Legendäre ProfiteamsDas Star-Projekt TI-Raleigh

Daniel Brickwedde

 · 25.04.2026

Bitte recht freundlich! Das Team beim Foto-Termin im Jahr 1983, als Jan Raas, Gerrie Knetemann, Ludo Peters und Peter Winnen für das Team von Peter Post fuhren
Foto: Roth Foto
Ihre Trikots sind unvergessen, ihre Kapitäne prägten die großen Rennen: TOUR erinnert an die schillerndsten Teams der Radsportgeschichte. Diese Folge handelt von einer revolutionären Mannschaft, die am Konflikt zwischen Teamchef und Top-Fahrer zerbrach.

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Welcher Fahrer am Ende gewann? Für Teamchef Peter Post zweitrangig. Hauptsache, der Sieger trug das schwarz-rot-gelbe Trikot von TI-Raleigh. Mit gnadenlos offensiver Fahrweise mischte die britisch-niederländische Mannschaft ab Mitte der 1970er-Jahre den Radsport auf. Die Ausbeute: mehr als 900 Rennsiege. Das Team prägte die Hochphase des niederländischen Radsports – mit Namen wie Jan Raas, Gerrie Knetemann, Hennie Kuiper und Joop Zoetemelk.

Die Entstehungsgeschichte

Bananensattel, hoher Lenker, rote Lackierung: Mit dem Raleigh Chopper entwarf die britische Firma Raleigh Bicycles Ende der 1960er-Jahre ein Kult-Rad – zumindest in Großbritannien und Nordamerika. Das große Geld versprach jedoch das europäische Festland. Als Segen erwies sich daher der bevorstehende Beitritt Großbritanniens 1973 zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Zum Start sollte ein Radteam die nötige Bekanntheit bringen. Der Mutterkonzern von Raleigh Bicycles, Tube Invest ments (TI), unternahm den ersten Versuch mit dem Hersteller Carlton und ausschließlich britischen Fahrern. Erst ab 1972 entschied sich der Konzern, die deutlich bekanntere Marke Raleigh als Ausrüster und Namensgeber einzusetzen. Der Beginn von TI-Raleigh.

Der größte Erfolg

Straßenrennen, Klassiker, Etappensiege: Das Team TI-Raleigh feierte überall Erfolge. Nur der Gesamtsieg bei einer großen Landesrundfahrt wollte lange nicht gelingen. 1977 erreichte Hennie Kuiper zwar Platz zwei bei der Tour de France, doch Teamchef Peter Post zweifelte am absoluten Siegeswillen seines Landsmanns. Frühzeitig umgarnte Post deshalb Joop Zoetemelk als neuen Kapitän – und überzeugte den damals 33-Jährigen schließlich 1980 zum Wechsel. Ausschlaggebend für Zoetemelk: TI-Raleighs Übermacht im Mannschaftszeitfahren. Zwischen 1978 und 1982 gewann das Team achtmal in Folge in dieser Disziplin bei der Tour. Der Niederländer hatte die Tour zuvor schon fünfmal als Zweiter beendet – und das Pech, erst gegen Eddy Merckx und später gegen Bernard Hinault fahren zu müssen.

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Auch die Tour 1980 begann wenig verheißungsvoll: Gerade von einer Magen-Darm-Erkrankung genesen, verlor Zoetemelk auf den ersten Etappen fast vier Minuten auf Hinault. Allerdings machten sich beim Franzosen bald Knieprobleme bemerkbar, die ihn nach der 12. Etappe zur Aufgabe zwangen. Zoetemelk übernahm Gelb, musste aber noch einen Schreckmoment überstehen: Auf der 16. Etappe zur Bergankunft in Pra Loup rutschte sein Teamkollege Johan van der Velde aus dem Pedal, kollidierte mit Zoetemelk und brachte seinen Kapitän zu Fall. Zoetemelk trug eine Ellenbogenblessur davon und wirkte in den nächsten Tagen angeschlagen – sein Vorsprung reichte jedoch, um die Tour zu gewinnen. Zweiter: Hennie Kuiper.

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Es blieb der einzige Grand-Tour-Erfolg von TI-Raleigh. Das lag mitunter an der Rennphilosophie von Teamchef Post. Selbst Zoetemelk erhielt im Jahr seines Sieges keine bedingungslose Unterstützung. Stattdessen prägte TI-Raleigh das Rennen mit unermüdlichen Attacken fast aller Fahrer. Das Resultat: Die Mannschaft gewann elf der 22 Etappen.

Der Boss

Disziplin und Loyalität standen für Peter Post an erster Stelle; Widerspruch galt ihm als Affront. Er hatte das Sagen. Seine Markenzeichen: aufgeknöpftes Hemd, Rolex und Sonnenbrille. Schon als Aktiver schonte sich Post nicht, galt als trainingsbesessen und erfolgreicher Sechstage-Fahrer. Seinen größten Erfolg verbuchte er 1964 bei Paris-Roubaix – mit einem Streckenrekord von 45,131 km/h, der bis 2017 Bestand hatte. Ab 1974 wurde ihm die Leitung von TI-Raleigh anvertraut. Post erhielt freie Hand und brachte eine stärkere niederländische Identität in den Rennstall.

Er verstand sich vor allem als Manager, der sein Team gern als „Firma“ bezeichnete und über jedes Detail mitentschied – egal ob Ausrüstung, Ernährung oder die Farbe der Teamautos. Sportlich löste er das etablierte System aus Kapitän und Helfern auf: Fast jeder Fahrer bekam – je nach Gusto von Post – die Chance, Rennen zu gewinnen. Post bezeichnete das einst als „Chamäleon-Taktik“: Je nach Rennsituation veränderten sich die Rollen der Fahrer. Für die Konkurrenz war das unberechenbar, für TI-Raleigh ein Erfolgsrezept. Misserfolg war indes keine Option: Wer seine Chance nicht nutzte, lernte die unbarmherzige Seite von Post kennen. Im Gegenzug versorgte er die Fahrer mit guten Verträgen für Kriterien und Sechstagerennen, ließ sie in den besten Hotels übernachten und stellte ihnen das bestmögliche Material zur Verfügung. Das Team profitierte allerdings auch von einer einzigartigen Generation niederländischer Ausnahmefahrer wie Jan Raas, Gerrie Knetemann, Henk Lubberding, Peter Winnen, Kuiper und Zoetemelk. Post starb im Januar 2011 im Alter von 77 Jahren.

Die prägendsten Fahrer

Jan Raas

Post holte den erfolgreichen Amateurfahrer 1975 in sein Team. Ein Jahr später feierte der damals 23-jährige Raas bereits den Gewinn der niederländischen Straßenmeisterschaft. Selbstbewusst forderte Raas mehr Freiheiten bei den Klassikern – Post lehnte ab. Raas wechselte daraufhin 1977 zum Team Frisol, gewann Mailand-San Remo und setzte sich beim Amstel Gold Race gegen die TI-Raleigh-Fahrer Knetemann und Kuiper durch. Für Post eine Schmach. Weil Frisol als Sponsor ausstieg, holte Post seinen Landsmann 1978 zurück. Diesmal mit mehr Erfolg: Raas gewann Paris-Roubaix, zweimal die Flandern-Rundfahrt und vier weitere Male das Amstel Gold Race. Er galt als einer der dominantesten Klassikerfahrer und Sprinter jener Zeit. 1979 gewann er im Zweiersprint gegen Dietrich Thurau zudem den WM-Titel in Valkenburg. Das Verhältnis zu Post blieb indes angespannt – zwei große Egos waren eines zu viel bei TI-Raleigh.

Gerrie Knetemann

Wie Raas trug auch Knetemann als Markenzeichen ein riesiges Brillengestell. Und wie Raas kam auch er 1975 zu TI-Raleigh. Ansonsten verband beide nicht viel. Knetemann, Spitzname „de Kneet“, gehörte mit launigen Sprüchen zu den populärsten Fahrern jener Zeit, während Raas oft verbissen und unnahbar wirkte. Für TI-Raleigh gewann Knetemann das Amstel Gold Race sowie zehn Tour-Etappen. Je länger die Renndistanz und je schlechter das Wetter, desto höher die Siegchancen des zähen Niederländers. So sicherte er sich 1978 am Nürburgring den WM-Titel auf der Straße – nach 274 teils verregneten Kilometern. 1983 stürzte Knetemann folgenschwer, brach sich ein Bein und verlor beinahe eine Hand. Fast ein Jahr musste er pausieren. 2004 starb er mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt.

Hennie Kuiper

Der Niederländer stieß 1976 als amtierender Straßenweltmeister zu TI-Raleigh. Allerdings fremdelte Kuiper von Beginn an mit dem rauen Ton im Team und der strengen Führung von Post. Trotzdem gelang ihm 1976 der erste Tour-Etappensieg des Teams. Mit der Zeit wuchsen die Unstimmigkeiten zwischen ihm und Post. Kuiper war einer der besten Klassementfahrer jener Zeit, holte jedoch nur selten Siege. Für Post hingegen war alles ab Platz zwei eine Enttäuschung. Außerdem konnte Post mit Kuipers zurückhaltendem Naturell wenig anfangen. Bei der Tour de France 1977 bevorzugte Post lange den jungen, charismatischen Thurau und ließ Kuiper als Helfer arbeiten. Erst als Thurau im Bergzeitfahren der 15. Etappe zurückfiel, bekam Kuiper freie Fahrt – und verlor die Tour am Ende mit 48 Sekunden Rückstand auf Bernard Thévenet. 1978 verließ Kuiper das Team.

Die deutschen Einflüsse

Der junge und selbstbewusste Dietrich Thurau entwickelte sich ab 1975 schnell zu einem Liebling von Post. Bei seiner Tour-Premiere 1977 gewann Thurau auf Anhieb den Prolog und trug anschließend 15 Tage lang das Gelbe Trikot. Deutschland entdeckte plötzlich sein Interesse am Radsport, auch die Franzosen waren angetan: In den Medien erhielt Thurau den Spitznamen „Blonder Engel“. 1978 wechselte Thurau zum belgischen Team IJsboerke, konnte jedoch nie wieder an die Erfolge bei TI-Raleigh anknüpfen. Jahre später räumte er ein, dass er das Team von Post nie hätte verlassen dürfen. Nach Thurau fuhr Klaus-Peter Thaler bis 1979 für das Team; auch er trug 1978 zwei Tage lang das Gelbe Trikot der Tour. Zwischen 1975 und 1978 stand mit dem Ende Oktober 2025 verstorbenen Bahnspezialisten Günter Haritz ein weiterer deutscher Fahrer unter Vertrag.

Die größte Kontroverse

Der große Knall im Team war unausweichlich. Post hatte den Anspruch, alles im Team zu diktieren; sein wichtigster Fahrer, Raas, ließ sich wiederum nur ungern etwas sagen. Diese Spannungen begleiteten die Mannschaft über viele Jahre. Raas stellte Posts taktische Entscheidungen immer häufiger infrage. Außerdem störte er sich an den öffentlichen Auftritten des Teamchefs, der – nach Raas’ Auffassung – zu viele der Teamerfolge für sich beanspruchte. Mit seinem Aufbegehren erhielt Raas zunehmend Unterstützer innerhalb der Mannschaft. Schließlich bildeten sich zwei Lager: Raas’ Helfer und Posts Schützlinge. Sportlich der Anfang vom Ende für TI-Raleigh.

Das Ende

Zum Saisonende 1983 stellte Raleigh Bicycles sein Sponsoring ein. Post fand im Elektronikkonzern Panasonic zwar einen neuen Geldgeber, die Mannschaft zerbrach jedoch. Statt sich wieder unterzuordnen, gründete Raas ab 1984 seinen eigenen Rennstall – mithilfe der niederländischen Einrichtungskette Kwantum. Es ist die Keimzelle der heutigen Visma-Equipe. Einige Fahrer folgten Raas, andere blieben bei Post. Nach einem schweren Sturz bei Mailand-San Remo 1984 musste Raas ein Jahr später seine aktive Karriere beenden. Die Missgunst zwischen ihm und Post setzte sich allerdings in ihren Rollen als Teamchefs fort.

Der Trophäenschrank

  • Tour de France 1980 (Joop Zoetemelk)
  • Flandern-Rundfahrt 1979 und 1983 (Jan Raas)
  • Paris-Roubaix 1982 (Jan Raas)

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