Das Giant Propel und Specializeds Tarmac SL9 haben sich mit der neuen TOUR-Bestnote 1,4 leicht von den Mitbewerbern absetzt. Trotz identischer Note sind die beiden Räder ganz unterschiedliche Charaktere mit speziellen Stärken. Der Test klärt, welches Rad welchem Fahrertyp die größten Vorteile bringt und am meisten Spaß macht.
Der Club der besten Rennräder bzw. Race-Allrounder wurde bislang vom elitären Zirkel der Räder gebildet, die im TOUR-Test die bisherige Bestnote 1,5 erzielen konnten. Neben dem Specialized Tarmac in Gestalt seiner Vorgängerversion SL8 zählten dazu noch das Scott Foil RC Ultimate sowie das Addict RC Ultimate, das Canyon Aeroad CFR, sowie der Vorgänger des Giant Propel Advanced SL. Letzteres hat die Konkurrenz in seiner jüngsten Version überholt, indem es die neue TOUR-Bestnote von 1,4 erzielte. Das Specialized SL9 hat sich an dessen Hinterrad geheftet und jüngst im TOUR-Test gleichgezogen. Anlass genug, die nach TOUR-Noten derzeit besten Race-Allrounder der Welt im ultimativen Duell gegeneinander antreten zu lassen. Lassen sich angesichts der Notengleichheit auf diesem exklusiven Niveau überhaupt noch Unterschiede ausmachen? Das Ergebnis des Vergleichs überrascht und macht gleichzeitig deutlich, wie verschieden und ausgeprägt die Unterschiede der Räder sind. Schauen wir uns die Eckdaten und die verschiedenen Kategorien einmal genauer an.
| TOUR-Gesamtnote | 1,4 | 1,4 |
| Ausstattung | 1,0 | 1,0 |
| Gewicht | 6,4 kg | 6,5 kg |
| Aerodynamik (45 km/h) | 209 Watt | 205 Watt |
| Schaltung | SRAM Red AXS | Shimano Dura-Ace Di2 |
| Laufräder | Giant Cadex Max 50 | Roval CLX Sprint |
| Reifen | Cadex Aero 28 mm | Specialized Turbo Cotton TLR 30 mm |
Das Giant Propel ist mit 6,43 kg das leichtere der beiden Räder und dürfte sogar das leichteste Aero-Bike der Welt sein. Das beeindruckt vor allem vor dem Hintergrund, dass das Propel einst als reines Aero-Rennrad aus der Taufe gehoben wurde; herausragende Aerodynamik verlangt üblicherweise eine besondere Formgebung, die dem Streben nach geringem Gewicht im Weg steht. Jedoch das aktuelle Propel als Race-Allrounder jagt dem Tarmac SL9, das seit einer gefühlten Ewigkeit als optimales, leichtes Profi-Wettkampfrad weiterentwickelt wird, rund 60 Gramm ab. Den Gewichtsvorteil erkauft sich Giant vor allem durch die konsequent weiterentwickelten Cadex-Laufräder mit Carbonspeichen, Carbonnaben und laminierter Konstruktion – allein der Laufradsatz spart gegenüber dem Vorgängermodell fast 200 Gramm.
Das Tarmac SL9 ist mit 6,49 Kilogramm um 60 Gramm schwerer, rollt aber bereits auf breiteren und damit etwas schwereren 30-Millimeter-Reifen heran – laut Specialized wurden an Rahmen und Laufrädern rund 150 Gramm eingespart.
Hier dreht Specialized den Spieß um. Das SL9 benötigt im GST-Windkanal 205 Watt für 45 km/h – vier Watt weniger als das Giant Propel, das auf 209 Watt kommt. Für das Propel mit seiner Herkunft als Aero-Spezialist mag das je nach Sichtweise eine kleine Enttäuschung darstellen, zumal es punktgenau auf dem Niveau des Vorgängers liegt. Spezialisierte Aero-Boliden erreichen inzwischen um die 195 Watt – das Giant hat zumindest aerodynamisch in Summe keinen Schritt nach vorne gemacht.
Das SL9 hingegen hat sich durch gezielten Feinschliff wie etwa ein schlankeres Steuerrohr, eine überarbeitete Gabel, die aerodynamischere Sattelstütze und neue Roval-Laufräder mit Carbonspeichen entscheidend verbessert.
Das Giant überrascht positiv: Die fest anlaminierte Sattelstütze federt klassenüblich gut und deutlich besser als beim Vorgänger. In dieser Disziplin muss das SL9 dem Propel nach Messwerten (Komfort am Heck 109 zu 160 Newton pro Millimeter (N/mm); an der Front 96 zu 122 N/mm) und Noten (Front/Heck 1,7/2,7 gegen 2,3/3,7) den Vortritt lassen. Das Specialized wirft allerdings die 30 Millimeter breiten Reifen als komfortförderndes Kriterium in den Ring, sowie das seit jeher begeisternd souveräne Fahrgefühl, das auch auf den Komfort einzahlt.
Beide Räder sind faszinierende Fahrmaschinen – aber mit ganz unterschiedlichen und im Sattel gut erfahrbaren Charakteren. Das Giant Propel ist ein agiles, direktes Bike, das sich leicht dirigieren lässt und stets kontrollierbar bleibt. Passende Adjektive beschreiben es als „explosiv” und „spielerisch”. Das Tarmac SL9 fährt sehr spurstabil und präzise, vermittelt jederzeit direktes Feedback und hohes Kurvenvertrauen. Die geschmeidigen Reifen mit Baumwollkarkasse bieten ein ganz eigenes Fahrgefühl. Demgegenüber wirkt der schmalere und aerodynamisch optimierte Pneu am Giant ein wenig kippelig.
Das Giant punktet mit einem vergleichsweise breiten Angebot: Der Einstieg in die Propel-Welt gelingt mit Shimanos 105-Komponenten und Alu-Laufrädern bereits für 2.999 Euro. Das Advanced Pro verfügt über einen etwas schweren Rahmen als das Top-Modell, eine klassisch geklemmte Sattelstütze und andere Laufräder. Damit dürfte es immer noch knapp unter der Sieben-Kilo-Marke bleiben und kostet mit Dura-Ace sowie Cadex-Laufrädern mit Carbonspeichen 7.999 Euro. Das Rahmen-Set (nur SL) wird für 3.899 Euro angeboten. Ein Powermeter ist beim Top-Modell mit SRAM Red im Lieferumfang enthalten.
Das Specialized ist bislang ausschließlich auf S-Works-Niveau erhältlich, für beide verfügbaren Ausstattungen (SRAM Red AXS bzw. Shimano Dura-Ace Di2) werden 13999 Euro aufgerufen. Das Rahmen-Set kostet 5799 Euro; als Replica in diversen Profiteam-Lackierungen werden 200 Euro Aufpreis berechnet.
Zielgruppe: Wettkampforientierte Radsportler, die das rundeste Gesamtpaket ohne Kompromisse wollen und bereit sind, den Premiumpreis zu zahlen. Ideal für:
Beide Räder teilen sich mit der Note 1,4 die Spitzenposition im TOUR-Test – es ist ein echtes Patt auf höchstem Niveau. Die Wahl hängt letztlich von persönlichen Prioritäten ab:
Giant Propel: Wer das leichteste Aero-Bike der Welt mit überraschend viel Komfort will – und dabei nicht das letzte Watt Aerodynamik braucht.
Specialized Tarmac SL9: Wer das aerodynamisch stärkere, rundum ausgewogenste Rennrad sucht, das in keiner einzigen Kategorie schwächelt – und bereit ist, dafür den Premiumpreis zu zahlen.
>> Das Giant Propel Advanced SL im ausführlichen Einzeltest
>> Das Specialized S-Works Tarmac SL9 im ausführlichen Einzeltest

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