Legendäre ProfiteamsChampions und Chaos bei Flandria

Daniel Brickwedde

 · 18.10.2026

Freddy Maertens war einer der erfolgreichsten Rennfahrer des Teams, er gewann 15 Tour-de-France-Etappen, dreimal das Grüne Trikot des besten Sprinters und wurde zweimal Weltmeister.  Die Flandern-Rundfahrt, die er hier 1978 an der Mauer von Geraardsbergen anführt, konnte er indes nicht gewinnen
Foto: dpa/pa/Roth
Ihre Trikots sind unvergessen, ihre Kapitäne prägten die großen Rennen: TOUR erinnert an die schillerndsten Teams der Radsportgeschichte. Die Mannschaft Flandria steht für eine der erfolgreichsten Epochen des belgischen Radsports – aber auch für einen Familienstreit auf Rädern

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Belgiens Beste: Es gab zwischen 1959 und 1979 wohl kaum einen belgischen Spitzenfahrer, der nicht das Trikot von Flandria trug. Einzige Ausnahme: Eddy Merckx. Ihm ­wäre es in der Mannschaft womöglich auch zu chaotisch zugegangen. Viele seine Landsleute hingegen verhalfen Flandria zu etlichen Erfolgen. Das Team galt als jung und unbekümmert, aber auch schwierig zu führen. Im Hintergrund beeinflusste ein Familienunternehmen die Geschicke der Mannschaft – nicht immer positiv.

Die Entstehungsgeschichte

Aus der westflämischen Provinz in die weite Welt: Das ­Unternehmen Flandria entwickelte sich über mehrere ­Generationen zu einem erfolgreichen Produzenten von Fahrrädern, Mopeds, Rasenmähern und Motorrädern. Neben dem Hauptsitz in der Gemeinde Zedelgem entstanden weitere Standorte in den Niederlanden, Portugal und Frankreich. Als förderlich für die Bekanntheit erwies sich ab 1959 das Engagement im Radsport. Ausschlaggebend dafür war Leon Vandaele. Der junge Sprinter war beim Team Faema in Ungnade gefallen. Er hatte 1958 den Affront begangen, sich bei Paris-Roubaix der Teamhierarchie zu widersetzen und vor Kapitän Rik Van Looy zu gewinnen. Flandrias Geschäftsführer Aimé Claeys traf sich daraufhin mit Vandaele und fasste den Entschluss, ab 1959 ein Team rund um den Belgier zu gründen.

Der größte Sieg

Im Fall von Flandria handelt es sich um eine Siegesserie: Der Belgier Freddy Maertens fuhr 1976 endgültig in die Weltspitze. Als sprintstarker Allrounder feierte er bei der Tour de France in jenem Jahr acht Etappensiege. Gemeinsam mit Charles Pélissier und Eddy Merckx hält er damit bis heute den Rekord. Für Maertens wären sogar mehr ­Siege möglich gewesen, immerhin landete er bei dieser Tour noch viermal auf Platz zwei. Im Kampf um das Grüne Trikot war er konkurrenzlos. Außerdem trug er acht Tage lang das Gelbe Trikot.

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Maertens war von der Presse früh auserkoren, der nächste Eddy Merckx zu werden. Allerdings brauchte Maertens Führung, weshalb Flandria für die Saison 1976 Guillaume Driessens als neuen Teamchef verpflichtete. Zunächst profitierte Maertens von der Zusammenarbeit. Im September 1976 gewann er zusätzlich die Straßenweltmeisterschaft.

Driessens setzte seinen Schützling jedoch einem zunehmenden Leistungsdruck aus, der Maertens nicht guttat. Beim Giro d’Italia 1977 stürzte er bei einer Sprintankunft folgenschwer und zog sich einen komplizierten Handgelenksbruch zu. In Abwesenheit des Kapitäns erlebte das Team in seinen Reihen einen immer stärker werdenden Michel Pollentier, der sich nach der 17. Etappe das Rosa Trikot holte und die Rundfahrt gewann. Driessens, stets die Sonnenseite des Sports suchend, hatte in Pollentier einen neuen Liebling gefunden. Maertens ließ er fallen.

Der Boss

Die Leitung des Teams übertrug Aimé Claeys frühzeitig auf seinen Sohn Pol, der nach Aimés Tod 1972 die gesamte Firma übernahm. Pol Claeys galt als umtriebiger Geschäftsmann. Im Radsport fehlte ihm allerdings die Weitsicht. Seine Fahrer sah er als Angestellte mit unternehmerischen Pflichten, häufige Starts bei regionalen Kirmesrennen betrachtete er als festen Bestandteil des Rennkalenders. Selbst Top-Fahrer wie Maertens bildeten da keine Ausnahme. „Freddy fuhr 230 Rennen im Jahr. Und das alles ohne Planung, eigentlich sehr amateurhaft“, wird der Journalist Robert Janssens im Buch „Het verhaal van Flandria“ über die Teamgeschichte zitiert.

Bei Sponsorenverhandlungen hingegen war Pol Claeys in seinem Element. Ab 1970 holte er den US-Konzern Mars an Bord, der für die Markteinführung seines Schokoriegels in Belgien einen Werbepartner suchte. 1973 schloss Claeys mit dem Komponentenhersteller Shimano ein Abkommen, um der japanischen Firma den Einstieg in den Radsport zu ermöglichen. Shimanos Komponenten für Flandria: Die erste Generation der Dura-Ace.

Die sportlichen Erfolge beruhten indes in erster Linie auf den Fähigkeiten der Fahrer, nicht auf der Teamstruktur. Betreuung, Ausrüstung und Planung – all das blieb hinter den Standards anderer Mannschaften zurück. Maertens soll in der Fabrik häufig italienische Rahmen rot-weiß lackiert haben, damit sie wie Flandria-Räder aussahen.

Das Teamgefüge litt zudem unter zu vielen Fahrer-Egos. Zum Kader gehörten ab 1969 Stars wie Eric Leman, die Brüder Roger und Eric De Vlaeminck, Walter Godefroot sowie Jean-Pierre Monseré. „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Zank es zwischen all diesen Fahrern gab. Diese Männer wollten einfach nicht füreinander fahren“, beschreibt Janssens die Situation.

Der Mann, der Struktur und Ordnung im Team hätte formen müssen, war Albéric „Briek“ Schotte. Als Rennfahrer stand er für die flandrischen Tugenden harter Arbeit und Beharrlichkeit. Als Teamchef trat Schotte hingegen wie ein liebevoller Großvater auf, der stets ein Auge zudrückte. Dem Team fehlte eine Autorität. Die chaotische Gesamtorganisation des Rennstalls erschwerte die Arbeit zusätzlich. Claeys verpflichtete regelmäßig neue Amateurrennfahrer aus der Region – zumeist ohne Schottes Wissen. Kader mit mehr als 50, teils sogar 60 Fahrern waren keine Seltenheit, auch wenn viele von ihnen lediglich Kirmesrennen bestritten. 1976 löste Driessens Schotte als Teamchef ab.

Die prägendsten Fahrer

Freddy Maertens

Als erfolgreicher Amateur lag Maertens 1972 bereits ein lukrativer Vertrag des italienischen Profiteams SCIC vor. Gleichzeitig war seine Mutter schwer erkrankt, was den Fortbestand der Familienwäscherei gefährdete. Das brachte Pol Claeys auf den Plan: Er bot seine Hilfe an – allerdings unter der Bedingung, dass Maertens bei Flandria unterschrieb. Der Belgier besaß riesiges Talent. 15 Tour­Etappensiege, drei Grüne Trikots und zwei Weltmeister­titel stehen in seiner Vita. Allerdings fehlte ihm die unerschütterliche Mentalität eines Eddy Merckx oder eines Rik Van Looy. Mit Geld hatte er zudem kein glückliches Händchen. Bereits während seiner Karriere verschuldete er sich durch verlustreiche Anlagegeschäfte. Die Zeitungen schossen sich auf sein Privatleben und seine Formtiefs ein. Nach mehreren Teamwechseln und erfolglosen Jahren beendete Maertens 1987 seine Laufbahn.

Jean-Pierre Monseré

Als der Belgier 1969 in die Profiszene aufstieg, schien sogar die Übermacht von Eddy Merckx gefährdet. Zumindest waren sich die belgischen Zeitungen einig, dass Monseré ein ganz Großer des Radsports werden würde. Der junge Mann aus Roeselare war mit dem nötigen Selbstbewusstsein ausgestattet, genoss öffentliche Anlässe und prominente Gesellschaft. In seinem ersten Profijahr gewann er die Lombardei-Rundfahrt, ein Jahr später die Straßen-WM. In einer dreiköpfigen Spitzengruppe soll Felice Gimondi noch versucht haben, ihm den Titel abzukaufen. Monseré lehnte ab und gewann den Sprint. Im März 1971 kollidierte er bei einem Kirmesrennen in Belgien mit einem Auto. Er erlag seinen Verletzungen – mit 22 Jahren und im Trikot des Weltmeisters.

Michel Pollentier

Pollentier stand für eine untypische Gattung flämischer Rennfahrer. Für ihn hatte Klettern nichts mit Talent, sondern mit Leidensfähigkeit zu tun. Erst auf Empfehlung kam er 1973 bei Flandria unter. Zunächst stand er im Schatten seines Freundes Freddy Maertens, ehe er 1977 den Giro d’Italia vor Francesco Moser gewann. Sein Stil war ungewöhnlich: Pollentier saß stets nur auf der Sattelspitze, fast zusammengekauert, hielt jedoch mit den Besten mit. 1978 schien er die Tour gewinnen zu können, als er nach der 16. Etappe in Alpe d’Huez die Gesamtführung übernahm. Bei der anschließenden Urinprobe fiel er jedoch durch einen Manipulationsversuch auf. Die Rennleitung warf ihn aus dem Rennen. 1984 beendete er seine Laufbahn.

Die größte Kontroverse

Eine Mauer. Quer durch das Werksgelände. Sie stand ab 1956 für den Tiefpunkt im Verhältnis zwischen den Brüdern Aimé und Remi Claeys. Sie hatten die Firma Flandria von ihrem Vater geerbt, zerstritten sich jedoch über den künftigen Weg des Familienunternehmens. Der eine wollte vom anderen nichts mehr wissen – und umgekehrt.

1957 teilten sie das Unternehmen auf: Aimé führte die Geschäfte als A. Claeys-Flandria fort, Remi gründete die Marke Superia. Dass die Brüder mit ihren Firmen ab 1964 auch im Radsport zu Konkurrenten wurden, verschärfte die Spannungen zusätzlich.

In jenem Jahr stieg Remi Claeys mit Superia als Geldgeber beim belgischen Rennstall Solo ein, um die Verpflichtung des belgischen Klassikerstars Rik Van Looy zu ermöglichen. Van Looy fuhr 1962 noch für Flandria, zerstritt sich jedoch mit der Teamleitung. Flandria holte daraufhin Van Looys langjährigen Sportlichen Leiter Guillaume Driessens, der fortan vor allem durch verbales Nachtreten gegen Van Looy auffiel.

Sportlich entstand eine erbitterte Rivalität, in der die eine Mannschaft der anderen nichts gönnte – insbesondere, da viele Ex-Kollegen von Van Looy nun für Flandria fuhren. Mit Van Looy gewann Superia-Solo unter anderem Paris-Roubaix 1965, zog sich jedoch zwei Jahre später aus dem Radsport zurück.

Das Ende

1979 verlor das Team Pollentier als sportliches Aushängeschild, Maertens war nur noch ein Schatten seiner selbst. Und Claeys hatte andere Sorgen. Sein Unternehmen geriet zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten, die Umsätze mit Fahrrädern und Mopeds brachen ein. Die Lust für den Radsport hatte Claeys ohnehin verloren. Im August 1979 entschied die Geschäftsführung, den Rennstall aufzulösen. Ein Jahr später wurde Flandria verkauft.

Der Trophäenschrank

  • Giro d’Italia 1977 (Michel Pollentier)
  • Vuelta a España 1977 (Freddy Maertens)
  • Flandern-Rundfahrt 1962 (Rik Van Looy), 1963 (Noël Foré), 1968 (Walter Godefroot), 1970 (Eric Leman), 1971 (Evert Dolman)
  • Paris-Roubaix 1962 (Rik Van Looy), 1964 (Peter Post), 1969 (Walter Godefroot), 1976 (Marc Demeyer)
  • Lüttich-Bastogne-Lüttich 1962 (Jozef Planckaert), 1964 (Willy Bocklant), 1967 (Walter Godefroot), 1970 (Roger De Vlaeminck)
  • Lombardei-Rundfahrt 1969 (Jean-Pierre Monseré)

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