Die Tour de France Femmes 2026 wird vom 1. bis 9. August über neun Etappen ausgetragen. Von Lausanne führt die Strecke über den Jura, Burgund und das Zentralmassiv bis nach Nizza. Mit 1.175 Kilometern und 18.795 Höhenmetern ist sie die längste und höhenmeterreichste Ausgabe in der noch jungen Geschichte der Rundfahrt. Der entscheidende Unterschied zu vielen früheren Ausgaben liegt in der Mischung: Ein 21 Kilometer langes Einzelzeitfahren, mehrere schwere Übergangsetappen, eine Bergankunft am Mont Ventoux und ein anspruchsvolles Finale machen die Tour zu einer Prüfung für Allrounderinnen.
Offiziell setzt sich die Rundfahrt aus drei Flach-, drei hügeligen und zwei Bergetappen sowie dem Einzelzeitfahren zusammen. Wie die Etappen im Detail zeigen, sagt diese Einordnung allerdings wenig darüber aus, wie ruhig ein Tag tatsächlich verläuft.
Die Tour de France Femmes 2026 bevorzugt nicht ausschließlich die beste Kletterin. Das Zeitfahren belohnt hohe Dauerleistung, die Jura- und Beaujolais-Etappen verlangen taktische Flexibilität, und das Finale in Nizza stellt hohe Anforderungen an Explosivität und Abfahrtsfähigkeiten. Der Mont Ventoux ist der wahrscheinlich wichtigste Einzelmoment – das Gesamtklassement wird aber schon vorher geprägt: durch Positionierung, Helferinnenarbeit, Materialentscheidungen und den Umgang mit den hügeligen Übergangsetappen.
Die ersten beiden Etappen rund um Lausanne und von Aigle nach Genf werden offiziell als flach eingestuft. Wirklich einfache Sprinttage sind sie jedoch nicht. Vor allem das Finale der Auftaktetappe enthält eine Rampe, die das Feld auseinanderziehen kann. In Genf ist ein Massensprint wahrscheinlicher, doch die wellige erste Rennhälfte und die Nervosität am Beginn einer Rundfahrt bleiben Risikofaktoren.
Für die Gesamtklassement-Fahrerinnen gilt deshalb schon in der Schweiz: Positionieren, Stürze vermeiden und keine unnötigen Zeitverluste zulassen. Sprinterinnen mit guter Kletterfähigkeit können bereits um das erste Gelbe Trikot kämpfen. Reine Flachsprinterinnen erhalten dagegen vermutlich nur in Genf eine wirklich sichere Gelegenheit.
Die dritte Etappe von Genf nach Poligny führt über 156,5 Kilometer und mehr als 2.400 Höhenmeter. Der Col de la Faucille ist der erste längere Anstieg der Rundfahrt. Danach folgt eine überwiegend abfallende Strecke bis ins Ziel.
Die Etappe ist taktisch anspruchsvoll, weil ein Angriff am Berg nicht automatisch den größten Vorteil bringt. Wer am Col de la Faucille attackiert, ist noch ganz am Anfang der Etappe. Danach folgt ein hügeliges Profil mit drei Bergwertungen und Verfolgerinnen haben noch rund 125 Kilometer Zeit, Ausreißerinnen wieder einzufangen.
Wahrscheinlicher als ein Duell der großen Favoritinnen ist entweder eine starke Ausreißergruppe oder – bei kontrolliertem Rennverlauf – ein Sprint aus reduzierter Gruppe auf den letzten, flachen 13 Kilometern nach Poligny. Damit bleibt die Etappe auch für bergfeste Sprinterinnen interessant.
Am vierten Tag folgt das Einzelzeitfahren von Gevrey-Chambertin nach Dijon. Die Strecke ist 21 Kilometer lang und enthält einen Anstieg im Mittelteil. Damit stellt die Etappe komplexe Anforderungen an die Fahrerinnen und ist weniger auf bestimmte Spezialistinnen ausgelegt.
Dieser Tag könnte das Gesamtklassement erstmals deutlich sortieren. Fahrerinnen mit hoher Dauerleistung und guter Aerodynamik haben auf den flacheren Abschnitten Vorteile. Gleichzeitig darf der Anstieg nicht zu schnell angegangen werden. Wer dort überzieht, verliert auf den folgenden Kilometern mehr Zeit, als er sie am Berg gewinnen kann.
Das Zeitfahren zwingt die Teams außerdem zu einer strategischen Entscheidung bei der Materialwahl. Ein maximal leichtes Fahrrad ist nicht automatisch optimal. Auf den flachen Passagen und bei Gegenwind kann Aerodynamik wichtiger sein als einige hundert Gramm Gewicht. Die TOUR-Tech-Briefings zur Männer-Tour zeigen genau diese Abhängigkeit vom entscheidenden Streckenabschnitt: Ein geringes Gewicht hilft bei einer Attacke am steilen Berg, Aerodynamik dagegen auf langen Anfahrten und in Abfahrten.
Die fünfte Etappe von Mâcon nach Belleville-en-Beaujolais ist mit acht klassifizierten Anstiegen und rund 2.850 Höhenmetern deutlich schwerer, als die Bezeichnung “hügelig” vermuten lässt. Im Finale wartet der Mont Brouilly. Am sechsten Tag geht es von Montbrison nach Tournon-sur-Rhône über sechs weitere Bergwertungen, darunter der Col de Lalouvesc (Kategorie 2), sowie welligen Straßen ohne echte Verschnaufpause.
Diese beiden Etappen können das Gesamtklassement auf zwei Arten beeinflussen. Einerseits bieten sie starken Ausreißerinnen gute Chancen. Andererseits können Mannschaften versuchen, die Helferinnen konkurrierender Favoritinnen früh zu isolieren.
Die entscheidende Frage lautet: Kontrolliert ein Team das Rennen oder spart es Kräfte für den Mont Ventoux? Wer zu viel Nachführarbeit übernimmt, kann am folgenden Tag geschwächt sein. Wer zu passiv fährt, riskiert dagegen, dass eine gefährliche Gruppe mit einer Klassement-Fahrerin entsteht.
Die siebte Etappe von La Voulte-sur-Rhône zum Mont Ventoux findet am Freitag, den 7. August statt und ist mit 146,8 Kilometern und 3.565 Höhenmetern die Königsetappe. Der Schlussanstieg ist 15,7 Kilometer lang und führt bis auf 1.910 Meter Höhe.
Am Ventoux kann sich keine Favoritin dauerhaft verstecken. Die Mannschaften werden versuchen, das Tempo bereits am Fuß des Berges zu erhöhen und die Ausreißerinnen zu kontrollieren. Je länger der Anstieg dauert, desto stärker zählt jedoch die individuelle Leistungsfähigkeit.
Eine sehr frühe Attacke ist riskant. Über fast 16 Kilometer kann eine Konkurrentin viel Zeit zurückgewinnen, wenn der Angriff nicht sofort erfolgreich ist. Wahrscheinlicher sind Angriffe in steileren Passagen oder dort, wo der Wind im oberen Bereich des Berges eine Rolle spielt.
Auch beim Material ist die Situation nicht eindeutig. Ein leichtes Allround-Rad mit bergtauglicher Übersetzung dürfte sinnvoller sein als ein kompromissloses Bergfahrrad, weil vor dem Ventoux ein langer Rennabschnitt liegt. Im windanfälligen oberen Teil können tiefe Felgen zu Problemen führen. Die zentrale Entscheidung lautet daher nicht “Aero oder leicht?”, sondern: An welcher Stelle soll das Material den entscheidenden Vorteil liefern?
Die achte Etappe von Sisteron nach Nizza ist mit 171,9 Kilometern die längste der Rundfahrt und offiziell als Flachetappe eingestuft. Diese Einstufung täuscht jedoch: Vor Nizza warten noch ein paar kurze Anstiege auf die Fahrerinnen, der letzte rund 6 Kilometer vor dem Ziel, könnte das Feld auseinanderziehen.
Am letzten Tag, Sonntag, dem 9. August, folgen auf 99,2 Kilometern vier Überfahrten des Col d'Èze über zwei unterschiedliche Anfahrten. Die letzte und schwerste Passage (6 km bei 7,6 %) dürfte die Entscheidung bringen, bevor es bergab ins Ziel nach Nizza geht.
Die Siegerin wird deshalb nicht nur die stärkste Bergfahrerin sein. Sie muss über neun Tage die vielseitigste und taktisch klügste Fahrerin des Feldes sein.

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