Ein Radsport-Sponsoring muss nicht beim Trikotdesign enden; es kann den Auftritt und die Optik des gesamten Teams prägen. Heute ist solch eine CI (Corporate Identity) im Radsport weit verbreitet, in den 80er-Jahren war das noch eher die Ausnahme. Ein Beispiel bot der italienische Textilhersteller Carrera Jeans, der für seine Rennfahrer Radshorts entwarf, die an eine Jeanshose erinnerten, und zeitweise auch Carrera-Rennräder bereitstellte. Das italienische Team fiel aber ebenso durch Erfolge auf: Stephen Roche gelang 1987 Historisches, Claudio Chiappucci eroberte die Herzen der Fans und Marco Pantani erlebte seinen Durchbruch. Nur ein Fahrer endete als tragische Figur im Carrera-Trikot.
Der Name war prädestiniert für den Radsport: Carrera – spanisch für „Rennen“. Und er klang deutlich einprägsamer als die ursprüngliche Bezeichnung, welche die drei Tacchella-Brüder Tito, Domenico und Imerio für ihre 1965 gegründete Jeansproduktion wählten: „Confezioni Tacchella“. Ab 1973 benannten sie ihre Firma in Verona daher in Carrera Jeans um – angelehnt an den Porsche Carrera, eines der ikonischsten Modelle des deutschen Automobilherstellers.
Der Gedanke an den Radsport entstand erst 1983, nach einem Treffen von Tito Tacchella mit Achille Prandelli, dem Geschäftsführer von Inoxpran, einem Hersteller von Edelstahl-Haushaltswaren. Inoxpran unterhielt seit 1979 ein Radsportteam und gewann 1981 mit Giovanni Battaglin den Giro d’Italia. Die Folgejahre verliefen sportlich ernüchternd und Prandelli suchte einen Sponsoringpartner. Die Tacchella-Brüder waren sich zunächst aber uneins: Das hohe Investment, der mittelmäßige Inoxpran-Kader – lohnt sich das? Sie sagten schließlich jedoch zu. Ab 1984 hieß der Rennstall Carrera-Inoxpran. Zwei Jahre später führte Carrera das Team allein.
Carrera agierte von Beginn an anders als viele der bekannten italienischen Teams, startete jährlich bei vielen flämischen Klassikern und der Tour de France und zeigte sich auch gegenüber ausländischen Top-Fahrern aufgeschlossen – unter anderem mit der Verpflichtung des Iren Stephen Roche. 1987 bescherte er Carrera die beste Saison der Teamgeschichte: Erst gewann er den Giro d’Italia, kurz darauf die Tour de France.
Als sein ärgster Widersacher während der damaligen Tour erwies sich der spanische Kletterer Pedro Delgado, der Roche in der Schlusswoche das Gelbe Trikot abnahm. Auf der Bergetappe nach La Plagne, Etappe 21 von insgesamt 25 bei der Tour 1987, überraschte Roche die Konkurrenz mit einer frühen Attacke. Der Effekt blieb jedoch aus: Am Fuße des Schlussanstiegs holte ihn die Delgado-Gruppe wieder ein, Roche fiel zurück – die Tour schien verloren.
Die Regie konzentrierte sich mit ihren wenigen Kameramotorrädern in der Folge zwangsläufig auf die Rennspitze und nicht mehr auf Roche, der über sich hinauswuchs. Als Delgado schließlich hinter Etappensieger Laurent Fignon das Ziel erreichte, kam aus der letzten Kurve hinter ihm bereits Roche ins Bild – unterlegt mit dem britischen TV-Kommentar von Phil Liggett: „Wer ist denn dieser Fahrer, der da von hinten kommt – das sieht ja aus wie Roche. Es ist Stephen Roche! Er hätte Delgado fast eingeholt, ich kann es kaum glauben!“
Im Ziel kollabierte Roche, benötigte eine Sauerstoffmaske. Er hatte seinen Rückstand im Klassement jedoch auf 29 Sekunden begrenzt. Drei Tage später holte er sich im Zeitfahren von Dijon das Gelbe Trikot zurück; die Tour entschied er mit 40 Sekunden Vorsprung auf Delgado. Es blieb der einzige Tour-Erfolg eines Iren.
„Der Champion ist der Radfahrer, nicht der Sportdirektor“, lautete einer von Davide Boifavas Leitsprüchen. Diese Haltung kam nicht von ungefähr. Als Profi lernte Boifava unter anderem von Molteni-Chef Giorgio Albani, wie ein Radteam funktioniert. Seine eigene Karriere musste Boifava 1978 aufgrund einer Sehnenentzündung aufgeben. Ein Jahr später erhielt er ein Angebot als Sportlicher Leiter bei Inoxpran – und sagte unter der Bedingung zu, dass sein Mentor Albani mit ins Teamauto müsse.
Dessen diplomatisches und menschliches Geschick verkörperte fortan auch Boifava. Hitzköpfige Sprinter wie Guido Bontempi und der Usbeke Dschamolidin Abduschaparow, Spitzname „Terror von Taschkent“, aber ebenso impulsive wie sensible Rundfahrer wie Roberto Visentini, Claudio Chiappucci oder Marco Pantani – alles Charaktere, die Boifava zu bändigen wusste. Er ließ seinen Top-Fahrern Freiheiten, griff aber auch ein, wenn nötig. Den Spannungen zwischen Chiappucci und Pantani begegnete er, indem er beide zu Zimmerpartnern machte.
1989 gründete Boifava die Fahrradmanufaktur Carrera Podium. Einige Jahre fuhr auch das Carrera-Profiteam auf seinen Rädern, die in enger Zusammenarbeit mit den Fahrern konzipiert und von ihnen getestet wurden.
Hinter dem bubenhaften Gesicht und dem unschuldigen Lächeln steckte einer der zähesten, cleversten, aber auch listigsten Fahrer der 1980er-Jahre. Sein erstes Jahr bei Carrera blieb aufgrund von Knieproblemen ohne Erfolge. 1987 gewann Roche dafür Giro, Tour und die Straßen-WM – die sogenannte „Triple Crown“ in einem Kalenderjahr, die außer ihm nur Eddy Merckx (1974) und Tadej Pogačar (2024) erreichten. Das Verhältnis zwischen Roche und dem Team hatte 1987 jedoch arg gelitten. Sein Tour-Preisgeld zahlte Roche daraufhin nicht in die Mannschaftskasse ein, sondern berücksichtigte nur seinen belgischen Teamkollegen Eddy Schepers. Roche beklagte mangelnde Unterstützung und wechselte 1988 zum Team Fagor-MBK, um unumstrittener Kapitän zu sein. 1992 kehrte er zu Carrera zurück und gewann eine weitere Tour-Etappe. 1993 beendete er seine Laufbahn.
Für seine Fahrweise riefen ihn die Fans „El Diablo“, den Teufel. Chiappucci liebte die Offensive, belebte viele Rennen und galt als Publikumsliebling. Seinen größten Erfolg erlebte er bei Mailand-San Remo 1991: Bei Regen und Kälte initiierte er 140 Kilometer vor dem Ziel seinen Angriff, schüttelte alle Begleiter ab und erreichte San Remo als Solist. Ebenso bemerkenswert: 1992 gewann Chiappucci nach einer 200-Kilometer-Flucht eine Bergetappe der Tour nach Sestriere. 1985 gab er bei Carrera sein Profidebüt, blieb bis Ende 1996 und arbeitete sich vom Domestiken zum Kapitän hoch. Seinen Durchbruch erlebte der kletterstarke Italiener bei der Tour 1990: Acht Tage trug er das Gelbe Trikot und verlor es erst am vorletzten Tag im Zeitfahren an Greg LeMond. Dennoch haftete ihm der Makel des Unvollendeten an: Beim Giro und bei der Tour stand er sechsmal auf dem Podium, je zweimal als Zweiter – aber nie als Sieger.
Sein Giro-Tour-Double 1998, die erdrückende Verehrung der Italiener und die Skandale und Drogenexzesse, die 2004 zu seinem Tod führten – der „Mythos“ um seine Person lag für Pantani 1992 noch in weiter Ferne. Gerade hatte er bei Carrera seinen ersten Profivertrag unterschrieben; schon als Amateur bestritt er Rennen auf Carrera-Rädern. Pantani galt als schüchtern, aber ehrgeizig – und als Ausnahmekletterer. Das bekam die Radsportwelt spätestens 1994 zu sehen: Pantani gewann beim Giro zwei schwere Bergetappen in Folge und beendete die Rundfahrt auf Platz zwei. Damit stellte er teamintern auch Chiappucci in den Schatten, den ursprünglichen Kapitän, was ihre Beziehung deutlich abkühlte. Bei der Tour wurde Pantani 1994 Dritter und siegte 1995 in Alpe d’Huez. Ab 1997 begann bei Mercatone Uno dann sein großer Aufstieg – und endete in einem tiefen Fall.
Carrera hatte über Jahre vor allem erfolgreiche Schweizer im Team, darunter Beat Breu, Urs Zimmermann, Erich Mächler und Beat Zberg. Einziger deutscher Profi war Christian Henn: Der Heidelberger fuhr von 1989 bis 1991 für Carrera, blieb jedoch sieglos und wechselte 1992 zum Team Telekom.
Für die italienischen Fans war es ein Skandal, für Roberto Visentini Verrat und eine Demütigung: Sein eigener Teamkollege Roche griff auf der 15. Etappe des Giro d’Italia 1987 nach Sappada sein Rosa Trikot an. Es folgten beispiellose Bilder: Carrera-Fahrer an der Spitze des Feldes jagten ihren eigenen Mann – schließlich galt Visentini als Kapitän. Boifava schickte zudem das zweite Teamauto nach vorn, um Roche zur Vernunft zu bringen. Vergebens.
Visentini verfügte über riesiges Talent, aber auch über einen unausgeglichenen Charakter, der zwischen Unsicherheit, Übermut und Misstrauen schwankte. Im Team galt er als respektiert, zugleich jedoch als unberechenbar. Nach einem verlorenen Giro 1984 zersägte Visentini beispielsweise sein Rad, brachte die Einzelteile zur Mannschaft und kündigte an, nie wieder Rennen zu fahren. Nicht das einzige Mal, dass Boifava ihm gut zureden musste.
Roche hatte Visentini mit seinem Angriff beim Giro vor allem mental gebrochen. Körperlich hätte Visentini den Rückstand womöglich begrenzen können, psychisch war er jedoch geschlagen: Er verlor 5:56 Minuten auf Roche. Einige Tage später musste er den Giro nach einem Sturz aufgeben. Bis zu seinem Karriereende 1990 fuhr Visentini nie mehr auf Top-Niveau.
Roche sagte später, er habe damit gerechnet, dass ihn die Teamleitung für diese Aktion nach Hause schicken würde. Immerhin reiste noch am selben Abend Tito Tacchella nach Sappada. Die Krisensitzung fand jedoch eine pragmatische Lösung: Der mögliche Giro-Sieg stand über der Loyalität zu Visentini. Roche blieb im Rennen, wurde fortan auf dem Weg zum Rundfahrtsieg allerdings von italienischen Fans ausgebuht, beleidigt und bespuckt. Roche, ganz Siegertyp, machte das jedoch wenig aus.
Aufgrund wirtschaftlicher Probleme zog die Tacchella-Familie zum Saisonende 1996 einen Schlussstrich unter ihr Radsport-Engagement. Ein Teil des Kaders, darunter Pantani, wechselte 1997 zum Team Mercatone Uno. Ein anderer Teil kam bei Boifavas neuem Team unter, als dessen Sponsor der Sportausrüster Asics einstieg.