SaisonrückblickDie großen Landesrundfahrten 2023

Tim Farin

 · 29.12.2023

Team Dominanz: Die niederländische Mannschaft Jumbo-Visma lieferte bei den großen Landesrundfahrten 2023 eine historische Leistung.
Foto: Getty Images
Die niederländische Mannschaft Jumbo-Visma lieferte bei den großen Landesrundfahrten 2023 eine historische Leistung und bugsierte sogar ihren Edelhelfer aufs Siegerpodest. Ein Berg mit großer Radsport-Relevanz stellte 2023 Athletinnen und Athleten vor besondere Prüfungen. Außergewöhnliche Momente ereigneten sich an einem Urgestein des Radsports. Über Triumphe, Niederlagen und Teamwork, nicht nur am Tourmalet.

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Der Col du Tourmalet ist so etwas wie der Urahn aller epischen Passstraßen im Radsport. Mit seiner Überfahrt in gut 2100 Metern Höhe stellt er schon seit seiner Aufnahme ins Programm der Tour de France 1910 eines der schwierigsten Hindernisse im Radsport dar, bietet Raum für Heldengeschichten und tragische Einbrüche. Geografisch ist es verständlich, emotional aber zu bemängeln, dass er leider doch ein wenig fern von Italien liegt. Sportlich passend wäre es sicherlich, wenn die Giro-Planer dort ebenfalls Prüfungen für ihre Wettbewerbe abhielten.

Tour de France 2023: Jai Hindley am Col du Tourmalet im Gelben Trikot

Am Tourmalet enden Heldengeschichten, beginnen neue Legenden. 2023 bot der Berg gleich dreimal die Bühne für denkwürdige Etappen bei großen Rundfahrten. Am 6. Juli zerbarst etwa vier Kilometer vor dem Pass der große Traum des Australiers Jai Hindley vom Team Bora-Hansgrohe. Seinem Jubel übers Erobern des Gelben Trikots am Tag zuvor folgte eine drastische Erkenntnis. “Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht die geringste Chance, aber ich habe es genossen”, sagte Hindley, nachdem er im Ziel der 6. Etappe die Führung des Klassements schon wieder an Vorjahressieger Jonas Vingegaard aus Dänemark abgegeben hatte. Genossen habe er den Tag trotz des Rückschlags. Denn zugleich wurde sein Jugendtraum wahr, im Gelben Trikot über die mythischen Anstiege der Tour zu fahren. Doch am Tourmalet war auch klar: Dieses Kapitel an der Spitze war schnell Geschichte.

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Ins gelbe Trikot: Jai Hindley, 2022 Sieger beim Giro d’Italia, stürmt am 5. Juli ins Gelbe Trikot der Tour de France. Am Ende wird der Fahrer von Bora-Hansgrohe Siebter der Gesamtwertung.Foto: Getty ImagesIns gelbe Trikot: Jai Hindley, 2022 Sieger beim Giro d’Italia, stürmt am 5. Juli ins Gelbe Trikot der Tour de France. Am Ende wird der Fahrer von Bora-Hansgrohe Siebter der Gesamtwertung.

Zu aggressiv, zu dominant war einmal mehr die Mannschaft Jumbo-Visma. Das Team setzte alles daran, die Konkurrenz noch vor dem schroffen Übergang ins nächste Tal abzuschütteln. Damit waren es repräsentative Momente. Wie dort war es überall in dieser Saison, wo Männer große Landesrundfahrten bestritten. Die Etappe endete erst etwa 50 Kilometer später mit einer Bergankunft in Cauterets-Cambasque, aber seine dominante Stellung hatte dieser außergewöhnliche Verbund schon am Tourmalet demonstriert. Es war nicht der erste Auftritt dieser Art für Jumbo-Visma. Es würde auch nicht der letzte sein. Für einen großen Widersacher eröffnete er sogar die Chance zur Attacke.

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Tadej Pogacar: Der Champion grübelt

Man hätte an diesem Tag am Tourmalet und am folgenden Anstieg durchaus auch glauben können, dass Tadej Pogacar wieder das Zeug zum Triumph bei der Tour hatte, dass der stets lächelnde Slowene vom Team UAE Emirates auch 2023 noch mehrere Siege bei Monumenten mit dem wichtigsten Erfolg im Radsport kombinieren könnte. Es war jedoch ein trügerisches Bild, als Pogacar den Dänen Jonas Vingegaard vor dem Ziel um 24 Sekunden abschüttelte. Vingegaard hatte nicht verloren. Er war jetzt der Leader – und hatte ein Team, das alle Widersacher ausstechen würde. Tadej Pogacar brachte diese Tour, die er zwei ­Wochen später als Zweiter beendete, ins Grübeln. “Nicht ideal” sei es für die Vorbereitung auf die Frankreich-Rundfahrt, wenn er so viel Mühen in die Frühjahrs- und Herbstrennen stecke. Wird der Slowene also doch etwas ändern müssen an seiner launigen Art und seiner Vielseitigkeit, um die Wünsche der Sponsoren zu befriedigen? Oder hätte es für ihn womöglich doch zum Sieg in Frankreich gereicht, wenn er nicht bei Lüttich-Bastogne-Lüttich gestürzt wäre? Nach dem Bruch seiner Hand hatte er schließlich im Frühling eine Pause einlegen müssen.

Besondere Wege: Die Auffahrt zum Vulkankegel des Puy de Dome ist radsporthistorisch ­bedeutsam, aber normalerweise gesperrt. Hier duellieren sich Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar (rechts).Foto: Getty ImagesBesondere Wege: Die Auffahrt zum Vulkankegel des Puy de Dome ist radsporthistorisch ­bedeutsam, aber normalerweise gesperrt. Hier duellieren sich Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar (rechts).

Für Jonas Vingegaard und sein Team war die Fahrt zum Tourmalet erneut eine Gelegenheit, sportliche Überlegenheit auf den Asphalt zu bringen. Es war diese Art der Dominanz, die selbst das englischsprachige Politikmagazin “The Economist” zu einer Geschichte über den niederländischen Rennstall animierte. Eine Überlegenheit, die schon beim Giro d’Italia im Mai zu erkennen war. Dort hatte Primoz Roglic den Sieg für sein Team eingefahren, stark unterstützt vom US-amerikanischen Edelhelfer Sepp Kuss. Und dieser würde am Tourmalet wiederum zwei Monate nach der Tour de France eine der unerwarteten Geschichten des Sports schreiben.

Tour de France Femmes 2023: Triumphfahrt von Demi Vollering

Sportgeschichte zu provozieren, war auch das Ziel von Marion Rousse, Macherin der Tour de France Femmes. “Es ging uns auch darum zu zeigen, dass die Frauen fähig sind, wie die Männer die mythischen Anstiege zu meistern”, sagte die Direktorin vor der zweiten Ausgabe der einwöchigen Rundfahrt, bei der der Frauenradsport deutlich größere Wahrnehmung erfährt als in den Jahrzehnten zuvor. So stellte der Tourmalet auch den entscheidenden Anstieg der Frauen-Tour 2023 dar. Und wie erhofft: Auf dem Weg von Sainte-Marie-de-Campan hinauf zum Pass nahm die überragende Sportlerin des Jahres, Demi Vollering, vom wieder einmal überragenden Team SD Worx ihre Chance wahr. Im wolkenverhangenen spanisch-französischen Grenzgebirge attackierte sie ihre Landsfrau Annemiek van Vleuten, die gerne vor ihrem Karriereende ihre zweite Tour gewonnen hätte. Vollering setzte sich ab und fuhr als Solistin ins Ziel – ein Angriff, wie ihn Champions setzen. Am Tag darauf verteidigte Vollering ihr Gelbes Trikot souverän. Damit gelang ihr der wichtigste Rundfahrt-Sieg im Frauen-Rennkalender.

Konzentration: Beim Einzelzeitfahren geht Demi Vollering ­fokussiert zu Werke, wird Tageszweite und sichert so den Gesamtsieg.Foto: Getty ImagesKonzentration: Beim Einzelzeitfahren geht Demi Vollering ­fokussiert zu Werke, wird Tageszweite und sichert so den Gesamtsieg.

Vuelta a Espana: Remco Evenepoel - gescheitert am Col du Tourmalet

Einen tiefen Sturz hingegen erlebte am Tourmalet der Belgier Remco Evenepoel. Die Radsportwelt hatte den Weltmeister bei der Vuelta als Favoriten gehandelt, im Weißen Trikot des besten Nachwuchsfahrers war er unterwegs, in der Gesamtwertung auf Platz drei. Doch dann erlebte er einen sportlichen Einbruch in den Pyrenäen. Auf dem Weg zum Tourmalet verlor er gut 27 Minuten auf die Spitze. Während vorne wieder der Jumbo-Visma-Express das Geschehen bestimmte, während Vingegaard wieder seinen Status als begnadeter Rundfahrer zementierte. Evenepoel, in seiner Heimat als möglicher Eddy Merckx des 21. Jahrhunderts gehandelt, scheiterte. Immerhin: Später berichtete er, dass er die Freiheiten genossen habe, die ihm die Schlappe am Tourmalet einbrachte. Und so triumphierte Evenepoel noch auf zwei weiteren Etappen und gewann das Bergtrikot.

Die ungewöhnlichste Geschichte des Jahres spielte sich auch am Tourmalet ab, obwohl sie erst später so richtig auffiel. Den großen Jubel bei der Bergankunft der Vuelta hatte Vingegaard geerntet. Doch im Roten Trikot des Leaders war bereits sein Teamkollege Sepp Kuss unterwegs. Das hatte sich im Rennen ungeplant ergeben – und es sollte sich bis ins Ziel nach Madrid nicht mehr ändern. Der Edelhelfer, der bei drei Rundfahrten überragende Leistungen zeigte und seine Kapitäne zum Sieg ziehen sollte, bekam schlagartig seine eigene Chance. Und Jumbo-Visma hatte eine solche Überlegenheit erlangt, dass die eigenen Kapitäne noch versuchten, Kuss die Führung wieder abzuluchsen. Schon den Versuch fand Radsportlegende Sean Kelly “unfair”. Noch dazu misslang er. Und so stand am Ende des Jahres der fast schon erdrückenden schwarz-gelben Dominanz doch noch eine große Über­raschung – und eine interessante Frage: Wird Sepp Kuss der große Rundfahrer der Zukunft sein?

Tour de France

Ergebnisse Männer

  1. Jonas Vingegaard (DEN, Jumbo-Visma), 3.401,3 km in 82:05:42 Std.
  2. Tadej Pogacar (SLO, UAE Team Emirates), +7:29 Min.
  3. Adam Yates (GBR, UAE Team Emirates), +10:56


Ergebnisse Frauen

  1. Demi Vollering (NED, SD Worx), 959,9 km in 25:17:35 Std.
  2. Lotte Kopecky (BEL, SD Worx), +3:03 Min.
  3. Kasia Niewiadoma (POL, Canyon-SRAM ), +3:03
Angriff am Tourmalet: Demi Vollering setzt auf dem langen Weg zum Pyrenäenpass auf Offensive und schüttelt alle Widersacherinnen ab. Das sichert ihr das Gelbe Trikot.Foto: Getty ImagesAngriff am Tourmalet: Demi Vollering setzt auf dem langen Weg zum Pyrenäenpass auf Offensive und schüttelt alle Widersacherinnen ab. Das sichert ihr das Gelbe Trikot.

Giro d’Italia

Ergebnisse Männer

  1. Primoz Roglic (SLO, Jumbo-Visma), 3.481,2 km in 85:29:02 Std.
  2. Geraint Thomas (GBR, Ineos Grenadiers), +0:14 Min.
  3. Joao Almeida (POR, UAE Team Emirates), +1:15


Ergebnisse Frauen

  1. Annemiek van Vleuten (NED, Movistar), 968 km in 24:26:25 Std.
  2. Juliette Labous (FRA, DSM-Firmenich), +3:56 Min.
  3. Gaia Realini (ITA, Lidl-Trek), +4:23
Ihr letzter Giro: Vor ihrem Karriereende zeigt Annemiek van Vleuten vielmals ihr Top-Niveau. Den Giro der Frauen gewinnt sie bei ihrem letzten Auftritt zum insgesamt vierten Mal.Foto: Getty ImagesIhr letzter Giro: Vor ihrem Karriereende zeigt Annemiek van Vleuten vielmals ihr Top-Niveau. Den Giro der Frauen gewinnt sie bei ihrem letzten Auftritt zum insgesamt vierten Mal.

Vuelta A Espana

Ergebnisse Männer

  1. Sepp Kuss (USA, Jumbo-Visma), 3156,5 km in 76:48:21 Std.
  2. Jonas Vingegaard (DEN, Jumbo-Visma), +0:17 Min.
  3. Primoz Roglic (SLO, Jumbo-Visma), +1:08


Ergebnisse Frauen

  1. Annemiek van Vleuten (NED, Movistar), 741 km in 19:00:11 Std.
  2. Demi Vollering (NED, SD Worx), +0:09 Min.
  3. Gaia Realini (ITA, Lidl-Trek), +2:41


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