Zeitfahr-AnalyseDie Rolle der Gummi-Mischung beim Sturz

Robert Kühnen

 · 23.07.2026

Zeitfahr-Analyse: Die Rolle der Gummi-Mischung beim SturzFoto: A.S.O. / Thomas Maheux
Zu diesem Zeitpunkt hat noch niemand erahnt, dass dies die letzte Etappe der Tour de France 2026 für Florian Lipowitz sein würde.
​Remco Evenepoel pulverisierte im Zeitfahren die Prognose, während Tadej Pogačar einen Sturz nur dank überragender Radbeherrschung verhinderte. Unsere Analyse zeigt, welche Rolle Leistung, Aerodynamik und Reifen-Grip dabei spielten.

Das Zeitfahren lief wie erwartet, mit einem überlegenen Sieg von Remco Evenepoel. Seine Fahrzeit von 32:19 hat die von uns prognostizierte Zeit von 33:28 über eine Minute unterboten.

Evenepoel startete bereits sehr schnell und erreichte den Gipfel der Steigung mit der besten Zwischenzeit (und einem 37er Schnitt!). Das ist insofern bemerkenswert, als dass seine Kernkompetenz ja die Relation von Leistung zu Aerodynamik ist. Dass er bergauf schneller fuhr als Tadej Pogacar, kann zu einem gewissen Prozentsatz zwar auch an überlegener Aerodynamik gelegen haben, diese hat bergauf aber nicht den Stellenwert wie im Flachen oder bergab. Dies deutet an, dass Evenepoel aufs Gewicht bezogen eine ähnliche Leistung wie Pogacar trat.

Dazu passt, dass Evenepoel kurz nach der Zieldurchfahrt davon sprach, zu Beginn ungewöhnlich hohe Wattwerte getreten zu haben, mehr, als er sich vorgenommen hatte.

Die bergauf-Kalkulation hatten wir mit 432 Watt für 66 Kilogramm Fahrergewicht (rennbereit, inklusive Kleidung) vorgenommen (6,54 W/kg), diese Leistung hat Remco Evenepoel aller Voraussicht nach überboten. Wobei wir weder sein exaktes Gewicht noch seinen genauen cwA-Wert kennen.

Vor der Tour kursierte ein Video mit seinem ehemaligen Trainer Dan Lorang, der bei einem Test an einem Berg von 425 Watt Schwelle sprach. Dies würde gut zu der angenommenen Leistung in der Simulation passen. Vermutlich hat Evenepoel aber noch härter hingelangt. Das würde dafürsprechen, dass er seine Leistung gegenüber den Trainingsdaten noch etwas erhöhen konnte.

Crash in der Zeitlupe – Pogacar mit überlegener Radbeherrschung

Florian Lipowitz stürzte in einer schnellen Rechtskurve sechs Kilometer vor dem Ziel und schied mit gebrochenem Schlüsselbein aus. Tadej Pogacar wäre in derselben Kurve aber auch fast gestürzt. Der Sturz von Lipowitz wurde mutmaßlich von einer Korrektur der Fahrlinie im Kurvenscheitelpunkt ausgelöst (zu schnell angefahren bzw. Kurvenradius falsch eingeschätzt). Auch der wellige Untergrund und der Zebra-Streifen mögen eine Rolle gespielt haben. Auffällig ist jedenfalls, dass Lipowitz mit wenig Schräglage wegrutschte, dies spricht sehr für ein Lenkmanöver als Auslöser. Die zusätzlichen Lenkkräfte haben den Vorderreifen mutmaßlich ausbrechen lassen, eine Situation, die meist zum Sturz führt. Pogacar war auch zu schnell, rutschte aber über beide Räder Richtung Kurvenrand. In der Zeitlupe ist zu erkennen, wie Pogacar die Situation mit subtilen Lenkbewegungen um die Nulllage und einem beherzten Einlenken kurz vor dem Bordstein die Fahrt rettete. Klarer Fall: seine Fahrkünste halfen mit, einen Crash zu vermeiden.

Rolle der Gummi-Mischung

Haben die Conti-Reifen Pogacar dabei geholfen, die Kontrolle zu behalten? Wir wissen aus unseren Grip-Tests (auf bewässerter Kreisbahn), dass der Conti-Gummi stempelt, bevor er rutscht, also ein gutmütiges Verhalten im Grenzbereich zeigt. Das passt zu den Beobachtungen beim Rennen. Das Hinterrad versetzte, schmierte aber nicht weg. Die Specialized-Gummimischung zeigte im letzten Grip-Test von TOUR (2023) aber ebenfalls ein kontrollierbares Stempeln an der Haftgrenze.

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Robert wurde 1964 in Düsseldorf geboren und fuhr seine ersten Straßenrennen mit 17 Jahren. Zum Spitzenrennfahrer reichte es nicht, aber zu späten Nischenerfolgen. 2011 gelang es Robert, Zeitfahrweltmeister der Journalisten zu werden. Nach seinem Maschinenbaustudium in Essen führte ihn sein Weg bereits 1993 zur TOUR, wo er anfangs mit der Legende Hans Christian Smolik zusammenarbeitete. Heute ist Robert freiberuflich für TOUR und BIKE unterwegs, mit den Schwerpunktthemen Aerodynamik, Messtechnik und Entwicklung neuer Prüfmethoden. Motto: Geht nicht? Gibt‘s nicht. Robert berät auch die Radindustrie und Profiteams, coacht Athleten und kümmert sich um den Radsportnachwuchs. Als Radsportler mag es Robert kurz und schnell, auf schmalen wie auf breiten Reifen.

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