Jens Klötzer
· 18.04.2026
Die angegebenen Wattzahlen sind Ergebnis des standardisierten und unabhängigen Windkanalversuchs von TOUR. Sie gelten für die jeweils angegebene Modellvariante und Ausstattung, die Sortierung erfolgt anhand des Messwertes im Serienzustand. Veränderte Ausstattungsmerkmale - insbesondere Reifen, Lenker, Laufräder oder Antriebe - können das Ranking leicht verschieben, weshalb wir bewusst auf konkrete Platzierungen verzichtet haben. Auf das jeweilige Potenzial der Räder anhand der getesteten Ausstattung gehen wir im Einzelnen ein.
Was braucht es, um das schnellste Rad der Welt zu bauen? Hingabe, Design-Know-how und Fertigungstechnik. Gut vereint scheint das die kleine Drei-Mann-Firma Stromm aus den USA zu haben. Denn Stromm holt sich 2026 mit 196 Watt für 45 km/h im Windkanal die Krone für das schnellste bislang von TOUR gemessene Rad. Das liegt zum einen an der Auslegung mit gertenschlanken Rohrprofilen. Zum anderen sind aber auch die Anbauteile auf maximalen Speed getrimmt. Einfach-Kurbel, Aero-Reifen, hohe Laufräder und ein sehr schmaler Lenker bieten dem Wind wenig Angriffsfläche. Vor allem bei frontaler Anströmung, die dominiert, wenn wenig Wind herrscht oder sehr schnell gefahren wird, ist das Raktt überlegen flott. Den Titel erkauft sich das Rad mit unterdurchschnittlichen Rahmensteifigkeiten. Die Auslegung empfiehlt sich eher für Solofahrten als für Präzisionsmanöver in einem dicht gepackten Fahrerfeld. Die ebenfalls sehr geringe Tretlagersteifigkeit fällt beim Klettern nicht negativ auf, im beherzten Antritt fehlt allerdings das definierte Gefühl, das steifere Räder vermitteln. Wer ein Herz fürs Ballern hat, gerne Marken jenseits des Mainstreams bewegt und es zu schätzen weiß, auf dem momentan schnellsten Bike der Welt zu sitzen, wird in dem Raktt einen kongenialen Partner finden.
Gegenüber seinem Vorgänger Das Reacto macht einen großen Sprung nach vorne und verbessert sich von 208 auf 197 Watt, das ist der zweitbeste Wert, den wir bislang für ein Serienrad messen konnten. Die gewaltige Verbesserung ist das Ergebnis einer ganzheitlichen Betrachtung. Nicht nur Rahmen, Gabel und Cockpit wurden verbessert, sondern auch die Anbauteile konsequent ausgesucht, zumindest für die auf maximalen Speed getrimmte und von uns getestete Ausstattungsvariante One. Laufräder und Aero-Reifen sind ideal aufeinander abgestimmt. Das führt dazu, dass es am Vorderrad zu keinem Strömungsabriss bei unserem 20-Grad-Schwenk kommt. Frontal machen sich das schlanke Steuerrohr und die tieferen Gabelscheiden bemerkbar. Die letzten zwei bis drei Watt holt die Classified-Nabenschaltung, die den Umwerfer einspart, zusammen mit dem Aero-Kettenblatt. Die Geometrie ist fast komfortabel im Vergleich zu den anderen Extremisten, insgesamt etwas ruhiger, aber nicht langweilig. Das Rad kann Kopfsteinpflaster, bereitet aber auch auf der schnellen Hausrunde Freude. Es ist bergauf wie bergab ohne Kompromisse fahrbar. Wer ein schnelles Rennrad für alles will, findet im Reacto One eine hervorragende Basis.
Mit dem Aerfast tastete sich Branchen -Urgestein Markus Storck Schritt für Schritt an die Weltspitze der schnellsten Aero-Renner heran. Mal wurde der Rahmen optimiert, mal die Gabel, auch die Lenkereinheit erfuhr mehrere Updates. Mit dem 2024 präsentierten Modell, dessen Rahmen im Hinblick auf das neue UCI-Reglement überarbeitet wurde, ist der Hersteller aus Idstein schließlich am Ziel: 198 Watt benötigt das Aerfast.5 Pro in unserer Testanordnung. Dafür zieht Storck alle Register: Neben dem Rahmen-Set mit flächigen Rohrformen stechen Einfach-Antrieb, extrem hohe Carbonlaufräder und Conti-Aeroreifen. Dabei geht das Gewicht des Boliden mit 7,2 Kilogramm noch in Ordnung, allerdings fährt er sich ausgesprochen hart. Mit alltagstauglicherem Setup mit Zweifach-Antrieb, anderen Laufrädern und Standard-Reifen landete das Rad bei 203 Watt.
Das schon 2021 eingeführte Simplon Pride hob sich seiner zeit mit aggressiver Formensprache noch deutlich von der Konkurrenz ab. Als erster Hersteller weltweit wandte Sim plon das damals modifizierte Technik-Reglement der UCI an und reizte zusammen mit den Aero-Experten von Swiss Side die neuen Rahmenformen fast bis zur Grenze des Er laubten aus. Das Ergebnis: Ein Aero-Bestwert von 199 Watt, der fast vier Jahre lang Bestand haben sollte. Dabei waren seinerzeit weder Aero-Reifen noch Einfach-Antrieb in der Diskussion, man könnte also noch einige Watt herauskit zeln. Auch aktuell gehört das Simplon zu den schnellsten der Welt und es bleibt zu hoffen, dass bald nachgelegt wird: Aktuell befindet sich das Unternehmen aus Vorarlberg in einer Neustartphase nach einer Insolvenz.
Der Einstieg ins Profi-Sponsoring ging beim französischen Sportartikelriesen Decathlon mit einem mächtigen Entwicklungsschub seiner Rennräder einher: Die Modelle der Eigenmarke Van Rysel gehören seither technisch zur Weltspitze. Der Ende 2024 vorgestellte Aero-Bolide RCR-F schaffte es aus dem Stand unter die schnellsten Rennräder im TOUR-Test. Ausgestattet mit Aero-Reifen von Continental und Laufrädern der Marke Swiss Side, deren Aero-Kompetenz auch bei der Entwicklung des Rahmen-Sets zum Tragen kam, schaffte das RCR-F die 200-Watt-Marke. Zugeständnisse sind allerdings auch hier das recht hohe Gewicht und ein bockhartes Fahrwerk.
Im Windkanal schneidet das One auf Augenhöhe mit anderen bekannten Konstruktionen ab (Canyon Aeroad, Cervélo S5), kann sich aber nicht absetzen. Das ist eine leise Enttäuschung, aber maßgeblich ein Verhängnis einer suboptimalen Reifenwahl: Die 28er Conti TT-Reifen blähen sich effektiv 31 Millimeter breit auf den Black Inc-Laufrädern Trotzdem ist das Rad absolut gesehen sehr schnell und lässt sich mit besserer Bereifung noch beschleunigen: Versuchsweise stecken wir einen Satz DT Swiss ARC 1100 65, bereift mit dem schlanken Conti Aero 111 in 26 Millimeter Breite, in das Rad. Damit durchbricht das Factor One die 200-Watt-Schwelle und landet bei 198,2 Watt. Ohne Umwerfer, den wir für das Experiment entfernen, schiebt sich das Rad auf 196,8 Watt – dorthin, wo es nach der Formensprache gehört.
Ridley schickte ein auf Aerodynamik ausgerichtetes Setup in den Test: Sie verzichtet auf den Umwerfer und kombiniert stattdessen eine Einfach-Aero-Kurbel mit einem breit abgestuften SRAM Force XPLR-13fach-Getriebe vom Gravelbike. Die 65 Millimeter hohen DT-Swiss-Laufräder sind mit Contis Aero 111 bereift, eine Bank, wenn es um Aero-Performance geht. Im Windkanal überzeugt Ridleys Rezept mit einer sehr guten Allround-Performance. Im gewichteten Mittel messen wir 202 Watt für das Noah Fast. Ein sehr guter Wert, der es als echtes Aerorad ausweist. Eine Überraschung ist das nicht, schließlich kann Ridley bei der Entwicklung auf einen hauseigenen Windkanal zurückgreifen. Eine gut konfigurierbare Spaßmaschine zum schnell fahren, ohne den Premiumaufschlag, den andere Marken fordern.
Die Silhouette und die Namensgebung schüren hohe Erwartungen, die das Scott auch im Test erfüllen kann: Vor allem in der Aero-Wertung lässt es viele Konkurrenten hinter sich. Mit Aero-Reifen von Schwalbe ausgestattet, kam das gezeigte Testrad im Windkanalversuch auf 203 Watt. Das Rahmen-Set gehört zwar zu den schwereren Exemplaren, aber Scott gelingt es mit einigen Kniffen, beim Komplettgewicht unter sieben Kilogramm zu bleiben. Das liegt vor allem an den spektakulären Syncros-Laufrädern, die mit den Speichen am Stück gebacken werden. Dass Aero-Boliden per se unkomfortabel sind, kann das Foil ebenfalls widerlegen: Die aufwendige Stützenkonstruktion federt besser als die meisten anderen.
Bei seiner Einführung vor zwei Jahren erreichte das Aeroad im Windkanal-Ranking noch einen Podiumsplatz – nur Cervélo S5 und das (inzwischen nicht mehr erhältliche) Cannondale SystemSix waren noch etwas schneller. Nach aktuellem Stand sind die 204 Watt, die das Rad im Serientrimm erreicht, ein gutes Stück von der Weltspitze entfernt. Allerdings gilt der Wert ohne Tricks wie Einfach-Antrieb oder Aero-Reifen, dafür mit schmalem 25-Millimeter-Vorderreifen. Mit etwas Tuning ist das Arbeitsgerät von Matthieu van der Poel durchaus ein Kandidat für die Weltspitze und ein gnadenlos gutes Komplettpaket: Viel Speed, wenig Gewicht und passabler Komfort – das können in dieser Kombination nur wenige.
Der Vorgänger des aktuellen S5 setzte mit 202 Watt lange einen Maßstab. Ein neuer Bestwert gelingt der 2025 renovierten Version zwar nicht; mit Shimano Ultegra, hohen Reserve-Laufrädern und Vittorias Corsa Pro-Reifen ermittelten wir 204 Watt, die das neue S5 benötigt. Dennoch zählt das Cervélo damit weiterhin zum elitären Zirkel der schnellsten Wettkampfräder der Welt, denn auch hier haben weder Aero-Reifen noch Ein fach-Antrieb nachgeholfen. Mit anderem Setup dürfte sich das Rad noch etwas nach vorne schieben. Der schnelle Flitzer erfordert allerdings andere Kompromisse: Er wiegt auch mit teuerster Ausstattung 7,5 Kilogramm und vermittelt wenig Fahrkomfort.
Superstar Tadej Pogačar ist ein Jahrhunderttalent, aber er hat auch Top-Material zur Verfügung: In unserem Windkanaltest ermittelten wir für den Boliden Y1RS von Colnago eine Aero-Leistung von 204 Watt. Dabei war das aerodynamische Potenzial unseres Testrades mit Fulcrum-Laufrädern und (effektiv gemessen) 30 Millimeter breiten Pirelli-Reifen noch längst nicht ausgeschöpft. Mit schnellen DT Swiss-Laufrädern und dem strömungsoptimiertem Conti-Vorderreifen, die wir versuchsweise in das Rad steckten, konnte das Colnago Y1RS sogar knapp die 200-Watt-Marke knacken, wohlgemerkt mit Zweifach-Kurbel und Umwerfer. Mit deutlich über sieben Kilogramm ist das Rad jedoch vergleichsweise schwer.

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