Legendäre ProfiteamsDie baskischen Gipfelstürmer von KAS

Daniel Brickwedde

 · 12.09.2026

Alles auf Angriff: Julio Jiménez gehörte zu den spanischen KAS-Kletterern, die der Konkurrenz das Leben schwer machten. Hier attackiert er bei der Tour de France 1965 in den Pyrenäen Federico Bahamontes (Mitte) und Raymond Poulidor (links)
Foto: Getty Images/Roger Viollet
Ihre Trikots sind unvergessen, ihre Kapitäne prägten die großen Rennen: TOUR erinnert an die schillerndsten Teams der Radsportgeschichte. In dieser Folge: Der Rennstall KAS als spanische Kletter-Armada – mit deutschen Wurzeln.

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Wenn die Straße bergauf führte, schoben sie sich nach ­vorne: die Rennfahrer in den gelb-blauen Trikots mit dem Schriftzug „KAS“ auf der Brust. In den 1960er-Jahren war der spanische Rennstall aus dem Baskenland vor allem wegen seiner Kletterer gefürchtet, darunter Juan Manuel Fuente und Julio Jiménez. Als der Geldgeber jedoch mit seinen Produkten den belgischen Markt erobern wollte, nahm die Erfolgsgeschichte des Teams ein Ende.

Die Entstehungsgeschichte von KAS

Die Limonaden der Marke KAS stehen noch heute in fast jedem spanischen Supermarkt. Dabei hatte Firmengründer Roman Knörr 1870 ursprünglich ganz andere Pläne: Der deutsche Auswanderer wollte sich als Bierbrauer im Baskenland etablieren. Das gelang aber nur mit mäßigem Erfolg. Erst mit den Limonaden und dem Geschäftssinn von Luis Knörr, dem Enkel Romans, erlangte KAS ab den 1950er-Jahren landesweite Bekanntheit.

Daneben interessierte sich Knörr für den Radsport. Da traf es sich, dass das regionale baskische Team Boxing Ciclo Club einen Geldgeber suchte, um auf nationaler Ebene stärker auftreten zu können. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs in Spanien sah Knörr im Radsport eine lukrative Werbemaßnahme. 1958 stieg KAS als Co-­Sponsor ein, ein Jahr später fuhr der Rennstall komplett unter dem Namen und der Ägide des Unternehmens.

Der größte Erfolg

Spaniens Landesrundfahrt, die Vuelta a España, war in den 1960er-Jahren vor allem in Spanien selbst ein prestigeträchtiges Rennen. Da die Vuelta als erste der drei großen Landesrundfahrten damals im April und Mai stattfand, kollidierte ihr Termin häufig mit der Saisonplanung der Top-Fahrer, die auf die höher bewerteten Giro d’Italia und Tour de France ausgerichtet war. Das änderte sich erst 1995 mit dem Wechsel in den September.

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In Spanien selbst war die Vuelta natürlich auch damals hart umkämpft, insbesondere von den spanischen Teams, allen voran KAS. Der erste Gesamtsieg gelang erst 1966, fiel dafür aber umso beeindruckender aus: Drei KAS-­Fahrer standen auf dem Podium, mit Francisco Gabica als Sieger. Drei weitere KAS-Profis folgten auf den Plätzen fünf, sechs und sieben. Hinzu kamen sechs Etappensiege und der Gewinn der Bergwertung.

Was den Gesamtsieger Gabica von vielen baskischen Rennfahrern jener Zeit unterschied: Er galt neben seiner Kletterfähigkeit zusätzlich als guter Zeitfahrer. In der letzten Rennwoche übernahm er nach einem Zeitfahren das Führungstrikot und gewann die Rundfahrt schließlich mit 39 Sekunden Vorsprung vor seinem Teamkollegen Eusebio Vélez. Nicht minder überlegen fiel der Gesamtsieg im Jahr 1972 durch Juan Manuel Fuente aus: KAS platzierte sechs Fahrer unter den ersten Zehn und gewann die Punkte-, Berg- und Teamwertung.

Der Boss

Markante Gesichtszüge, dazu die Statur eines Boxers – dieses Bild zeichnete die spanische Presse von Dalmacio Langarica. Sein Beiname: „Der Koloss aus Bizkaia“ – mit Bezug zu seiner baskischen Heimat. An Präsenz mangelte es Langarica als Rennfahrer keinesfalls. Seinen größten Erfolg erzielte er 1946 mit dem Gesamtsieg bei der Vuelta a España. Weitaus mehr Ansehen brachte ihm jedoch seine Rolle als Teamchef der spanischen Nationalmannschaft ein. Unter seiner Führung feierte Federico Bahamontes 1959 den ersten spanischen Tour-de-France-Sieg.

Ab 1961 übernahm Langarica die Leitung des KAS-Teams und führte es nach italienischem Vorbild – mit guter Infra­struktur und Ausrüstung, sowie organisierten Reisen im Mannschaftsbus, was zu jener Zeit noch unüblich war. Anders als bei italienischen Teams gab es jedoch keinen herausragenden Anführer. Langarica verstand Radsport als Teamleistung: Wer angreift, bekommt volle Unterstützung. Die KAS-Fahrer prägten zwar etliche Bergetappen und holten zahlreiche Tagessiege und Wertungstrikots; für das Gesamtklassement großer Rundfahrten offenbarte dieser Ansatz jedoch strategische Schwächen. Aber Langarica sah in der Mannschaftswertung ohnehin den größeren Reiz als in Individualleistungen. 1965, 1966, 1974 und 1976 stellte der Rennstall unter anderem die beste Mannschaft bei der Tour de France. Einen bedeutsamen Klassiker gewann KAS hingegen bis 1979 nie.

Langarica galt eher als konservativ und als jemand, der ­jeden Anflug von Überheblichkeit abstrafte. Was er jedoch prägte, war die Förderung etlicher lokaler Talente, die bei KAS zu Profis aufstiegen. Ein Großteil davon stammte aus dem Baskenland. Fahrer, die nicht aus Spanien kamen, hatten hingegen Seltenheitswert im Kader.

1972 gab Langarica die Teamleitung ab und agierte fortan als Berater. Die Zusammenarbeit zwischen ihm und KAS endete 1978 schließlich vor dem Arbeitsgericht in Bilbao, nachdem ihm gekündigt worden war. Als das Unternehmen 1985 in den Radsport zurückkehrte, war Langarica erneut als Sportdirektor vorgesehen. Er starb jedoch wenige Tage vor der Teampräsentation im Alter von 65 Jahren an einem Herzinfarkt.

Die prägendsten Fahrer

José Manuel Fuente

Eddy Merckx machte nie einen Hehl daraus: Der Fahrer, den er während seiner Erfolgszeit am meisten fürchtete, war José Manuel Fuente. Gegen die explosiven Antritte des Spaniers in den Bergen war selbst Merckx machtlos. Was Merckx allerdings häufig in die Karten spielte: Fuente fehlten die Geduld und das taktische Gespür. Seine Angriffe waren oft spektakulär, seine Einbrüche allerdings ebenso. Zu bändigen war Fuente in seiner Fahrweise ­jedoch kaum. Er galt als eigensinnig, bisweilen gar rebellisch. Im KAS-Team machte ihn das durchaus zu einem schwierigen Charakter. Berüchtigt war außerdem sein ­hoher Zigarettenkonsum. Seine Erfolge verschafften ihm jedoch Freiräume: Zweimal gewann er die Vuelta a España, 1973 stand er als Dritter auf dem Tour-Podium. Ab 1975 litt Fuente unter Nierenproblemen, die ihn mit 31 Jahren zum vorzeitigen Karriereende zwangen. 1996 starb er im Alter von 50 Jahren an den Spätfolgen seiner Nierenerkrankung.

Julio Jiménez

Bei großen Radsportereignissen war Jiménez oft mittendrin, ikonisch wie dramatisch. Als sich Jacques Anquetil und Raymond Poulidor bei der Tour 1964 am Puy de Dôme ihr legendäres Kopf-an-Kopf-Rennen um das Gelbe Trikot lieferten, ging beinahe unter, dass Jiménez vor ihnen die Etappe gewann. Drei Jahre später war Jiménez am Mont Ventoux einer der letzten Begleiter von Tom Simpson, als dieser vom Rad fiel und vor Ort verstarb. Jiménez erreichte erst mit 24 Jahren den Profistatus und arbeitete zuvor im Uhrengeschäft seines Cousins. Fabulierfreudige Reporter gaben ihm daraufhin den Spitznamen „Der Uhrmacher von Avila“. Für KAS gewann Jiménez als ausgewiesener Kletterer 1964 und 1965 jeweils das Bergtrikot der Vuelta und 1965 jenes der Tour. Mit dem Wunsch nach einer ­Gehaltserhöhung blitzte er bei Langarica allerdings ab. Jiménez wechselte fortan in den Rennstall von Jacques ­Anquetil. Zwei weitere Male gewann er die Bergwertung der Tour. Jiménez verstarb 2022 im Alter von 87 Jahren.

Domingo Perurena

Gleich zwei Bestmarken hält der Spanier bis heute: Mit 158 Siegen gilt er als erfolgreichster Straßenradsportler aus dem Baskenland. Außerdem trug er an 31 Tagen das Führungstrikot der Vuelta a España, ohne das Rennen jemals zu gewinnen. Nahe dran war er 1975: Als Spitzenreiter ging er ins abschließende Zeitfahren, verlor die Rundfahrt allerdings noch mit 14 Sekunden Rückstand an seinen Landsmann Agustín Tamames. Die beklemmende Stille der Zuschauer, als er das Ziel erreichte, habe er nie vergessen können, bekannte Perurena später. Er brachte für einen Basken untypisch gute Sprintfähigkeiten mit, die ihn zwölf Etappen und zweimal die Punktewertung der Vuelta gewinnen ließen. Ein passabler Kletterer war er trotzdem. 1974 feierte er seinen größten Erfolg außerhalb Spaniens mit dem Gewinn der Bergwertung der Tour de France. Er starb 2023 im Alter von 79 Jahren.

Die größte Kontroverse

Das Baskenland etablierte sich dank KAS in den 1960er-Jahren als Mittelpunkt des spanischen Radsports. Mit Fagor entstand 1966 sogar ein zweites Profi­team aus der Region. Der Hauptsitz des Haushaltsgeräte­herstellers lag nur wenige Kilometer von KAS entfernt. Eine gute Nachbarschaft entstand indes nie. Mit lukrativen Verträgen lockte Fagor immer wieder Leistungsträger wie Francisco Gabica, Eusebio Vélez und José Antonio Momeñe von KAS weg. Zwischen den beiden Teamchefs Langarica und Pedro Matxain von Fagor bestand zudem eine Dauerfehde, die bereits aus ­deren Zeit als Rennfahrer herrührte.

Diese Rivalität übertrug sich auf die Teams: Sobald ein Fagor-­Profi antrat, ging einer von KAS hinterher – und umgekehrt, gerade bei Rennen in Spanien. Dass Fahrer des anderen Rennstalls vom gegnerischen Teamfahrzeug ausgebremst wurden, war nicht ungewöhnlich. Bei der Vuelta a España 1969 soll Langarica sogar versucht haben, mit seinem Fahrzeug Matxains Auto von der Straße zu drängen, als dieser mit Kapitän Luis Ocaña im Windschatten wieder an die Rennspitze fahren wollte. Bei jener Vuelta erreichte die gegenseitige Missgunst ihren Höhepunkt, da beide Teams einzig den Sieg des jeweils anderen verhindern wollten. Letztlich gewann der Franzose Roger Pingeon vom Peugeot-Team als Nutznießer dieses Streits.

Das Ende

Zur Saison 1979 entschied das Unternehmen KAS, den Rennstall für Werbung auf dem belgischen Markt zu nutzen. Der spanische Kern des Teams wurde aufgelöst und eine belgische Teamlizenz erworben. KAS investierte in belgische Stars wie Lucien Van Impe als neue Aushängeschilder. Das entpuppte sich als folgenschwerer Fehler, denn im Team entstand eine Spaltung zwischen Spaniern und Belgiern. Der große Erfolg blieb aus, und auch wirtschaftlich erfüllten sich die Erwartungen nicht. Im Oktober 1979 gab das Unternehmen die Auflösung des Rennstalls bekannt.

1985 kehrte KAS noch einmal in den Profiradsport zurück – zunächst als Co-Sponsor des Skil-Rennstalls, ein Jahr später als Hauptsponsor. Die sportliche Philosophie war nun jedoch eine andere: Alle für Sean Kelly, den unumstrittenen Kapitän. Der Ire gewann für KAS Mailand-San Remo, Paris-Roubaix und 1988 die Vuelta a España. Mit dem Tod von Knörr 1988 änderte sich die Ausrichtung des Unternehmens, und KAS zog sich am Jahresende endgültig aus dem Radsport zurück.

Der Trophäenschrank

Vuelta a España 1966 (Francisco Gabica), 1971, 1974 (Jose Manuel Fuente), 1976 (José Pesarrodona)


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