Vom 1. bis 9. August geht es für die Frauen bei der Tour de France um das Gelbe Trikot. Selten gab es so viele Topfahrerinnen, die eine Chance auf den Gesamtsieg bei der Frankreich-Rundfahrt haben. Das sind die Favoritinnen.
Die Tour de France Femmes 2026 verspricht einen offenen Kampf um das Gelbe Trikot. Vom 1. bis 9. August führt die Rundfahrt über neun Etappen von Lausanne nach Nizza. Ein 21 Kilometer langes Einzelzeitfahren, die Bergankunft am Mont Ventoux und das schwere Finale über den Col d’Èze, entscheiden, wer am Ende das Gelbe Trikot gewinnt.
Die Strecke der Tour de France Femmes 2026 verlangt vielseitige Fahrerinnen. Zeitfahrqualitäten entscheiden in diesem Jahr genauso wie die Stärke am Berg über Sieg und Niederlage. Hier sind die Favoritinnen auf den wichtigsten Sieg des Jahres: die Gesamtwertung der Tour de France.
***** Demi Vollering
**** Pauline Ferrand-Prévot, Anna van der Breggen
*** Paula Blasi, Elisa Longo Borghini, Antonia Niedermaier
** Kasia Niewiadoma, Marlen Reusser, Cédrine Kerbaol
* Juliette Berthet, Yara Kastelijn, Dominika Włodarczyk, Urška Žigart, Femke de Vries, Niamh Fisher-Black, Puck Pieterse, Monica Trinca Colonel
* Je mehr Sterne eine Fahrerin erhält, desto höher sind ihre Chancen einzuschätzen
Demi Vollering geht mit der stärksten Saisonbilanz in die Tour. Die Niederländerin gewann 2026 unter anderem den Omloop Het Nieuwsblad, die Flandern-Rundfahrt, den Flèche Wallonne und Lüttich-Bastogne-Lüttich. Im Juni feierte sie zudem ihren ersten Gesamtsieg beim Giro d’Italia Women.
Vollering kann lange Anstiege schnell fahren, ist in kleinen Gruppen endschnell und im Zeitfahren konkurrenzfähig. Vor allem am Mont Ventoux dürfte sie versuchen, die Konkurrenz mit einem hohen Tempo und einem späten Angriff zu distanzieren. Nachdem Vollering im letzten Jahr den zweiten Platz akzeptieren musste, sieht es diesmal so aus, als wäre sie wieder unschlagbar.
FDJ United-Suez ist stark auf ihre Kapitänin ausgerichtet. Juliette Berthet und Évita Muzic sollen sie in den Bergen unterstützen, die Deutsche Franziska Koch kann auf den hektischen und hügeligen Etappen eine wichtige Rolle übernehmen. Das Team wird vermutlich versuchen, die Rundfahrt bis zum Ventoux zu kontrollieren.
Die Titelverteidigerin gewann die Tour de France 2025 und bleibt eine der größten Konkurrentinnen von Vollering. Ihre Rennpause seit Anfang Mai sorgt zwar für einige Fragezeichen, kann aber auch Teil einer gezielten Vorbereitung sein. Auch ihr Ansatz, die Spanien-Rundfahrt nur als “Training” zu absolvieren wirkt eher unüblich.
Ferrand-Prévots Chancen steigen, wenn sie ein kontrolliertes Rennen fahren kann. Im Zeitfahren muss sie den Rückstand auf Vollering und vor allem Reusser begrenzen. Am Mont Ventoux wird es darum gehen, möglichst lange bei Vollering zu bleiben und den richtigen Moment für einen Angriff abzuwarten. Unmöglich ist das nicht, genau dieses Szenario konnte man im letzten Jahr verfolgen.
Auch das Team Visma | Lease a Bike ist voll auf die Siegkandidatin des Teams ausgerichtet. Für sie zählt nur das Gelbe Trikot. Das merkt man schon an der außergewöhnlichen Vorbereitung und dem stark gesetzten Saisonschwerpunkt. Kaum eine andere Fahrerin konzentriert sich so sehr auf die Frankreich-Rundfahrt.
Nach ihrer Rückkehr ins Peloton hat sie sich seit vergangenem Jahr von Monat zu Monat gesteigert und präsentierte sich zuletzt wieder auf einem Niveau, das an ihre besten Jahre erinnert. Spätestens beim Giro d’Italia Women zeigte die ehemalige Olympiasiegerin und Weltmeisterin, dass sie auch im Alter von 36 Jahren noch mit den stärksten Rundfahrerinnen mithalten kann. Der Zeitfahrsieg mit über einer Minute Vorsprung vor Reusser ließ die Radsportwelt für einen Moment den Atem anhalten.
Ihre größten Stärken liegen in ihrer Rennintelligenz und ihrer Vielseitigkeit. Van der Breggen klettert konstant auf Top-Niveau, liefert starke Zeitfahren ab, und ist im richtigen Moment an der richtigen Position. Für den Gesamtsieg muss bei ihr allerdings auch zum Ende der Rundfahrt alles zusammenlaufen. Besonders an den langen Anstiegen ist Van der Breggen etwas schwächer einzuschätzen als Vollering und Ferrand-Prévot.
Paula Blasi war in dieser Saison die Überraschungen im Frauenradsport. Die junge Spanierin überzeugte mit konstanten Leistungen in den Bergen und zeigte mehrfach, dass sie auch gegen etablierte Rundfahrerinnen bestehen kann. Zwar fehlt ihr noch die Erfahrung bei der Tour de France, ihr Entwicklungstempo macht sie aber zu einer ernstzunehmenden Kandidatin für das Podium.
Mit ihrem Sieg bei der Spanien-Rundfahrt hat sie allen gezeigt, wozu sie in der Lage ist. Ihre größten Chancen liegen in einem offensiven Rennverlauf. Blasi profitiert von schweren Bergetappen und könnte insbesondere dann gefährlich werden, wenn sich die Favoritinnen zu sehr aufeinander konzentrieren. Im Zeitfahren dürfte sie zwar Zeit verlieren, am Mont Ventoux besitzt sie jedoch das Potenzial, diesen Rückstand zumindest teilweise wieder wettzumachen. Eine mutige Attacke, der keine der etablierten Spitzenfahrerinnen nachsetzt, könnte Blasi in eine starke Position bringen.
Sie ist jedoch nicht die Kapitänin des Teams, eine Doppelspitze wäre denkbar...
Elisa Longo Borghini zählt seit Jahren zu den konstantesten Rundfahrerinnen im Peloton. Die Italienerin ist neben Blasi die zweite Favoritin aus den Reihen des UAE-Team. Ihr Vorteil liegt vor allem in ihrer Konstanz. Longo Borghini hat selten völlig schlechte Tage und kann auf nahezu jedem Terrain vorne mitfahren. Im Zeitfahren gehört sie nicht zu den absoluten Spezialistinnen, verliert dort aber meist nur begrenzt Zeit.
Longo Borghini gehört zu den cleversten Fahrerinnen des Feldes und weiß genau, wie man Sekunden sammelt, ohne auf die ganz großen Angriffe angewiesen zu sein. Für den Toursieg braucht sie vermutlich mehrere perfekte Tage, für das Podium bringt sie jedoch alle Voraussetzungen mit. Interessant wird Rolle im Team sein und ob sie die alleinige Kapitänin sein wird. Blasi könnte ihr diese Rolle durchaus streitig machen.
Antonia Niedermaier geht als wohl größte deutsche Hoffnung auf ein Spitzenresultat in diese Tour de France. Die ehemalige Skibergsteigerin hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der talentiertesten Rundfahrerinnen ihrer Generation entwickelt. Beweis gefällig? Ein zweiter Platz in diesem Jahr bei der Italien-Rundfahrt, vor Van der Breggen und Longo Borghini. Mehr braucht man nicht zu wissen!
Genau wie beim Team UAE ADQ, stellt sich bei Canyon//Sram die Frage, welche Fahrerin die Kapitänin ist. Neben Niedermaier steht Kasia Niewiadoma im Aufgebot des deutschen Rennstalls, die Tour-Siegerin von 2024. Diese hat jedoch nicht die beste Saison ihres Lebens in den Beinen.
Kasia Niewiadoma-Phinney stand bei jeder Austragung der modernen Tour de France Femmes auf dem Podium und gewann die Rundfahrt 2024. Die Teamkollegin von Niedermaier ist konstant gut, aber in dieser Saison hat die Polin so ihre Schwierigkeiten. Nach ihrem Sturz bei Mailand - Sanremo kam sie nicht wirklich in Tritt, der achte Platz bei der Spanien-Rundfahrt in einem Feld ohne die großen Topfavoritinnen, ist nicht zufriedenstellend.
Mit Antonia Niedermaier als zweite starke Karte kann das Team seine Gegnerinnen jedoch taktisch unter Druck setzen. Eine der beiden Profis könnte dadurch einen entscheidenden Vorteil bekommen, dabei hat Niewiadoma aktuell allerdings das Nachsehen hinter ihrer deutschen Teamkollegin.
Marlen Reusser ist die stärkste Zeitfahrerin im Favoritinnenfeld. Die Schweizerin ist Weltmeisterin in dieser Disziplin und kann auch auf leicht ansteigenden Kursen große Abstände herausfahren. Das Zeitfahren nach Dijon ist deshalb ihre größte Chance, Zeit auf Vollering und Ferrand-Prévot zu gewinnen. Beim Giro d’Italia verlor sie das schwere Bergzeitfahren überraschend, gab sich danach sichtlich enttäuscht über ihr Pacing. Wenn dieses stimmt kann sie jedoch keine andere Fahrerin aufhalten. Gelingt ihr ein perfekter Tag, kann sie mit einem guten Vorsprung an den Mont Ventoux kommen.
Dort muss sie sich allerdings gegen die stärkeren Kletterinnen behaupten. Ihre verbesserten Bergfähigkeiten machen sie zu einer ernsthaften Gesamtklassement-Kandidatin, doch gegen Vollering, Ferrand-Prévot und Co. wird es an den steilen und langen Anstiegen schwer.
Cédrine Kerbaol ist eine wahre Wundertüte. Manchmal funktioniert eine ihrer waghalsigen Attacken und sie steht ganz oben auf dem Podest, an anderen Tagen explodiert sie im Anstieg schon nach wenigen Kilometern. Wie das bei der Tour wird? Das ist kaum vorherzusagen.
Im Vergleich zu den Topfavoritinnen fehlt ihr diese Konstanz für die ganz großen Hochgebirgsetappen. Besonders am Mont Ventoux wird sich zeigen, ob sie den Abstand zu Vollering, Ferrand-Prévot oder van der Breggen in Grenzen halten kann. Der Toursieg wäre eine große Überraschung, eine Platzierung in den Top Ten hingegen ist fast Pflicht, während mit dem perfekten Rennverlauf sogar die Top Fünf möglich erscheinen.
Die Liste der Außenseiterinnen ist lang. Das schöne an einer langen Rundfahrt ist, dass am Ende eben doch alles passieren kann. Die Chancen für diese Fahrerinnen sind zwar sehr gering, eine Möglichkeit auf den Tour-Sieg besteht aber trotzdem.
Juliette Berthet, Dominika Włodarczyk und Femke de Vries reisen in erster Linie als Helferinnen ihrer jeweiligen Kapitäninnen an. Berthet dürfte vor allem Demi Vollering in den Bergen unterstützen, während Włodarczyk und de Vries ebenfalls wichtige Rollen im Kampf um das Gelbe Trikot ihrer Teams übernehmen. Sollten ihre Anführerinnen jedoch Zeit verlieren oder ausfallen, könnten sie unvermittelt selbst in den Fokus des Gesamtklassements rücken.
Yara Kastelijn, Urška Žigart, Niamh Fisher-Black, Puck Pieterse und Monica Trinca Colonel sind dagegen die aussichtsreichsten Klassementfahrerinnen ihrer Mannschaften. Sie verfügen über die Fähigkeiten, um bei schweren Rundfahrten konstant mitzufahren, erreichen jedoch nicht ganz das Niveau der Topfavoritinnen. Besonders auf den längsten Anstiegen dürfte es schwierig werden, den Attacken von Vollering, Ferrand-Prévot, van der Breggen und Co. zu folgen.
Dennoch besitzen alle fünf das Potenzial für ein starkes Gesamtergebnis. Eine Platzierung unter den besten Zehn erscheint für mehrere dieser Fahrerinnen realistisch, mit einem perfekten Rennverlauf ist sogar eine Top-Fünf-Platzierung nicht ausgeschlossen. Für den Gesamtsieg sind sie zwar klare Außenseiterinnen, aber ein Radrennen muss am Ende des Tages eben doch erst gefahren werden.

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