wohlsten. Die Lenkgeometrie ist meistens an Reifen um 30 Millimeter angepasst; breitere Pneus, auch wenn der Hersteller sie zulässt, provozieren in der Regel ein unausgewogenes Lenkverhalten.

Für wen ist das Marathonrad geeignet?

Für alle, die sportlich Rad fahren möchten, ohne sich zu sehr zu spezialisieren. Unser Vergleich der sechs Räder zeigt: Die Bandbreite ist groß, von komfortorientierten bis zu sportlichen Rädern. Dazwischen tummeln sich etliche Modelle, die sich weder der einen noch der anderen Ausrichtung zuordnen lassen. Unsere Testfahrten demonstrieren erneut, dass das Einsatzspektrum von Marathonrädern dem von Wettkampfrädern überlegen ist. Nicht zuletzt ist ein Endurance-Modell meist günstiger als ein vergleichbar ausgestattetes Wettkampfrad.