Das Zeitfahren lief wie erwartet, mit einem überlegenen Sieg von Remco Evenepoel. Seine Fahrzeit von 32:19 hat die von uns prognostizierte Zeit von 33:28 über eine Minute unterboten.
Evenepoel startete bereits sehr schnell und erreichte den Gipfel der Steigung mit der besten Zwischenzeit (und einem 37er Schnitt!). Das ist insofern bemerkenswert, als dass seine Kernkompetenz ja die Relation von Leistung zu Aerodynamik ist. Dass er bergauf schneller fuhr als Tadej Pogacar, kann zu einem gewissen Prozentsatz zwar auch an überlegener Aerodynamik gelegen haben, diese hat bergauf aber nicht den Stellenwert wie im Flachen oder bergab. Dies deutet an, dass Evenepoel aufs Gewicht bezogen eine ähnliche Leistung wie Pogacar trat.
Dazu passt, dass Evenepoel kurz nach der Zieldurchfahrt davon sprach, zu Beginn ungewöhnlich hohe Wattwerte getreten zu haben, mehr, als er sich vorgenommen hatte.
Die bergauf-Kalkulation hatten wir mit 432 Watt für 66 Kilogramm Fahrergewicht (rennbereit, inklusive Kleidung) vorgenommen (6,54 W/kg), diese Leistung hat Remco Evenepoel aller Voraussicht nach überboten. Wobei wir weder sein exaktes Gewicht noch seinen genauen cwA-Wert kennen.
Vor der Tour kursierte ein Video mit seinem ehemaligen Trainer Dan Lorang, der bei einem Test an einem Berg von 425 Watt Schwelle sprach. Dies würde gut zu der angenommenen Leistung in der Simulation passen. Vermutlich hat Evenepoel aber noch härter hingelangt. Das würde dafürsprechen, dass er seine Leistung gegenüber den Trainingsdaten noch etwas erhöhen konnte.
Florian Lipowitz stürzte in einer schnellen Rechtskurve sechs Kilometer vor dem Ziel und schied mit gebrochenem Schlüsselbein aus. Tadej Pogacar wäre in derselben Kurve aber auch fast gestürzt. Der Sturz von Lipowitz wurde mutmaßlich von einer Korrektur der Fahrlinie im Kurvenscheitelpunkt ausgelöst (zu schnell angefahren bzw. Kurvenradius falsch eingeschätzt). Auch der wellige Untergrund und der Zebra-Streifen mögen eine Rolle gespielt haben. Auffällig ist jedenfalls, dass Lipowitz mit wenig Schräglage wegrutschte, dies spricht sehr für ein Lenkmanöver als Auslöser. Die zusätzlichen Lenkkräfte haben den Vorderreifen mutmaßlich ausbrechen lassen, eine Situation, die meist zum Sturz führt. Pogacar war auch zu schnell, rutschte aber über beide Räder Richtung Kurvenrand. In der Zeitlupe ist zu erkennen, wie Pogacar die Situation mit subtilen Lenkbewegungen um die Nulllage und einem beherzten Einlenken kurz vor dem Bordstein die Fahrt rettete. Klarer Fall: seine Fahrkünste halfen mit, einen Crash zu vermeiden.
Haben die Conti-Reifen Pogacar dabei geholfen, die Kontrolle zu behalten? Wir wissen aus unseren Grip-Tests (auf bewässerter Kreisbahn), dass der Conti-Gummi stempelt, bevor er rutscht, also ein gutmütiges Verhalten im Grenzbereich zeigt. Das passt zu den Beobachtungen beim Rennen. Das Hinterrad versetzte, schmierte aber nicht weg. Die Specialized-Gummimischung zeigte im letzten Grip-Test von TOUR (2023) aber ebenfalls ein kontrollierbares Stempeln an der Haftgrenze.

Redakteur
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