Jens Klötzer
· 27.08.2026
Mit Aerodynamik-Anleihen vom schnellen Noah Fast schickt Ridley das Race-Gravelbike Kanzo Fast in die zweite Generation. Der größte Fortschritt steckt allerdings weniger im Luftwiderstand als in einer extremen Reifenfreiheit und einem neuen Geometriekonzept
Als Ridley 2020 das erste Kanzo Fast vorstellte, gehörte es zu den ersten konsequent aerodynamisch gestalteten Race-Gravelbikes. Ganz allein war der belgische Hersteller mit dieser Idee allerdings schon damals nicht: 3T hatte mit dem Exploro bereits zuvor breite Reifen und ausgeprägte Aero-Profile kombiniert, Cervélo das sportliche Áspero 2019 präsentiert. Ridley führte das Konzept aber besonders konsequent aus – mit flächigem Rahmen, integriertem Aero-Cockpit und einer klar auf schnelles Gravel Racing zugeschnittenen Ausrichtung.
Bemerkenswert ist auch, wie lange das erste Kanzo Fast am Markt blieb: Fast genau sechs Jahre liegen zwischen den beiden Generationen. In einer Branche mit teils kurzen Modellzyklen ist das ungewöhnlich. Dass Ridley keinen großen Zeitdruck hatte, zeigte ein TOUR-Windkanalvergleich: Mit identischen Laufrädern und 40-Millimeter-Reifen benötigte das alte Kanzo Fast rund sieben Watt weniger als das ebenfalls aerodynamisch optimierte 3T Exploro. Das bisherige Modell war also aerodynamisch schon ausgesprochen schnell.
Optisch bleibt das Kanzo Fast 2.0 seiner Linie treu, passt sich aber an die neue Designsprache der Marke an. Das großflächige Unterrohr, das langgezogene Steuerrohr und die tiefen Rohrprofile erinnern deutlich an Ridleys aktuelles Aero-Rennrad Noah Fast. Die Form des Unterrohrs soll den Luftstrom im Zusammenspiel mit zwei Trinkflaschen kontrollieren; Leitungen und Züge verlaufen vollständig im Rahmen.
Technisch ist das 2.0 dennoch keine bloße Überarbeitung. Die Reifenfreiheit wächst enorm von 42 auf 58 Millimeter, der Rahmen soll 150 Gramm leichter sein, und die Geometrie wurde von Grund auf neu abgestimmt. Hinzu kommen ein Rahmenstaufach, verdeckte Aufnahmen für eine Oberrohrtasche sowie eine speziell entwickelte Schutzblechoption.
Damit reagiert Ridley auf die Entwicklung des Gravel-Rennsports: Die Kurse werden technischer, gleichzeitig bleiben die Durchschnittsgeschwindigkeiten hoch. Ein modernes Race-Gravelbike muss deshalb nicht mehr nur leicht und aerodynamisch sein, sondern auch mit großvolumigen Reifen funktionieren. Dass das Bike mit Schutzblechen und Staufach zudem reisetaugliche Details mitbringt, ist allerdings ziemlich außergewöhnlich.
Der auffälligste Fortschritt ist die maximale Reifenbreite von 58 Millimetern. Das entspricht ungefähr einem 29 × 2,3 Zoll großen Mountainbike-Reifen und übertrifft die 42 Millimeter des Vorgängers deutlich. Ridley positioniert das Kanzo Fast damit nicht mehr nur für schnelle, feste Schotterpisten, sondern auch für grobe und technisch anspruchsvolle Rennstrecken.
Breitere Reifen können auf schlechtem Untergrund den Rollwiderstand reduzieren, mehr Traktion erzeugen und den Fahrer wirksamer von Schlägen entkoppeln. Gleichzeitig steigt ihre Stirnfläche. Ridleys eigene Messungen beziffern den aerodynamischen Nachteil eines 55-Millimeter-Reifens gegenüber einem 38-Millimeter-Modell bei 36 km/h auf sechs Watt. Ob der breite Reifen insgesamt schneller ist, hängt somit stark von Untergrund, Druck, Karkasse und Profil ab.
Die maximale Freigabe darf zudem nicht mit einer pauschalen Empfehlung für 58-Millimeter-Reifen verwechselt werden. Auf schnellen, glatten Kursen können Reifen um 40 Millimeter weiterhin die bessere Wahl sein. Die große Rahmenfreiheit schafft dann zusätzliche Reserven für Schlamm. Auf grobem Untergrund dürfte sich das Optimum dagegen zunehmend in Richtung 50 bis 55 Millimeter verschieben.
Ridley nennt gegenüber dem alten Kanzo Fast einen Vorteil von zwei Watt beim Test ohne Fahrer. Gemessen wurde mit identischen Skiron-Laufrädern, 38 Millimeter breiten Vittoria Terreno Dry, zwei Trinkflaschen und einer Luftgeschwindigkeit von 36 km/h. Das ist ein kleiner, aber angesichts des bereits sehr schnellen Vorgängers plausibler Fortschritt.
Deutlich größer fällt der Herstellerwert mit Fahrer aus: Hier soll das Kanzo Fast 2.0 13 Watt sparen. Das wäre bei Gravel-Renngeschwindigkeit relevant. Allerdings fehlen Angaben dazu, ob Sitzposition, Bekleidung und Haltung exakt reproduziert wurden. Gerade der Fahrer verursacht den größten Teil des Luftwiderstands; schon geringe Veränderungen an Lenkerbreite, Armhaltung oder Oberkörperwinkel können das Ergebnis deutlich beeinflussen. Die Vermutung liegt nahe, dass eine geänderte Fahrerposition hier eine Rolle spielt.
Tatsächlich fallen die Änderungen an der neuen Geometrie auf den ersten Blick gravierend aus. In Größe M wächst der Reach des Rahmens gegenüber dem Vorgänger von 385 auf 408 Millimeter, während der Stack praktisch unverändert bleibt. Der Stack-to-Reach-Wert sinkt dadurch von rund 1,52 auf 1,43. Allerdings bildet Stack-to-Reach nur den Rahmen ab. Beim alten Kanzo Fast sorgte das nach unten gerichtete Cockpit für eine sportlichere reale Position, als es die Geometriedaten vermuten ließen. Das viel längere Oberrohr wird beim neuen Kanzo Fast durch einen kürzeren Vorbau zum Teil ausgeglichen, gleichzeitig wird der Sitzwinkel um 1,5 Grad steiler. Gegenüber dem Vorgänger rückt das Kanzo Fast 2.0 den Fahrer somit vor allem weiter nach vorne, nicht unbedingt drastisch weiter auseinander. Der Fahrer sitzt zentraler über dem Tretlager, etwas tiefer und nur moderat gestreckter.
Beim neuen Nimbus-Pro-Cockpit kommen ein 36 Zentimeter schmaler Oberlenker und ein 40 Zentimeter breiter Unterlenker hinzu, was den Aero-Vorteil erklären dürfte.
Ridley verspricht ein um 150 Gramm reduziertes Rahmengewicht, nennt in der Pressemitteilung jedoch weder das absolute Rahmengewicht noch die Gewichte der Komplettmodelle. Der alte Rahmen wurde von Ridley in Größe M mit nominell 1190 Gramm angegeben, womit das Rad kein Leichtbauwunder werden dürfte. Zum Vergleich: BMC gibt für den aktuellen Kaius-01-Rahmen 998 Gramm und für das Topmodell 7,1 Kilogramm an. Specialized nennt für den S-Works-Crux-Rahmen 725 Gramm. Das Kanzo Fast 2.0 dürfte seine Prioritäten daher weiterhin bei Aerodynamik, Steifigkeit und Reifenfreiheit setzen – nicht beim kompromisslosen Leichtbau. Ein auf der Eurobike gezeigtes Force-XPLR-Vorserienrad sollte laut Ridley rund 8,1 Kilogramm wiegen. Ob dieser Wert auf das nun angekündigte Serienmodell übertragbar ist, bleibt vorerst offen.
Neu ist ein Staufach im Unterrohr. Zwei gepolsterte Taschen nehmen beispielsweise Schlauch, Werkzeug und CO₂-Kartusche auf. Anders als bei einigen Konkurrenzlösungen liegt die Öffnung nicht direkt unter dem Flaschenhalter und soll daher auch bei montierter Flasche gut erreichbar bleiben.
Auf dem Oberrohr sitzen verdeckte Gewinde für eine verschraubte Tasche. Dazu kommt ein gemeinsam mit Curana entwickeltes Schutzblechsystem. Das macht das Kanzo Fast alltagstauglicher, ohne den grundsätzlichen Race-Charakter aufzuweichen.
Dennoch bleibt die Plattform deutlich spezialisierter als ein Adventure-Gravelbike. Zusätzliche Aufnahmen an der Gabel fehlen, und Ridley beschränkt die Antriebskompatibilität auf elektronische 1x-Schaltungen. Mechanische Gruppen und Zweifach-Antriebe sind nicht vorgesehen. Dafür sind Kettenblätter mit bis zu 56 Zähnen möglich – ein ungewöhnlich großer Wert, der auf sehr schnelle Rennen und straßenähnliche Strecken zielt.
Der engste Konkurrent ist das 2026 erneuerte BMC Kaius 01. Es verbindet ebenfalls Aero-Profile, eine aggressive Renngeometrie, Rahmen-Zusatzaufnahmen und elektronische 1x-Antriebe, bietet aber maximal 52 Millimeter Reifenfreiheit. Seine Geometrie mit 79 Millimetern Tretlagerabsenkung und 425 Millimeter langen Kettenstreben liegt zudem auffällig nah am neuen Ridley.
Das Wilier Rave SLR ID2 verfolgt mit Aero-Rahmen und rennorientierter Geometrie ein ähnliches Konzept, ist mit bis zu 52 Millimeter breiten Reifen und einer weniger extremen Rahmenproportion aber etwas gemäßigter ausgelegt.
Das Trek Checkmate SLR verfolgt mit Aero-Rahmen, schmalem Cockpit und IsoSpeed-Komfortelement ein ähnliches Konzept, beschränkt sich aber auf 45 Millimeter breite Reifen. Das Canyon Grail CFR bietet ebenfalls Aero-Profile und ein integriertes Staufach, bleibt offiziell bei 42 Millimetern.
Das Specialized Crux bildet den Gegenpol: Es ist wesentlich stärker auf minimales Gewicht und direktes Handling als auf maximale Aerodynamik ausgerichtet. Seine Reifenfreiheit beträgt 47 Millimeter. Das 3T RaceMax wiederum gehört wie das alte Kanzo Fast zu den Aero-Pionieren, erlaubt mit 700C-Laufrädern aber höchstens etwa 46 Millimeter; breitere Reifen bis 61 Millimeter erfordern dort kleinere 650B-Räder.
Ridleys Bezeichnung der 58 Millimeter als „beispiellos“ ist deshalb etwas zu groß gegriffen: Es gibt Gravelbikes mit ähnlich breiten oder noch breiteren Reifen. Innerhalb der aktuellen Gruppe kompromisslos aerodynamischer 700C-Race-Gravelbikes zählt das Kanzo Fast 2.0 aber tatsächlich zu den großzügigsten Konstruktionen.
Überzeugend erscheint der Gesamtansatz: 58 Millimeter breite Reifen, ein tiefes Tretlager, ein längerer Rahmen und kurze Kettenstreben sollen hohes Tempo mit Kontrolle auf anspruchsvollen Strecken verbinden. Dazu kommen praxisgerechte Details wie Rahmenstaufach, Oberrohrtasche und Schutzblechoption.
Leider beschränkt sich das Angebot des neuen Kanzo Fast auf nur vier Rahmengrößen. Die drei Ausstattungen kommen alle mit SRAM 1x13, der Rahmen ist auf elektronische 1x-Antriebe beschränkt. Kompletträder starten bei 5.499 Euro, das Top-Modell kostet satte 11.699 Euro.
Alle Varianten werden in den Größen XS, S, M und L angeboten und lassen sich über Ridleys Konfigurator hinsichtlich Ausstattung und Lackierung individualisieren.

Redakteur
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