Legendäre RadsportteamsSaint-Raphaël und der ungeliebte Star

Daniel Brickwedde

 · 06.06.2026

Der kühle Stratege und der Taktikfuchs: Jacques Anquetil mit seinem Teamchef Raphael Geminiani im Jahr 1955
Foto: Getty Images/Roger Viollet
Ihre Trikots sind unvergessen, ihre Kapitäne prägten die großen Rennen: TOUR erinnert an die schillerndsten Mannschaften der Radsportgeschichte. In dieser Folge: Saint-Raphaël mit Teamchef Raphaël Geminiani und Seriensieger Jacques Anquetil.

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Das französische Team Saint-Raphaël gilt als Wegbereiter der heutigen bunten Sponsorenlandschaft im Radsport – zumindest, wenn es um Geldgeber geht, die nicht unmittelbar aus der Radsport-Szene stammen. Erfolge feierte der Rennstall vor allem mit Jacques Anquetil. Die Anerkennung für seinen eleganten Fahrstil und seine Tour-Siege erhielt der Franzose allerdings erst nach seiner Karriere.

Die Entstehungsgeschichte

Mitte der 1950er-Jahre sah sich der Radsport großen Veränderungen ausgesetzt. Aufgrund der steigenden Beliebtheit von Motorrädern und Autos gingen in der Fahrradindustrie die Umsätze zurück. Das bekam wiederum der Radsport zu spüren, der bis dahin ausschließlich von Radfirmen finanziert wurde. Leidtragende dieser Entwicklung waren die Fahrer, unter ihnen Raphaël Geminiani. Er prangerte die Ausbeutung durch die Radfirmen an und gründete 1954 – noch als aktiver Fahrer – seinen eigenen Rennstall: mithilfe eines kleineren Radherstellers und mit Rädern, die unter dem Namen „Raphaël Geminiani“ vermarktet wurden.

Für die Saison 1955 überzeugte Geminiani dann den französischen Aperitif-Hersteller Saint-Raphaël zum Einstieg als Sponsor. Er folgte damit Fiorenzo Magni, der bereits 1954 den Kosmetikhersteller Nivea für sein italienisches Team engagierte – als damals ersten Geldgeber, der nicht aus dem Radsport stammte. In Frankreich fiel die Empörung seitens der Rennveranstalter und die Kritik durch die Presse jedoch deutlich größer aus: Radsport und Radindustrie sollten unter sich bleiben, so der Tenor. Geminiani war jedoch vorbereitet. Er behauptete stets, der Teamname beziehe sich auf seinen Vornamen Raphaël. Es folgten einige Rügen und angedrohte Startverbote. Erst 1956 stand der rote Schriftzug von Saint-Raphaël dauerhaft auf dem Trikot.

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Im selben Jahr stellte das Team mit Roger Walkowiak den Tour-de-France-Sieger. Den Erfolg errang der Franzose allerdings für das Regionalaufgebot Nord-Est-Central, da zu jener Zeit National- und Regionalteams an der Tour teilnahmen. Das änderte sich erst 1962.

Der bedeutendste Sieg

Es ist eines der ikonischsten Bilder der Radsporthistorie: Anquetil und Raymond Poulidor kämpfen sich Schulter an Schulter die staubige Straße zum Puy de Dôme hinauf. Mit den Kräften scheinen beide am Ende, doch keiner will dem anderen auch nur einen Meter Vorsprung zugestehen.

Es war damals die drittletzte Etappe der Tour de France 1964, und die einzige Bergankunft. Für Poulidor die große Chance zum Angriff. Trotz Zeitverlusten durch Defekte und Stürze lag er im Klassement nur 56 Sekunden hinter Anquetil. Für die Presse ein Zeichen, dass Poulidor dieses Mal der stärkere der beiden Fahrer sei. Für Anquetil ging es hingegen um den fünften Tour-Gesamtsieg. Er hatte wenige Wochen zuvor bereits den Giro d’Italia gewonnen. Als zweiter Fahrer nach Fausto Coppi wollte er nun das Double aus Giro und Tour holen. Doch in Frankreich wirkte er angreifbar.

Hinauf zum Puy de Dôme fuhr Anquetil größtenteils neben Poulidor, nicht im Windschatten – eine Vorgabe von Geminiani, um Poulidor psychologisch zuzusetzen. Erst 900 Meter vor dem Ziel musste ein sichtlich erschöpfter Anquetil seinen Konkurrenten ziehen lassen. Im Ziel soll er zunächst kollabiert sein. Um 14 Sekunden verteidigte Anquetil jedoch das Gelbe Trikot. Sein Vorteil: Die letzte Etappe war ein Zeitfahren, seine Paradedisziplin. Anquetil gewann die Tour 1964 schließlich mit 55 Sekunden Vorsprung vor Poulidor – sein knappster Sieg, der ihm jedoch die meiste Wertschätzung einbrachte.

Der Boss

Geminiani gehörte zu den großen französischen Fahrern der 1950er-Jahre, gewann allerdings nie die Tour. In der Ära der Nationalteams musste er sich oft Landsleuten wie Louison Bobet unterordnen. Geminiani galt als loyaler, aber streitbarer Charakter. Gewitzt, emotional, oft schonungslos direkt: Der Franzose konnte mitreißen, aber ebenso Menschen vor den Kopf stoßen. Dieses Temperament prägte auch seine Arbeit als Teamchef. Sein Karriereende als Rennfahrer leitete eine folgenschwere Reise nach Burkina Faso ein, bei der sich Fausto Coppi und er bei einem Sponsorenrennen mit Malaria infizierten. Geminiani überlebte, Coppi starb.

Ab 1962 saß Geminiani dann im Teamauto. Im selben Jahr wechselte Anquetil mit einigen Teamkollegen zu Saint-Raphaël, da sich sein Helyett-Rennstall aufgelöst hatte. Das Verhältnis zwischen Geminiani und Anquetil war anfangs jedoch von Spannungen geprägt. So forderte Anquetil bei der Vuelta a España 1962 vor dem letzten Zeitfahren, dass Teamkollege Rudi Altig, im Führungstrikot, das schlechtere Material erhalten müsse. Er sei schließlich der Kapitän. Geminiani ließ ihn abblitzen. Altig gewann das Zeitfahren und die Vuelta; Anquetil reiste als Gesamtzweiter verärgert vor der Schlussetappe ab. In seiner Ehre verletzt, forderte Anquetil vor dem Tour-Start die Ablösung von Geminiani durch seinen früheren Manager Paul Wiegant. Es kam zu einer Abstimmung aller zehn Tour-Fahrer – mit acht zu zwei Stimmen für Geminiani. Erst ein Hausbesuch des Teamchefs bei Anquetil beendete die Differenzen.

Neben seinem Rennverständnis zeichnete Geminiani eine gewisse Schlitzohrigkeit aus. Häufig fand er Schlupflöcher in Regelwerken oder narrte die Konkurrenz mit Taktiken. Allerdings hatte Geminiani – ähnlich wie Anquetil – eine liberale Haltung zu Dopingmitteln, die er öffentlich als „Stimulanzien“ verharmloste. 2024 starb er im Alter von 99 Jahren.

Die prägendsten Fahrer

Jacques Anquetil

Bereits mit 19 Jahren stieg Anquetil zum Star der französischen Sportpresse auf. Dazu verhalf ihm ein überlegener Sieg beim Grand Prix des Nations, dem damals prestigeträchtigsten Einzelzeitfahren im Radsport. Seine herausragenden Zeitfahrqualitäten ebneten ihm später auch den Weg zu seinen fünf Tour-Erfolgen. Den Radsport betrieb er berechnend. Seine Siege sah Anquetil eher als Mittel zum Zweck, um bei lukrativen Kriterien- oder Sechstagerennen gute Verträge zu erhalten. Als er 1964 zum fünften Mal die Tour de France gewann, sah er finanziell keinen Sinn darin, sie ein weiteres Mal zu gewinnen. Als Rennfahrer lebte Anquetil ohnehin in Widersprüchen: Zum einen stand er für pedantische Streckenerkundungen, gerade im Zeitfahren, zum anderen für einen exzessiven Lebensstil mit teuren Autos, gutem Essen und viel Champagner – gern bis spät in die Nacht vor Renntagen. 1987 starb er im Alter von 53 Jahren an Magenkrebs.

Jean Stablinski

Aufgrund seiner vier französischen Meistertitel erhielt Stablinski den Beinamen „Monsieur France“. Seinen größten Erfolg feierte er allerdings mit dem Gewinn der Straßenweltmeisterschaft 1962. Sein Lieblingsrennen Paris-Roubaix konnte Stablinski hingegen nie gewinnen. Trotzdem ist er eng mit der Geschichte des Rennens verbunden. Stablinski wuchs in der Region auf und half den Rennorganisatoren regelmäßig mit Hinweisen auf neue Pavé-Abschnitte. Unter anderem geht der berüchtigte Abschnitt im Wald von Arenberg auf Stablinski zurück, der erstmals 1968 ins Rennen aufgenommen wurde. Nach seinem Tod 2007 erhielt Stablinski an der Einfahrt nach Arenberg einen Gedenkstein. Er galt als versierter Taktiker, bestritt den Großteil seiner Karriere allerdings als treuer Unterstützer Anquetils.

Roger Rivière

Lediglich vier Jahre gehörte der talentierte Franzose zum Profifeld. Geminiani holte seinen Landsmann 1957 zu Saint-Raphaël, nachdem er zwei Jahre zuvor bei einem lokalen Rennen in seiner Heimat auf Rivière aufmerksam geworden war. 1957 gewann Rivière den WM-Titel in der Einerverfolgung auf der Bahn und stellte einen Stundenweltrekord auf. Mit Anquetil verband den eher öffentlichkeitsscheuen Rivière eine Rivalität, die 1959 dem Spanier Federico Bahamontes zum Tour-Sieg verhalf, da beide Franzosen sich nicht unterstützen wollten. Ohne Anquetil im Team galt Rivière für die Tour 1960 dann als großer Favorit, ehe er auf der 14. Etappe in einer Abfahrt in eine Schlucht stürzte. Mit schweren Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule kam Rivière ins Krankenhaus. Er überlebte, war fortan jedoch an den Rollstuhl gefesselt. Im Alter von 40 Jahren starb er 1976 an Krebs.

Die deutschen Einflüsse

Im Jahr 1959 gründete Saint-Raphaël ein Schwesterteam unter dem Namen „Rapha – R. Geminiani – Dunlop“. Dieser Name inspirierte viele Jahre später die Briten Simon Mottram und Luke Scheybeler zur heute populären Radbekleidungsfirma „Rapha“. Der Rennstall existierte bis 1961 und umfasste die deutschen Fahrer Rolf Wolfshohl sowie Willi und Rudi Altig. Die Altig-Brüder fuhren von 1962 bis 1965 ebenfalls für Saint-Raphaël. Rudi Altig gewann in dieser Zeit die Vuelta a España sowie das Grüne Trikot der Tour de France (1962) und die Flandern-Rundfahrt (1964).

Die Kontroverse

Mit Anquetil besaß Saint-Raphaël zweifellos den besten Fahrer jener Zeit. Anerkennung und Applaus gab es dafür in der Öffentlichkeit jedoch selten. Poulidor lag in der Gunst der Franzosen vorne. Mit ihm konnte das Publikum leiden – während Anquetils Erfolge kaum Emotionen auslösten. Insbesondere die Presse schuf die Legende eines ebenbürtigen Poulidor, der häufig aufgrund von Pech verlor. Für Anquetil ein Ärgernis. Seine Fahrweise stieß beim Publikum allerdings auf wenig Gegenliebe: Waghalsige Angriffe und sportliche Dramen gab es bei Anquetil selten, seine Siege fußten auf einer weitsichtigen, kalkulierten Taktik. Das Publikum empfand seine Erfolge als öde; gelegentlich begleiteten ihn Buhrufe – Anquetil galt als unnahbar und arrogant. Im Buch „Les années Anquetil“ ist die Episode festgehalten, dass Anquetil sogar erwog, eine Tour gegen Poulidor zu verlieren, um seine Beliebtheitswerte zu steigern. Erst nach einem Gespräch mit Geminiani sah er von diesem Vorhaben ab. Die Wertschätzung dafür, als erster Fahrer fünfmal die Tour gewonnen zu haben, erhielt Anquetil erst nach seiner Karriere.

Das Ende

Zum Ende der Saison 1964 zog sich Saint-Raphaël als Sponsor zurück, da das Unternehmen Gesetzesänderungen zur Alkoholwerbung in Frankreich fürchtete. Dank der Erfolge fand Teamchef Geminiani schnell einen neuen Geldgeber: die französische Niederlassung des Autoherstellers Ford.

Der Trophäenschrank

  • Tour de France 1962, 1963, 1964 (Jacques Anquetil)
  • Vuelta a España 1959 (Antonio Suarez), 1962 (Rudi Altig), 1963 (Jacques Anquetil)
  • Giro d’Italia 1964 (Jacques Anquetil)
  • Lombardei-Rundfahrt 1962, 1963 (Jo de Roo)
  • Flandern-Rundfahrt 1964 (Rudi Altig)

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