Stefan Tabeling, dpa
In all dem hektischen Trubel von Nizza durfte Hündin Frieda nicht fehlen. Antonia Niedermaier gab sogar die letzten Tropfen aus der Wasserflasche her, dabei hätte sie den Schluck nach einer schweißtreibenden Tour de France selbst gebrauchen können. In den nächsten Tagen wird die naturverbundene Rosenheimerin das stressige Leben im Tour-Tross mit der Ruhe in Österreich wieder eintauschen.
Einfach nur am See liegen zusammen mit Frieda und ihrem Lebenspartner Jakob sei die weitere Planung, nachdem die 23-Jährige beim wichtigsten Radrennen der Welt ein erstaunliches Debüt hingelegt hatte. Platz vier der Gesamtwertung und das Weiße Trikot als beste Nachwuchsfahrerin hat sie mitgenommen aus Frankreich. Niedermaier gilt im deutschen Radsport - ähnlich wie Florian Lipowitz bei den Männern - als großes Versprechen für die Zukunft.
Ob auf dem Mont Ventoux oder beim furiosen Finale an der Côte d’Azur - Niedermaier war täglich fester Bestandteil bei den Tour-Zeremonien. «Es war riesig und alles irgendwie neu und groß. Ich glaube, für sie ist das ganz toll. Irgendwann wird es hoffentlich die Farbe tauschen von Weiß zu Gelb», sagte Sportdirektor Rolf Aldag der ARD und gab die Richtung vor.
Beim deutschen Team Canyon-Sram wissen sie um das große Juwel, das sie in ihren Reihen haben. «Erstmal ist sie noch bis Ende 2028 bei uns, da bin ich sehr glücklich drüber. (...) Sie ist happy, wir sind happy mit ihr und wir werden sie weiterentwickeln und hoffentlich zur nächsten Toursiegerin machen», ergänzte Teamchef Ronny Lauke.
Mit 23 Jahren war Niedermaier die jüngste aus den besten fünf Fahrerinnen. «Ich glaube, die Perspektive könnte nicht besser sein mit ihr und sie hat das Potenzial, sie hat noch Reserven. Sie kann noch viel lernen, noch reifen und da wollen wir sie begleiten und ihr helfen», sagte Lauke.
Die Quereinsteigerin - Niedermaier kam einst vom Skibergsteigen zum Radsport - hat sich in diesem Jahr in die Weltspitze katapultiert. Beim Giro d'Italia wurde sie bereits Gesamtzweite, nun die starken Leistungen auf ganz großer Bühne. Die Berge klettert sie bereits mit den Besten hinauf, auch im Zeitfahren ist sie gut unterwegs. Die Bayerin bringt alles mit, um in Zukunft womöglich Toursiegerin Demi Vollering abzulösen.
Soweit will Niedermaier aktuell nicht denken, realisiert habe sie all das ohnehin nicht. «Aber auf jeden Fall war es eine supertolle Tour», sagte Niedermaier. Sie fügte mit Blick auf das Weiße Trikot hinzu: «Ich hoffe, dass es eine Inspiration ist für die ganzen jungen Mädchen, die Rad fahren. Ich hoffe, dass ich damit irgendwie begeistern kann.»
Typisch Niedermaier, die frühere U23-Zeitfahrweltmeisterin bleibt bescheiden - und lebt Teamwork vor. Bei der Tour hatte sie kein Problem damit, sich in den Dienst der am Ende zweitplatzierten Kapitänin Kasia Niewiadoma zu stellen.
Als die Polin am Mont Ventoux triumphierte, war Niedermaier die erste Gratulantin («Du bis die Queen»). Und einen Tag später beim Verlust des Gelben Trikots spendete sie im Ziel sogleich Trost. Beim Leipziger Team wurde die Doppelspitze mit Leben gefüllt und diente vielleicht als Anschauungsunterricht für Red Bull, wo es bei der Rollenverteilung mit Remco Evenepoel und Lipowitz knirschte.
Dabei war es eigentlich Zufall, dass Niedermaier beim Radsport gelandet ist. Als einst Corona kam, gab es keine Bergläufe mehr. Niedermaier stieg um aufs Rad. Ein Glücksfall, wie sich herausstellte.
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