Die gelb-schwarz gestreiften Trikots der französischen Mannschaft Renault gehörten zu den markantesten des Radsports in den 1980er-Jahren. Die Equipe stand aber vor allem für Erfolge: Zwischen 1978 und 1985 gewann sie mit Bernard Hinault und Laurent Fignon sechsmal die Tour de France. Es war die bis heute letzte große Epoche des französischen Radsports, was vor allem an Teamchef Cyrille Guimard lag – einem innovativen Kopf, der in seiner Mannschaftsführung jedoch umstritten war.
Der Autohersteller Renault entdeckte den Radsport erst spät für sich – anders als Branchenkonkurrent Peugeot, der bereits seit vielen Jahrzehnten ein eigenes Rennteam finanzierte. 1974 erwarb Renault 33 Prozent der Firma Micmo, die unter anderem Räder der Marke Gitane produzierte. Ein Jahr später ging das Unternehmen komplett an Renault über.
Ebenfalls 1975 gründete Micmo unter dem Namen Gitane gemeinsam mit Campagnolo ein Radsportteam. Fast zeitgleich setzte sich bei Renault der Gedanke durch, stärker ins Sportsponsoring einzusteigen. Für 1977 brachte der Staatskonzern ein eigenes Werksteam in der Formel 1 an den Start, ab 1978 übernahm Renault auch den Namen des Radteams.
Viermal gewann Hinault im Renault-Trikot die Tour de France – mehr ist für einen französischen Sponsor kaum vorstellbar. Die größere Geschichte liefert jedoch der Sieg bei Lüttich-Bastogne-Lüttich 1980. 174 Fahrer standen in der Startliste, einige sollen allerdings gar nicht erst gestartet sein: Temperaturen um den Gefrierpunkt und Schneefall ab Rennbeginn – manch einer blieb da lieber im Hotel.
Diejenigen, die losfuhren, nahmen das Rennen mit Wollmützen und dicken Handschuhen in Angriff. Lediglich 21 Fahrer erreichten nach 244 Kilometern das Ziel, mit Hinault als Sieger dieser fast siebenstündigen Tortur. Jubeln konnte er im Ziel nicht mehr. Dazu fehlte ihm die Kraft, wie er später zugab.
Die letzten 80 Kilometer absolvierte Hinault als Solist, angetrieben von Teamchef Guimard im Begleitfahrzeug. Dieser hatte Hinault zur Rennmitte bei Schneefall aufgefordert, die Regenjacke auszuziehen – schließlich beginne das Rennen jetzt. Hinault sei nach eigener Aussage zunächst irritiert gewesen, befolgte jedoch den Befehl seines Chefs. Kopf runter, und mit voller Kraft eigene Wärme erzeugen – etwas anderes blieb ihm nicht übrig.
Kurz darauf holte er die Spitzengruppe ein. Mit Hinaults Zähigkeit konnte an diesem Tag niemand mithalten. Im Ziel betrug sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten, den Niederländer Hennie Kuiper, 9:24 Minuten. In zwei seiner Finger, so berichtete Hinault viele Jahre später, sei nach dem Rennen das Gefühl nie vollständig zurückgekehrt.
Als sprintstarker Rennfahrer gewann Cyrille Guimard zahlreiche Rennen, darunter sieben Etappen der Tour de France. Mit 28 Jahren musste er seine Karriere allerdings aufgrund von Knieproblemen beenden. Bereits ein Jahr später, 1976, vertraute ihm das Team Gitane-Campagnolo die Sportliche Leitung an – und feierte wenige Monate später den Tour-de-France-Sieg durch Lucien Van Impe. Es war der erste von insgesamt sieben Tour-Gesamtsiegen für Guimard als Teamchef.
Trotz seines jungen Alters verfolgte er klare Vorstellungen, wie ein Radteam zu funktionieren habe. Seine Ansichten waren unüblich zur gängigen Praxis, weshalb er zunächst als Außenseiter der Szene galt. Anstatt das ganze Jahr über Rennen zu bestreiten, entwickelte Guimard für seine Fahrer Renn- und Trainingspläne mit ausgewählten Saisonhöhepunkten. Für eine bessere Betreuung hielt er den Kader zudem bewusst klein bei 15 bis 20 Fahrern. Und um den Teamgedanken zu fördern, führte er ein Gehaltssystem ein, das sich an den Mannschaftsergebnissen orientierte. Außerdem setzte er auf Leistungsdaten, nutzte den Windkanal von Renault für aerodynamische Tests und beschäftigte Sportmediziner.
Guimards Vorliebe für junge, entwicklungsfähige Fahrer führte dazu, dass Renault zwar oft über die talentierteste, aber nicht unbedingt über die kollektiv stärkste Mannschaft verfügte. Das blieb nicht ohne Kritik, denn Guimard weigerte sich geradezu, erfahrene Top-Stars zu verpflichten – er setzte stur auf sein System. Im Scouting durchbrach er dafür die Vormachtstellung von Peugeot im französischen Radsport und schnappte dem Konkurrenten etliche Talente weg – darunter Fignon, Pascal Jules, Thierry Marie, Marc Madiot und Charly Mottet.
So innovativ Guimard einerseits war, so autoritär und pedantisch soll andererseits sein Führungsstil gewesen sein. In den Medien erhielt er den Spitznamen „Napoleon“, ihm wurde ein Hang zur Kontrollsucht nachgesagt. Fignon beschreibt Guimard in seiner Biografie „Wir waren jung und unbekümmert“ sinngemäß als Visionär, zugleich aber auch als jemanden mit Schwächen im Umgang.
In den Medien erschien Hinault häufig als mürrischer und streitbarer Kopf, der von Pressearbeit nicht allzu viel hielt. Dennoch genoss er hohes Ansehen in Frankreich und war als Patron des Pelotons unbestritten. Seinen Durchbruch erlebte er als 23-Jähriger mit dem Tour-Sieg 1978. Großen Anteil daran hatte Guimard, der aus dem ungestümen Talent einen abgeklärten Sieger formte: Hinault musste erst lernen, seine Energie zu dosieren, anstatt sie mit zahllosen Attacken zu vergeuden. Unschlagbar war Hinault vor allem im Zeitfahren, gefürchtet zudem für seine Willensstärke. Er bekam den Beinamen „der Dachs“, angelehnt an den Kampfgeist des Tieres. Machtlos war Hinault allerdings gegen seinen eigenen Körper. Anhaltende Knieprobleme zwangen ihn 1980 zum Ausstieg bei der Tour und 1983 zum kompletten Verzicht. 1986 beendete er mit 32 Jahren seine Karriere als fünfmaliger Tour-Sieger.
In der Öffentlichkeit setzte sich für den Franzosen der Name „der Professor“ durch. Dazu trugen sein begonnenes Studium bei sowie der blonde Pferdeschwanz und seine Nickelbrille. Fignons oft pointierte und nüchterne Art, die gelegentlich als arrogant wahrgenommen wurde, tat ihr Übriges. 1982 holte Guimard ihn als erfolgreichen Amateur ins Team. Mit Hinault verband Fignon von Beginn an ein kompliziertes Verhältnis – aufgrund ihrer Charaktere, aber auch weil Fignon wenig Ehrfurcht vor der Hierarchie im Team zeigte. Als Hinault verletzt die Tour 1983 verpasste, fuhr Fignon mit 22 Jahren überraschend ins Rampenlicht und zum Gesamtsieg. Ein Jahr später wiederholte er den Erfolg und schlug Hinault, der ab 1984 für das Team La Vie Claire startete, sportlich vernichtend mit 10:32 Minuten Vorsprung. 2010 starb Fignon im Alter von 50 Jahren an Krebs.
Im Winter 1980 reisten Hinault und Teamchef Guimard in die USA, um den 19-jährigen US-Amerikaner Greg LeMond von einem Wechsel zu überzeugen. Der Junioren-Weltmeister von 1979 hatte einige Vertragsangebote auf dem Tisch, unter anderem von Peugeot. Der Einsatz von Hinault und Guimard zahlte sich jedoch aus: LeMond unterschrieb bei Renault. Damals galten Radprofis aus den USA noch als Exoten. Doch spätestens mit seinem überraschenden Sieg bei der Straßen-Weltmeisterschaft 1983 im schweizerischen Altenrhein veränderte LeMond den Blick auf den US-Radsport. Der Kalifornier galt als gesprächig und lebhaft, agierte auf dem Rad jedoch ähnlich unnachgiebig wie Hinault. Nach Platz drei bei seinem Tour-Debüt 1984 verließ er Renault. Guimard betrachtete das als Verrat, LeMond sah jedoch intern kein Vorbeikommen an Fignon. Ihn lockte stattdessen die Perspektive als Thronfolger von Hinault bei La Vie Claire, verbunden mit einem lukrativen Millionengehalt. 1985 verhalf er Hinault zum Tour-Sieg, 1986 gewann LeMond dann seine erste von insgesamt drei Frankreich-Rundfahrten.
Als Guimard 1976 den Rennstall übernahm, soll er zuerst Hinault von dessen Verbleib überzeugt haben. Er sah in dem damals 21-Jährigen früh einen potenziellen Tour-Sieger. Beide stammten aus der Bretagne und fanden einen Zugang zueinander – nicht immer harmonisch, aber zunächst konstruktiv für gemeinsame Erfolge. Guimard verstand, welche Knöpfe er bei Hinault drücken musste, um dessen Stolz zu kitzeln.
Ein egozentrischer Star war in Guimards Vorstellung von der Führung eines Teams indes nie vorgesehen. Entsprechend belastete Hinaults wachsendes Prestige die Zusammenarbeit. Hinault stand nach eigenem Verständnis ein stärkeres Mitspracherecht zu, unter anderem bei Verpflichtungen und der Teamstruktur. Für Guimard unvorstellbar: sein Team, seine Entscheidungen. Im August 1983 stellte Hinault die Konzernleitung vor die Wahl: er oder Guimard. Gute Argumente hatte Hinault indes nicht. Nach einer Knieoperation im Juli 1983 war seine Rückkehr in den Rennbetrieb ungewiss. Renault entschied sich ohne zu zögern für Guimard.
Hinault wechselte daraufhin in den neuen Rennstall des französischen Geschäftsmanns Bernard Tapie; die schillernde und umstrittene Persönlichkeit versprach ihm angeblich ein Millionengehalt und alle Freiheiten, die er wollte. Gesponsert von Tapies Lebensmittelkette La Vie Claire, sicherte sich Hinault 1985 seinen fünften und letzten Tour-Sieg.
Nach der Tour de France 1985 verkündete Renault seinen Ausstieg aus dem Radsport zum Saisonende. Das Unternehmen hatte über Jahre hohe Verluste eingefahren, 1984 unter anderem in Höhe von 12,5 Milliarden Franc. Das Staatsunternehmen erhielt daraufhin einen neuen Chef, der rigorose Sparmaßnahmen umsetzte. Die angeblich rund 15 Millionen Franc pro Jahr für den Radsport wurden gestrichen.
Zur Fortführung des Teams gründeten Cyrille Guimard und Laurent Fignon eine Vermarktungsgesellschaft, mit der sie den Rennstall als Eigentümer übernahmen. Damit wollten sie unabhängiger von Sponsoren sein, die fortan nur noch Namens-, aber keine Bestimmungsrechte mehr erhielten. Es ist ein Modell, nach dem heute praktisch jedes Team im bezahlten Radsport aufgebaut ist. Für 1986 fanden sie in der Supermarktkette Système U einen neuen Geldgeber.
chef-etage
Freunde waren Cyrille Guimard
(im Auto) und Bernard Hinault
vielleicht nicht, aber erfolgreiche Geschäftspartner
schnellzug
Das Team Renault mit Bernard Hinault (ganz rechts) unter Volldampf beim Mannschaftszeitfahren der Tour 1982
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