Lennart Jasch“Ich bin selbst gespannt, wohin meine Reise führt”

Lennart Jasch: “Ich bin selbst gespannt, wohin meine Reise führt”Foto: Getty Images/Tim de Waele
Fahrt ins Rampenlicht: Bei der Tour of the Alps im April gewann Lennart Jasch eine Etappe und die Bergwertung
Interview: Stephan Klemm

​Von schmalen Kufen auf schnelle Reifen: 2024 fuhr der frühere Eisschnellläufer Lennart Jasch sein erstes Radrennen. Seit Mitte 2026 zählt er zum Profi-Kader des Tudor Cycling Team und hat bereits mehrere hochkarätige Rennen gewonnen, darunter die Gesamtwertung der Tour de Langkawi. Im Interview erzählt er, wie er den Wechsel in den Radsport erlebt hat und wie er sich seine überraschenden Erfolge erklärt

TOUR: Herr Jasch, Ihre Geschichte kling zu surreal, um wahr zu sein: Vor zweieinhalb Jahren waren Sie noch Eisschnellläufer, jetzt sind Sie 25 Jahre alt und ein Radprofi, der Rennen gewinnt, und zwar sehr schwere. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

JASCH: Ich muss mich manchmal selbst schütteln, um zu begreifen, was da mit mir geschieht. Jetzt bin ich tatsächlich Radprofi. Vor etwa einem Jahr stand ich ­zuletzt mit Schlittschuhen auf dem Eis, zusammen mit einem Freund, der unbedingt mit mir in eine Eishalle wollte. Das war aber nur ein spaßiges Rumgerutsche. ­Für mich steht nun der Radsport im Mittelpunkt.

TOUR: Sie haben sehr viel in Ihre Karriere als Eisschnellläufer investiert, wie weit sind Sie in dieser Zeit gekommen?

JASCH: Ich wohne im Chiemgau, nicht allzu weit weg von Inzell, dem Bundesleistungszentrum für Eisschnelllauf. Dass ich es mit diesem Sport versuchen würde, lag aber nicht an der Nähe zu Inzell. Das war vorgezeichnet, denn ich entstamme einer Eisschnelllauf-Familie. Meine Eltern waren Eisschnellläufer, mein Vater Helge Jasch war sogar Bundestrainer und ist jetzt Teamleiter. Und meine Schwester Maira wurde bei den Olympischen Winterspielen im Februar in Mailand Achte über 5.000 Meter. Das war auch meine Lieblingsdistanz. Ich war zwar in der Nationalmannschaft, aber der große internationale Durchbruch ist mir nicht gelungen. Für ein Weltcup-Rennen wurde ich nie nominiert.

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TOUR: War das Eingeständnis, dass Sie es im Eisschnelllauf nicht in die Weltspitze schaffen, für Sie auch ein Grund für den Wechsel der Sportarten?

JASCH: Beim Eisschnelllaufen bestehen 80 Prozent des Trainings aus Radfahren. Auch in meiner letzten Saison auf dem Eis bin ich schon 20.000 Kilometer mit dem Rad gefahren. Das ist das Grundlagentraining, Intervall und Intensität haben wir auf das Eis verlegt.

Radsport hat mich immer schon interessiert. Auch als Fernsehsport, die Tour de France hat mich begeistert und auch viele andere Rennen.

Bei Leistungsdiagnostiken auf dem Rad ist aufgefallen, dass ich sehr gute Werte habe. Da kam schon die Frage auf, ob ich es nicht mal mit Radrennen versuchen wolle. Ich habe gezögert, weil ich es als Eisläufer zu den Olympischen Spielen schaffen wollte. Ich betrachtete Radsport als sehr gefährlich. Ich habe mich deshalb nicht getraut, Rennen zu fahren. Ich dachte: Wenn du im Sommer stürzt und dir was brichst, dann kann die Wintersaison schnell vorbei sein. Dann aber kam ein Einschnitt, das war Ende 2023.

TOUR: Was genau ist da passiert?

JASCH: Ich litt unter einer Dysbalance auf dem Eis. Mein linkes Bein war schwächer als mein rechtes. Das spürte ich aber nur auf dem Eis. Auf dem Rad war das kein Problem. Ich habe viele Ärzte aufgesucht, niemand konnte mir so richtig helfen. Im November 2023 haben mich meine Trainer gebeten, dass ich als Reha-Maßnahme Intervalle auf dem Rad fahren soll, damit ich fit bleibe. Das habe ich getan, auf der Rolle. Ich habe dann bei der Plattform Zwift nach Rennen geschaut und bin auf die Zwift-Akademie gestoßen. Nach ein paar Einheiten bekam ich eine Mail von der Akademie. Sie waren über meine Werte erstaunt und schickten mir einen Fragebogen, sie wollten mehr über mich erfahren. Ich dachte mir: Wenn meine Werte offensichtlich gut sind, würde ich gern wissen, wie gut sie im Vergleich zu Radprofis sind. Und ob es vielleicht tatsächlich Sinn macht, die Sportart zu wechseln. Und dann hatte ich großes Glück.

TOUR: Inwiefern?

JASCH: Manfred Düring, der Leiter meines Reha-Instituts, meinte, er kennt da jemanden. Er versucht mal, uns zu verbinden. Eine Woche später schickte mir Manfred eine WhatsApp mit dem Kontakt von Dan Lorang, der war damals Performance-Manager bei Bora-hansgrohe. Ich solle ihn anschreiben, Dan wisse Bescheid. Ich dachte nur: Wie bitte? Dan Lorang anschreiben? Ich war total aufgeregt. Aber ich habe ihm geschrieben.

TOUR: Dan Lorang ist stets daran interessiert, Sportler mit Top-Werten kennenzulernen. Wie hat er auf Ihr Anschreiben reagiert?

JASCH: Sehr freundlich. Er wollte mich kennenlernen. Ich habe bei ihm einen Power-Profile-Test gemacht. Dan sagte mir daraufhin, dass meine Wattwerte auf jeden Fall reichen würden, um in der World-Tour zu fahren. Aber das ist ja nur ein Teil des Projekts Radsport. Dan sagte mir: ‚Du musst alles lernen, vor allem: im Feld fahren können.‘ Aber er riet mir dazu, Rennen zu fahren. Und ich war bereit dazu. Der Winter war inzwischen vorbei, es war Frühjahr 2024, und ich dachte mir: Wenn das nichts gibt mit dem Radsport, kann ich ja immer noch aufs Eis zurück.

TOUR: Wie ging es dann weiter?

JASCH: Ich habe versucht, ein Team zu finden. Aber das klappte nicht. Wer nimmt schon einen absoluten Rookie, noch ­dazu nach der Vorbereitung? Ich löste also eine Amateurlizenz. Zuvor hatten mir die Jungs meines Vereins RSV Irschenberg erklärt, wie das im Radsport so funktioniert: Lizenzen, Anmelden zu Radrennen, Fahren im Peloton, Regelkunde und so weiter. Mein erstes Straßenrennen war dann der Große Preis von Zusmarshausen im Mai 2024. Da bin ich direkt Zweiter geworden. Ich bekam daraufhin die Chance, mich im Max-Solar-Cycling-Team zu zeigen und bin dann ab Mai für diese Mannschaft eine ganze Menge Rennen gefahren.

Die Oberösterreich-Rundfahrt im Juni 2024 war dabei das erste UCI-Rennen, an dem ich teilnahm. Da bin ich Zehnter in der Gesamtwertung geworden.

Das hat Tim Meeusen mitbekommen, ein Scout von Bora-hansgrohe, das war kurz vor dem Einstieg von Red Bull in das Team. Tim wollte sich daraufhin mein ­Profil ansehen und stellte fest: Nichts, leer, kein Eintrag. Woher auch? Ich war ja völlig neu. Das hat Tims Neugierde geweckt. Ich wurde daraufhin im Red-Bull-Performance-­Center getestet. Meine Leistung muss Eindruck hinterlassen haben, denn ich bekam bald darauf das Angebot, 2025 für das Development-Team von Red Bull fahren zu können. Das habe ich dankend angenommen.

TOUR: Wie war es denn dann für Sie als Rookie, im Feld zu fahren? Gegen Fahrer, die diesen Sport von klein auf betrieben haben?

JASCH: Ich kannte Radsport bis dahin nur vom Fernsehen. In die Taktik konnte ich mich reindenken. Aber live auf der Straße hatte ich so was ja nie erlebt. Ich war bei meinen ersten Rennen total nervös. Ich wollte bloß nichts falsch machen. Bloß nicht doof auffallen. Ich habe aber immer viele Fragen gestellt und darauf viele gute Antworten erhalten. Und irgendwann läuft es und du hast es drauf. Ich würde sagen, dass ich den Radsport inzwischen verstanden habe und da ohne gröbere Fehler durchkomme. Auch wenn ich natürlich immer noch viel lernen kann.

TOUR: 2026 sind Sie zum Team Tudor Pro Cycling gewechselt. Und dort wurden Sie zum Siegfahrer.

JASCH: Klingt sehr hoch gegriffen. Aber irgendwie ist es so. Mich hat das Angebot von Tudor überzeugt. Ich war dort zunächst auch im Development-Team. Bis Ende Mai.

TOUR: Ende April haben Sie eine Etappe der schweren und top besetzten Tour of the Alps im Tudor-Dress gewonnen und später auch die Bergwertung. Haben Sie sich damit selbst verblüfft?

JASCH: Auf jeden Fall. Ich war komplett baff und fassungslos. Dieser Sieg kam völlig aus dem Nichts, auch für mich. Anfang Juni bin ich dann vom Development-Team zu den Profis hochgezogen worden. Das war unglaublich für mich. Ich spürte: Die harte Arbeit zahlt sich aus, die Selbstzweifel sind weg. Das hier ist jetzt kein Hobby mehr, sondern mein Beruf. Ich bin jetzt Profi und verdiene mit dem Radsport mein Geld. Das ist immer noch schwer zu verstehen.

TOUR: Sie blieben weiter im Gespräch. Ende Juni belegten Sie, knapp geschlagen, Rang zwei bei den Deutschen Meisterschaften. Zuvor haben Sie die sehr schwere Tour Auvergne-Rhône-Alpes auf Platz 16 beendet. Und Mitte September haben Sie sich noch einmal mit einem Etappensieg beim stark besetzten Giro d’Abruzzo bei einer schweren Bergetappe selbst verblüfft. War Ihnen danach klar, dass Sie angekommen sind in Ihrem Sport?

JASCH: Das war immer noch und weiterhin völlig verrückt für mich. Ich habe erst begriffen, dass ich gewonnen habe, als ich beim Siegerinterview saß und die Ergebnisliste sah:

Was? Ich? Gewonnen? Hier? Surreal! Ich bin in den vergangenen Wochen immer mal wieder aufgewacht und habe direkt auf mein Handy schauen müssen, um mich zu vergewissern, dass das alles wirklich passiert ist: Dass ich ein Profi bin, der Rennen gewonnen hat.

Mir fällt dann immer ein Stein vom Herzen, wenn ich die Gewissheit habe: Es ist tatsächlich wahr. Das war kein Traum.

TOUR: Zuletzt haben Sie in Malaysia eine Etappe und die gesamte Tour de Langkawi gewonnen und damit zwei weitere Erfolge eingefahren. Sehen Sie sich als Rundfahrer?

JASCH: Langkawi war wieder eine neue Erfahrung. Da war ich erstmals Leader in meinem Team. Ich war dort sehr selbstbewusst und habe mir durchaus etwas zugetraut. Ich sagte mir: Am Ende geht es hier darum, zu gewinnen. Aber bin ich nun ein Rundfahrer? Das ist noch offen, würde ich ­sagen. Bei der Tour of the Alps war ich in einer Ausreißergruppe. In den Abruzzen habe ich spät attackiert. In Malay­sia habe ich das Rennen kontrollieren können. Das sind verschiedene Ansätze, insofern: Ich bin selbst gespannt, wo bei mir die Reise hingeht. Aber mich würde es schon reizen, Klassement-Fahrer zu werden.

Eis-Zeit: Eine Dysbalance zwischen rechtem und linkem Bein zerschlug die Perspektive von Lennart Jasch als EisschnellläuferFoto: International Skating Union/International Skating Union via Getty ImagesEis-Zeit: Eine Dysbalance zwischen rechtem und linkem Bein zerschlug die Perspektive von Lennart Jasch als Eisschnellläufer

TOUR: Vor Ihnen sind schon Sportler aus anderen Disziplinen sehr gute Radsportler geworden. Zum Beispiel Primož Roglič, er war vorher Skispringer. Oder Florian Lipowitz, der als Biathlet angefangen hat. Warum ist der Radsport so gut geeignet für Umsteiger?

JASCH: Radfahren kann jedes Kind. Das ist schon mal die Basis. Im Vergleich zum Eisschnelllauf ist Radfahren eine weniger technische Sportart. Wer kann schon Eisschnelllaufen? Es ist sehr schwer, eine derart hoch koordinative Sportart zu erlernen. Florian ist wie ich immer schon viel Rad gefahren als Grundlage für seinen Sport. Florian und ich waren ja immer schon Ausdauersportler. Das hast du also schon in dir. Das macht dem Umstieg womöglich leichter.

TOUR: Haben Sie schon Hinweise, welche Rennen 2027 für Sie vorgesehen sind?

JASCH: Nein. Das warte ich ruhig ab. Klar ist aber: Ich möchte mich weiter verbessern. Das geht nur, wenn wir Fehler analysieren. Diese Art von Bilanz ist sehr wichtig für mich. Wenn uns das gelingt, kann ich noch mal einen Schritt machen in der kommenden Saison.

Aber klar ist, dass ich auf jeden Fall mal in meiner Karriere eine Grand Tour fahren möchte.

Die Tour de France ist vielleicht noch eine Nummer zu groß. Aber den Giro d’Italia und die Vuelta traue ich mir auch jetzt schon zu. So eine Grand Tour ist das Härteste, das du in diesem ohnehin schon harten, entbehrungsreichen Sport machen kannst. Ich kann mir vorstellen, dass dir die Erfahrung, etwas so Hartes durchgestanden zu haben, im gesamten Leben eine neue Perspektive aufweist.

TOUR: Gibt es ein Rennen, das Sie in Ihrer Karriere unbedingt mal gewinnen wollen?

JASCH: Ich habe in diesem Jahr nur ganz knapp den Sieg bei den Deutschen Meisterschaften verpasst. Diesen Erfolg würde ich gerne einmal erleben. Das ist ein sehr besonderes Rennen, vor allem, weil du danach das Trikot des Deutschen Meisters ein Jahr lang tragen darfst. Für mich ist es das schönste Trikot im gesamten Peloton. Das wäre schon eine brutale Ehre, so einen Dress tragen zu dürfen.

Lennart Jasch - zur Person

Lennart JaschFoto: Tudor Pro Cycling TeamLennart Jasch

Nationalität Deutscher
Geboren 14. November 2000 in Prien


Teams
Max-Solar-Team (2024); Red Bull-Bora-hansgrohe (Development-Team, 2025); Tudor Pro Cycling (2026, bis Ende Mai ­Development-Team, danach im Pro-Team; Vertrag bis 2028)

Wichtigste Erfolge
Vier Siege bisher als Radsportler: Eine Etappe der Tour of the Alps; eine Etappe des Giro d’Abruzzo; eine Etappe und Gesamtwertung der Tour de Langkawi (alles 2026)

Biografie
In seinem ersten Sportlerleben war Lennart Jasch von 2011 bis 2024 Eisschnellläufer. Seine bevorzugten Strecken waren die Langdistanzen und der Massenstart. Wegen einer Dysbalance (sein linkes Bein war schwächer als sein rechtes) konnte er im Herbst 2023 nicht mehr Eisschnelllaufen. Um konditionell in Tritt zu bleiben, ging er auf die Rolle und spulte auf dem Rad Intervalle ab. Seine Werte waren dabei herausragend. Jasch erhielt den Kontakt zu dem bekannten Trainer Dan Lorang, der ihm schließlich den Rat erteilte, es als Radsportler zu versuchen. Nach einem Lehrjahr ab Mai 2024 bei Max Solar schaffte Jasch den Sprung ins Development-Team von Red Bull-Bora-hansgrohe, ehe er zu Beginn dieses Jahres zu Tudor Pro Cycling wechselte. Dort erhielt er im Juni seinen ersten Profivertrag.


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