Saisonvorschau Ineos GrenadiersTransfers, Ziele & TOUR-Prognose für Ineos Grenadiers

Andreas Kublik

 · 14.02.2023

Der Kader von Ineos Grenadiers für 2023: Thymen Arensman
Foto: Ineos Grenadiers

Zu Beginn der Profi-Radsport-Saison 2023 nimmt TOUR einige Top-Teams genauer unter die Lupe, wie die Mannschaft Ineos Grenadiers. Wir blicken zurück auf das letzte Jahr, analysieren die Transfers und geben eine Prognose für 2023 ab.

Ineos Grenadiers: Flaggschiff mit neuem Kurs?

Die Strahlkraft der Ineos Grenadiers verblasst: In sieben von acht aufeinanderfolgenden Jahren (2012 bis 2019) gewann der Rennstall aus Großbritannien unter den Sponsorennamen Sky und Ineos die Tour de France - dank Bradley Wiggins, viermal Chris Froome, Geraint Thomas und Egan Bernal; dazu gab es Gesamtsiege durch Froome und Bernal auch bei Giro und Vuelta. Doch die Konkurrenz ist größer und stärker geworden - viele Teams verfolgen ähnlich ausgeklügelte Strategien. Und die Konkurrenz hat aktuell die besseren Einzelkönner.



So lief 2022

Es ging schon ganz schlimm los: Der schwere Trainingsunfall von Tour-Sieger Egan Bernal, der in Kolumbien mit hoher Geschwindigkeit auf einen Bus prallte, erschütterte das Team und warf die Pläne über den Haufen. Ohne den Tour-Sieger von 2019 lief das Jahr nicht wie erwartet - vor allem bei den Grand Tours. Das einstige Flaggschiff unter den Rundfahrt-Teams kann mit der Ausbeute nicht zufrieden sein: Der alternde Geraint Thomas konnte in Frankreich mit den Antritten von Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard nicht mithalten, Richard Carapaz fand beim Giro in Bora-Profi Jai Hindley seinen Meister und spielte auch bei der Vuelta keine Rolle in der Gesamtwertung. Immerhin: Dylan van Baarle gelang der lange ersehnte erste Triumph des Teams bei Paris-Roubaix.

Insgesamt sammelte man 39 Saisonsiege - darunter beim Amstel Gold Race durch Michal Kwiatkowski und bei der Baskenland-Rundfahrt durch Daniel Felipe Martinez. Viele positive Schlagzeilen brachte der junge MTB-Olympiasieger Tom Pidcock, der den WM-Titel im Cyclocross, den EM-Titel auf dem Mountainbike und die Tour-Etappe nach Alpe d’Huez gewann. Vielseitigkeit war Trumpf. Im Herbst zeigte der Stundenweltrekord von Filippo Ganna, dass die Briten immer noch geplant Erfolg haben können. Insgesamt aber zu wenig für die Ansprüche des erfolgsverwöhnten Starensembles.

Transfers bei Ineos Grenadiers

Das Team hat Aderlass zu verzeichnen: Einzige nennenswerte Verstärkung ist der Niederländer Thymen Arensman, der beim vergangenen Giro im Trikot von DSM gezeigt hat, dass er Talent als Klassementfahrer und im Kampf gegen die Uhr hat.

Im Gegenzug haben einige Leistungsträger das langjährige Spitzenteam verlassen: Der Tour-Dritte Richie Porte machte Schluss, Olympiasieger und Ex-Giro-Sieger Richard Carapaz hofft künftig auf eine wichtigere Rolle bei EF Education EasyPost, Dylan van Baarle verstärkt künftig Jumbo-Visma, Adam Yates den anderen großen Rivalen UAE Team Emirates.

Zu- und Abgänge im Überblick

Neuzugänge zur Saison 2023

  • Leo Hayter (Hagens Berman Axeon)
  • Connor Swift (Arkea-Samsic)
  • Thymen Arensman (Team DSM)
  • Joshua Tarling
  • Michael Leonard

Abgänge

  • Richie Porte (Karriereende)
  • Eddie Dunbar (Jayco-AlUla)
  • Dylan van Baarle (Jumbo-Visma)
  • Richard Carapaz (EF Education EasyPost)
  • Andrey Amador (EF Education EasyPost)
  • Adam Yates (UAE Team Emirates)


Die Ziele 2023

Die Hoffnungen von Patron Sir David Brailsford dürften darauf ruhen, dass Bernal nach seinen schweren Verletzungen wieder den Anschluss an die absolute Weltspitze schafft. Zudem soll Pidcock seine Entwicklung fortsetzen und vielleicht sogar ein Anwärter für das Gesamtklassement einer großen Rundfahrt werden. Die Cross-Saison beendete der MTB-Olympiasieger vorzeitig, um bei den Frühjahrsklassikern in Topform zu sein.

Danach folgen Tour de France und die große Rad-WM im August in Glasgow als weitere Höhepunkte. Geraint Thomas startet als Kapitän in den Giro d’Italia. Vielleicht der letzte Anlauf des 36-Jährigen auf einen Gesamtsieg bei einer Drei-Wochen-Rundfahrt? Die zahlreichen Zeitfahrkilometer und die fehlende Konkurrenz durch Vingegaard und Pogacar dürften bei diesem Projekt helfen. Filippo Ganna soll wieder zur Referenz in den Zeitfahren werden.



TOUR-Prognose für Ineos Grenadiers

Das Team wird sich im neuen Jahr nicht an die Spitze der Klassement-Mannschaften zurückkämpfen können. Man kann nur hoffen, dass sich Bernal durch seinen Unfall nicht bleibende Schäden zugezogen hat, die eine Rückkehr an die Spitze der Rundfahrtspezialisten verhindern. Das Jahr 2023 wird daher auch eine Art Reha-Maßnahme für den Rennstall. Bei den Klassikern könnten die vielen Talente und starken Allrounder wie Kwiatkowski und Daniel Felipe Martinez im Ensemble für Furore sorgen. Gezwungenermaßen. Mangels eines herausragenden Topfahrers ist der vormalige Sky-Rennstall von der Ein-Kapitän-Strategie abgekommen und hat sich der offensiveren Fahrweise im aktuellen Peloton angepasst. Vor dem finalen Durchbruch steht Allrounder Ethan Hayter - endschnell und stark im Kampf gegen die Uhr.

Spannend wird, wie sich die vielen hochtalentierten Rennfahrer um Ben Turner, Ben Tulett, Magnus Sheffield und Carlos Rodriguez entwickeln. Es steckt viel Potenzial im 30-Mann-Kader. Das drohende Dopingverfahren gegen Ex-Mannschaftsarzt Richard Freeman, seit Jahren als Damoklesschwert über dem Rennstall, dürfte neue Unruhe bringen.