Sebastian Lindner
· 12.11.2023
1985. Wahrscheinlich weiß jeder Franzose, was in diesem Jahr im Juli passierte. Als bis heute letzter der Ihrigen gewann Bernard Hinault die Tour de France. An Roman Gregoire war damals noch nicht zu denken. Und trotzdem scheint auch sein sportliches Schicksal an den alten Hinault gekoppelt - vor allem nach seiner Saison 2023.
Die Franzosen sind gut darin, potenzielle Tour-Sieger schon in jungen Jahren mit der Last der Grand Nation zu beladen - und dann dabei zuzusehen, wie sie scheitern. Christophe Moreau, Thomas Voeckler, Thibaut Pinot. Ganze Generationen französischer Kletterer sind an dem Unterfangen gescheitert. Und mit jedem, der es nicht schafft, wächst der Druck auf den nächsten.
Und Romain Gregoire gab 2023 Anlass dazu, auch ihn zum künftigen Tour-Sieger zu proklamieren. Mit 20 Jahren fuhr der Mann aus Besancon im Osten Frankreichs seine erste Saison als Profi. Bei Groupama-FDJ, dort fuhr er zuvor auch ein Jahr im Kontinental-Team, bekam er durchaus seine Freiheiten und wusste sie zu nutzen.
Noch früh in der Saison bei der Strade Bianche fuhr er als Edelhelfer für Valentin Madouas, der Zweiter wurde, auf einen starken achten Platz. Schon zuvor waren einstellige Ergebnisse bei den 1.Pro-Rennen Faun-Ardeche Classic und Trofeo Laigueglia eingefahren, die er beim Grand Prix du Morbihan bis auf Platz 2 steigern konnte.
Zwischen Mai und August fuhr Gregoire drei Rundfahrten. Zwei davon entschied er für sich. Die 4 Jours de Dunkerque (2.Pro) entschied er mit einem Etappensieg im Bergaufsprint vor Ethan Vernon, Benoit Cosnefroy und Peter Sagan für sich. Dabei zeigte er sich auch gut auf Kopfsteinpflaster und beendete die Etappe von Roubaix aus als Zweiter.
Nach Platz 15 bei der World-Tour-Rundfahrt Tour de Suisse gewann Gregoire die Tour de Limousin auf der Grundlage zweier Etappensiege - beides kleine Bergankünfte. Wieder zog Cosnefroy, seines Zeichens immerhin Sieger des Grand Prix Quebec (1.UWT), den Kürzeren. Und auch der mehrfache Vuelta-Etappensieger und Bergtrikot-Gewinner, Teamkollege Michael Storer, konnte nicht mithalten..
Der Erfolg bescherte Gregoire dann auch gleich seine erste Grand Tour - die Vuelta. Und es fehlte nicht viel, um gleich einen Tagessieg mit nach Hause zu nehmen. An der Bergankunft an den Laguna Negra war nach langer Flucht nur Jesus Herrada etwas besser.
Bereits in seinem ersten Jahr als Profi hat Gregoire damit eindrucksvoll unter Beweis gestellt, das mit ihm zu rechnen ist. Bergauf hat er bewiesen, dass er an guten Tagen - ähnlich wie sein ebenfalls 20-jähriger Landsmann und Teamkollege Lenny Martinez - mit den besseren Kletterern mithalten kann. Wie bei Martinez, der bei der Vuelta zwischenzeitlich im Roten Trikot unterwegs war, fehlt für den kompletten Rundfahrer noch ein bisschen im Kampf gegen die Uhr.
Und dann muss sich zeigen, wie Romain Gregoire mit dem Druck umgehen wird, denn mit jedem weiteren Sieg rückt der Tour-Sieg vermeintlich einen Schritt näher. Vielleicht trifft es sich ganz gut, dass er sich diese Last mit Martinez teilen kann. Und vielleicht lernt die französische Öffentlichkeit auch aus ihren Fehlern und geht das Unterfangen etwas ruhiger an.