Ein Freund, der von hinten „Los!“ ruft. Ein Vater auf dem Motorrad. Ein Idol im Fernsehen. Keiner der Nachwuchsfahrer, die 2027 in die WorldTour aufsteigen, hat diesen Weg allein geschafft. Geschichten über die Menschen hinter dem Sprung.
Drei Minuten nach dem Start ist das Rennen für Milan Donie eigentlich schon gelaufen. Jemand ist ihm ins Schaltwerk gefahren, er muss das Rad wechseln. Der Belgier kämpft sich nach vorne, attackiert, landet in einer Gruppe, die nicht richtig zusammenarbeitet, und tritt einfach weiter. Dann hört er von hinten seinen Teamkollegen Jarno Widar rufen: „Milan! Go!“ Was folgt, sind 90 Kilometer Solo bei der Flèche Ardennaise, einem der härtesten U23-Klassiker. Zwischenzeitlich hat Donie zweieinhalb Minuten Vorsprung, nach dem letzten Anstieg sind es nur noch 40 Sekunden. Erst auf dem letzten Kilometer glaubt er an den Sieg. Es ist sein erster UCI-Erfolg, Widar wird Zweiter.
Die beiden kennen sich lange. 2023 wurde Donie bei der Junioren-Classique des Alpes Dritter, hinter Paul Seixas und Widar. Seixas hat gerade die Lombardei-Rundfahrt gewonnen, Widar die Tre Valli Varesine. Donie wurde bei den Nachwuchsfahrern zu einem guten Freund und Edelhelfer von Widar. Eigentlich sollte er schon im vergangenen Winter folgen, doch nach der Fusion von Lotto und Intermarché-Wanty blieb er noch ein Jahr im Nachwuchsteam, und ausgerechnet in dieser Saison lief es plötzlich nicht mehr rund. Jetzt kommt der Aufstieg doch: Der 21-jährige Kletterer aus Kortrijk fährt ab 2027 für Lotto-Intermarché. Die Geschichte zeigt etwas, das für fast alle Aufsteiger dieses Jahrgangs gilt: Niemand wird allein Profi.
Im selben Team wie Donie fährt ein junger Mann, über den bisher kaum jemand geschrieben hat. Victor Vaneeckhoutte gilt als das am wenigsten beschriebene Blatt unter den drei Belgiern, die Lotto-Intermarché aus dem eigenen Nachwuchs befördert. Im April verlor der 20-Jährige seinen besten Freund. Der 21-jährige Milan Bral, ein Neffe von Sep Vanmarcke, wurde beim Training in Ronse von einem Auto erfasst und starb im Krankenhaus. Er hatte sich gerade auf Gent-Wevelgem der Nachwuchsfahrer vorbereitet.
Anfang August gewann Vaneeckhoutte in Niederländisch-Limburg die Hel van het Heuvelland. Er setzte sich aus der Fluchtgruppe des Tages ab, brachte ein Solo über zehn Kilometer ins Ziel und zeigte auf der Ziellinie zum Himmel, für Milan. Über seine Zukunft wollte er nach dem Rennen noch nicht sprechen. Kurz darauf war klar, dass er 2027 und 2028 für das WorldTeam fährt.
Dass gleich fünf Namen dieses Jahrgangs bei Lotto-Intermarché landen, ist kein Zufall. Neben Donie und Vaneeckhoutte steigen auch Kamiel Eeman auf, der die Friedensfahrt der U23 gewann, und der Norweger Halvor Dolven. Der spannendste Fall ist aber der jüngste.
Brandon Fedrizzi aus Bozen gewann 2024 als U17-Fahrer 23 Rennen, so viele wie seit 15 Jahren kein anderer in Italien. Im April 2026 band Lotto ihn mit 17 Jahren langfristig. Der Plan war klar: zwei Jahre im Nachwuchsteam, ab 2029 dann WorldTour. Doch Fedrizzi machte den Plan selbst überflüssig. Er gewann den Junioren-E3, holte Etappensiege in drei Nationencup-Rennen und wurde Siebter bei der WM in Montréal und Vierter bei der EM. Durch einige Weggänge im Profiteam änderte sich der Kurs für ihn: Der 18-Jährige wird direkt Profi.
Geschäftsführer Jean-François Bourlart nennt das vor allem einen Vertrauensbeweis und betont, man wolle dennoch keine Schritte überspringen. Fedrizzi selbst klingt ähnlich: Er wisse, dass er noch viel zu lernen habe.
Seth Dunwoody kam zum Radsport, weil er seinem Vater zu irischen Amateurrennen hinterherfuhr. Heute haben die beiden die Rollen getauscht. Der Sohn fährt im Nachwuchsteam eines WorldTour-Teams, und der Vater hat sich ein Motorrad gekauft, um ihn auf den Straßen von County Armagh hinter dem Motor trainieren zu lassen. Ins sonnige Girona, wo viele Profis überwintern, wollte der Nordire nicht ziehen. Die Winter zu Hause machten ihn hart, sagt er.
Der 1,91 Meter große Allrounder ist seit seinem 16. Lebensjahr im Bahrain-System: erst im Juniorenteam, dann im Nachwuchsteam, ab 2027 im WorldTeam. 2026 wurde er irischer Straßenmeister der Elite und U23-Europameister im Punktefahren auf der Bahn. Außerdem fuhr er bei Paris-Roubaix Espoirs und beim Kattekoers jeweils auf Rang zwei. Belgische Rennen mit kalten Starts seien genau sein Ding, sagt er. Sein Ziel formuliert er unmissverständlich: einfach Rennen gewinnen.
Bei den dänischen Zeitfahrmeisterschaften im Juni in Herning setzte Kristian Egholm früh eine Bestzeit von 33:20 Minuten. Dann musste der Fahrer von Lidl-Trek Future Racing zusehen, wie die großen Namen des dänischen Radsports nacheinander ins Ziel kamen. Mikkel Bjerg kam am nächsten heran und war am Ende 0,38 Sekunden langsamer, Mads Pedersen wurde nur Siebter. Dass Egholm danach mit dem Meistertrikot zu Uno-X Mobility wechselt, hat mit dem Titel aber nichts zu tun. Der Vertrag war schon vorher unterschrieben. Uno-X-Manager Thor Hushovd stellt klar, man habe ihn nicht wegen der Meisterschaft verpflichtet.
Bei der U23-WM in Montréal kam Egholm auf Platz sechs. Einen Platz vor ihm landete Mads Landbo, ebenfalls Däne, ebenfalls Zeitfahrer, ebenfalls aus Seeland. Nach der ersten Zwischenzeit lagen die beiden noch auf den Rängen zwei und vier, am Schlussanstieg verloren sie die Medaillen. Landbo fährt ab 2027 für Movistar, Egholm für Uno-X. Beide Verträge bei Teams die in der WorldTour unterwegs sind laufen bis 2029.
Davide Stellas Saison 2026 begann mit einem schweren Sturz bei der AlUla Tour, wo er für das WorldTeam von UAE fuhr. Erst im April saß er wieder im Rennen, gewann eine Etappe bei der U23-Portugal-Rundfahrt und erlebte dann einen enttäuschenden Giro Next Gen. Trotzdem befördert UAE den 20-jährigen Sprinter, der auf der Bahn mehrere Junioren- und U23-Titel bei Welt- und Europameisterschaften gewann, mit einem Dreijahresvertrag ins WorldTeam. Stella spricht von einem Traum aus Kindertagen und von einer harten Saison. Teamchef Mauro Gianetti verspricht ihm für 2027 ein Programm mit wenig Druck.
Matteo Scalco aus Sandrigo bei Vicenza hat seine ersten Schritte im Radsport gemacht, während er im Fernsehen Vincenzo Nibalis Siege für Astana verfolgte. Nach drei Jahren im Bardiani-Nachwuchs und einer Saison im Astana-Entwicklungsteam fährt der 22-jährige Kletterer ab 2027 genau für dieses Team.
Ähnlich ist es bei Hugo de la Calle. Der Asturier sagt, er erfülle sich mit dem Aufstieg in die WorldTour einen Traum, den er seit seinem fünften Lebensjahr auf dem Rad habe. Er trägt künftig das Trikot des Teams, das er sein ganzes Leben im Fernsehen gesehen hat und für das sein Idol Alejandro Valverde fuhr. Als spanischer U23-Meister und Vuelta-Debütant mit 21 Jahren kommt er vom ProTeam Burgos zu Movistar.
Ludovico Crescioli hat sich in seinem WhatsApp-Status mit 13 Jahren „I love Cycling“ geschrieben, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Sein Vater fuhr bei den Amateuren, sein Bruder fährt dort noch. Der Toskaner nahm den Umweg über das ProTeam Polti VisitMalta, gewann dort mit dem Giro dell’Appennino sein erstes Profirennen und fuhr seinen ersten Giro d’Italia. Ab 2027 klettert er für Groupama-FDJ.
Im Januar beginnt für sie alle das erste Profijahr. Die Menschen, die sie bis hierher getragen haben, bleiben dann am Straßenrand zurück. In der WorldTour ruft einem selten jemand „Go!“ hinterher. Wer sich dort durchsetzen will, muss den richtigen Moment selbst erkennen.

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