Text: Stephan Klemm
Die Bühne des größten Open-Air-Theaters der Alpen bilden 21 in einen Berg gestanzte Kurven der Rue Départementale 211. Diese Arena im Südosten Frankreichs wird immer dann bespielt, wenn der Tross der Tour de France vorbeischaut und ihre Teilnehmer dort ein neues Stück Radsport-Gegenwartsgeschichte aufführen. An einem solchen Tag besetzen Hunderttausende Menschen euphorisch, laut und völlig losgelöst die Straße, die in den Himmel führt, magnetisch angezogen vom hymnischen Klang des Ortsnamens Alpe d’Huez.
Das Städtchen thront auf 1.800 Metern Höhe, und der Weg dorthin, der 14 Kilometer lange Anstieg, ist bis zu 14 Prozent steil, knapp acht sind es im Schnitt. Die Tour kennt längere Bergauf-Passagen und gewaltigere Steigungsgrade, doch vor allem Alpe d’Huez hat sich zu einem der bekanntesten Orte der Frankreich-Rundfahrt entwickelt. Das liegt vor allem an der geografischen Besonderheit dieser 21 nach oben führenden Treppen, die sich faszinierend und telegen in den Hang schmiegen. Sie werden durch kleine Schilder mit blauer Schrift auf weißem Grund angezeigt, von 21 wird rückwärts bis 1 nach oben gezählt. Auf Plaketten in den Kurven sind die Namen der Etappengewinner verewigt, auf manchen stehen zwei von ihnen.
Berühmt geworden ist Alpe d’Huez aber auch wegen der großen Stars, die hier gewannen, angefangen bei Fausto Coppi bei der Alpe-Premiere 1952. Es war zudem die erste Bergankunft in der Geschichte der Tour de France. Hinzu kommen die besonderen Konstellationen in der Gesamtwertung, denn zumeist wurde die D 211 bei ihren bisher 31 Alpe-Rendezvous bis 2022 in der finalen Tour-Woche angesteuert.
In diesem Sommer ist die Tour nach vier Jahren Pause wieder zu Gast im Grand-Rousses-Massiv, und das gleich zweimal, am dritt- und vorletzten Tag des Rennens. Der Betonklotz-Wintersportort Alpe d’Huez, der durch das Sommerspektakel Tour de France berühmt wurde, empfängt die Radprofis am Ende der 19. und 20. Etappe am 24. und 25. Juli. Zunächst geht es von Gap aus in nördlicher Richtung ins Tal der Romanche und von Le Bourg-d’Oisans konventionell links ab auf die D 211 und hinein in die berühmten 21 Kehren nach oben. Einen Tag später endet das 20. Teilstück am selben Ort, doch der Weg dorthin führt über eine Teilstrecke, die neu im Programm ist.
Die Etappe beginnt in Le Bourg-d’Oisans und führt in anderer Richtung aus dem Ort hinaus auf den Croix de Fer, von dort über den Télégraphe, den Galibier und – das ist neu – über den schmalen Bergpfad des Col de Sarenne. Vier Kilometer vor Alpe d’Huez biegen die Profis oberhalb des Dorfes Huez-en-Oisans schließlich auf die D 211 ein. Sechs der 21 Kurven sind dort für das Finale der Tageswertung noch übrig. Diese Prüfung verlangt den Fahrern noch einmal sehr viel ab, sie müssen auf einer Distanz von 171 Kilometern 5.450 Höhenmeter bewältigen. Am vorletzten Tag der Frankreich-Rundfahrt.
Tour-Direktor Christian Prudhomme wollte diese neue Wegführung unbedingt im Parcours haben, er schätzt den Col de Sarenne, der eine Ausweichpiste für Menschen ist, die Alpe d’Huez nicht über die D 211 verlassen oder erklimmen wollen. 2013 war diese Strecke bereits einmal Teil einer Etappe, die zunächst hinauf nach Alpe d’Huez führte und über den Col de Sarenne ins Tal. Anschließend ging es zweimal rechts ab – und noch einmal hinein in die D 211. Eine doppelte Alpe-d’Huez-Verrücktheit an einem Tag, die sich die Tour-Verantwortlichen zum 100. Geburtstag des Rennens für ihr 18. Teilstück ausgedacht hatten. Zweimal hintereinander an zwei Tagen war Alpe d’Huez zwar auch schon 1979 im Programm, aber dabei führte der Weg zum Ziel jeweils durch die 21 Kurven.
Prudhomme ist ein schwärmerischer Tour-Direktor, und wenn er über den Abstecher auf den Col de Sarenne spricht, unterstützen seine Arme seine entflammten Eingebungen, seine Stimme wird höher und seine Augen werden größer. „Ich wollte unbedingt, dass wir diesmal den Col de Sarenne hochfahren und nicht herunter. Es handelt sich um eine wilde Bergstrecke durch faszinierende Natur, fabelhaft, großartig, spektakulär“, sagte Prudhomme im Gespräch mit TOUR.
Der Anstieg auf den Sarenne umfasst 13 Kilometer, acht davon führen durch ein Schutzgebiet, in dem keine Zuschauer zugelassen sind. „Wir werden somit einen großen Kontrast an diesen beiden Alpe-d’Huez-Tagen erleben. Einmal den Wahnsinn und die Verrücktheit der Menge in den 21 Kurven. Und am nächsten Tag Ruhe im Col de Sarenne. Ich liebe diesen Kontrast“, erzählt Prudhomme. Die neue Sarenne-Variante dürfte den Streckenplanern der Tour viele Möglichkeiten für die Zukunft eröffnen und den Bekanntheitsgrad von Alpe d’Huez noch einmal steigern.
Wobei: Weltbekannt ist dieses Städtchen auch jetzt schon und deshalb ein anziehendes Ziel für Besucher. Neben Franzosen, vielen Fans aus England, Kolumbien, Dänemark, Deutschland, Slowenien und dem nahegelegenen Italien zieht Alpe d’Huez vor allem niederländische Fans an. Das hat sporthistorische Gründe. Gesandte aus dem flachsten Land Europas haben in der Skistation zwischen 1976 und 1989 bei 13 Tourbesuchen an diesem Berg achtmal gewonnen – Rekord für eine Nation.
Diese Sieghäufung durch die niederländischen Fahrer Joop Zoetemelk, Hennie Kuiper und Peter Winnen (je zwei Erfolge) sowie Steven Rooks und Gert-Jan Theunisse wirkt auf deren Landsleute offenbar wie die Verpflichtung zu einer Visite im Département Isère, die zumeist einher geht mit einem von ihnen gebotenen Spektakel auf dem ansteigenden Asphalt der D 211 während des Rennens und in den Tagen zuvor. Vor zwei Jahren gewann bei der Alpe-Premiere der Frauen-Tour passenderweise mit Demi Vollering tatsächlich auch noch eine Niederländerin.
Der größte Teil der holländischen Fan-Legionen hat sich Kurve sieben und das Dorf Huez-en-Oisans als Bastion ausgesucht, gut fünf Kilometer vor dem Ziel auf der Avenue de Rif-Nel. Schon am Vorabend einer Alpe-d’Huez-Etappe verwandeln die Besucher aus dem Norden den kleinen Weiler in eine Open-Air-Disco, in der viel Bier konsumiert wird. Die Straßen werden orange angestrichen, Wände mit orangefarbenen Fahnen geschmückt. Zumeist tragen diese Gäste das Trikot der niederländischen Fußballnationalelf, das natürlich auch orange gefärbt ist. Doch das ist nur ein lauter, greller und schriller Prolog.
Richtig wild wird es in dem Augenblick, in dem die ersten Fahrer die Kurve der Holländer passieren. Die Menschen lassen den Profis nur einen winzigen Spalt für ihre Passage. Die Anfeuerungen, die Kostüme der Leute, die Stimmung, die hüpfenden, exaltierten,nicht zu bremsenden Begleiter der Profis steigern sich in jenen Momenten in einen kaum begreiflichen Wahn.
2011, 2013 und 2015 waren hingegen Jubeljahre für Frankreich. Damals gewannen mit Pierre Roland, Christophe Riblon und Thibaut Pinot gleich drei Franzosen hintereinander. In diesen drei Sommern übertraf der französische Jubel den Krach der feiernden Niederländer sogar noch.
Die Idee, die Tour de France nach Alpe d’Huez zu holen, stammt von dem Künstler und Radsport-Fan Jean Barbaglia aus Le Bourg-d’Oisans. Er konfrontierte die Alpe-Hoteliers Georges Rajon und André Quintin 1951 mit seiner Vision und begeisterte seine beiden Freunde damit auf Anhieb. Sie waren empfänglich für eine Sommer-Attraktion ihrer Wintersport-Gemeinde. Rajon nahm kurz darauf Kontakt mit der Tour-Direktion auf, die anschließend einen Emissär vorbei schickte.
Der war von der großartigen Beschaffenheit der D 211 und ihrem Kurvenspektakel begeistert. Der damalige Tour-Direktor Jacques Goddet entschied daraufhin, dass Alpe d’Huez schon 1952 Teil des Parcours sein sollte.
Von Rajon stammt auch die Idee der Nummerierung der 21 Kurven. Bei einer Slowenien-Reise entdeckte er, dass die 53 Serpentinen des Vrsic-Passes durchnummeriert waren. Großartige Sache, dachte sich Rajon, importierte diese Entdeckung und ließ die D 211 mit 21 Schildern in den Serpentinen ausstatten.1986 gewann Bernard Hinault als erster Franzose in Alpe d’Huez, und sein Tagessieg ist Teil einer großen tourhistorischen Erzählung.
1985 hatte der Bretone vor allem deshalb zum fünften Mal die Tour gewonnen, weil ihm Greg LeMond, sein Teamkollege bei La Vie Claire, dazu verholfen hatte. Hinault versprach dem US-Amerikaner daraufhin, ihn im folgenden Jahr zum Triumph in Paris zu lotsen. Doch 1986 spielte Hinault während der 73. Tour sein eigenes Spiel. Übernahm das Gelbe Trikot, provozierte LeMond laufend und überließ ihm erst am Ende der 17. Etappe auf dem Col de Granon in den Alpen die Gesamtführung.
Hinault fiel dort auf Rang drei zurück, er lag nun 2:47 Minuten hinter seinem Teamkollegen. Das 18. Teilstück wiederum endete in Alpe d’Huez, Spannung lag in der Luft: Würde der unkontrollierbare Hinault nun einen letzten Angriff riskieren? Doch in der D 211 schienen sich die zerstrittenen Teamleader besonnen zu haben. Sie hängten gemeinsam alle Konkurrenten ab, fassten sich auf der Zielgeraden an den Händen, und fuhren zusammen dem Zielstrich entgegen, den Hinault als Erster passieren durfte. LeMond konsolidierte seine Führung, Hinault rückte auf Rang zwei der Gesamtwertung vor.
Die französische Sporttageszeitung „L’Équipe“ goss das vielbestaunte Finale in die legendäre Schlagzeile: „Ein Adler mit zwei Köpfen“. Nach allerlei weiteren Wortgefechten erreichte LeMond die französische Hauptstadt als Toursieger, Hinault folgte auf Rang zwei. Der Franzose betonte in für ihn gewohnt rauer Manier, LeMond extra herausgefordert zu haben, damit sein Gegner beweisen könne, dass er ein „würdiger Champion“ sei.
Es ist die Summe all dieser Geschichten, die Alpe d’Huez einen mythischen Klang als Wimbledon oder Maracana des Radsports und als Sehnsuchtsort für Profis und Fans verleihen. Für die Fahrer gilt: Ein Sieg auf der Alpe ist der Coup ihrer Karriere.
Einmal jedoch, am 21. Juli 2004, wäre das Zusammentreffen von Zuschauern und Fahrern fast schiefgegangen. Arrangiert wurde an jenem heißen Sommertag ein 15,5 Kilometer langes Bergzeitfahren von Le Bourg-d’Oisans nach Alpe d’Huez. Mindestens 750.000 Menschen seien damals im Berg verteilt gewesen, sagt Prudhomme, „wahrscheinlich sogar mehr. Auf jeden Fall viel zu viele“. Als die ersten Fahrer im Hang klebten, war die Euphorie der völlig enthemmten Menge kaum zu bremsen. Jeder Profi musste durch eine Menschenwand fahren, er wurde angefasst, geschoben, mit Flüssigkeiten bespritzt. Dass es zu keinem Sturz kam, war angesichts der beunruhigenden Bilder eine glückliche Fügung.
Eine Stunde nach Beendigung der Etappe saß der damalige Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc blass auf einem Stuhl vor dem Eingang des Pressezentrums von Alpe d’Huez und sagte selbstkritisch: „Das war das absolute Limit. Das war zu viel Wahnsinn. Die Gefahr für die Fahrer war zu groß.“ Nach 2004 gab es kein Einzelzeitfahren mehr hinauf in die Skistation.
Warum auch? Die ikonische Tour-Spektakelbühne Alpe d’Huez funktioniert mit ihrer einzigartigen Atmosphäre ja auch konventionell ganz prächtig.
Den Rekord für die Bewältigung der 21 Kehren hinauf nach Alpe d’Huez hält weiterhin der Italiener Marco Pantani, ein Gesandter aus der EPO-Epoche des Radsports. 1997 absolvierte er die 14 Kilometer von Le Bourg-d’Oisans nach Alpe d’Huez in surreal erscheinenden 37:35 Minuten und gewann die Etappe damals vor dem späteren Toursieger Jan Ullrich.
In der Alpe-Bestenliste belegt Pantani auch noch die Plätze zwei (1994, 38:00 Minuten) und drei (1995, 38:05 Minuten). Auf Platz vier rangiert in diesem um den Namen Lance Armstrong bereinigten Klassement Jan Ullrich (38:28 Minuten). Tadej Pogačars Bestzeit steht bisher bei 39:08 Minuten (2022).
Kurz vor dem Ziel, auf der Kurventafel 1, ist Guiseppe Guerini verewigt. Der Italiener gewann im Sommer 1999 auf der Alpe. Damals schrieb der Auftritt eines skurrilen Fotografen Schlagzeilen. Guerini hatte den Ort bereits erreicht und fuhr dem Ziel als Solist entgegen. Doch dann stand plötzlich ein Mann vor ihm, mitten auf der Straße, um ein exklusives Foto zu produzieren, ein Zusammenstoß war unvermeidlich. Guerini stürzte und drohte seinen Vorsprung zu verlieren, rettete sich aber als Sieger ins Ziel.
Im Sommer 1978 gewann der Belgier Michel Pollentier die in Alpe d’Huez endende 16. Tour- Etappe und übernahm dort auch das Gelbe Trikot. Ein Dopingkontrolleur schaute bei Pollentiers Urin-Abgabe allerdings sehr genau hin und entdeckte, dass Pollentier unter seinem Trikot eine auffällige Konstruktion verbarg. Unter dessen Achselhöhle befand sich eine Gummiblase mit erkaltetem, unbelastetem und unverdächtigem fremdem Urin. Ein Schlauch führte über den Bauch in den Bereich der Genitalien und von dort in den Test-Flakon. Pollentier wurde aus dem Rennen genommen. Er verlor den Tagessieg sowie das Maillot Jaune. Zudem erhielt er eine Geldstrafe von 5.000 Schweizer Franken und eine zweimonatige Sperre.
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