Nach der KarriereDas machen ehemalige Topstars heute

Leon Weidner

 · 13.10.2026

Nach der Karriere: Das machen ehemalige Topstars heuteFoto: Picture Alliance/Kay Nietfeld
Rick Zabel widmete sich neben seinem Profiradsport-Content auch ganz anderen Bereichen auf seinen digitalen Kanälen
​Rennleiter, Bundestrainer, Podcaster: Viele Ex-Profis kommen vom Radsport nicht los. Andere nehmen bewusst Abstand vom Profiradsport und züchten heute Rinder oder malen. Und manche, die gegangen sind, finden über Umwege doch zurück.

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​Irgendwann ist das letzte Rennen gefahren. Für die meisten Radprofis kommt dieser Moment Mitte 30, also mitten im Leben. Was danach folgt, ist so unterschiedlich wie die Fahrertypen im Peloton: Die einen bleiben dem Sport treu und wechseln nur die Seite. Andere erfinden sich innerhalb der Szene völlig neu. Und einige suchen gezielt Abstand, weil der Profiradsport sie ausgelaugt hat. Spannend wird es dort, wo sich diese Wege kreuzen.

Seitenwechsel im Profiradsport

Kaum einer verkörpert das Bleiben so konsequent wie Fabian Wegmann. Freiwillig endete seine Karriere nicht: Als sich sein letztes Team Stölting nach der Saison 2016 zurückzog, stand der dreimalige deutsche Meister ohne Vertrag da. Statt zu hadern, nutzte der Münsteraner die freie Zeit, löste bei der UCI die Lizenz als Sportlicher Leiter und machte zusätzlich einen Trainerschein. Zunächst arbeitete er für den Tour-de-France-Veranstalter A.S.O. als Regelhüter im Rennen.

Heute sitzt Wegmann bei fast allen wichtigen deutschen Profirennen vorne im Führungsfahrzeug. Er ist Sportlicher Leiter der Deutschland Tour und gestaltet Eschborn-Frankfurt sowie sein Heimrennen, den Münsterland Giro, mit. 2024 kamen die Cyclassics in Hamburg dazu, wo er Roland Hofer beerbte, der mit 80 Jahren in den Ruhestand ging. Eine schöne Pointe: Beim Frankfurter Klassiker, dessen Strecke er heute mitplant, hat Wegmann 2009 und 2010 selbst gewonnen.

Sein Job ist ein Balanceakt zwischen den Wünschen der Fahrer, den Auflagen der Behörden und den Sicherheitsanforderungen. Dass er trotzdem den Rennfahrer in sich nicht verleugnet, zeigte er bei der Deutschland Tour 2025: Für die Etappe in den Teutoburger Wald habe man „alles an Steigungen mitgenommen, was möglich war“.

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Der Sprinter, der Bundestrainer wurde

Auch André Greipel ist geblieben, allerdings mit Anlauf. Als der erfolgreichste deutsche Radprofi (158 Siege, elf Tour-Etappen) im Oktober 2021 beim Münsterland Giro abstieg, lag bereits ein Angebot auf dem Tisch: Sportlicher Leiter bei Lotto-Soudal. Greipel sagte ab, es kam ihm zu früh. Stattdessen half er einem Radhersteller bei Entwicklung und Materialtests und kümmerte sich vor allem um seine Familie im Kölner Umland.

2023 dann die überraschende Wende: Ausgerechnet der Bund Deutscher Radfahrer, den Greipel kurz nach seinem Karriereende noch öffentlich für gebrochene Versprechen kritisiert hatte, machte ihn zum Teamchef der Elite-Männer. Seitdem betreut er die Nationalmannschaft bei Welt- und Europameisterschaften und redet bei den Nominierungen mit. Parallel hat er eine Agentenlizenz erworben, um jungen Fahrern zu Verträgen zu verhelfen. Ein Interessenkonflikt? Den sieht Greipel nicht, im Fahrerfeld gab es aber durchaus kritische Stimmen.

Die neue Bühne des Profiradsport

Während Wegmann und Greipel klassische Funktionärs- und Trainerwege gehen, hat Rick Zabel ein ganz neues Berufsbild für Ex-Profis geprägt. An die Erfolge seines Vaters Erik kam er sportlich nie heran, und doch war er zum Ende seiner Laufbahn einer der populärsten deutschen Fahrer überhaupt. Der Grund: Schon während seiner 13 Profijahre baute er sich mit Podcast und Social Media ein zweites Standbein auf. Im TOUR-Interview räumte er später ein, dass ihn das Geschichtenerzählen zuletzt glücklicher gemacht habe als das Rennfahren selbst.

Seit dem Rücktritt ist aus dem Nebenjob ein Vollzeitprojekt geworden. Seit Mai 2025 erscheint jeden Donnerstag der Podcast „Ulle & Rick“, den er gemeinsam mit Jan Ullrich moderiert. Sein Buch „On the Road“ stieg direkt auf Platz zwei der SPIEGEL-Bestsellerliste ein. Und in seiner YouTube-Serie „Rick needs a Job“ probierte er ein Jahr lang Woche für Woche einen anderen Beruf aus, unter anderem als Fußballer beim 1. FC Köln, auf dem Eis bei den Kölner Haien und in der Küche eines Sternekochs. Ganz ohne Rennen geht es aber auch bei ihm nicht: Bei Eschborn–Frankfurt 2026, wo er 2017 als Anfahrer von Alexander Kristoff selbst Zweiter wurde, stand er als TV-Experte am Mikrofon. Auf Instagram sieht man in letzter Zeit wieder vermehrt Radsport-Beiträge.

Raus aus dem Risiko: Tony Martin

Einen Schritt weiter weg vom Profiradsport ist Tony Martin gegangen. Der viermalige Zeitfahrweltmeister beendete seine Karriere 2021, ein Jahr vor Vertragsende, und begründete das auch mit den schweren Stürzen jener Saison. Er habe sich gefragt, ob er das Risiko des Sports weiter eingehen wolle, und kritisierte, dass sich die Sicherheit in den Rennen trotz aller Diskussionen nicht verbessert habe. Der Abschied gelang dafür umso schöner: In seinem letzten Rennen holte er mit der deutschen Mixed-Staffel noch einmal WM-Gold.

Heute ist Martin Unternehmer statt Rennfahrer. Er arbeitet an seiner eigenen Kinderfahrrad-Marke li:on und ist als Markenbotschafter für einen Helmhersteller unterwegs. Aufs Rad schafft er es nach eigener Aussage noch ein- bis zweimal pro Woche für mindestens drei Stunden. An ein Comeback hat er nach eigener Aussage nie gedacht.

Weg und doch zurück: Kittel und Dumoulin

Noch radikaler war der Bruch bei Marcel Kittel. Deutschlands Rekord-Etappensieger bei der Tour (14 Tagessiege) löste im Mai 2019 seinen Vertrag bei Katusha-Alpecin auf und erklärte wenig später das Karriereende. Er habe jede Motivation verloren, sich weiter zu quälen, sagte er damals. Dazu kam die Geburt seines ersten Kindes, das er nicht nur per Videoanruf aufwachsen sehen wollte. Kittel schrieb sich in Konstanz für Wirtschaftswissenschaften ein, verbrachte die Nachmittage in der Bibliothek und veröffentlichte 2021 ein Buch, in dem er offen über die Sinnkrisen hinter den großen Siegen schreibt.

Ganz losgelassen hat ihn der Sport trotzdem nie. Seit 2021 analysiert er für den niederländischen Sender NOS die Tour de France, seit Jahren ist er Markenbotschafter von Rose Bikes. Und seit dieser Saison ist er endgültig zurück im Profiradsport: Als Sprintcoach beim ProTeam Unibet Rose Rockets arbeitet er ausgerechnet mit seinem früheren Rivalen Dylan Groenewegen.

Einen ähnlichen Weg hat Tom Dumoulin genommen. Der Giro-Sieger und Zeitfahrweltmeister von 2017 stieg im Januar 2021 mitten im Trainingslager aus, weil er nicht mehr wusste, ob er überhaupt noch Radprofi sein will. Er beschrieb die Entscheidung als Befreiung, als sei ihm ein schwerer Rucksack von den Schultern gerutscht. Zwar kehrte er zurück und holte Olympia-Silber in Tokio, doch im August 2022 war endgültig Schluss: Der Tank sei leer. Danach reiste Dumoulin um die Welt, unter anderem mit dem Mountainbike ins Himalaya-Gebirge.

Heute ist er wieder mittendrin, zunächst als meinungsstarker Experte, bald in verantwortlicher Rolle: Ab 2027 übernimmt Dumoulin die Leitung des Amstel Gold Race. In dieser Saison arbeitet er sich an der Seite des langjährigen Renndirektors Leo van Vliet ein. Damit geht er denselben Weg wie Fabian Wegmann, nur eben über einen deutlich längeren Umweg.

Ganz weit weg: Ziegen, Rinder und Leinwände

Und dann gibt es die, die wirklich gegangen sind. Thibaut Pinot war einer der beliebtesten französischen Fahrer seiner Generation, Tour-Dritter 2014 und Sieger der Lombardei-Rundfahrt 2018. Den Druck, der in Frankreich auf ihm als ewigem Hoffnungsträger lastete, hielt er nie für einen Preis wert, für den er sein Zuhause aufgeben wollte. Mit seinem Karriereende 2023 erklärte er, er sei nun bereit für das echte Leben. Dieses Leben spielt sich in seinem Heimatdorf Melisey in den Vogesen ab, auf einem Bauernhof, den er mit seiner Partnerin wieder aufgebaut hat. Berühmt wurden seine Ziegen, inzwischen will er vor allem seine Rinderzucht ausbauen.

Noch konsequenter war Taylor Phinney. Der US-Amerikaner, Sohn zweier Olympiamedaillengewinner, zweifacher Bahnweltmeister und 2012 im Rosa Trikot des Giro, hörte 2019 kehrte 2019 mit gerade einmal 29 Jahren dem Profiradsport den Rücken, um sich der Kunst zu widmen. Nach seinem schweren Sturz 2014 hatte er in der Reha zum Pinsel gegriffen, irgendwann habe die Kunst schlicht gewonnen. Seither malt Phinney, macht Musik und baut rund um seinen Wohnort Girona Mountainbike-Trails. Seine Bilder, eine Mischung aus Abstraktion und Schrift, haben mit Radsport kaum etwas zu tun. So ganz vom Radsport weg kam er jedoch auch in den letzten Jahren nicht, da seine Frau, Kasia Niewiadoma-Phinney, eine der besten Profis bei den Frauen ist.

Die Rückkehr der Aussteiger?

Ausgerechnet Phinney liefert die jüngste Pointe dieser Geschichte: Ermutigt von USA Cycling trainiert er wieder auf der Bahn und will sich einen Platz im Vierer für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles erkämpfen. Tony Martin würde ihm wohl abraten, Comebacks gingen nie gut aus, findet der Ex-Weltmeister.

Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Ein Karriereende im Profiradsport ist selten ein glatter Schnitt. Wer bleibt, wechselt die Rolle. Wer geht, braucht oft erst Abstand, um wieder Lust auf den Sport zu bekommen, wie Kittel und Dumoulin zeigen. Und selbst wer die Leinwand dem Rennrad vorgezogen hat, spürt irgendwann wieder das Kribbeln des Radsports.

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Leon Weidner

Leon Weidner

Redakteur

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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