Ihre Trikots sind unvergessen, ihre Kapitäne prägten die großen Rennen: TOUR erinnert an die schillerndsten Teams der Radsportgeschichte. In dieser Folge: Die Mannschaft Legnano mit den italienischen Super-Stars Alfredo Binda, Gino Bartali und Fausto Coppi
Wer über die erfolgreichsten italienischen Mannschaften aller Zeiten spricht, kommt an Legnano nicht vorbei. 14-mal gewann der Rennstall den Giro d’Italia und dominierte den italienischen Radsport über drei Jahrzehnte hinweg zwischen 1920 und 1950. Nach den goldenen Jahren kennzeichnete aber auch ein allmählicher Niedergang das Team.
Hinter dem Radteam stand der gleichnamige Fahrradhersteller Legnano. Dessen Ursprünge gingen auf die britische Wolseley Tool and Motor Car Company zurück, die 1907 einen italienischen Ableger namens Wolsit gründete. Schwerpunkt der Produktion: Fahrräder. Eines der ersten Modelle bekam den Namen der Stadt, in dem es hergestellt wurde: Legnano. Für schnelle Markenbekanntheit hatte sich zu jener Zeit bereits der Radsport als lukratives Werbemittel etabliert. Daher investierte auch Wolsit in Fahrer, die ihre Rennen auf Legnano-Rädern bestritten.
1909 war Legnano bereits beim ersten Giro d’Italia am Start. Auch an der Tour de France nahm die Marke früh teil: 1910 gewannen der Franzose Émile Georget und der Italiener Ernesto Azzini mit Legnano jeweils eine Etappe. Die Zahl der Legnano-Fahrer wuchs im Laufe der Jahre, sodass sich Teamstrukturen aus Siegfahrern sowie Helfern bildeten, die dafür bezahlt wurden, Windschatten zu geben. In den Folgejahren geriet Wolsit jedoch wirtschaftlich in Schieflage. Der Geschäftsmann Emilio Bozzi rettete das Werk schließlich 1915 vor dem Konkurs. 1924 benannte er es in Legnano um.
Das Vermächtnis von Legnano ist vor allem durch Alfredo Binda und Gino Bartali geprägt. Die italienische Radsportgeschichte kommt jedoch nicht um den Giro d’Italia 1940 herum, als ein junger Rennfahrer namens Fausto Coppi die große Bühne betrat. Heute wird der Italiener vor allem mit der Marke Bianchi verbunden, seine Karriere begann er jedoch im Legnano-Trikot.
Insbesondere in den Nachkriegsjahren ab 1946 befeuerte die italienische Presse die Rivalität zwischen Bartali und Coppi. Italien teilte sich in Bartaliani und Coppiani – wie sich die Anhänger der beiden Fahrer nannten. 1940 waren beide jedoch Teamkollegen: Coppi trat beim Giro als Helfer des bereits hochdekorierten Bartali an.
Auf der zweiten Etappe kollidierte Bartali allerdings mit einem Hund und fiel aussichtslos zurück, während Coppi Tag für Tag den Kontakt zur Rennspitze hielt. Vor der 11. Etappe traf Teamchef Eberardo Pavesi die Entscheidung, Coppi freie Fahrt zu gewähren. Auf der völlig verregneten Etappe durch den Apennin griff dieser dann unermüdlich an und bekam im Ziel erstmals das Rosa Trikot. Bartali wollte zu diesem Zeitpunkt längst aufgeben. Pavesi soll ihn jedoch davon überzeugt haben, Coppi als Mentor zum Sieg zu führen – das würde ihm enorme Sympathien beim italienischen Volk einbringen. Bartali blieb im Rennen und half Coppi, als dieser auf der 16. Etappe wegen Magenproblemen bereits am Straßenrand saß. Bartali animierte ihn zur Weiterfahrt und führte Coppi in einer Aufholjagd zurück an die Rennspitze. Einige Tage später feierte Coppi im Alter von 20 Jahren den Gesamtsieg. Bis heute ist er der jüngste Sieger der Giro-Geschichte.
Langfristig entschied sich Pavesi allerdings für Bartali und ließ Coppi zu Bianchi wechseln. Ein Fehler, wie Pavesi später zugab. Coppi, fünf Jahre jünger als Bartali, erwies sich zunehmend als der stärkere Fahrer, auch wenn Bartali 1946 den ersten Giro d’Italia nach dem Zweiten Weltkrieg für Legnano gewann.
1921 übernahm Pavesi als Sportdirektor die Leitung des Teams und behielt diese Rolle bis zum Ende des Rennstalls im Jahr 1966. Seine Markenzeichen: Pfeife, Knickerbocker und ein Filzhut. Pavesi war eloquent und galt als eine der angesehensten Persönlichkeiten des italienischen Radsports. Seinen Beinamen „der Anwalt“ erhielt er bereits als Aktiver, da er sich für bessere Preisgelder für die Fahrer bei den Rennen engagierte. Pavesi machte sich vor allem als Taktiker einen Namen – und als jemand, der ein Händchen für Rennabsprachen hatte. Als Fahrer gewann er den Giro d’Italia 1912, der damals einmalig als Mannschaftswertung ausgetragen wurde.
Als Teamchef organisierte er die großen Karrieren von Binda und Bartali, führte aber auch andere italienische Fahrer zu Erfolgen. Oft holte er sie früh ins Team und begleitete sie mehrere Jahre. Pavesi legte großen Wert auf den Teamgeist und sprach gerne von „einer Mannschaft aus Freunden“. Als die großen Jahre für Legnano unter Bartali zu Ende waren, konzentrierte sich Pavesi im Team auf die Ausbildung junger italienischer Rennfahrer. Er starb 1974 im Alter von 91 Jahren.
Als 1935 ein unbekannter Italiener ohne Herstellerunterstützung dem Sieg bei Mailand-San Remo entgegenfuhr, brach beim Veranstalter, der Tageszeitung Gazzetta dello Sport, Panik aus. Ein namenloser Sieger versprach keine gute Auflage für die Zeitung. Also fuhr Chefredakteur Emilio Colombo in seinem Auto zum Spitzenreiter, verwickelte den jungen Fahrer in ein Gespräch und verlangsamte unmerklich sein Tempo. Kurz darauf holte die Konkurrenz den Fahrer ein. Sein Name: Gino Bartali. Ein Jahr später war Bartali in der italienischen Presse bereits allgegenwärtig. Legnano-Teamchef Pavesi hatte ihn ins Team geholt und Bartali sicherte sich 1936 seinen ersten von drei Siegen beim Giro d’Italia. 1938 und 1948 gewann er zudem die Tour de France für die italienische Nationalmannschaft. Anders als Coppi führte Bartali keinen asketischen Lebensstil: Er rauchte und hatte nicht immer nur Wasser in seinen Trinkflaschen. Beim italienischen Volk war er enorm populär. Bartali war zudem strenggläubiger Katholik. Im Zweiten Weltkrieg transportierte er für eine katholische Widerstandsgruppe gefälschte Ausweisdokumente an seinem Fahrrad, mit denen rund 800 Juden in Italien die Flucht gelang. Erst nach seinem Tod im Jahr 2000 wurden seine Taten öffentlich bekannt.
Beinahe hätte der italienische Radsport auf Binda verzichten müssen. Mit 16 Jahren verließ er gemeinsam mit seinem Bruder Italien, um zu seinem Onkel ins französische Nizza zu ziehen. Binda arbeitete als Stuckateur, verdiente als lokaler Seriensieger im Radsport aber bald deutlich mehr Geld und stand kurz davor, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Die Wende brachte die Lombardei-Rundfahrt 1924: Binda meldete sich als Einzelstarter an, weil es am Anstieg zum Ghisallo eine Prämie von 500 Lire zu gewinnengab. Er belegte zwar nur den zweiten Platz, beeindruckte damit aber Legnano-Teamchef Pavesi. Dieser bot Binda einen Vertrag an – unter der Bedingung, dass er auf die französische Staatsbürgerschaft verzichtete. Der Rest ist Geschichte: Binda dominierte über Jahre den italienischen Radsport und setzte Bestmarken, die bis heute Bestand haben. Dazu zählen seine fünf Gesamtsiege beim Giro – ein Rekord, den er sich mit Coppi und Eddy Merckx teilt. Binda starb 1986 im Alter von 83 Jahren.
Es gab zwar erfolgreichere Fahrer bei Legnano, aber kaum einer blieb dem Rennstall so treu wie Albani, der fast seine gesamte Laufbahn von 1949 bis 1958 im Werksteam verbrachte. Als Fahrer zeichneten ihn seine Sprintstärke und eine gewisse Cleverness aus. Bei seinem ersten Giro d’Italia gewann er 1952 die Auftaktetappe vor Fiorenzo Magni und Coppi. Das Rosa Trikot trug er in seiner Karriere allerdings nur einen Tag. Dafür sicherte er sich bis 1956 jedes Jahr mindestens einen Etappensieg beim Giro. Nicht untypisch für jene Zeit: Der Giro hatte stets Vorrang, die Tour de France bestritt Albani nie. Dass sein Name im Radsport unvergessen ist, liegt an seiner zweiten Karriere: Als langjähriger Teamchef von Molteni prägte er zwischen 1970 und 1975 die großen Jahre von Eddy Merckx.
Auf einen Seriensieger wie Binda war der Radsport damals nicht vorbereitet.1925 gewann der Italiener auf Anhieb seinen ersten Giro d’Italia und ließ zwischen 1927 und 1929 drei weitere Gesamtsiege folgen. Ausdruck seiner Übermacht: 1927 gewann er 12 der 15 Etappen, 1929 acht Etappen in Serie. Binda war der erste Radsportler, der in Italien Bekanntheit über den Sport hinaus erreichte. Seine Leistungen wurden allerdings eher respektiert als verehrt. Binda war seiner Konkurrenz schlicht zu überlegen: Begnadet in den Bergen, herausragend im Sprint, und im Flachen mit einer Kraft gesegnet, der kein Fahrer etwas entgegenzusetzen hatte. Ihm fehlten ebenbürtige Rivalen, wie sie später Coppi und Binda haben sollten, um größere Popularität zu erzielen.
Für die Rennveranstalter, zumeist Zeitungen, erwies sich Bindas Überlegenheit als Problem. Es fehlte an Drama und Spannung – mit Binda war der Radsport vorhersehbar geworden, was schlecht für die Verkaufszahlen war. In seiner Verzweiflung bot der Giro-Veranstalter Binda 1930 sogar Geld dafür, dem Rennen fernzubleiben. Ein einmaliger Vorgang im Radsport: Binda kassierte die volle Siegprämie von 22.500 Lire, ohne selbst fahren zu müssen.
Ende 1949 verließ Gino Bartali den Rennstall, um ein eigenes Team mit Rädern seiner eigenen Marke zu gründen. Das erwies sich jedoch als unglücklicher Schritt – unternehmerisch wie sportlich. Auch Legnano verlor damit seine Galionsfigur. 1958 feierte der Rennstall durch Ercole Baldini einen weiteren Sieg beim Giro d’Italia. Danach gingen die Erfolge jedoch kontinuierlich zurück. Immer mehr finanzstarke Sponsoren drängten in den Radsport, sodass Legnano sportlich zunehmend ins Hintertreffen geriet. Zum Ende der Saison 1966 stellte der Hersteller sein Radteam ein. 1987 ging die Marke Legnano an das Unternehmen Bianchi über. Inzwischen gehören die Markenrechte dem italienischen Produzenten Cicli Esperia.
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