Tour de France

Fabio Jakobsen: Ein Radsport-Märchen bei der Tour de France

Tom Mustroph

 · 06.07.2022

Fabio Jakobsen: Ein Radsport-Märchen bei der Tour de FranceFoto: Getty Velo

Die Geschichte von Tour-de-France-Etappensieger Fabio Jakobsen ist ein Märchen, wie es wohl nur der Sport schreiben kann. Vor nicht allzu langer Zeit schwebte der Niederländer noch in Lebensgefahr.

Am 5. August 2020 raste Fabio Jakobsen beim Hochgeschwindigkeitsfinale der 1. Etappe der Polen-Rundfahrt in Katowice durch die Absperrgitter, nachdem ihn Konkurrent Dylan Groenewegen im Zielsprint abgedrängt hatte. Er erlitt zahlreiche Knochenbrüche. Die Ärzte versetzten ihn ins künstliche Koma.

Jakobsen kämpfte um sein Leben

Mit 130 Stichen nähten sie sein Gesicht. Als er aufwachte auf der Intensivstation, sah er, wie Aluminiumsärge auf die Station gefahren wurden. “Da wusste ich, es ist richtig ernst”, blickte er später zurück. Sogar ein Priester kam. “Sie fragten mich, ob er an meinem Bett sitzen dürfe. Ich nickte. Ich bin nicht religiös, aber ich dachte, wenn es schon nicht hilft, dann schadet es auch nicht. Ich war verzweifelt, ich wollte am Leben bleiben”, sagte er in einem Interview mit der niederländischen Tageszeitung AD.

Wohl niemand konnte damals daran glauben, dass Jakobsen je wieder in seinem Beruf als Radprofi arbeiten würde. Und schon gar nicht so schnell und so erfolgreich in den stets gefährlichen Massensprints. Doch es sollte anders kommen: 2022 startet Jakobsen erstmalig bei der Tour de France und konnte schon am zweiten Tag den ersten Etappensieg verzeichnen.

Jakobsen trumpft bei Vuelta a Espana auf

“Man kann denken, dass es ein Wunder ist. Es ist auf jeden Fall eine besondere Geschichte. Fast schon ein Märchen”, versuchte Jakobsen seine Emotionen in Worte zu fassen. Sein Tour-Etappensieg stellte ihn auch außerhalb des Radsport-Zirkels ins Scheinwerferlicht. Dabei nahm Jakobsens Comeback schon 2021 seinen Lauf. Bei der Vuelta a Espana feierte er Tagessiege auf der 4., 8. und 16. Etappe - und holte das Grüne Trikot des besten Sprinters.

Fabio Jakobsen war bei der Vuelta a Espana 2021 der dominierende SprinterFoto: Getty Velo
Fabio Jakobsen war bei der Vuelta a Espana 2021 der dominierende Sprinter

Dazu kamen noch zwei zweite Plätze. Der Niederländer war der mit Abstand erfolgreichste Sprinter bei dieser Vuelta, noch vor dem aufstrebenden Jasper Philipsen von Alpecin-Deceuninck, er gewann immerhin zwei Etappen. Der frühere Mailand-San-Remo-Sieger Arnaud Demare machte keinen Stich gegen ihn, ebenso wenig Michael Matthews, Gewinner des Grünen Trikots der Tour de France 2017. Allerdings fehlten Top-Sprinter wie Caleb Ewan oder Mark Cavendish.

Radsportmärchen in drei Etappen

Dennoch, dieses Comeback hat Züge eines Radsportmärchens. Seinen Heilungsprozess teilt Jakobsen selbst in drei Etappen. “Erst ging es für mich darum, überhaupt wieder ein normaler Mensch zu werden. Danach darum, ob ich wieder Radprofi werden kann. Und der dritte Part war, ob ich gut genug für die Herausforderungen eines Massensprints sein würde”, erzählte Jakobsen TOUR am Rande dieser Vuelta a Espana.

Es war gleichermaßen ein physischer und ein psychischer Rehabilitationsprozess. “Ich kann gar nicht sagen, welcher Prozess der schwerere war. Beide bedingten sich. Die körperliche Heilung beeinflusste das Selbstbewusstsein. Das Gefühl, wieder bei den Rennen dabei sein zu können, motivierte für das Training”, sagt er.

Quick-Step Alpha Vinyl bringt Jakobsen wieder in die Spur

Zugute kam ihm, dass sie es im Team Quick-Step Alpha Vinyl verstehen, Sprinterseelen in der Krise wieder zu Siegertypen zu machen. “Wir haben ihn behutsam aufgebaut, ihm Zeit gegeben und unser Vertrauen vermittelt”, erzählte Teamchef Patrick Lefevere, meist eher ein Raubein in Sachen Mitarbeitermotivation.

Patrick Lefevere ist der Chef des Teams Quick-Step Alpha VinylFoto: Getty Velo
Patrick Lefevere ist der Chef des Teams Quick-Step Alpha Vinyl

Trotz des fürchterlichen Crashs in Polen - Angst in den hektischen Massensprints hat Jakobsen nicht, behauptet er: “Ich fokussiere mich auf die Rennsituation. Ich weiß, was ich zu tun habe.” Nicht immer findet er dabei den Beifall seiner Rivalen. “Du bist in meinen Sprintzug gefahren”, warf ihm der Belgier Jasper Philipsen nach der 2. Etappe der Vuelta a Espana 2021 vor.

Ärger mit Philipsen

Zwei Kilometer vor dem Ziel hatte sich Jakobsens Anfahrer Zdenek Stybar tatsächlich mit Jakobsen zwischen Philipsen und dessen Anfahrer gesetzt - wer in Massensprints gewinnen will, darf nicht zimperlich sein. Philipsen nahm Tempo raus, gewann dann aber trotzdem - in einem Finish, dass die beiden Sprinter letztlich mit viel Sicherheitsabstand zwischen sich austrugen. Der folgende Disput der beiden verlief immerhin in ruhigem Tonfall. Ausrasten ist ohnehin nicht Jakobsens Art. “Ich bin eigentlich ein ruhiger Typ”, sagt er.

Durch den Sturz und die Folgen ist er noch nachdenklicher geworden: “Ich weiß jetzt, wie es ist, wenn man alles verliert.” Und ein Lächeln fliegt über sein Gesicht, als er hinzufügt: “Ich glaube, ich bin zehn Jahre weiser geworden.” Nun ist er nicht nur wieder im Rennen, sondern auch der Erfolg ist zurückgekehrt. “Meine Ergebnisse hier sind höher einzuschätzen als die von 2019”, konstatierte er im Rahmen der Vuelta. Vor drei Jahren, bei seiner allerersten Grand Tour überhaupt, holte er zwei Tagessiege in Spanien.

Ambitionierte Ziele

Jakobsen ist ehrgeizig - das Comeback hat Lust auf mehr gemacht: “Ich möchte in Zukunft eine Karriere haben wie Peter Sagan oder Mark Cavendish”, sagt er selbstbewusst. Messen muss sich Jakobsen dabei wieder mit Dylan Groenewegen. Eben jener Groenewegen, der ihn 2020 bei der Polen-Rundfahrt mit 80 Kilometern pro Stunde in ein Absperrgitter drängte - doch die Geschichte scheint für beide ein Happyend vorgesehen zu haben.

Schließlich gewann Groenewegen die 3. Etappe der Tour de France 2022, nachdem Jakobsen zuvor den zweiten Abschnitt für sich entschieden hatte. Auch Groenewegen musste nach dem Unfall viel durchmachen.

Dylan Groenewegen gewinnt die 3. Etappe der Tour de France 2022. Fabio Jakobsen (rechts in Grün) hat das NachsehenFoto: Getty Velo
Dylan Groenewegen gewinnt die 3. Etappe der Tour de France 2022. Fabio Jakobsen (rechts in Grün) hat das Nachsehen

Groenewegen und Jakobsen treffen wieder aufeinander

Er galt daraufhin lange als Persona non grata, wurde mehrere Monate gesperrt. “Es war ein langer Weg. Ich kann mich nur bei meinem Team, meiner Familie und meinen Freunden bedanken. Mental war es eine schwere Zeit, nach allem, was passiert ist”, erklärte Groenewegen, der für das Team BikeExchange fährt.

Ob Groenewegen und Jakobsen allerdings nochmal Freunde werden, scheint nach den letzten Aussagen Jakobsens eher unwahrscheinlich. “Vor dem Unfall habe ich seine Erfolge bewundert und ein wenig zu ihm aufgeschaut”, meinte der 25-Jährige. “Aber das ist nach dem Sturz, wegen des Fehlers, den er gemacht hat, komplett weg.” Zumindest wird es wohl nicht das letzte Mal gewesen sein, dass sich Jakobsen zu Groenewegen äußert, denn beide sind zurück an der Weltspitze - was vor zwei Jahren kaum möglich schien.