Sebastian Lindner
· 24.12.2023
Nach langem Hickhack fand die Transfer-Posse um Cian Uijtdebroeks kurz vor Weihnachten doch noch ein Ende. Der Youngster wechselt von Bora-Hansgrohe zu Visma | Lease a Bike. Einen Gewinner gibt es bei diesem Transfer-Zoff um den jungen Belgier allerdings nicht. Schon gar nicht Uijtdebroeks selbst, auch wenn sich sein Wunsch erfüllt und er nächstes Jahr für das niederländische Team fährt. Für keinen 20-Jährigen kann solch ein Wirbel um seine Person förderlich sein.
Sportlich lief es für Cian Uijtdebroeks 2023 dafür umso besser. Der ausgemachte Rundfahrer, der seine Stärken am Berg hat, im Kampf gegen die Uhr aber auch nach eigenen Aussagen noch Potenzial hat, stand bei sechs Etappenrennen am Start. Mit Ausnahme der Tour of the Alps, bei der er krankheitsbedingt zur 2. Etappe nicht mehr an den Start ging, beendete er alle anderen Rundfahrten in den Top 10.
Abgesehen von der Tour of Oman, die er im Februar zu Saisonbeginn im Anschluss an seine Auftaktrennen auf Mallorca absolvierte, gehörten dabei alle der World Tour an. Im Oman landete er auf Rang 9, genau wie rund fünf Wochen später bei der Katalonien-Rundfahrt. Wiederum einen Monat später reicht es zu Platz 6 bei der Tour de Romandie. Diese Ergebnisse erreicht Uijtdebroeks mit einer auffällig unauffälligen Fahrweise und jeweils nur einem einstelligen Resultat pro Rennen. Er fährt ökonomisch, versteckt sich, wann immer er kann und verschleudert keine Kräfte. Nur, wenn es wirklich nötig ist, geht er in die Offensive. Auf dem Rad präsentiert sich Uijtdebroeks für sein junges Alter erstaunlich erfahren.
Dann kam die Tour de Suisse. Inmitten der Profis, die sich den letzten Schliff für die Tour de France holten, verkaufte sich Uijtdebroeks ebenso stark. Trotz zweier Zeitfahren, in denen er jeweils mehr als eine Minute auf die absolute Spitze verlor, rangierte er durch die Plätze 4 und 5 auf den schwersten Etappen letztlich auf Rang 7 der Gesamtwertung. Da sich der Youngster über die gesamte Saison teuer verkaufte, ging er in sein Saisonhighlight, seine erste Grand Tour, mit einer freien Rolle.
Bei der Vuelta fuhr Uijtdebroeks lange an der Seite von Kapitän Aleksandr Vlasov. Auf der 6. Etappe verlieren beide Zeit, doch der Belgier weniger als der Russe. Im internen Teamduell holt er sich die allerdings im Zeitfahren zurück. An den legendären Bergen ist dann Uijtdebroeks wieder besser. Am Col du Tourmalet ist nur das überragende Jumbo-Visma-Trio aus Jonas Vingegaard, Primoz Roglic und dem späteren Gesamtsieger Sepp Kuss besser. Gemeinsam mit dem nur ein halbes Jahr älteren Juan Ayuso kommt er danach ins Ziel.
Am L’Angliru sieht es ähnlich aus. Jumbo fährt wieder vorneweg und irgendwo dahinter kommt Uijtdebroeks mitten im Best-of-the-Rest als Siebenter ins Ziel. Wieder weit vor Vlasov, der nach 21 Etappen aber doch sieben Sekunden schneller ist als sein Teamkollege und direkt vor ihm Gesamtsiebenter wird.
Während der drei Wochen in Spanien zeigt sich erstmals öffentlich, dass es zwischen Uijtdebroeks und dem Team kriselt. Noch deutlicher wird es beim Saisonabschluss des Belgiers beim Zeitfahrwettbewerb Chrono des Nations, als er öffentlich Kritik am Material äußerte. Bei der Vuelta hatte er gegenüber den Medien bereits die Teamtaktik hinterfragt.
Was dran ist an den Gründen für die Differenzen zwischen Team und Fahrer, werden wir vielleicht nie erfahren. Unzweifelhaft ist hingegen, dass Cian Uijtdebroeks Talent, Willen und Fähigkeiten für eine große Karriere als Rundfahrer mitbringt - wenn er sich weiter auf das Sportliche konzentrieren kann. Ein Sieg bei einer Grand Tour? Eher wahrscheinlich als ausgeschlossen, wenngleich es 2024 dafür noch zu früh sein wird.