Bora-Hansgrohe-Profi Anton Palzer im TOUR-Interview“Ich will einmal als Erster über die Ziellinie fahren”

Andreas Kublik

 · 12.11.2022

Vor seiner Karriere als Radprofi war Anton Palzer ein erfolgreicher Skibergsteiger
Foto: Hans Herbig / Red Bull Content Pool

Anton Palzer spricht im TOUR-Interview über neue Erfahrungen als Radprofi beim Team Bora-Hansgrohe, den daraus entstandenen Dokumentarfilm und seine Ziele.

Interview: Andreas Kublik

TOUR: Toni, Ihr Wechsel vom Skibergsteigen in den Profi-Radsport wurde von einem Kamerateam begleitet und ist jetzt als Dokumentarfilm unter dem Titel Breaking the cycle zu sehen. Wie war Ihr erster Auftritt als Filmstar?

Palzer: Das war schon speziell für mich - und als ich mir den Film angesehen habe, war es für mich auch ziemlich emotional. Gerade diese Szene bei der WM im Skibergsteigen (im Frühjahr 2021; Anm. d. Red.), bei der ich meine letzte WM-Medaille geholt habe. Ich finde den Film ganz cool! Viele der Rennfahrer aus anderen Teams kennen jetzt meine Geschichte - auch durch den Film.

Verlagssonderveröffentlichung

TOUR: Was kann der Film dem Zuschauer noch vermitteln?

Palzer: Ich hoffe, dass sich viele Leute eine Scheibe abschneiden können von dieser Geschichte: dass man mutig sein muss für Veränderung! Vielen ist gar nicht bewusst, was ich für den Wechsel in den Radsport aufgegeben habe, bei den Sponsoren, wirtschaftlich. Die Nummer wäre safe gewesen. Skibergsteigen ist olympisch geworden. Ich war Sportsoldat - mir ist es so gut gegangen! Aber im Endeffekt hat es mir einfach nicht mehr getaugt. Trotzdem wollte ich meine Komfortzone nicht verlassen.

Steckbrief Anton Palzer

Anton Palzer bei der Tour of the Alps 2022Foto: Getty Velo
Anton Palzer bei der Tour of the Alps 2022
  • Geburtsdatum: 11.03.1993
  • Geburtsort: Berchtesgaden
  • Größe: 1,78 Meter
  • Teams: Bora-Hansgrohe (seit 2021)

TOUR: Sie haben nun die zweite Saison als Radprofi im Trikot von Team Bora-Hansgrohe hinter sich. Was waren die wichtigsten Lehren, Lernerfolge im neuen Metier?

Palzer: Ich habe von Grund auf, alles lernen müssen. Klar, ich habe die körperlichen Voraussetzungen mitgebracht aus einer anderen Sportart. Radsport, gerade Straßenrennen, sind einfach komplett etwas anderes als Skibergsteigen. Das erste Jahr (2021) bedeutete unfassbar harte Lehrstunden für mich. Aber nach anderthalb Jahren Profiradsport, ich habe ja erst im April (2021) angefangen, würde ich sagen: der Umstieg ist geglückt. Mir taugt das richtig gut. Es war der richtige Schritt.

Zum Durchklicken: Alle World-Tour-Siege von Bora-Hansgrohe 2022

Sergio Higuita: Gesamtsieg bei der Katalonien-Rundfahrt
Foto: Getty Velo

TOUR: Was war die bisher härteste Erfahrung im Radsport?

Palzer: Die Vuelta 2021! Schon nach fünf Monaten im Radsport eine Grand Tour zu bestreiten, das war sehr speziell, auch wegen Stürzen. Drei Wochen können unendlich lang werden. Während des Rennens habe ich alle Heiligen aufgerufen und nur noch geflucht - aber im Endeffekt hat es einen Sinn gehabt: es ging darum, meinen Motor aufzubessern.

Palzer über Lernprozess

TOUR: Motor nennt man im Profiradsport die grundsätzliche körperliche Leistungsfähigkeit. Anders als beim Skibergsteigen spielen aber auch Windschatten und Taktik im Straßenradsport eine große Rolle. Wie kamen Sie mit diesen Aspekten zurecht?

Palzer: Es ist auch weiterhin ein Lernprozess. Damit ich meine Qualitäten zeigen kann, kommt es auf meine Position an, wenn es in den Berg reingeht. Das klappt teilweise gut, teilweise nicht so gut - so ehrlich muss ich sein. Aber insgesamt bin ich heuer ein ganz anderer, besserer Radlfahrer gewesen als im letzten Jahr.



TOUR: Wird von den Profi-Kollegen im Peloton noch ein weiter Bogen um den Mann mit dem auffälligen Red-Bull-Helm gemacht - weil alle wissen, dass Sie ein Neuling sind und Schwächen bei der Fahrtechnik haben könnten?

Palzer: Naa! Klar, vorher hat keiner gewusst, ob ich das kann. Aber schon nach meinen ersten Rennen hat man gesehen, dass ich mich im Feld bewegen kann. Ich habe bis jetzt keinen Sturz ausgelöst, in den andere verwickelt gewesen wären. Wenn, dann hat es mich selbst geschmissen.

Palzer über seine Ziele

TOUR: Sie haben Ihren Vertrag nun verlängert. Was sind Ihre Ziele für den nächsten Teil Ihrer Karriere als Radprofi?

Palzer: Mein oberstes Ziel ist, dass ich wieder ein erfolgreicher Sportler werde. Ob das funktioniert oder nicht - das sei dahingestellt. Aber das ist meine Motivation, warum ich extrem viel investiere in den Sport. Ich war im abgelaufenen Jahr von Januar bis April fünf Tage zuhause - sonst nur im Süden. Das ist nicht einfach, wenn man eine Freundin und Familie zu Hause hat. Aber ich wusste, ich muss viel investieren, damit das Ganze erfolgreich wird. Viele Leute wissen das gar nicht: Aber für mich ist die Situation nicht einfach. Ich bin jahrelang zu Sportveranstaltungen gefahren, um zu gewinnen oder um es aufs Podest zu schaffen. Ich war ja supererfolgreich.

TOUR: Sie kamen als einer der Weltbesten aus einer Individualsportart und bestreiten nun eine Teamsportart, in der in jeder Mannschaft viele arbeiten, damit einer am Ende gewinnt.

Palzer: Jetzt bin ich wieder am Anfang, bin ein Lehrbub und fahre nicht auf ein eigenes Resultat. Aber ich fahre jetzt in einem Team, in dem nur Raketen sind. Auch die neue Ausrichtung auf ein GC-Team ist nicht leicht für mich ...

TOUR: ... Bora-Hansgrohe will in Zukunft verstärkt auf eine Podiumsplatzierung bei Etappenrennen fahren - und dafür braucht man viele Helfer ...

Palzer: Ja, das heißt, es ist immer eine von unseren Raketen am Start - und für den Topfahrer wird dann gefahren. Daher ich würde es als Erfolg bezeichnen, wenn ich ein richtig guter Berghelfer werden würde und einen unserer Leader in den schweren Bergen unterstützen könnte. Das ist mir heuer schon oft geglückt. Bei der Katalonien-Rundfahrt (Palzer fuhr dort auf Gesamtrang 25; Annm. d. Red.) und der Tour de Romandie bin ich gute Rennen gefahren.

Anton Palzer (Bildmitte) bei der Katalonien-Rundfahrt 2022Foto: Getty Velo
Anton Palzer (Bildmitte) bei der Katalonien-Rundfahrt 2022

TOUR: Als Sportler haben Sie also mit dem Wechsel regelrecht einen Schritt zurück gemacht. Warum?

Palzer: Was ich erreicht habe, nimmt mir keiner mehr. Ich war über acht Jahre der kompletteste Skibergsteiger. Aber ich war einfach müde davon, immer das Gleiche zu tun. Jeden Winter die gleichen acht Weltcup-Stationen. Ich bin irgendwie gleichgültig geworden. Ich habe nicht mehr so den Biss, den ich schon mal hatte. 2017 war mein bester Winter, damals habe ich drei WM-Medaillen gewonnen und vier Weltcupsiege gefeiert. Danach wurde es zäh.

Letztes Rennen als Skibergsteiger 2021

TOUR: Dennoch haben Sie in Ihrem letzten Rennen als Skibergsteiger im März 2021 noch einmal eine starke Leistung gezeigt und WM-Silber in der Disziplin Vertical geholt ...

Palzer: Mir war es wichtig, dass ich zum Abschluss nochmal eine gute WM laufe. Damit die Leute sehen: er hört nicht als Skibergsteiger auf, weil er nicht mehr in der Lage ist, etwas zu gewinnen. Aber insgesamt war ich einfach nicht mehr glücklich. Es war wie in einer Beziehung mit einer Frau: Wenn es einen stresst, einem nicht mehr gefällt, dann ist es zwar hart, diesen Schritt zu gehen, aber dennoch besser.

TOUR: Rekapitulieren wir nochmal den Trennungsprozess: Sie haben auch als Skibergsteiger im Sommer viel auf dem Rennrad trainiert. Aber das führt ja nicht unbedingt in den Profi-Radsport.

Palzer: Ich hatte eigentlich nie daran gedacht, dass ich mal Radlfahrer werden könnte. Ich war bei den Sponsoren gut aufgestellt. Ich hätte auch weiter eigene Projekte machen können, wie ich es bei dem Rekord bei der Watzmann-Überschreitung gemacht habe. Das wäre meine Option A gewesen. Aber dann ist das Angebot von Ralph gekommen, für das ich unfassbar dankbar bin.

Foto: Ötztal Tourismus/Stefan Kothner

TOUR: Bora-Hansgrohe-Teamchef Ralph Denk schrieb ihnen, ob Sie Interesse hätten, es mal als Radprofi zu versuchen.

Palzer: Diese Chance als Quereinsteiger kriegst du normalerweise nicht: auf Anhieb in einem der besten Teams der Welt fahren zu dürfen.

Ich bin ein Riesenfan der Sportart Skibergsteigen und freue mich riesig, dass es 2026 olympisch sein wird.

TOUR: Welche Rolle spielen die Ski jetzt noch für Sie als Radprofi - sind sie ein wichtiges Trainingsgerät im Winter?

Palzer: Eigentlich gar keine mehr. Aber das ist voll in Ordnung für mich - ich bin mein Leben lang auf Ski gestanden. Über Weihnachten/Neujahr werde ich zu Hause schon ein paar Skitouren gehen, aber mich ansonsten aufs Radfahren konzentrieren. Ich bin ein Riesenfan der Sportart Skibergsteigen und freue mich riesig, dass es 2026 olympisch sein wird.

TOUR: Welche Ziele wollen Sie erreichen, damit Sie sagen können: Das Projekt Radsport war insgesamt erfolgreich für mich?

Palzer: Ich will einmal als Erster über die Ziellinie fahren. Auch wenn es vielleicht unrealistisch ist. Aber ich glaube, ich bin in der Lage, das irgendwann zu schaffen. Und ich bin ein riesen Giro-Fan und will das Rennen unbedingt einmal fahren dürfen. Als ich in diesem Jahr auf der Rolle saß und gesehen habe, was die Bande (Bora-Hansgrohe gewann das Rennen mit Jai Hindley; Anm. d. Red.) dort heuer abgeliefert hat, habe ich geflennt. Aber ich bin jetzt Teil eines Teams und muss Kompromisse eingehen.


Der Dokumentarfilm mit dem Titel “Anton Palzer – Breaking the cycle” ist online unter dem folgenden Link verfügbar: Anton Palzer: Breaking the Cycle - Von Ski auf's Rad (redbull.com)