Der Skibergsteiger Anton „Toni" Palzer stieg 2021 als Quereinsteiger in den Radsport ein. Für das Team Bora-hansgrohe/Red Bull fuhr er u.a. die Vuelta a España und den Giro d'Italia. Ende 2025 war das Abenteuer Radsport wieder vorbei. TOUR verrät er wie brutal der Einstieg in die WorldTour war und was seine Ziele für den Ötztaler Radmarathon 2026 sind.
Anton Palzer: Als ich Berufsradfahrer geworden bin, war ich 28. Ich habe null Radsport-Erfahrung gehabt. Der Einstieg war so, wie wenn man ein Baby ins Wasser schmeißt: schwimm oder geh unter. Es war eine brutal harte Schule für mich. Wenn du nie in einem Peloton gefahren bist und mit 160 Vollwahnsinnigen mit einem relativ gleichen Leistungsniveau Radrennen fahren musst, ist das nicht einfach. Der Radsport lebt in gewissen Situationen eben vom Positionsfahren. Wenn du das nicht nutzen kannst, weil du einfach Angst hast, dass es dich schmeißt - ich habe mir immer gedacht, ich darf nicht stürzen und mir richtig wehtun, weil wenn ich keine Rennen mehr fahre, lerne ich nicht. Ich habe in meiner ersten Saison, glaube ich 55 Rennen gehabt.
TOUR: Du bist in deinem ersten Profijahr gleich die Vuelta mitgefahren und verzweifelt.
Anton Palzer: Ich wollte damals nicht die Vuelta fahren, ich habe alles probiert, dass ich da rauskomme. Ich habe sogar Felix Großschartner angerufen, das war unser Leader und habe gesagt, Felix, ich kann dir da nicht helfen. Der Felix ist tiefenentspannt und hat gesagt: Toni, das ist so eine Riesenchance für dich. Du lernst da so viel in den drei Wochen. Ich bin durchgekommen, aber ich habe am sechsten Renntag einen Sturz gehabt. Ich glaube, es gibt keine Sportart, wo man verletzt weiterfährt, im Radsport ist es aber schon gang und gäbe, weil der Radsport ein Teamsport ist. Beim Skifahren, wenn man Schmerzen hat, fährt man einfach nicht mehr Ski.
TOUR: Es heißt du hast bei der Vuelta fünf Kilogramm zugenommen, weil du so unter Stress standst –stimmt das?
Anton Palzer: Ja, das stimmt. Ich habe da richtig Wasser eingelagert im Körper. Wenn du im permanenten Dauerstress bist mit dem Pulk fahren und mit dem Positionsfahren, war gefühlt jeder Tag für mich fahren am Limit. Ich glaube es hat noch nie einen gegeben, der angefangen hat mit dem Radl fahren und dann in dem gleichen Jahr, die Vuelta gefahren ist. Für mich war das so eine Grenzerfahrung, dass ich echt gezweifelt habe an dem Projekt Radsport. Ich habe einfach keinen Funken Energie mehr gehabt. Das Team hat mich dann aus den restlichen Rennen raus, weil das Cortisol so hoch war.
TOUR: Im nächsten Jahr lief es aber sehr gut?
Anton Palzer: Ich war ein komplett anderer Fahrer. Ich bin 25. der Katalonien-Rundfahrt geworden. Ab da ist es richtig gut gelaufen. 2023 war wahrscheinlich das beste Jahr für mich. Da bin ich 10. bei der Türkei Rundfahrt geworden, bin wieder super in Katalonien gefahren und das war der Grund, warum ich den Giro d‘Italia gefahren bin. Da haben sie mich quasi nachnominiert im Team. Das war schon so dieses Jahr, wo ich gesagt habe: OK, jetzt bin ich richtiger Berufsradfahrer. Jetzt geht es richtig ab.
TOUR: Was war die wichtigste Erkenntnis?
Anton Palzer: Du musst in den richtigen Momente Kräfte sparen. Ich werde den Spruch nie vergessen von Christian Pömer, er ist sportlicher Leiter bei uns: Toni, bist du nicht ganz vorn, dann spare jedes Korn. Es bringt einfach keinem was, wenn du auf der letzten Rille hinten drauf hockst und deinen Leadern nicht mehr helfen kannst. Das ist so gegensätzlich zu dem Sport, den ich gemacht habe, weil ich habe immer bis zum letzten Moment voll reingehalten. Da hast du deinen Captain, deinen Leader, der das Ergebnis einfordert und dir ist eigentlich wurscht, ob du 20. wirst, das interessiert keinen.
TOUR: Die größte Änderung für dich war, dass du auf einmal Teamsportler warst.
Anton Palzer: Mein Team hat echt einen hervorragenden Job gemacht und nicht bloß der Staff, also die sportlichen Leiter oder Trainer, sondern auch die Fahrer. Die haben mir so viel geholfen. Wenn ich so zurückschaue, was der Lukas Pöstlberger oder der Patrick Konrad investiert haben in mich: die haben gesagt Toni, du musst so fahren, du musst so fahren. Denen war bewusst: Der Toni hat den Motor, der kommt richtig schnell den Berg rauf, aber der hat einfach dieses Radsportverständnis nicht. Die haben sich echt Zeit genommen und haben mir die Sachen wirklich so von der Pike an erklärt. Es gibt leider kein Buch, „How to be a Procyclist“, das man liest und dann versteht, OK, so funktioniert das Ganze. Das ist Learning by Doing.
TOUR: Wenn du zurückdenkst, was waren die schönsten Momente. Was fällt dir spontan ein?
Anton Palzer: Wo ich in Rom mit dem Lukas Pöstlberger und mit Patrick Konrad bei der letzten Etappe gemeinsam über die Ziellinie gefahren bin. Weil die zwei meinen Weg geprägt haben im Radsport, weil die Mentoren waren für mich. Der Conny ist auf der letzten Etappe ziemlich hart gestürzt im Zielsprint. Da hat es so einen Sturz gegeben und er war voll verwickelt. Und wir haben geschaut, ob es dem Conny gut geht und dann sind wir zusammen über die Ziellinie gefahren. Da habe ich mir gedacht, das ist jetzt echt richtig schön: Nach drei Wochen Rundfahrt mit zwei richtig guten Freunden und Mentoren über die Ziellinie fahren. Das andere war die Türkei Rundfahrt 2023. Ben Zwiehoff ist damals Zweiter geworden, Lippowitz war Vierter und ich war Zehnter und wir haben das Teamklassement gewonnen. Bernie Eisler war damals sportlicher Leiter und der Bernie ist menschlich einfach irre. Der weiß, was die Leute brauchen und der hat in den acht Tagen so eine gute Stimmung eingebracht in den ganzen Staff, da hast du richtig gemerkt, wie alle bei der Sache waren. Die menschlichen Aspekte darfst du nie vergessen im Sport, egal um was es geht und im Radsport geht es um sauviel Kohle. Wenn man da eine super Stimmung reinbringt, sieht man, was man draus machen kann. Das hat mir schon voll getaugt.
TOUR: Springen wir vom schönsten Moment auf die Tiefpunkte. Die Saison 2024/25 war ein ganz tiefer Absturz.
Anton Palzer: Der schwärzeste Moment war definitiv die Herzbeutelentzündung. Es ist nie festgestellt worden, wo das hergekommen ist. Es hat geheißen, vielleicht von einem Herpesvirus oder dass es ein Zeckenbiss war. Die Ärzte haben auch gemeint, es kann schon sein, dass du einen kurzen Infekt aufbaust und dass der aufs Herz geht, wenn du Belastung setzt. Ich war aber nie krank, normalerweise kriegt man so was, wenn man krank Sport macht. Ich war nicht krank, ich war vier Wochen im Höhentraining, bin im August 2024 Bretagne Classic gefahren und bin da rausgestürzt nach 220 Kilometern. Ich bin dann noch mal 10 Tage ins Training gegangen und wollte den letzten Block fahren und ich war super fit. Klar, ich habe ziemlich viel Haut verloren gehabt durch den Sturz. Es war so ein Massensturz, es sind ungefähr 15 zu Boden gegangen und ich war auch dabei. Ich war mega fit und das ist dann wirklich so von einem auf den anderen Tag gekommen, dass ich einfach kein Leistungsvermögen mehr gehabt und auch wieder mega viel Wasser eingespeichert habe. Die Pumpleistung vom Herz war nicht mehr gut und ich bin dann ins Athlete Performance Center von Red Bull und die haben ein EKG gemacht und haben gleich gesagt, da ist irgendwas falsch, sie brauchen ein MRT. Ich habe am gleichen Tag mein MRT gekriegt und erfahren es ist eine Herzbeutelentzündung. Das war der schwärzeste Moment nicht bloß in der Radsportzeit, sondern generell in meiner sportlichen Laufbahn.
TOUR: Stimmt es, dass du nicht einmal mehr Treppen steigen konntest?
Anton Palzer: Ja, das war so furchtbar schlimm für mich, weil mir keiner sagen konnte, wie lange das dauert. Es hat geheißen, das kann ein halbes Jahr dauern, das kann ein Jahr dauern, es kann aber auch sein, dass du mit dem Sport aufhören musst. Das war für mich das Schlimmste, weil für mich ist Sport mein Beruf, es ist Leidenschaft. Ich mag einmal mit meinen Kindern am Berg gehen und ich mag mit denen Klettern gehen und ich mag genau das vermitteln, was mir mein Papa vermittelt hat. Und wo ich das gehört habe, war das für mich schon so, dass ich gesagt habe: OK jetzt hast Du‘s übertrieben. Jetzt hast du alles kaputt gemacht. Ich habe aber nicht gewusst, was ich gemacht habe. Ich habe drei Monate gar nichts gemacht. Ich bin keine Treppen gestiegen, ich habe einen Lift genommen. Dann hat es hat sich aber zum Guten gewendet. Also nach drei Monaten.
TOUR: In der Saison 2025 konntest du wieder fahren, aber es ging viel schief.
Anton Palzer: Ich bin Anfang Februar die UAE Tour gefahren und es lief gut. Ich bin Strade Bianche gefahren, da hatte ich einen Doppeldefekt. Danach bin ich Tirreno-Adriatico gefahren, aber am dritten Tag haben sie mich heimgeschickt. Da hat man schon gemerkt, dass der Körper noch nicht bereit ist für die Belastung. Ich war unfassbar viel krank danach. Also ich bin gesund geworden, war fit, bin gut Rad gefahren, bin wieder krank geworden und so hat sich das dann die komplette 2025er Saison durchgezogen und das war schon sehr, sehr mühsam Ich war vier Wochen im Höhentraining und war wieder richtig fit und habe dann einen Magen-Darm-Virus erwischt und war zwei Wochen komplett ausgeknockt. Da habe ich dann den Anruf gekriegt von Ralph Denk, dass er mich nicht mehr verlängert. Und es war ziemlich witzig, weil ich habe zum Ralph gesagt: ich verstehe das. Eigentlich hätte es mich gewundert, wenn er weiter verlängert hätte. Ich habe gesagt, du Ralph, du hast einfach das letzte Jahr von mir nichts gehabt, ich war mehr Invalide wie alles andere.
TOUR: Aber vermutlich hat dich das trotzdem ziemlich runtergezogen, weil zwischendurch immer gemerkt hast, wie fit du bist?
Anton Palzer: Teils, teils, würde ich sagen. Also klar, es ist eine Enttäuschung. Ich habe dann auch mit anderen Teams geredet und ich hätte auch weiterfahren können. Aber ich bin ein furchtbar harter Realist zu mir selbst. Und für mich war das dann so, O. K. Toni, du bist jetzt 32, du hast fünf Jahre WorldTour hinter dir. Ich habe brutal viel investiert - der große Schritt wäre nicht mehr gekommen. Das steht einfach fest und dann war das Thema Skibergsteigen wird olympisch. Ich könnte es jetzt nutzen, den Motor, was ich mir aufgebaut habe, über die letzten Jahre im Radsport wieder auf die Ski bringen. Und für mich war das einfach komplett realistisch, dass ich konkurrenzfähig bei Olympia stehe. Und dann habe ich gesagt: Ich steige da aus, ich bin da mit einem blauen Auto davongekommen. Ich habe wahnsinnig tolle und schöne Momente gehabt: Dass ich Grand Tours fahre für eines der besten World Tour Teams! Danke Radsport - ich gehe zurück zu meinen Wurzeln. Ich schaue mal wieder die Berge an. Ich habe das Privileg, dass ich neben dem Radsport auch was anderes kann. Ich habe das andere nie ganz aufgeben, war jeden Winter auf die Ski, habe weiterhin ab und zu meine Laufschuhe angezogen. Wie der Forrest Gump gesagt hat: das Leben ist eine Pralinenschachtel, du weißt nie, was als nächstes kommt. Radsport ist Wahnsinn und in der Welt so das größte, was du im Ausdauersport machen kannst, aber es gibt halt echt sau viel Sachen, die befriedigend sind für mich. Deswegen ist das überhaupt nicht schlimm.
TOUR: Du startest beim Ötztaler Radmarathon und trainierst gerade im Ötztal: willst du gewinnen?
Anton Palzer: Ich fahre den Ötztaler, aber es ist nicht so, dass ich alles auf den Ötztaler ausrichte. Mein langfristiger Fokus ist der Winter und ich weiß, dass ich einfach nie über zwei Saisonen peaken kann (Anm. d. Red. Peak als Leistungshöhepunkt). Ich habe letzten Winter einfach gepeakt, gerade im März, wo ich die Tour du Rutor gewonnen habe, eines von den größten Rennen im Skibergsteigerzirkus. Und ich nutze das einfach für eine richtig gute Trainingsqualität. Ich sehe das eher als ein supergutes Trainingsumfeld. Da sind einfach sau viele gute Radfahrer da und das pusht. Aber klar, das nehme ich natürlich mit, den Ötztaler und danach fahre ich noch den Red Bull Dolomitenman mit dem Mountainbike, Das wird auch eine neue Erfahrung für mich. Da freue ich mich schon voll drauf.
TOUR: Was ist dein Ziel für die Zukunft?
Anton Palzer: Wenn ich das mit Olympia irgendwie hinbringe bis 2030, dann war ich 17 Jahre Profisportler. Ich mache wahnsinnig gerne Sport und deswegen ist es für mich der Traumberuf. Ich mag nicht mehr sieben Wochen weg sein, weil das Leben bietet mir so viele schöne Facetten und die mag ich alle auskosten. Ich bin echt dankbar für die Chance, die ich da gekriegt habe. Ich glaube aber auch, dass der Ralph (Anm. d. Red.: Team Red Bull Teamchef Ralph Denk) dankbar sein muss, was ich für ihn getan habe.
TOUR: Dann ist jetzt dein langfristige Plan Olympische Spiele 2030 Skibergsteigen?
Anton Palzer: Genau. Ich steige jetzt nicht in den Weltcup ein, wahrscheinlich übernächsten Winter auch noch nicht. Ich mag jetzt nicht wieder mit Verbänden zusammenarbeiten oder in so Strukturen sein, aber für mich sind Ziele extrem wichtig. Das ist der Grund, warum ich in der Früh aufstehen und trainieren gehe und warum ich schaue, dass ich einen gesunden Lifestyle habe. Für mich ist es realistisch, dass ich 2030 konkurrenzfähig bei Olympia in Frankreich stehe. Ich meine, das sind jetzt noch dreieinhalb Jahre, das ist eine lange Zeit, da kann brutal viel passieren.
TOUR: Mit Skibergsteigen verdient man aber bestimmt nicht so viel Geld wie in der WorldTour
Anton Palzer: Nein, sowieso nicht. Ich habe mir über die letzten Jahre schon was angespart. Geld darf auch nie der Antrieb sein. Ich sag: Solange ich meine Rechnung bezahlen kann und ich meinen Sport gut machen kann und es meiner zukünftigen Familie gut geht, ist das alles OK. Ich brauche keine dicke Uhr am Handgelenk. Ich bin auch so aufgewachsen. Mein Papa ist Bergführer, meine Mama ist Zahnarzthelferin, wir haben eine kleine Pension. Aber, das ist jedem so seine Entscheidung.
TOUR: Gibt es noch irgendwelche sportlichen Träume, Projekte?
Anton Palzer: Also, was ich wahnsinnig gerne ausprobieren möchte, ist das Trailrunning, also so 40-50 Kilometer Marathon du Mont Blanc, Sierra-Zinal, das würde mich schon mal reizen. Aber natürlich mit Vorbereitung. Dadurch, dass ich jetzt 30 Stunden die Woche auf dem Radl hocke, geht es nie. Aber das ist schon so was, was ich nächstes oder übernächstes Jahr ausprobieren mag.

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