Tour de France Special

Tour de France - Sturz-Opfer Jakobsen sprintet zum Happy-End

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 · 03.07.2022

Tour de France - Sturz-Opfer Jakobsen sprintet zum Happy-EndFoto: Thibault Camus/AP/dpa

Vor knapp zwei Jahren war Fabio Jakobsen fast tot. Nach einem Sturz lag er im Koma. An eine Zukunft als Radprofi glaubten nur wenige. Nun hat er eine Etappe bei der Tour de France gewonnen.

Von Tom Bachmann und Tom Mustroph, dpa

Fabio Jakobsen spricht mit ruhiger und monotoner Stimme. Angesichts seines Schicksals wirkt sein Monolog fast ein wenig beiläufig. Doch jedes Wort sitzt.

«Man kann denken, dass es ein Wunder ist. Es ist auf jeden Fall eine besondere Geschichte. Fast schon ein Märchen», sagt der Radprofi. Am Samstagabend saß der 25-Jährige an der Ostseeküste im dänischen Nyborg und versuchte in Worte zu fassen, was gerade passiert war. Dabei ist das eigentlich recht profan: Jakobsen hatte die zweite Etappe der 109. Tour de France gewonnen.

Schicksalstag: 5. August 2020

Doch so einfach ist das nicht. Schon gar nicht bei Jakobsen. Am 5. August 2020 hätte der Niederländer fast sein Leben verloren. Von seinem Landsmann Dylan Groenewegen war er im Sprintfinale zum Auftakt der Polen-Rundfahrt in die Absperrgitter gedrängt worden - bei satten 80 Kilometern pro Stunde. Jakobsen lag im künstlichen Koma, wurde zigmal operiert, allein sein zerschmettertes Gesicht musste mit 130 Stichen genäht werden. Einen Kiefer hat er heute nur, weil die Ärzte diesen aus Teilen seines Beckenknochens neu formten.

Es hätte niemanden überrascht, hätte es den Radrennfahrer Fabio Jakobsen nicht mehr gegeben. Viele Berufskollegen erholen sich von Stürzen dieses Niveaus nicht. Und bei diesen waren Jakobsens Gedanken in der Stunde seines größten Triumphs. «Ich bin glücklich, aber der Sturz hat mich demütiger gemacht», berichtet Jakobsen. «Ich denke an die Fahrer, die es nicht zurückgeschafft habe. Ich hoffe, dass ich ein paar Leute glücklich machen konnte.»

Neben seiner Verlobten, seinen Eltern, seiner Schwester und seinen Teamkollegen galt sein Dank vor allem seinem Osteopathen. «Er ist 85 Jahre alt, aber ohne ihn säße ich nicht hier. Viele Muskeln funktionierten nicht mehr. Er wusste genau, was er tat. Ich werde ihm in alle Ewigkeit dankbar sein», sagt Jakobsen. Die Dankesworte sind nicht einfach so daher gesagt, weil es sich nach so einer Leidenszeit einfach gehört. Man nimmt Jakobsen jede Silbe ab.

In drei Etappen zur Rückkehr ins Leben

Seine Rückkehr ins Leben hatte Jakobsen rational in drei Etappen eingeteilt. Zuerst musste aus ihm wieder ein normaler Mensch werden. Schließlich konnte er anfangs kaum gehen. Etappe zwei war der Weg zurück aufs Rennrad, und das Schlussstück dann die Entwicklung zum Top-Sprinter. «Für mich hat sich der Kreis geschlossen. Ich bin jetzt einer der besten Sprinter der Welt», sagt Jakobsen. Er klingt unheimlich stolz dabei, ohne allerdings angeberisch zu wirken.

Auf dem Niveau, auf dem Jakobsen gerade fährt, war er vor seinem Sturz noch nicht. Da war er noch ein junger Kerl - wild, kraftvoll, bisweilen ungestüm. Eines seiner Vorbilder war Mark Cavendish. Der Brite ist sein Teamkollege und muss sich die Tour in diesem Jahr im Fernsehen anschauen, weil Jakobsen besser ist. Für Cavendish eine schwer zu verdauende Realität, schließlich wollte er in diesem Jahr mit seinem 35. Etappensieg einen Rekord aufstellen.

Insofern lag auch ein gewisser Druck auf Jakobsen, Ergebnisse zu liefern und seinen Vorzug vor einem der besten Sprinter der Geschichte zu rechtfertigen. Er lieferte gleich bei der ersten Gelegenheit. «Unter Druck formt man Diamanten. Ich kann damit gut umgehen», betont Jakobsen. Es ist die erste Tour de France seines Lebens, die erste richtige Etappe.

Große Ziele hat er sich für die weitere Tour noch nicht gesetzt. Er will es Tag für Tag angehen. In den Sprints trifft Jakobsen wieder auf Groenewegen, der ebenfalls erstmals seit dem Schicksalstag im August 2020 wieder bei der Tour ist. Groenewegen sah sich damals vielen Anfeindungen ausgesetzt, wurde zudem für ein halbes Jahr gesperrt: «Es war nicht die beste Zeit, es war eine harte Zeit.»

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