| Gewicht | 6.49 kg |
| Schaltung | Shimano Dura Ace Di2 |
| Bremse vorne | Shimano Dura Ace |
| Laufradsatz | Roval CLX Sprint |
| Reifen vorne | Specialized Cotton TLR 30mm |
Vor nicht einmal drei Jahren setzte das Tarmac SL8 im TOUR-Rennradtest Maßstäbe. Mit einer historischen Bestnote im komplexen Bewertungsschema ausgezeichnet, galt es als eines der vielseitigsten Wettkampfräder auf dem Markt – ein Rad ohne wirkliche Schwäche. Gut in der Kerndisziplin Aerodynamik, herausragend beim Gewicht: Mit einem Rahmen von nur 723 Gramm und einem Gesamtgewicht von 6,6 Kilogramm können selbst aktuelle, spezialisierte Leichtbaumodelle etablierter Marken nur schwer mithalten.
Doch in der kurzen Modelllaufzeit ist am sehr schnelllebigen Rennradmarkt viel passiert. Eine Handvoll Konkurrenten zog notenmäßig gleich, vor allem, weil sie aerodynamisch etwas schneller sind als das SL8. Dann kam im Frühjahr 2026 das aktualisierte Giant Propel und stellte die Verhältnisse neu auf: Eine Zehntelnote besser als der bisherige Rekord, den sich bis dahin – mit unterschiedlichen Stärken – Canyon (Aeroad), Giant (mit dem Vorgänger-Propel), Specialized und Scott (mit dem leichten Addict und dem schnellen Foil) teilten, schnitt das neue Propel ab. Kann das überarbeitete SL9 die Krone für die US-Amerikaner zurückerobern? Immerhin versprechen die Entwickler, sowohl beim Gewicht als auch bei der Aerodynamik noch einiges herausgeholt zu haben.
Wer das SL9 neben das SL8 stellt, sieht in der Silhouette markante Unterschiede, aber keinen radikalen Neuanfang. Specialized hat stattdessen an wichtigen Stellen optimiert. Das ist keine Überraschung: Das SL8 war schließlich so perfekt, dass eine komplette Neukonstruktion wenig Sinn ergeben hätte. Die auffälligste Änderung findet sich am Sitzrohr. Das schmiegt sich noch etwas weiter um das Hinterrad als beim SL8, die Sitzstreben sind etwas tiefer angesetzt. Wer das Canyon Aeroad kennt, wird bei dieser Partie unweigerlich Ähnlichkeiten entdecken. Am vorderen Ende hat sich ebenfalls einiges getan, auch wenn es äußerlich weniger auffällt. Das Steuerrohr ist in der Stirnfläche schlanker, was viel konstruktiven Aufwand erforderte: Um den Bremsleitungen trotz des schmaleren Querschnitts ausreichend Platz zu bieten, musste ein speziell entwickeltes Gabelschaft-Design her. Der Schaft ist nun D-förmig und seitlich abgeflacht, an dieser Fläche verlaufen die Leitungen. Die Gabel selbst wurde ebenfalls überarbeitet. Von vorne präsentiert sich die Scheiden schmaler, aber weiter ausgestellt; von der Seite wirkt der Gabelkopf etwas wuchtiger als bisher. Auch die Sattelstütze ist neu und „aerodynamisiert“: Sie fällt im oberen Drittel nun extrem schlank aus und besitzt ein verlängertes, aerodynamisches Profil. Immerhin: Der markante, dynamische Schwung im Oberrohr blieb erhalten, wenn auch in abgeschwächter Form – ganz in der Tradition der Tarmac-Linie.
Nach wie vor wirkt das Rad elegant und filigran und das Design trägt nicht dick auf. Neben der Aerodynamik hat Specialized beim SL9 auch beim Gewicht abgespeckt. Das S-Works SL9 bringt nun 6.490 Gramm auf die TOUR-Waage, ein Minus von 60 Gramm gegenüber dem leichtesten SL8. Darin enthalten sind aber deutlich breitere Reifen (jetzt 30 statt vorher 26 Millimeter), weshalb die 150 Gramm Einsparung laut Herstellerangabe nahe an der Realität sein dürften. Der Rahmen wurde in der Wandstärke überarbeitet, ohne dabei Kompromisse bei Steifigkeit und Haltbarkeit einzugehen. Auf unseren Prüfständen erreicht auch das ultraleichte Chassis des SL9 wieder ausnahmslos Bestwerte. Den größten Einzelbeitrag leisten jedoch Carbonspeichen, mit denen die neuen Roval Sprint-Laufräder aufgebaut werden. Sie egalisieren den Aufschlag der breiten Reifen komplett, das Vorderrad wird sogar 50 Gramm leichter. Das Cockpit mit dem flächigen Aero-Lenker stammt in seiner Grundkonzeption noch vom SL8, wurde aber in Details überarbeitet. Es liegt gut in der Hand, bringt den Fahrer in eine aerodynamisch günstige Position und erlaubt dabei eine natürliche Körperhaltung ohne extreme Streckung.
Wie alle Wettkampfräder im TOUR-Test musste sich das SL9 im GST-Windkanal in Immenstaad beweisen. Das Ergebnis fällt klar aus: 205 Watt erforderliche Tretleistung zur Überwindung des Luftwiderstands bei 45 km/h ist das Niveau spezialisierter Aero-Rennräder. Gegenüber dem SL8 ist das eine Verbesserung von vier Watt – ein Fortschritt, der angesichts der moderaten optischen Veränderungen und der deutlich breiteren Reifen bemerkenswert ist. Nur ein Teil davon geht auf die aerodynamischen Detailmaßnahmen an Steuerrohr, Gabel und Sattelstütze. Etwa zwei Watt Verbesserung steuern die neuen Roval-Laufräder bei, wie der Vergleich mit unseren Referenz-Laufrädern zeigt. Absolut gesehen ist das zwar kein Spitzenwert, die schnellsten Räder im aktuellen TOUR-Testprotokoll kommen inzwischen auf 195 Watt – zehn Watt weniger als das SL9. Diese Räder sind jedoch spezialisierte Aero-Boliden, die ihren Windkanalvorteil mit deutlich mehr Gewicht, einer straffen bis harten Abstimmung und eingeschränkter Alltagstauglichkeit erkaufen. Unter den Allroundern landet das SL9 aber weit vorn, vor allem aber bietet es einen leichten Vorteil gegenüber seinem Hauptkonkurrenten Giant Propel: Das kam über 209 Watt nicht hinaus – für ein ausgewiesenes Aero-Modell beinahe enttäuschend – und ist dabei minimal leichter als das Tarmac.
Unser erster Eindruck auf der Straße: Wahnsinn, wie das rollt! Die geschmeidigen Reifen mit Baumwollkarkasse bieten ein ganz eigenes Fahrgefühl, ihr markantes Abrollgeräusch wird von den voluminösen Carbonfelgen verstärkt und spornt zu kräftigen Antritten an. Die Geometrie des SL9 ist gegenüber dem Vorgänger unverändert geblieben – Fans des einprägsamen Tarmac-Fahrgefühls dürften das uneingeschränkt begrüßen. Das Rad liegt gewohnt stabil und präzise auf der Straße, wirkt unheimlich handlich, steuert Kurven direkt und mit hohem Feedback an und lässt den Fahrer zu jeder Zeit genau wissen, was unter ihm passiert. Trotz des Fliegengewichts hat man immer das Gefühl, ein fahrstabiles Rad in der Hand zu haben. Die sportlich gestreckte, aber nicht extreme Sitzposition passt zum Charakter eines Wettkampfrads, das man auch auf langen Touren ohne Beschwerden bewegen kann. Auch beim Komfort setzt das SL9 exakt dort an, wo das SL8 seinen „Sweetspot“ hatte. Der gemessene Rahmen-Komfort trifft den Vorgänger nahezu auf den Punkt, was angesichts des ordentlichen Niveaus in Ordnung ist. Die nun etwas breiter ausgelegten Reifenoptionen machen dennoch einen angenehmen, spürbaren Unterschied auf schlechten Straßen.
So vertraut das SL9 wirkt, so relevant ist auch die Frage, ob es ein SL8 ersetzen muss. Allein für den Fahrspaß sicher nicht. Wenn es um „Marginal Gains“, also die Summe winziger Vorteile geht, hat das SL9 die besseren Karten. Mit einer Gesamtnote von 1,4 erzielt es die aktuelle TOUR-Bestnote und zieht mit dem Giant Propel gleich, das seit dem Frühjahr als alleiniges bestes Wettkampf-Rennrad der Welt in der Wertung stand. Zwei Räder teilen sich damit die Spitzenposition – und wer jetzt ein neues Wettkampfrad sucht, hat die Qual der Wahl. Das Propel ist minimal leichter und etwas komfortabler; Specialized hat den Punkt in der Aero-Disziplin. Was das SL9 auszeichnet, ist das, was schon das SL8 so stark machte: Kaum ein anderes Rad verbindet Gewicht, Aerodynamik, Fahrdynamik und Komfort derzeit besser zu einem stimmigen Gesamtkonzept. Oder mit anderen Worten: Kein anderes Rad macht in allen Kategorien gleichzeitig so wenig falsch.

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