Sicherheitshalber schaut man als weit gereister Beobachter noch einmal auf der Landkarte nach. Steht man hier wirklich auf italienischem Boden? Vom Gipfel des Monte Lussari sieht man fast nur slowenische Fahnen, so weit das Auge reicht – dazu ein buntes Volk, das in slowenischen Nationaltrikots oder in den gelb-schwarzen Outfits des Teams Jumbo-Visma am Rande der schmalen Betonpiste steht. Diese windet sich vom Kanaltal extrem steil hinauf zur Wallfahrtskirche auf dem Berggipfel.
Es ist der Schauplatz für die Entscheidung bei der 106. Auflage des Giro d’Italia – für das alles entscheidende Bergzeitfahren auf der vorletzten Etappe. Und das löste eine freundliche Invasion auf dem 1790 Meter hohen Gipfel aus, der seit mehr als 100 Jahren zu Italien gehört, wenige Kilometer Luftlinie von der slowenischen Grenze entfernt.
„Es wird toll zum Zuschauen, aber fürchterlich, es selbst tun zu müssen“, hatte Geraint Thomas am Vortag über die radsportliche Himmelfahrt gesagt. Die slowenischen Fans durften die Aussage als Extra-Einladung verstehen. Schließlich hofften sie alle, dass der Radsport-Volksheld des kleinen Landes dem Briten Thomas das Rosa Trikot im letzten Moment noch entreißen würde.
Und dann kam der Mann, dessen Namen die Menschenmassen bereits am Tag zuvor gerufen hatten: Primož Roglič. Der 33-jährige Radprofi vom Team Jumbo-Visma hatte im steilen Schlussanstieg zum Rifugio Auronzo am Fuße der Drei Zinnen gezeigt, dass er nicht unterzukriegen ist. Auf den letzten Metern war er mit einem Antritt dem Rivalen aus Wales enteilt – es waren nur drei Sekunden Zeitgewinn, aber ein sichtbarer Hinweis auf eine Wende im letzten Moment.
Ein Hinweis, dass der ewige Bruchpilot des Radsports, der zuletzt bei vier Starts in großen Rundfahrten dreimal nach schmerzhaftem Bodenkontakt aufgeben musste, und der nach drei Siegen bei der Vuelta auch den Giro für sich entscheiden wollte. Unbedingt. Einer, dessen Karriere so schön die Geschichte vom ewigen Kreislauf aus Hinfallen und Wiederaufstehen im Radsport erzählt. Der auf dramatische Weise vor drei Jahren die Tour de France im letzten Moment verlor – entthront vom jungen Landsmann Tadej Pogačar, damals im Bergzeitfahren auf die Planche des Belles Filles in den Vogesen.
Vielleicht feiern ihn die Menschen gerade deshalb in seinem kleinen Heimatland, das sich vor mehr als 30 Jahren in einem kurzen, schon fast vergessenen Krieg von der jugoslawischen Zentralmacht befreit hatte. Ein Mann, der sich unbeugsam zeigt – obwohl er auch bei dieser Italien-Rundfahrt einen schmerzhaften Rückschlag erlitt.
„Ich habe viel Fleisch verloren“, sagte er in seiner unverblümten Art über den Sturz auf der 11. Etappe. Von seinem treuen Adjutanten Sepp Kuss war er in der Schlusswoche zunächst auf die Gipfel eskortiert worden – sichtbar angeschlagen, nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Um Schadensbegrenzung bemüht. Er sah aus wie der Verlierer.
Sichtbar auch für die Konkurrenten, die auf der 16. Etappe mit einem Generalangriff am Monte Bondone dem angeschlagenen Anführer des Teams Jumbo-Visma auf den Zahn fühlen wollten. Mit schmerzhaftem Tempodiktat hatte der Portugiese João Almeida seine Helfer im Team UAE seine Attacke vorbereiten lassen. Der smarte Brite Geraint Thomas hatte sich das Treiben vom Ende der Spitzengruppe erst einmal in aller Ruhe angesehen, ehe er dem jungen Herausforderer folgte und Roglič zurückließ.
Es war das Ende des Patts bei diesem Giro – einer Art Nicht-Angriffspakt unter den Top-Favoriten, der sich durch die beiden ersten Wochen des Rennens gezogen hatte. Manche Zuschauer empfanden das als langweilig – aber es war eben eine taktisch geprägte Auseinandersetzung, angeführt von zwei routinierten Leitwölfen im Peloton, die genau wissen, dass man den Krafteinsatz über drei Wochen wohl dosieren muss. Mitunter aus leidvoller Erfahrung in der Vergangenheit. Und diesmal in der Gewissheit: Das Schwerste sollte zum Schluss kommen.
Selbst der stets angriffslustige Roglič zeigte sich weitgehend abwartend – vielleicht auch wegen der Sturzfolgen. Ungewohnt zu sehen, nachdem die letzten Jahre vor allem ungestüme Angriffe einer neuen Rennfahrergeneration den Radsport geprägt hatten. Für den Radsport-Späteinsteiger war es wohl auch eine Lehre aus der Vergangenheit – schließlich war der Slowene oft früh bei Rundfahrten in die Führung geprescht und hatte dann nicht durchgehalten, wie bei seinem zuvor einzigen Giro-Start 2019.
Diesmal machte er es anders. Die Strategie des Slowenen war ganz auf diese letzte entscheidende Etappe in den Bergen ausgelegt – er hatte den Berg Meter für Meter zu Fuß erkundet. Und sich für eine im Profiradsport ungewöhnlich kleine Übersetzung entschieden: ein Ritzelpaket mit maximal 44 Zähnen hinten, dazu ein einzelnes 42er-Kettenblatt vorne. Mit wirbelndem Tritt, einem Hochfrequenz-Stakkato auf den Pedalen, stürmte Roglič nach dem Flachstück bergwärts – über Rampen aus geriffeltem Beton, die über fünf Kilometer eine Durchschnittssteigung von 15,3 Prozent aufwiesen, garniert mit Steilstücken von 22 Prozent.
Doch der ungewöhnliche Antriebsstrang barg auch Gefahren: Ein Aufschrei am Berg, als die Zuschauer sahen, wie Roglič auf den letzten Kilometern plötzlich ins Leere trat. Die Kette des Einfach-Antriebs war bei einem Schlag auf der rumpeligen Bergstraße heruntergefallen.
Aber Roglič blieb trotz des Malheurs, das er mit einem schnellen Griff selbst schnell behob, wie im Höhenrausch, enteilte dem Rivalen im Fernduell Sekunde um Sekunde, der sich in der Wechselzone unten am Berg übertrieben viel Zeit inklusive Helmwechsel genommen hatte. Und das Spalier aus Landsleuten bedeutete einen hörbaren Heimvorteil für den Slowenen.
Die Fans hätten ihm „Extra-Watt gegeben“, sagte er bei der Siegerpressekonferenz und ergänzte: „Ich habe es dank der Zuschauer geschafft. Ich werde niemals die Unterstützung all dieser Leute vergessen. Ich hatte Tränen in den Augen und Gänsehaut.“ Ganze 40 Sekunden hatte Roglič oben am Monte Lussari im Kampf gegen die Uhr und den größten Konkurrenten herausgefahren.
„Wenigstens hat er mich richtig zerquetscht“, räumte Geraint Thomas danach ein, als sein Traum zerplatzt war, sich kurz nach seinem 37. Geburtstag als ältester Giro-Sieger aller Zeiten in die Geschichtsbücher einzuschreiben. Am Ende von drei Wochen, 21 Etappen und rund 3.350 Kilometern ging es um die läppische Differenz von 14 Sekunden im Gesamtklassement – Sekunden, die so viel bedeuteten: Roglič, der ewige Bruchpilot, hatte sich erfolgreich gegen sein Schicksal gestemmt.
Und diesmal den Spieß umgedreht, nachdem er 2020 den Sieg bei der Tour de France im letzten Moment an den jungen Landsmann Tadej Pogačar abtreten musste. Die Resilienz, die Widerstandskraft gegen Rückschläge, die für Spezialisten im Kampf um den Gesamtsieg als Schlüsselqualifikation so wichtig ist, hatte Roglič eindrucksvoll gezeigt.
Er war der verdiente Sieger einer ungewöhnlich harten Fahrt durch Italien und die Schweiz – mit zusätzlichen Gegnern: Eine unerwartete heftige Infektionswelle hatte das Giro-Peloton erlebt, das Corona-Virus drängte den 23-jährigen Belgier Remco Evenepoel als Träger des Rosa Trikots am Abend der 9. Etappe aus dem Rennen. Auch das Team Bora-Hansgrohe und seinen russischen Anführer Alexander Wlassow riss das fast schon vergessene Virus aus den Träumen von einer Podiumsplatzierung. Mehr als ein Dutzend weiterer Rennfahrer musste das Rennen nach positiven Tests vorzeitig verlassen.
Dazu kamen ungewohnt häufige Magen-Darm-Probleme und das extrem schlechte Wetter. „So ein Wetter habe ich noch nie erlebt. Ich habe noch nie so auf dem Fahrrad gefroren“, erzählte Pascal Ackermann, der bei diesem Giro mit einem Etappensieg im Massensprint in die Erfolgsspur zurückkehrte. Es war ein Rennen, das zeigte, wer mit den speziellen Härten dieser Ausgabe gut umgehen konnte, wie Nico Denz, der sich mit Vehemenz zu zwei Etappensiegen kämpfte. „Für ihn gibt es kein schlechtes Wetter. Er krempelt die Ärmel hoch – und los geht’s“, lobte Teamchef Ralph Denk. Aber auch das Projekt Gesamtklassement blieb für die deutsche Mannschaft erfolgreich.
Verbissen kämpfte Lennard Kämna, nach Wlassows Ausscheiden in die Führungsrolle gerückt, drei Wochen lang um jede Sekunde, gegen Wind und Wetter und Krankheiten – oben am Lussari brauchte er erst einmal einen Stuhl, um sich von der finalen Bergfahrt zu erholen. Und blickte abgekämpft auf die große Leinwand, auf dem der Zweikampf von Thomas und Roglič zu sehen war.
2:18 Minuten länger hatte der 26-jährige Deutsche für die entscheidende Bergfahrt gebraucht als Tages- und Gesamtsieger Roglič. „Der Berg war zu steil für mich“, hatte er schon am Tag zuvor am Fuße der Drei Zinnen einräumen müssen, als er im Finale die Besten aus dem Blick verlor. Und die Strecke des Bergzeitfahrens war noch hochprozentiger.
In den letzten Tagen des Giro wich die Kraft aus Kämnas Beinen, der Bremer mit Wohnsitz im bergigen Vorarlberg verlor im Gesamtklassement Position um Position – Rom erreichte er als Gesamt-Neunter. „Für seinen ersten Versuch hat er sich sensationell geschlagen“, urteilte sein österreichischer Teamkollege Patrick Konrad, selbst beim Giro in der Vergangenheit zweimal unter den Top-Ten. Auch Teamchef Denk sah den Erstversuch als erfolgreich an, den vielseitig talentierten Etappenjäger Kämna zum Klassementfahrer umzuschulen.
„Es war das erste Mal, dass ich bei einer Grand Tour die Rolle eines Leaders übernommen habe“, sagte Kämna in seiner Giro-Bilanz. Er könne mit dem neunten Platz in der Gesamtwertung sehr zufrieden sein: „Es ist nicht unbedingt einfach, drei Wochen lang Tag für Tag bei einer Grand Tour konzentriert zu bleiben. Ich glaube, dass meine Leistung die harte Arbeit und Vorbereitung, die jeder im Team in dieses Ziel gesteckt hat, widerspiegelt.“
Kämna könnte die Zukunft gehören. Schließlich war Roglič noch zwei Jahre älter, als er erstmals eine der großen Landesrundfahrten unter den besten Zehn beendete. Und Geraint Thomas zählte gar schon 32 Lenze bei seinem Tour-Sieg 2018 – zuvor hatte er nie eine gute Position in einem Gesamtklassement erreicht. Auch wenn er diesmal auf den letzten Etappen ein paar Minuten verloren hat: Der Deutsche liegt auf dem Weg nach oben durchaus gut in der Zeit.
Der Arbeitstag nimmt für den Radprofi in Sabbio Chiese nahe dem Gardasee etwas früher Fahrt auf als bisher. Der Typ Nico Denz ist jetzt schon am Start begehrt – bevor das eigentliche Tagwerk beginnt. Vor dem Einschreiben zur 16. Giro-Etappe rufen viele Fans seinen Namen, damit er für ein Autogramm oder ein Selfie ans Absperrgitter kommt. Der schmale Mann mit dem kurz geschnittenen Vollbart, den viele Radsportfans zuvor kaum kannten, ist jetzt wer.
„Unglaublich, wie oft mein Name an der Strecke gerufen wird“, die Fragen der Menschen am Streckenrand nach Souvenirs mit ihm sei „exponentiell“ gestiegen, sagt der Mann, der einer der Senkrechtstarter dieses Giro war. Der 29-jährige Radprofi vom Team Bora-Hansgrohe avancierte vom unauffälligen Helfer zum zweimaligen Etappensieger binnen drei Tagen. Neben Remco Evenepoel war er der Einzige im Giro-Peloton, der zweimal als Tagesschnellster jubeln durfte.
Denz steht beispielhaft für die vielen Männer im Peloton, die nur ganz selten die Chance für einen großen Auftritt bekommen. „Wenn es Arbeit zu erledigen gibt, bin ich mir für nichts zu schade“, sagte er im Interview mit tour-magazin.de vor Saisonbeginn. Der zweifache Familienvater ist das, was man traditionell etwas despektierlich „Wasserträger“, nennt – einer, der vor allem für die Erfolge anderer im Team arbeitet. „Er ist einer der letzten loyalen Helfer im Feld.
Einer, der alles gibt für seine Teamkollegen bis zum bitteren Ende“, lobt sein langjähriger Weggefährte und Nationalmannschaftskollege Pascal Ackermann. „Er hat es nie leicht gehabt“, betont der Sprinter, der seit der U15-Klasse gegen den Jahrgangskollegen Wochenende für Wochenende Rennen fuhr. Anders als der Top-Sprinter Ackermann ist Denz ein Allrounder, der vieles sehr gut, aber nichts überragend kann – auf die Maßstäbe der Weltklasse im Radsport bezogen.
Während die einstigen Teamkollegen in der U23-Nationalmannschaft wie Ackermann, Phil Bauhaus, Maximilian Schachmann, Nils Politt oder Lennard Kämna ziemlich schnell erfolgreich den Durchbruch im Profiradsport schafften, ging Denz nach Frankreich zu Chambéry Cyclisme Formation, dem Nachwuchsprojekt von AGR2.
Von dort wechselte er in den Profi-Rennstall und blieb dort wie in den drei Jahren bei Sunweb beziehungsweise DSM ein geschätzter Helfer – aber unauffällig in den Ranglisten. Dabei hatte er vor fünf Jahren im Zweiersprint gegen Matej Mohorič nur knapp einen Etappensieg beim Giro verpasst. Aber schon der Zweite gilt im Radsport ja als erster Verlierer.
Die Chancen sind selten – aber Denz versucht sie mit allem in seiner Macht Stehenden zu nutzen. Im Vorjahr fiel der schmale Mann vom Hochrhein erstmals richtig auf, als er an einem brütend heißen Sommertag bei der Tour de Suisse die Bergankunft auf die Moosalp mit einem verbissenen Sprint im Fotofinish gewann – obwohl er kein Kletterer ist. Seinen Status hat das nur geringfügig verbessert. Auch nach seinem Wechsel zu Bora arbeitet er vor allem für die Erfolge anderer. Auf der 11. Giro-Etappe hielt er über etliche Kilometer seinen Kapitän Lennard Kämna mit großem Einsatz an der Spitze des Feldes aus dem Wind und aus der Gefahrenzone beim Anlauf auf das Sprintfinale.
Tags darauf kämpfte er sich als Teil einer Ausreißergruppe mit letzter Kraft und zu dickem Gang am Hinterrad von Sebastian Berwick und Toms Skujiņš über den Colle Braida (fünf Kilometer mit 8,3 Prozent Durchschnittssteigung) – und gewann mit letzter Kraft gegen die beiden den energischen Zielsprint. Weitere zwei Tage später schloss Denz, wieder als Ausreißer, im Finale erst die Lücke zu den drei Führenden und gewann dann einen schier endlosen Bergaufsprint. Eine Demonstration seiner Willensstärke – beflügelt vom Erfolg zuvor.
„Er ist kein reiner Sprinter. Aber nach einem langen, harten Tag ist er sehr schnell – er hat noch Kraft, wenn alle schon müde sind“, sagt sein neuer Trainer John Wakefield. Denz gilt zudem als einer, der im Rennen viel Gespür für die Situationen hat. Gut vorbereitet, engagiert, konzentriert nutzt er seine wenigen Chancen. „Wir haben den besten Nico Denz gesehen, den es bisher gab“, sagt Teamchef Ralph Denk.
Aber was ändert der Erfolg? Gehaltserhöhung, neue Saisonziele? Denz winkt ab. „An meiner Arbeitsweise hat sich nichts geändert“, sagt er, bevor es in die entscheidenden Bergetappen des Rennens geht, bevor er wieder wertvolle Hilfe für die Kapitäne wie Lennard Kämna leistet, Flaschen holt, Windschatten spendet. Aber er hat gezeigt, er kann mehr als nur helfen. Er ist ein Siegertyp – wenn auch im Nebenjob.

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