Der Berg hat einen Ruf. Auf seinem Rücken fand eine Radfahrt statt, die die größte Nation Europas binnen weniger Kilometer, binnen weniger Minuten TV-Übertragungszeit komplett verrückt nach Radsport machte. Aber davon weiß der junge Mann nichts, als er von seinem Vater auf dem Heimweg vom Familienurlaub in Spanien sein Alu-Rennrad aus dem Kofferrad ausgeladen haben möchte. Es regnet, es hagelt. Aber der 13-jährige Spross will jetzt selbst diesen Pyrenäenberg hinauffahren, an dem er kurz zuvor einem bunten Feld aus Radprofis zugeguckt hat.
Der Vater tut wie geheißen, der Teenager strampelt bergwärts – der Senior kurvt im Auto hinterher. Cian Uijtdebroeks klettert an diesem Tag am Rande der Tour de France 2016 erstmals in seinem jungen Leben mit einem Fahrrad einen hohen und langen Berg hinauf nach Andorra-Arcalis. Er liebt es. Das Wetter? Macht ihm nichts aus. An dem Berg, an dem Jan Ullrich 1997 ins Gelbe Trikot fuhr und den Grundstein zum ersten und einzigen Gesamtsieg eines Deutschen bei der Tour de France legte. “Davon hatte ich keine Ahnung”, sagt Uijtdebroeks kopfschüttelnd auch noch sieben Jahre später, “gut, das jetzt zu wissen.” Und lacht. So wie er dauernd lacht, während er erzählt – von seinen Anfängen und seinen weiteren Plänen im Radsport.
Nun soll Cian (das C wird wie K ausgesprochen) nach Andorra zurückkehren – auf der 3. Etappe der Vuelta a Espana, deren Ziel allerdings nicht in der Skistation Arcalis, sondern im Nachbardorf Arinsal liegt. Der 28. August, der Tag der ersten Bergetappe in den Pyrenäen, wird eine Art erste Bewährungsprobe für Uijtdebroeks. Längst gilt der 20-jährige Belgier als eines der größten Talente im Profi-Radsport. Er ist mittlerweile beim Team Bora-Hansgrohe unter Vertrag und soll bei der Spanien-Rundfahrt sein erstes dreiwöchiges Etappenrennen absolvieren. Er soll zeigen, wie gut er mit den Besten bergauf klettern kann, sich drei Wochen lang über Höhen und durch Tiefen kämpfen – der nächste Schritt in seiner Rennfahrer-Karriere.
Das Ziel: Er soll sich langfristig im Trikot des deutschen Rennstalls zu einem Top-Rundfahrtspezialisten entwickeln. “Ich traue ihm ein Podium bei einer Grand Tour zu”, sagt Teamchef Ralph Denk, der schon sehr früh ein Auge auf das Talent aus dem Nachbarland geworfen hat.
Aber Denk ist nicht der Einzige, der glaubt oder hofft, dass Uijtdebroeks einst auf dem Weg nach Andorra-Arcalis eine erfolgreiche Radsportkarriere begonnen hat. Eine, die ein ganzes Land mitreißt. “Er ist die verbesserte Version von Evenepoel”, hat einmal Jef Robert gesagt, der Chef des Nachwuchsteams Acrog-Tormans, für das die beiden hochtalentierten Belgier einst gefahren sind. Mit dem Vergleich mit dem Weltmeister und letztjährigen Vuelta-Sieger Remco Evenepoel hat er dem drei Jahre jüngeren der beiden eher keinen Gefallen getan. In der Radsportnation Belgien giert man geradezu danach, dass sie nach fast einem halben Jahrhundert Wartezeit wieder einen Landsmann als Sieger der Tour de France feiern können. Lucien Van Impe brachte als Letzter Gelb aus Paris mit nach Belgien – 1976 war das. Uijtdebroeks kennt die Erwartungen in seiner Heimat – und den Druck, der daraus resultiert.
Im Vorjahr gewann er als bisher Jüngster die Tour de l’Avenir, die Tour de France der Nachwuchsfahrer. Ein Blick in die Siegerliste genügt, um eine Ahnung zu bekommen, welche Prognosen man aus diesem Erfolg ableiten kann. Nairo Quintana, Egan Bernal, Tadej Pogacar – das sind nur die bekanntesten Namen in der Liste der Sieger während des vergangenen Jahrzehnts.
Diesem Druck ist das Rundfahrt-Talent ausgewichen – und zwar in Richtung Deutschland. “Ich wollte nicht im Mittelpunkt des Medieninteresses stehen, wie es bei Quick Step der Fall gewesen wäre. Deshalb bin ich in ein ausländisches Team gewechselt”, begründet er, warum er seine Karriere im Nachbarland startete. Erst beim U19-Rennstall Auto Eder, der Nachwuchsabteilung von Bora-Hansgrohe, seit vergangenem Jahr in der World-Tour-Auswahl. “Ich habe mich gleich zu Hause gefühlt und hatte gute Gespräche – nirgendwo war ich so entspannt wie in den Gesprächen mit Ralph Denk und Dan Lorang”, erzählt Uijtdebroeks.
“Wir haben sehr viel Zeit in Gespräche investiert”, erzählt Bora-Teamchef Ralph Denk. Selbst den Teenagern reicht nicht mehr die Aussicht auf den ersten Profivertrag, das erste Geld. Sie wollen wissen, wie der Karriereplan aussieht, welche Chancen sie geboten kriegen. Die Zeiten, als Jungprofis sich erst mal als Wasserträger erste Sporen verdienen mussten – lange vorbei. Und so setzte sich Denk gegen ein knappes Dutzend Mitbewerber unter den Top-Teams durch. Es war der Beginn eines möglichen Erfolgskonzepts.
“Es ist am schönsten, wenn man die Jungs selbst ausbildet. Aber es ist auch am schwierigsten”, betont der Rennstallchef und ergänzt: “Wenn man Pogacar oder Vingegaard kauft, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er nächstes Jahr wieder um den Tour-Sieg mitfährt. Aber diese Rennfahrer wachsen nicht auf Bäumen und sind meist mit langfristigen Verträgen ausgestattet.” Der Markt im Profiradsport hat den deutschen Rennstall, der mit den schwerreichen Teams wie Jumbo-Visma oder UAE Team Emirates beim Gehaltspoker nicht mithalten kann, auch zur Eigeninitiative gezwungen. Die Interessen des jungen Belgiers und des deutschen Rennstalls trafen sich gut.
Das langfristige Ziel ist klar: Uijtdebroeks soll in den kommenden Jahren bei Tour de France, Vuelta a Espana oder Giro d’Italia dauerhaft ganz vorne mitfahren, am besten im Bora-Hansgrohe-Trikot. Und die Prognosen sind aktuell gut. Die Saison war bisher erfolgreich. Der Belgier, aufgewachsen in Wallonien als einziges Kind von Eltern flämischer Herkunft, kämpfte sich bei Katalonien-Rundfahrt und Tour de Suisse unter die ersten Zehn. In der Schweiz hing er an den Bergen oft am Hinterrad Evenepoels. “Das war eher Zufall. Aber Remco ist eine gute Referenz, einfach weil er einer der Weltbesten ist – jeder Schritt, den ich ihm näher komme, ist gut”, sagt er, betont aber auch: “Aber ich bin ein anderer Rennfahrertyp.”
Er sieht seine Stärke an langen Bergen. Evenepoel ist ihm aktuell im Kampf gegen die Uhr deutlich voraus, das zeigte sich auch in der Schweiz – und der heimische Konkurrent wird das voraussichtlich auch bleiben. Dennoch ist Uijtdebroeks froh, dass es den erfolgreichen Landsmann gibt. Er kann sich im Schatten des Stars vor den Erwartungen der belgischen Öffentlichkeit vorerst verstecken. Als aktuelle Nummer zwei unter Belgiens Top-Talenten.
Mittlerweile hat er den Sprung vom veranlagten Radsportler zum starken Profi geschafft. Das liegt wohl auch daran, dass er Talent mit frühreifer Professionalität verbindet. Sein Vorbild: Chris Froome, der ihn wegen seines detailverliebten Blicks auf den Radsport beeindruckte. Reis, Pasta, Hühnchen, Lachs – fast jeden Happen, den es zu sich nimmt, wiegt das Bora-Hansgrohe-Talent ab. Seine Mutter muss sich schon mal anhören, dass sie auch das Olivenöl noch weglassen soll. “Ich gehe sehr wissenschaftlich an den Radsport heran”, sagt der junge Radsportler, der sich zunächst an einem Psychologiestudium versuchte, dann zu den Fächern Biologie und Agrarwissenschaft wechselte. Das Landleben zu Hause im Dorf Abolens hat er schon immer geliebt, die Tiere, Traktorfahren. Ruhe findet er beim Hühnerfüttern oder wenn er bei Trainingsfahrten ein Selfie mit Kühen macht.
Trainieren mit Blick auf Wattzahlen, detailliertes Kalorienzählen vor jeder Mahlzeit, Streckenbesichtigungen der wichtigsten Bergetappen, ausgedehntes Höhentraining – schon sein Debüt bei einer Grand Tour ist gut vorbereitet. Auf 1,84 Meter Körpergröße soll er bestenfalls mit 65,5 Kilogramm Körpergewicht zum Start reisen. “Cian hat Ziele, er hat eine freie Rolle im Team – unterbewusst schielt er auf eine Gesamtplatzierung innerhalb der Top Ten”, weiß sein Trainer John Wakefield, der vom Ehrgeiz und der Professionalität seines Athleten schwärmt.
An der Seite von Kapitän Aleksandr Vlasov soll der Nachwuchsrennfahrer versuchen, über 21 Etappen das Hinterrad der Weltbesten zu halten – Jonas Vingegaard, Primoz Roglic, das spanische Talent Juan Ayuso und Titelverteidiger Evenepoel werden vermutlich die Gradmesser auf den Straßen der Iberischen Halbinsel werden. “Früher hat man die Jungen zur Vuelta zwei Wochen zum Lernen hingeschickt. Jetzt gehen sie hin und gewinnen – das hat sich definitiv geändert”, sagt Wakefield. Und es klingt, als könnte die Grand-Tour-Lehrzeit gleich in eine erfolgreiche Gesellenprüfung münden. Der Tag in Andorra könnte der Beginn der Kletterpartie in die Weltspitze gewesen sein.

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