Manchmal fragt man sich, weshalb bei einem Radrennen überhaupt noch eine Jury vor Ort ist. Die dritte Vuelta-Etappe musste aufgrund eines heftigen Sturms mit Hagel vorzeitig beendet werden. Eine außergewöhnliche Situation, die außergewöhnliche Entscheidungen erfordert. Stattdessen entschied sich die UCI für den einfachsten und gleichzeitig unverständlichsten Weg. Und damit beziehe ich mich nicht auf die Entscheidung die Etappe vorzeitig zu beenden, nachdem die Fahrer in einem Hotel Schutz vor dem Unwetter suchten.
Eine ganze Weile vor dem Rennabbruch hatte Ethan Hayter (Soudal Quick-Step) den einzigen ausgetragenen Zwischensprint des Tages gewonnen. Damit übernahm der Brite virtuell die Führung in der Punktewertung. Das Grüne Trikot hätte also erstmals ihm gehört und nicht mehr nur stellvertretend auf seinen Schultern gelegen. Denn schon auf der dritten Etappe durfte Hayter das Trikot tragen, obwohl Tadej Pogacar (UAE Team Emirates - XRG) es als Führender der Gesamtwertung und Punktewertung eigentlich innehatte.
Doch im Communiqué am Abend folgte die Überraschung: Die UCI entschied, dass nicht nur das Tagesergebnis annulliert wird, sondern auch sämtliche Wertungen des Zwischensprints. Die Sprintpunkte wurden gestrichen, als hätte der Sprint nie stattgefunden. Dabei stellt sich zwangsläufig die Frage: Warum?
Niemand dürfte ernsthaft bestreiten, dass der Zwischensprint regulär ausgetragen wurde. Die Fahrer wussten worum es ging und überquerten die Linie unter normalen Rennbedingungen. Zu diesem Zeitpunkt dachte niemand an einen späteren Rennabbruch. Ethan Hayter gewann den Sprint fair und nach den Regeln. Dennoch wird ihm die Belohnung dafür wieder weggenommen.
Natürlich gibt es Regelwerke und Protokolle. Natürlich muss die UCI Entscheidungen auf Grundlage dieser Vorgaben treffen. Doch genau für Ausnahmesituationen gibt es eine Rennjury. Ihre Aufgabe ist es nicht nur, Regeln abzulesen, sondern diese auch mit gesundem Menschenverstand anzuwenden.
Gerade deshalb wirkt die Entscheidung so schwer nachvollziehbar. Die Etappe wurde schließlich nicht wegen eines Regelverstoßes oder sportlicher Unregelmäßigkeiten annulliert. Sie wurde aus Sicherheitsgründen gestoppt, weil die Wetterbedingungen eine Fortsetzung unmöglich machten. Warum soll ein zuvor ausgetragener Zwischensprint dadurch plötzlich wertlos werden?
Die Leidtragenden sind einmal mehr die Fahrer. Ethan Hayter hat sich die Punkte auf der Straße verdient und verliert sie nun am grünen Tisch wieder. Das mag regelkonform sein. Gerecht fühlt es sich allerdings nicht an.
Besonders ärgerlich ist dabei, dass sich diese Entscheidung nahtlos in eine Reihe von Urteilen einfügt, mit denen die UCI in den vergangenen Jahren bei Fans, Teams und Fahrern für Kopfschütteln gesorgt hat. Immer wieder entsteht der Eindruck, dass anstatt pragmatischer Lösungen der bürokratischste Weg gewählt wird. Der Sport lebt jedoch von seinen Geschichten, seinen Emotionen und der Leistung der Athleten auf der Straße. Wenn ein Fahrer, wie in diesem Fall Ethan Hayter einen Sprint gewinnt, sollte diese Leistung nicht nachträglich aus den Büchern gelöscht werden.
Niemand hätte sich beschwert, wenn die UCI den Zwischensprint gewertet und gleichzeitig auf ein Tagesklassement verzichtet hätte. Im Gegenteil: Es wäre die logischste Lösung gewesen. Der Sprint fand statt, die Punkte wurden ausgefahren und ein Sieger stand fest.
Stattdessen bleibt Ethan Hayter nur die Rolle des ewigen Stellvertreters. Zum zweiten Mal trägt er das Grüne Trikot, ohne es tatsächlich zu besitzen. Und die Radsportwelt bleibt mit einer Frage zurück, die an diesem Abend wohl viele beschäftigt hat: Wenn selbst in einem solchen Ausnahmefall kein Raum für eine vernünftige Einzelfallentscheidung bleibt, wozu gibt es dann überhaupt noch eine Jury?
Aber was meint ihr: Regelkonforme Entscheidung oder unfaire Behandlung?

Redakteur
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