Giant Propel Advanced SLNeues Aero-Rennrad im TOUR-Test

Jens Klötzer

 · 22.10.2022

Giant Propel Advanced SL: Neues Aero-Rennrad im TOUR-TestFoto: Kerstin Leicht

Pfeilschnell! Das Giant Propel war bisher ein typisches Aero-­Rennrad: schnell im Wind, aber relativ schwer und bretthart. Das neue Propel für 2023 ist zwar nicht schneller, kann aber so vieles besser, dass es zur Bestnote der bisher von TOUR getesteten Aero-Rennräder reicht.

Eigentlich hätten bei Giant schon die Sektkorken knallen können, als das neue Propel bei seinen ersten Einsätzen mit Dylan Groenewegen und Michael Matthews zwei Etappensiege bei der Tour de France einfuhr. Doch so richtig willkommen war dem Sponsor die Öffentlichkeit diesmal nicht, denn das Rad, vom Team BikeExchange-Jayco ­medienwirksam durch Frankreich pilotiert, war eigentlich noch geheim:

Die breite Öffentlichkeit sollte erst Ende August vom neuen Aero-Flaggschiff des größten Radherstellers der Welt erfahren. Angeblich be­standen die Profis aber darauf, das neue Modell schon zur Tour einsetzen zu dürfen. Fast alle Fahrer entschieden sich dafür, selbst auf Bergetappen zogen viele den neuen Boliden dem leichteren, aber aerodynamisch schwachen Schwestermodell TCR von Giant vor. Parallel zu den Profis bei der Tour de France hatte auch TOUR die Gelegenheit, das neue Giant Propel einem intensiven Test zu unterziehen.

Verlagssonderveröffentlichung

Giant Propel: Pfeilschnell und berechenbar

Um es vorwegzunehmen: Das Drängen der Rennfahrer können wir sehr gut nachvollziehen. Die Neukonstruktion entpuppt sich als beinahe perfekter Wettkampf-Allrounder, der kaum noch Schwächen zeigt und nicht nur dem Vorgängermodell, sondern auch dem leichteren TCR auf den meisten Rennkursen überlegen sein dürfte. Schon auf den ersten Testrunden wird schnell klar: Von seinen Qualitäten hat das Giant Propel nichts eingebüßt, es ist pfeilschnell, fährt sich direkt und berechenbar, bei hohem Tempo sehr stabil mit sehr sport­licher Sitzposition. Neu ist das federleichte Fahrgefühl, denn das Rad beschleunigt formidabel, hängt auch am Berg gut am Gas - vergleichbar mit manch deutlich weniger aerodynamischen Leichtbau-Rennern.

Auch über den Komfort können selbst leichte Fahrer nicht mehr meckern, die fest in den Rahmen integrierte Sattelstütze federt ordentlich. Das Rennrad erinnert an das Specialized Tarmac, dem der Spagat zwischen guter Aero-Performance und wenig Gewicht bisher am besten gelang. Das neue Giant Propel ist mit 209 Watt, die als Tretleistung für ­45 km/h nötig sind, im Windkanal auf vergleichbarem ­Niveau - der Vorgänger war allerdings genauso schnell.

Um die Traumnote von 1,4 im TOUR-Test zu erreichen, musste das Giant Propel vor allem leichter werden. Denn ein wesentlicher Grund, das bisherige Modell trotz seiner aerodynamischen Qualität nicht einzusetzen, war sein hohes Gewicht: Unter 7,5 Kilogramm war das Rad selbst mit Top-Ausstattung kaum zu bekommen, der Nach­folger hängt nun mit beeindruckenden 6,8 Kilo an der TOUR-­Waage. Der neue Propel Advanced SL-Rahmen spart mit schlankeren Rohrformen etwa 150, die Gabel 30 Gramm gegenüber dem bisherigen Top-Modell.

Die  neuen Cadex-Laufräder mit Carbonspeichen sind leicht und schnell, aber auf bestimmte Reifen beschränktFoto: Kerstin Leicht
Die neuen Cadex-Laufräder mit Carbonspeichen sind leicht und schnell, aber auf bestimmte Reifen beschränkt

Wie schnell sind die Cadex-Laufräder im Giant Propel?

Doch Giant nahm sich auch jede andere Komponente des Aero-Rennrads zur Brust. Wichtiger Baustein für die Perfor­mance sind neue Laufräder: Unter der Eigenmarke ­Cadex führt der Hersteller gleichzeitig mit dem Giant Propel einen neuen Carbonlaufradsatz mit sehr breiten Carbonmesserspeichen ein. Der wiegt, auch dank haken­loser Felge, etwa 200 Gramm weniger als gleich hohe Konkurrenzprodukte und hilft dem Rad nicht nur beim Gewicht auf die Sprünge, sondern auch aerodynamisch: Trotz “nur” 50 Millimetern Felgen­höhe ist das Rad damit genauso schnell wie mit den 60 Millimeter hohen Referenzlauf­rädern Zipp 404. Laut Giant-Entwickler Andy Wollny hat daran auch der neue Reifen, ebenfalls von Cadex, seinen Anteil: Seine Form wurde aerodynamisch optimiert.

Nachteil: Aus Sicherheitsgründen lassen sich nicht alle Reifen auf den Laufrädern fahren - immerhin werden es stetig mehr, da­runter auch Modelle von Con­ti­nental und Schwalbe.

Das Propel-Cockpit lässt sich gut anpassen

Nicht nur der Rahmen, auch der neue Vorbau ist beim Giant Propel zierlicher, versteckt die Leitungen eleganter als die recht klobige Konstruktion am Vorgänger. Giant setzt nicht wie viele auf eine einteilige Lenkerkombi, sondern auf einen klassisch geklemmten Carbonlenker, der sich auch gegen Modelle anderer Marken austauschen lässt.

Der Vorbau kann mit den geteilten Spacern in der Höhe verstellt werden, ohne die Gabel zu kürzen oder Bremsleitungen anpassen zu müssen - im voluminösen Steuerrohr ist genug Luft für ein paar Zentimeter Reserve. Damit lässt das Giant Propel zwar ein paar Watt Aero-Leistung liegen, Händler und Hobbyfahrer werden sich aber über eine vergleichsweise ein­fache Anpassung der Position freuen, was bei modernen Top-Rennern selten ist.

Der Vorbau kann in der Höhe verstellt werden, ohne dass die Front zerlegt werden mussFoto: Kerstin Leicht
Der Vorbau kann in der Höhe verstellt werden, ohne dass die Front zerlegt werden muss

Diskutieren lässt sich hingegen über die Notwendigkeit der integrierten Sattelstütze des Giant Propel, die beim Transport im Auto oder im Radkoffer hinderlich ist und deren Klemmkopf nur zwei Zentimeter Verstellbereich bietet. Andererseits bietet der Sitzdom guten Komfort und beträchtliche Gewichtsersparnis; auch eine aufwendige integrierte Stützenklemmung fällt weg. Sie bleibt jedoch der teuren Top-Version des Propel vorbehalten, günstigere Varianten kommen mit einer klassischen, verstellbaren Stütze.

Den Profis werden solche Feinheiten egal sein, sie freuen sich über ein universelles, in allen Rennsituationen konkurrenzfähiges Arbeitsgerät, das für viele Siege gut ist. Wenn das neue Giant Propel bei den anvisierten Käufern ebenso gut ankommt, könnte es auch im Handel dem bisherigen Verkaufsschlager Giant TCR den Rang ablaufen.

Fakten zum Giant Propel Advanced SL

Giant Propel Advanced SLFoto: Kerstin Leicht
Giant Propel Advanced SL

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager* 975/411/58 Gramm

Rahmengrößen** XS, S, M, M/L, L, XL

Sitz-/Ober-/Steuerrohr 545/560/155 mm

Stack/Reach/STR*** 554/392 mm/1,41

Radstand/Nachlauf 990/58 mm

Ausstattung

Antrieb/Schaltung Shimano Dura-Ace Di2 (2x12, 52/36, 11-34 Z.)

Bremsen Shimano Dura-Ace (160/140 mm)

Laufräder/Reifen (Gewichte)**** Cadex SL 50/Cadex Aero 25 mm (1092/1473 Gramm)

Messwerte und Einzelnoten*****

Gewicht Komplettrad Giant Propel 6,8 Kilo Note: 1,7

Lenkkopfsteifigkeit 114 Nm/° Note: 1,0

Seitensteifigkeit Gabel 52 N/mm Note: 1,3

Tretlagersteifigkeit 74 N/mm Note: 1,0

Federhärte Sattelstütze 120 N/mm Note: 1,3

Aerodynamik****** 209 Watt Note: 1,7

Die Bewertungsskala von TOUR für das Giant Propel Advanced SL
Die Bewertungsskala von TOUR für das Giant Propel Advanced SL

*Gewogene ­Gewichte.
**Herstellerangabe Testgröße fett.
***Stack/Reach projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr; STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.
****Laufradgewichte inklusive Bereifung, Kassette, Schnellspanner/Steckachsen und ggf. Bremsscheiben.
*****Einzelnoten, die unterschiedlich gewichtet in die Gesamtnote einfließen, drucken wir aus Platzgründen nur zum Teil ab. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersicht geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
******Aerodynamik theoretisch benötigte Tretleistung, um den Luftwiderstand bei 45 km/h zu überwinden, gemessen im Windkanal mit einem tretenden Beindummy.