Stefan Tabeling, dpa
Inmitten der beängstigenden Mondlandschaft fiel Tom Simpson einst ohnmächtig vom Rad und wachte nie wieder auf. Lance Armstrong und Marco Pantani lieferten sich hier ein atemberaubendes Kletterduell. Und Chris Froome musste nach einem spektakulären Malheur mit einem TV-Motorrad gar mal einen unfreiwilligen Berglauf einlegen.
Willkommen am Mont Ventoux, dem Berg des Schreckens, der Riese der Provence. 1910 Meter hoch, Rampen mit bis zu 15 Prozent Steigung, die zu einer Wetterstation auf dem Gipfel führen. Es gibt kaum einen Berg, der den Radprofis derart viel Respekt einflößt wie dieser Koloss aus Kalkstein. Am Freitag nehmen auch erstmals die Frauen bei ihrer Tour de France den Mythos in Angriff.
«Es ist wirklich schön zu sehen, wie der Frauen-Radsport wächst. Wir haben ja zum Beispiel dieses Jahr am Angliru (Anm. ein steiler Anstieg in Asturien) schon gezeigt, dass wir alles schaffen können, dass nicht nur Männer die großen Berge bezwingen können», sagt die deutsche Meisterin Franziska Koch.
Mit dem Mountainbike ist sie mal den berühmt-berüchtigten Berg hinaufgefahren. 16 oder 17 sei sie gewesen. «Ehrlich gesagt kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich weiß nur noch, dass es ein sehr langer Anstieg war», so Koch. Für ihre deutsche Kollegin Antonio Niedermaier, die in der Gesamtwertung eine vordere Platzierung einnimmt, ist der Berg dagegen Neuland. «Ich kenne ihn eigentlich nur von unserem Analyse-Tool, dafür aber in- und auswendig», sagte die Giro-Zweite BR24Sport.
Genauso wie die mythischen Geschichten, die dieser Schicksalsberg bereithält. Eine der größten Tragödien der Tour ereignete sich am 13. Juli 1967. Der Brite Simpson - vollgepumpt mit einem Mix aus Amphetaminen und Alkohol - quälte sich in der Favoritengruppe den Berg hinauf. Drei Kilometer vor dem Ziel - die Vegetationsgrenze war längst überschritten - fiel er entkräftet vom Rad. Ein Zuschauer half ihm wieder aufs Rad. Im Zickzack-Kurs ging es weiter, ehe Simpson erneut stürzte. Im Krankenhaus von Avignon starb er schließlich.
1,5 Kilometer vor dem Ziel steht ein Gedenkstein für Simpson. Als Eddy Merckx 1970 auf dem Weg zu seinem Sieg die Stelle passierte, bekreuzigte er sich. Oben angekommen war die Rad-Legende fix und fertig und benötigte eine Sauerstoffmaske.
Dies hatten Armstrong und Pantani nicht nötig, die sich im Jahr 2000 ein famoses Duell lieferten. Am Ende siegte der italienische Kletterkönig, die Tour gewann aber Armstrong. Dass beide bei ihren Ausnahmeleistungen nachgeholfen hatten, kam später ans Tageslicht.
Einen großen Schrecken hinterließ der Ventoux beim viermaligen Tour-Sieger Froome. 2016 kam der Brite 1,2 Kilometer vor dem Ziel durch ein TV-Motorrad zu Fall. Zu allem Überfluss wurde er auch noch von einem hinteren Motorrad getroffen, wodurch der Rahmen seiner Rennmaschine brach. In seinen Spezialschuhen lief er verzweifelt den Berg hinauf, ehe er ein viel zu kleines Ersatzrad vom neutralen Wagen gereicht bekam. Später entschied die Rennleitung, dass die Abstände zum Zeitpunkt des unfassbaren Sturzszenarios genommen wurden.
Der Crash hatte keine Folgen, Froome gewann die Tour. Eine weitere Episode am mythischen Ventoux war aber geschrieben. Welches Kapitel bringt die Premiere bei der Frauen-Tour?
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