Ein Wettkampf-Rennrad ist nicht automatisch die bessere Wahl für schnelle Fahrer, ein Endurance-Renner nicht automatisch das bequemere Rad für jeden. Entscheidend ist vor allem, wie hoch und wie weit vorne der Lenker im Verhältnis zum Tretlager steht. Die Geometrie bestimmt, ob die Position tief und gestreckt oder vergleichsweise aufrecht ausfällt, wie sicher sich das Rad bei Tempo fahren lässt und wie gut die Sitzhaltung über mehrere Stunden durchzuhalten ist.
Für die Einordnung nutzt TOUR neben den Rahmenmaßen Stack und Reach auch den Stack-to-Reach-Wert, kurz STR. Ein niedriger Wert steht für eine gestreckte Race-Position, ein höherer Wert für eine aufrechtere Marathon- oder Endurance-Position. Bei integrierten Cockpits reicht der Blick auf den Rahmen allein allerdings nicht mehr aus. Deshalb misst TOUR zusätzlich Stack+ und Reach+, also die tatsächliche Position der Hände auf den Bremsgriffen im Serienaufbau. Das ist für die Kaufentscheidung oft aussagekräftiger als die Bezeichnung „Race“ oder „Endurance“. Im Artikel So testet TOUR die Sitzposition bei Rennrädern erklären wir das Verfahren im Detail.
Der Stack beschreibt die Höhe des Steuerrohrs über dem Tretlager. Je höher der Stack, desto höher kann der Lenker bei vergleichbarem Aufbau stehen. Der Reach beschreibt die waagerechte Länge vom Tretlager zum Steuerrohr. Ein längerer Reach streckt die Position.
Der STR-Wert setzt beide Maße ins Verhältnis:
| STR-Wert | typische Sitzposition | typischer Einsatz |
| Unter 1,45 | rennmäßig, tief und lang | Rennen, Kriterium, schnelle Gruppen |
| 1,45 bis 1,55 | sportlich, aber weniger kompromisslos | Berge, ambitionierte Trainingsfahrten, Jedermannrennen |
| Über 1,55 | komfortabel und vergleichsweise aufrecht | lange Touren, Radmarathons, Einsteiger |
Ein Wettkampfrennrad verlangt dem Fahrer mehr Beweglichkeit und Rumpfstabilität ab. Dafür hilft die tiefe, gestreckte Haltung dabei, die Stirnfläche im Wind zu reduzieren. Ein direkteres Lenkverhalten, hohe Rahmensteifigkeit und meist sportliche Übersetzungen passen zu Kriteriumsrennen, Lizenzrennen, schnellen Trainingsgruppen und Jedermannrennen.
Für die Berge sind echte Racer nicht grundsätzlich zu unbequem. Im Gegenteil: Leichtbau-Modelle sind für lange Anstiege und wechselndes Terrain oft die naheliegende Wahl, sofern die Sitzposition passt. Wer viel im Wiegetritt fährt, häufig lange Pässe fährt und das Rad auch für Rennen nutzt, profitiert von einem leichten, agilen Rahmen. Auf sehr langen Alpen- oder Radmarathontagen kann die tiefere Position allerdings zur Belastung werden, besonders wenn die Beweglichkeit begrenzt ist.
| Hersteller | Race-Modell | Geometrie | Einordnung |
| Cube | Litening Aero C:68X Race | STR 1,43, Stack/Reach 565/395 mm | klar rennmäßig, niedrig und lang |
| Canyon | Aeroad / Ultimate | Aeroad als Wettkampf-Allrounder, Ultimate als Leichtbau-Race-Modell | für Renneinsatz und sportliche Fahrer |
| Rose | Shave FF | STR 1,40 in Größe M, Stack/Reach 547/392 mm | deutlich aggressive Race-Geometrie, tiefe Front |
Das Rose Shave FF ist die Race-Variante der neuen Shave-Plattform und ersetzt das bisherige Xlite. Rose hat die Geometrie klar in Richtung Wettkampf geschärft: In Rahmengröße M misst das Shave FF 547 Millimeter Stack bei 392 Millimetern Reach, daraus ergibt sich ein STR von 1,40. Zum Vergleich: Das frühere Xlite lag in ähnlicher Größe bei einem deutlich moderateren STR von 1,45. Das Shave FF bringt den Lenker also spürbar tiefer und den Fahrer weiter nach vorn über das Tretlager.
Für die Rennposition entscheidend sind nicht nur die Rahmenmaße: Das Shave FF hat ein längeres und schmaleres Race-Cockpit sowie eine Sattelstütze ohne Versatz. Dadurch liegt mehr Gewicht auf dem Vorderrad, die Position fällt aerodynamischer aus und das Handling wirkt direkter. Mit 35 Millimetern maximaler Reifenfreiheit bleibt dennoch Spielraum für moderne, etwas breitere Rennradreifen.
Das Shave FF passt damit zu Fahrern, die regelmäßig Rennen, Kriteriumsrennen oder schnelle Gruppenfahrten fahren und eine tiefe Griffposition über längere Zeit stabil halten können. Für lange Alpenetappen kann es ebenfalls passen, wenn Beweglichkeit, Rumpfstabilität und Bikefitting stimmen. Wer dagegen vor allem viele Stunden im Sattel verbringt und häufig die Hände, Schultern oder den unteren Rücken entlasten möchte, findet im Shave die passendere Rose-Alternative.
| Hersteller | Endurance-Modell | Geometrie | Einordnung |
| Cube | Attain C:62 | aufrechte Sitzposition | klassischer Langstreckenansatz |
| Cube | Agree C:62 SLX | STR 1,48, Stack/Reach 572/387 mm | sportliches Endurance-Rad nahe am Race-Bereich |
| Canyon | Endurace | STR 1,60 im TOUR-Duell | klassisch aufrecht, tourentauglich |
| Rose | Shave | STR 1,54 in Größe M, Stack/Reach 584/378 mm | sportliches Endurance-Rad für lange, schnelle Ausfahrten |
Das Rose Shave ohne FF übernimmt die Rolle des früheren Reveal als Langstreckenrennrad. Es ist jedoch kein klassisch sehr aufrechtes Endurance-Modell mehr, sondern verbindet eine klar entspanntere Sitzposition mit einem aerodynamisch geprägten Rahmen. In Größe M beträgt der Stack 584 Millimeter, der Reach 378 Millimeter, der STR liegt bei 1,54. Damit sitzt der Fahrer deutlich aufrechter als auf dem Shave FF, aber sportlicher als auf dem früheren Reveal.
Besonders anschaulich wird der Unterschied am Cockpit: Besonders klar zeigt sich der Unterschied an der realen Griffposition im Serienaufbau. In der von TOUR vermessenen Größe M/L liegt der Stack+ des Shave bei 666 Millimetern, beim Shave FF bei 630 Millimetern. Die Bremsgriffe des Shave sitzen damit rund 36 Millimeter, also knapp vier Zentimeter, höher. Zugleich ist der Reach+ mit 572 statt 595 Millimetern um 23 Millimeter kürzer. Das Shave bringt den Fahrer folglich nicht nur höher, sondern auch etwas näher an den Lenker. Der etwas kürzere und breitere Cockpitaufbau sowie die Sattelstütze mit 14 Millimetern Versatz unterstützen diese aufrechtere, stärker über dem Hinterrad zentrierte Haltung.
Mit bis zu 36 Millimetern Reifenfreiheit bietet das Shave zudem mehr Spielraum für Komfort und wechselnde Straßenbeläge als das Shave FF. Es passt zu ambitionierten Tourenfahrern, Alpenurlaubern und Radmarathon-Fahrern, die auf langen Ausfahrten eine weniger belastende Position bevorzugen, aber kein behäbiges Rennrad suchen.
Wer regelmäßig Rennen fährt, hohe Geschwindigkeiten sucht und eine tiefe Haltung dauerhaft stabil fahren kann, ist mit einem Race-Rennrad wie Cube Litening, Canyon Aeroad oder Rose Shave FF richtig orientiert. Für Bergfahrer ist ein leichtes Race-Modell wie Canyon Ultimate oder das Shave FF eine sinnvolle Wahl, sofern Beweglichkeit und Bikefitting zur aggressiven Geometrie passen.
Wer dagegen lange Touren, Pässe, Radmarathons und wechselnde Straßenbeläge in den Mittelpunkt stellt, sollte zuerst auf Stack, Reach und die reale Griffposition achten. Ein Endurance-Modell wie Cube Attain, Canyon Endurace oder Rose Shave bietet dafür die passendere Basis. Das Shave nimmt dabei eine sportliche Mittelposition ein: deutlich langstreckentauglicher als das Shave FF, aber weniger aufrecht als das frühere Reveal.
Das Cube Agree ist dagegen das Beispiel dafür, warum „Endurance“ nicht mit „aufrecht“ gleichgesetzt werden darf. Im Test des Cube Agree C:62 SLX liegt der STR bei 1,48. Damit sitzt man sportlicher und gestreckter als auf vielen Marathonrädern, aber weniger kompromisslos als auf einem Litening Aero. Das neue Agree sortiert sich deshalb näher am Wettkampfmodell ein als am typischen Endurance-Rad. Für schnelle Hausrunden, bergige Jedermannrennen und Fahrer, die nur gelegentlich wirklich lange Touren fahren, kann genau diese Zwischenposition sinnvoll sein.
Beim Canyon Endurace war die Abgrenzung zum Ultimate lange besonders klar: Im TOUR-Duell mit dem Rose Reveal kam das Endurace auf einen STR von 1,60 bei 592 Millimetern Stack und 371 Millimetern Reach. Das steht für eine deutlich aufrechtere, kompakte Position, die lange Tage im Sattel erleichtert. Wichtig für Käufer: Das 2026 getestete Endurace CFR ist deutlich rennnmäßiger ausgelegt als günstigere Endurace-Versionen. Wer ein Canyon wegen einer besonders entspannten Position auswählt, sollte deshalb die konkrete Ausstattung und die Geometrie des gewünschten Modells prüfen.
Je länger die geplante Ausfahrt, desto wichtiger werden Druckstellen, Griffwechsel, Nackenbelastung und der Zustand der Straßen. Ein Endurance-Rennrad bietet dafür meist die besseren Voraussetzungen:
Das heißt nicht, dass jeder Radmarathon mit einem komfortorientierten Modell gefahren werden muss. Sehr gut trainierte Fahrer mit passender Beweglichkeit fahren auch auf Wettkampfrennern lange Distanzen schnell. Für die meisten Hobbyfahrer ist es aber sinnvoller, die Position auf die längste regelmäßig gefahrene Tour auszulegen, nicht auf die schnellste 60-Kilometer-Runde.
Bei einem Rennen zählen Aerodynamik, Beschleunigung und präzises Handling. Ein Race-Rennrad spielt seine Stärken aus, wenn der Fahrer die Bremsgriff- und Unterlenkerposition auch bei hoher Leistung stabil halten kann. Das gilt besonders für flache Rennen, Kriterium, schnelle Gruppenfahrten und Zieleinläufe.
Für bergige Rennen ist der Unterschied weniger eindeutig. Hier können ein leichter Rahmen, passende Übersetzung und Reifenwahl stärker ins Gewicht fallen als wenige Millimeter mehr oder weniger Stack. Ein sportliches Endurance-Rad wie das Cube Agree kann für viele Jedermannrennen sinnvoller sein als ein tiefes Aero-Rad, wenn es eine bessere und länger haltbare Position ermöglicht.
Vor dem Kauf gilt deshalb: Geometrietabelle prüfen, Griffposition vergleichen, Probefahren und das Rad bei Bedarf professionell anpassen lassen. Die Bezeichnung auf dem Oberrohr ist nur der Anfang.

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