Nach der 15. Etappe des Giro d’Italia wurden die Stimmen aus den Sprinterteams auffallend laut – und ungewohnt frustriert. Max Walscheid nahm dabei kein Blatt vor den Mund: Er kritisierte die Rolle der Kameramotorräder, die seiner Ansicht nach immer wieder in entscheidenden Rennmomenten Einfluss auf das Geschehen nehmen. Kurz darauf schlug auch sein Teamkollege Jonathan Milan ernüchterte Töne an und zog ein Fazit, das wenig Raum für Optimismus ließ.
Doch die angestaute Enttäuschung der Sprinter hat noch einen weiteren, tieferliegenden Grund – und der wiegt deutlich schwerer als eine einzelne Szene im Rennverlauf. Denn das eigentliche Problem ist strukturell: Es ist längst kein neues Phänomen mehr, dass Sprinter bei den drei Grand Tours immer seltener echte Gelegenheiten bekommen, um Etappensiege einzufahren. Das Profil wird anspruchsvoller, die Zahl der klaren Sprintankünfte kleiner, die Streckenführung auf den letzten Kilometern lässt zu wünschen übrig.
Und wenn dann ausgerechnet eine der wenigen Chancen, auf die sich ein gesamtes Team monatelang ausrichtet, plötzlich wegfällt oder entscheidend beeinträchtigt wird, trifft das die Sprinter doppelt. Für sie steht an solchen Tagen nicht nur ein Etappensieg auf dem Spiel – sondern oft die gesamte Rechnung einer Rundfahrt.
Schon zu Beginn des Giro wurde deutlich, wie gnadenlos diese Rundfahrt für die schnellen Männer geworden ist. Selbst Etappen, die im Roadbook als flach ausgewiesen sind, entwickeln sich immer häufiger zu welligen, kräftezehrenden Prüfungen. Und damit nicht genug: Auch vermeintlich unspektakuläre Tagesabschnitte, die über weite Strecken tatsächlich flach verlaufen, bekommen nicht selten kurz vor dem Ziel noch einen schweren Anstieg verpasst – ein Detail, das die Chancen vieler Sprinter im letzten Moment zunichtemacht und die Frustration zusätzlich befeuert.
Die nach der 15. Etappe erneut aufgeflammte Debatte um die Kameramotorräder ist dabei letztlich nur ein Symptom. Dahinter steckt ein deutlich größeres Problem: Rundfahrten verändern sich – und diese Entwicklung geht zunehmend zulasten der Sprinter. Reine Endschnelle verschwinden immer öfter aus dem Peloton. Viele der schnellsten Fahrer sind längst keine klassischen Sprinter mehr, sondern vielseitige Allrounder, die auch über Hügel kommen, in unterschiedlichen Rennsituationen bestehen und im besten Fall sogar Klassiker gewinnen können. Ein Sprinter, der auf zwei oder drei Etappen hoffen muss, wird für viele Teams damit zum Luxus, den sie sich immer seltener leisten wollen.
Gerade bei den Topteams der Grand Tours ist dieser Wandel besonders gut zu beobachten. Wer im Gesamtklassement ganz vorne mitmischen will, lässt einen reinen Sprinter inzwischen meist gleich ganz zu Hause. Denn ein echter Sprinterblock bindet wertvolle Teamkollegen – Fahrer, die dann im Hochgebirge fehlen würden, wenn es darum geht, den Kapitän zu schützen, ihn im Finale zu positionieren oder ihn sicher durch hektische Rennphasen zu bringen.
Mannschaften wie UAE, Visma oder Ineos zeigen seit Längerem, wie konsequent diese Schwerpunktsetzung funktioniert. Anstelle eines klassischen Sprintzuges setzt man lieber auf zusätzliche Berghelfer, Spezialisten für Windkanten-Situationen oder vielseitige Allrounder, die mehrere Aufgaben gleichzeitig übernehmen können.
Für die traditionellen Sprinter hat das eine klare Konsequenz: Selbst wenn die Form stimmt, scheitert es bei vielen Grand Tours nicht an der Leistung, sondern am Kaderplatz. In Teams, die kompromisslos auf das Gesamtklassement ausgerichtet sind, ist für sie oft schlicht kein Raum mehr.
Die Organisatoren stehen heute unter enormem Druck, Etappen zu inszenieren, die ständig nach Spektakel aussehen: TV-Quoten müssen stimmen, Social Media verlangt nach Highlights, und das Publikum hat sich an permanente Zuspitzung gewöhnt. Die Konsequenz ist sichtbar – und sie steht schwarz auf weiß in den Roadbooks: Etappenprofile werden härter. Steilere Rampen, mehr Bergetappen, technischere Schlussrunden, verwinkelte Finals. Und vor allem: immer weniger Raum für jene „langweiligen“ Flachstücke über 200 Kilometer.
Genau diese vermeintlich ereignisarmen Tage waren jedoch früher mehr als bloße Pflichtübungen. Sie waren das klassische Revier der Sprinter – und damit ein tragender Teil der Dramaturgie einer Grand Tour. Flachetappen bedeuteten nicht automatisch Langeweile, sondern Spannung auf anderer Ebene. Dass Sprinter zunehmend aus dem Feld verschwinden, ist deshalb kein Zufall und schon gar keine Laune der Mode. Es ist das Ergebnis einer strukturellen Entwicklung – einer Sportlogik, die extreme Profile belohnt und klassische Sprintchancen systematisch reduziert. Wenn die Organisatoren nicht gegensteuern, wird sich dieser Trend fortsetzen: weniger reine Sprinter, mehr Allrounder, weniger ikonische Sprintduelle, dafür mehr Unruhe und Improvisation in den wenigen verbliebenen Finals.
Am Ende steht eine grundsätzliche Frage: Will der Radsport diese Richtung wirklich einschlagen – oder riskiert er damit, einen seiner traditionsreichsten, verlässlich spektakulären Bestandteile zu verlieren? Denn auch das gehört zur Wahrheit: Ein sauber ausgesprintetes Finale, perfekt angefahren, mit zwei, drei Giganten Rad an Rad bis zur Linie, ist kein langweiliger Radsport. Es ist Radsport in Reinform.
Werkstudent