Erst der Tour-de-France-Sieg von Bjarne Riis, ein Jahr später der Erfolg durch Jan Ullrich; dazu die Grünen Trikots von Erik Zabel – und mittendrin stets die Marke Telekom: Die Popularität des Teams und des Radsports in Deutschland war ab Mitte der 1990er-Jahre riesig. Hinter den Erfolgen stand jedoch ein Dopingsystem, das den Radsport hierzulande über viele Jahre in Verruf brachte.
Große Erfolge feierte die Mannschaft später stets am Rathaus in Bonn, dem Sitz des Geldgebers Deutsche Telekom. Die Ursprünge des Rennstalls lagen jedoch in Stuttgart. Dort folgte Winfried Holtmann zwei Berufungen: jener als Chefredakteur der Sindelfinger Zeitung und der als Promoter zahlreicher Radsportevents, darunter die Coca-Cola-Trophy sowie die Sechstagerennen in Stuttgart und Münster. Holtmann wollte jedoch mehr: ein deutsches Profiteam. 1989 gründete er das Team Stuttgart, finanziert von der Stadt Stuttgart und Daimler-Benz.
Fast zeitgleich entstand die Deutsche Telekom im Zuge der Postreform als eigenständiges öffentliches Unternehmen aus der Deutschen Bundespost. Die Telekom strebte das Image eines modernen Kommunikationsanbieters an – und erkannte im Radsport einen idealen Werbeträger. Holtmanns bis dahin zweitklassiges Team bot das Fundament. Der Start des Team Telekom im Jahr 1991 verlief allerdings holperig: Der Rennstall erhielt keine Einladung zur Tour de France. Holtmann wurde am Saisonende vor die Tür gesetzt. Sein Nachfolger: Walter Godefroot.
15. Juli 1997, eine Bergetappe der Tour de France nach Andorra-Arcalis. Der Schlussanstieg ist steil, aber rhythmisch, mit konstanten Steigungen zwischen sechs und acht Prozent. Ein Berg wie gemacht für Ullrich. Sitzend, mit hohem Gang, aber flüssigem Tritt, fährt er den Anstieg hinauf, als sei es ein Flachstück. Er gewinnt die Bergankunft nach 252 Kilometern schließlich mit 1:08 Minuten Vorsprung auf Marco Pantani und streift im Ziel erstmals das Gelbe Trikot über. Ein „Gänsehaut-Moment“, wie der 23-Jährige später sagt. Er ist der neunte Deutsche, der Gelb erringt – aber der erste, der es danach nicht mehr hergibt: Ullrich gewinnt die Tour 1997 und schreibt deutsche Sportgeschichte.
Ursprünglich galt Ullrich für die Tour 1997 als zweiter Mann im Team hinter Riis, dem Vorjahressieger. Der Däne war 1996 zum Team Telekom gewechselt – als Ausdruck des neuen Anspruchsdenkens. Riis hatte die Tour bereits als Fünfter und Dritter beendet und sagte der versammelten Reporterschar beim Teamtreffen im Dezember 1995 klipp und klar: „Ich will die Tour gewinnen.“ Und die Tour 1996 wurde zum großen Triumph: Riis holte für den deutschen Rennstall souverän den Gesamtsieg, Zabel das Grüne Trikot und das Team die Mannschaftswertung.
Zweiter bei seiner Premiere: der junge Ullrich. Ein Jahr später erwies er sich früh als deutlich stärker als Riis, verhielt sich jedoch lange loyal zu seinem Kapitän. Erst auf der 10. Etappe nach Andorra-Arcalis erhielt er freie Fahrt – je nach Auslegung auf Signal von Riis oder nach Aufforderung von Teamchef Godefroot: „Der König ist tot. Schauen Sie sich nicht um und geben Sie Gas.“
Am Bonner Rathausplatz empfingen Ullrich nach der Tour 20.000 Zuschauer. Deutschland entdeckte seine Begeisterung für den Radsport: Ullrich, die Tour de France, Team Telekom – diese Namen waren fortan fast jedem ein Begriff.
Knorrig im Umgang, zäh auf dem Rad: Die belgischen Medien gaben Godefroot als Rennfahrer den Spitznamen „die Bulldogge von Flandern“. Seine größten Erfolge: Siege bei der Flandern-Rundfahrt (1968 und 1978), Lüttich-Bastogne-Lüttich (1967) und Paris-Roubaix (1969).
Als Teamchef verkörperte er die „alte Schule“, die Radsport vor allem über Arbeit definierte. Nimmermüde Fahrer wie Udo Bölts und die Professionalität eines Zabel standen bei Godefroot hoch im Kurs – Ullrichs oft fehlende Disziplin war ihm dagegen ein Graus. Trotzdem galt er als Förderer des jungen Ullrich, band den Amateur-Weltmeister von 1993 früh an das Team. Godefroot stand für klare Ansagen, regelte die Dinge jedoch meist beherrscht und pragmatisch.
Als Teamchef holte er zur Unterstützung die Sportlichen Leiter Frans Van Looy und Rudy Pevenage in die Mannschaft. Von den ehemals starken DDR-Staatsamateuren reüssierte nur Sprinter Olaf Ludwig; Uwe Ampler konnte die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. Bis auf einen Tour-Etappensieg von Ludwig 1993 in Montpellier blieben die Resultate zunächst jedoch aus.
Das änderte sich ab 1996. Die Aushängeschilder des Teams waren fortan Ullrich und Zabel – nicht nur sportlich, sondern auch als Werbegesichter der Telekom. Dahinter etablierten sich Leistungsträger wie Alexandre Vinokourov und Andreas Klöden, sowie verlässliche Kräfte wie Bert Dietz, Rolf Aldag, Jens Heppner, Christian Henn und Bölts. Über Jahre gehörte die Mannschaft zur Weltspitze, geführt und organisiert von Godefroot und dessen Unternehmen Godefroot BVBA, bei dem die Fahrer angestellt waren.
Kostspielige Transfers internationaler Top-Fahrer wie Santiago Botero oder Paolo Savoldelli brachten ab 2003 jedoch nicht den erhofften Erfolg. Zudem galt Godefroots Verhältnis zu Ullrich zunehmend als schwierig. 2004, das Team trug inzwischen den Namen der Mobilfunktochter T-Mobile, wurde ihm Olaf Ludwig zur Seite gestellt. Ende 2005 zog sich Godefroot zurück. Er starb 2025 im Alter von 82 Jahren.
Der Tour-Sieg brachte Ullrich eine Popularität, auf die er nicht vorbereitet war. Plötzlich diskutierte halb Deutschland über seine Leistungen, sein Gewicht und sein Privatleben. Zwar gewann Ullrich 1999 die Vuelta a España und 2000 olympisches Gold im Straßenrennen, doch in der Öffentlichkeit zählte vor allem der Tour-Sieg. 1998, 2000 und 2001 belegte er jeweils Platz zwei. Nach einer alkoholisierten Autofahrt wurde Ullrich 2002 positiv auf Amphetamine getestet und für ein halbes Jahr gesperrt. Telekom trennte sich daraufhin von seinem Star, holte ihn jedoch 2004 zurück, nachdem Ullrich im Trikot von Bianchi bei der Tour 2003 erneut Zweiter geworden war. An frühere Erfolge knüpfte er nicht mehr an. 2006 suspendierte ihn das Team wegen seiner Verbindung zum spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes am Tag vor dem Tour-Start. Es folgten Jahre mit privaten Krisen, Alkohol- und Drogenexzessen. 2023 gestand Ullrich in einer TV-Dokumentation schließlich Doping während seiner Karriere.
1995 trug Erik Zabel maßgeblich zum Fortbestand des Teams bei. Damals erhielt die Telekom erst nach Protest eine Zulassung für die Tour de France – als Kompromisslösung: Sechs Telekom-Fahrer und drei Profis des italienischen Rennstalls ZG Selle Italia bildeten ein gemischtes Aufgebot. Die Telekom zweifelte am weiteren Engagement. Doch Zabel erzielte in Frankreich mit zwei Etappensiegen seinen Durchbruch. Ab 1996 gewann er sechsmal in Serie das Grüne Trikot der Tour de France – ein Rekord, bis Peter Sagan ihn 2019 mit einem siebenten Erfolg überholte. Der Berliner war kein reiner Sprinter, sondern kam auch über einige Hügel. Ausdruck seiner Allroundqualitäten sind vier Siege bei Mailand-San Remo und der Gewinn des Gesamtweltcups im Jahr 2000. 2006 verließ er das Team, weil er für die Tour nicht mehr berücksichtigt wurde. Später gab Zabel zu, zwischen 1996 und 2003 gedopt zu haben.
Bekannt ist Udo Bölts für vier Worte: „Quäl dich, du Sau!“ Damit trieb er Ullrich 1997 bei der Tour an, als dieser in den Vogesen eine Schwächephase erlebte. Bölts gehörte bereits zum Team Stuttgart und gewann im Telekom-Trikot 1992 die Königsetappe des Giro d’Italia, 1995 die Clásica San Sebastián und 1997 das Critérium du Dauphiné. Später machte er sich als Helfer unentbehrlich. „Die Bölts ist so stark, die geht niemals kaputt“, sagte Godefroot einst über ihn. Im Jahr 2000 nahm Bölts neben dem Radsport am Ironman Hawaii teil. Bis 2002 stand er elfmal in Folge im Tour-Aufgebot des Teams, erhielt am Saisonende jedoch keinen Vertrag mehr. Sein letztes Karrierejahr 2003 bestritt er für Gerolsteiner. 2007 gestand Bölts Doping in den Jahren 1996 und 1997.
2007 veröffentlichte der ehemalige Teammasseur Jef D’hont seine Memoiren und berichtete über systematisches Doping bei Telekom. Der Belgier beschuldigte unter anderem die Teamärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid von der Uniklinik Freiburg, die Fahrer beim Doping betreut zu haben. Es ging vor allem um den Einsatz von EPO. Organisiert und finanziert worden sei das System über Godefroot und sein Unternehmen Godefroot BVBA. Der Veröffentlichung folgten zahlreiche Geständnisse: erst Dietz, dann Aldag und Zabel, sowie Henn und Bölts. Auch Riis, laut D’hont einer der hemmungslosesten Doper, gestand – wenig reumütig – den Einsatz von EPO. Sein Tour-Sieg von 1996 wurde später aus der Siegerliste gestrichen. Ullrich schwieg dagegen und stritt alles ab. Godefroot erklärte zudem, nie etwas von Doping im Team mitbekommen zu haben. Geglaubt haben ihm das die wenigsten.
Die Radsport-Erfolge verhalfen der Telekom zu ungeahnter Markenpopularität. Die Dopingskandale wurden jedoch zum Imageproblem – zumal der Radsport in Deutschland insgesamt in Verruf geriet und sich nur langsam davon erholte. Die Telekom versprach dennoch, ihr Sponsoring wie vereinbart bis 2010 fortzusetzen. Ein Grund dafür war Bob Stapleton, einst Vorstand von T-Mobile USA, der den Rennstall ab 2006 führte und einen strikten Anti-Doping-Kurs versprach. Als jedoch Patrick Sinkewitz bei der Tour de France 2007 positiv getestet wurde und im November über seine Vergehen und die Dopingpraxis bei Telekom auspackte, setzte ein Umdenken ein. Die Telekom gab den sofortigen Ausstieg als Sponsor aus dem Radsport bekannt. Stapleton führte den Rennstall noch bis Ende 2011 weiter – zunächst mit der Bekleidungsmarke Columbia als Sponsor, später mit der Technikfirma HTC.
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