Lange Zeit fuhr Primoz Roglic (Jumbo-Visma) beim Giro d’Italia 2023 defensiv, ließ sich sogar auf der 16. Etappe von seinen Kontrahenten Joao Almeida (UAE Team Emirates) und Geraint Thomas (Ineos Grenadiers) abschütteln. Im Einzelzeitfahren der 20. Etappe zündete er aber mit der letzten Chance aufs Rosa Trikot noch einmal den Turbo und konnte seiner Konkurrenz entscheidende Sekunden abnehmen. Dabei sah es fast danach aus, als ob ihm die Chance auf den Sieg entglitten sei - dem 33-Jährigen sprang nämlich während des Zeitfahrens die Kette runter, sodass er erst absteigen und das Malheur beheben musste, ehe er weiterfahren konnte. Am Ende nahm er dem zuvor Erstplatzierten Geraint Thomas trotzdem 40 Sekunden ab und zog so in letzter Sekunde noch am Waliser vorbei.
Geraint Thomas zeigte sich als fairer Sportsmann und zog vor dem Gesamtsieger seinen Hut: “Du verdienst es! Wenn du mir das vor ein paar Monaten angeboten hättest, als die Dinge nicht so liefen, wie ich es mir vorgestellt hatte, hätte ich es angenommen”, erklärte der 37-Jährige. Zudem ermöglichte der Ineos-Grenadiers-Kapitän einem alten Freund aus einem anderen Team einen besonderen Moment: Er agierte bei der letzten Giro-Etappe als Anfahrer für Star-Sprinter Mark Cavendish (Astana Qazaqstan Team) und verhalf ihm damit zum Sieg in Rom. Für Cavendish war dieser Triumph besonders, weil er während des Giro d’Italia sein Karriereende für Ende 2023 bekanntgab und sich nun auf Abschiedstournee befindet.
Auch aus deutscher Sicht gab es bei der Italien-Rundfahrt einige Höhepunkte: Neben Remco Evenepoel (Soudal - Quick Step) war Nico Denz (Bora-Hansgrohe) der einzige Fahrer, der gleich zwei Etappen für sich entscheiden konnte - vor allem der Sieg bei der 14. Etappe, bei der er unnachahmlich zum Schlussspurt anzog und das Rennen für sich entscheiden konnte, sorgte für Schlagzeilen. Auch Sprinter Pascal Ackermann (UAE Team Emirates) gelang in einem Massensprint ein Etappensieg. Im Gesamtklassement erfüllte zudem Lennard Kämna (Bora-Hansgrohe) sein Soll und landete in den zum Ziel ausgerufenen Top 10. Zum Ende der Rundfahrt hin ging dem Norddeutschen ein wenig die Puste aus, Platz neun wurde es schlussendlich.
Kämnas Teamkollege Aleksandr Vlasov blieb dagegen eine Platzierung auf den vorderen Plätzen verwehrt - er musste während der 10. Etappe wegen Krankheitssymptomen die Rundfahrt vorzeitig beenden. Der Bora-Hansgrohe-Kapitän war aber nicht der einzige Top-Fahrer, der den Giro früher als gedacht verlassen musste: Auch Tao Geoghegan Hart (Ineos Grenadiers) und Remco Evenepoel zählten vor dem Beginn des Giros zu den Favoriten auf den Gesamtsieg, mussten dann im Laufe der Rundfahrt aber aufgeben. Nach den ersten zwei Wochen fehlte sogar über ein Viertel aller Starter. Das hatte vor allem zwei Gründe.
Erstens ging im Fahrerfeld das Corona-Virus um, weshalb viele krankheitsbedingt aufgeben mussten. So erging es auch Zeitfahrspezialist Filippo Ganna (Ineos Grenadiers) und GC-Top-Favorit Evenepoel, der zwar das Zeitfahren der 9. Etappe knapp für sich entscheiden konnte, dort aber bereits sichtbar wurde, dass er gesundheitlich angeschlagen war. Wenige Stunden nach seinem Sieg und der Rückeroberung des Maglia Rosa als Gesamtführender folgte der positive Covid-Test und die damit verbundene Aufgabe der Rundfahrt. Der zweite Grund für das ausgedünnte Fahrerfeld wird anhand von Vlasov deutlich: Anhaltender Starkregen vor allem im Norden Italiens sorgte bei der Rundfahrt für arge Schwierigkeiten. Aufgrund des schlechten Wetters wurden nicht nur einige Starter krank, es kam auch zu zahlreichen Stürzen, Rennstarts wurden zeitlich verschoben, örtlich verlegt und streckenmäßig gekürzt. So wurde bei der eigentlich wegweisenden Bergetappe an Tag 13 erst der höchste Punkt des Giro d’Italia, der Grosse Sankt Bernard, aus dem Programm gestrichen und später die Etappe von 199 auf nicht einmal 75 Kilometer gekürzt.
Das außergewöhnliche Wetter machte sich auch im Rennverlauf bemerkbar. So kam es zu Stürzen wie bei Mark Cavendish auf der Zielgerade der 5. Etappe, den großen Knall gab es aber bei einer Abfahrt der 11. Etappe: Hier schied GC-Mitfavorit Tao Geoghegan Hart (Ineos Grenadiers) nach einem Massensturz aus - er hatte sich dabei die Hüfte gebrochen. Wenig später verlor Oscar Rodriguez (Movistar) die Kontrolle über seine Rennmaschine, raste in eine Hauswand und musste ebenfalls die Rundfahrt beenden.
Die vielen Ausfälle waren ärgerlich und bitter für Fahrer und Teams, sie schufen aber auch Chancen für neue Stars beim Giro d’Italia: So entschied Youngster Jonathan Milan (Bahrain-Victorious) die Punktewertung für sich und bewies, dass er bereits in jungen Jahren einer der besten Sprinter ist. Im Gesamtklassement erreichte der Norweger Andreas Leknessund (Team DSM) den achten Platz und fuhr sogar über weite Strecken der ersten Rennwoche in Rosa. Auch bei den Ausreißern drängten sich zuvor eher weniger bekannte Fahrer auf: der bereits erwähnte Deutsche Nico Denz und Derek Gee (Israel-Premier Tech), der “ewige Zweite” der Rundfahrt. Er kam nämlich gleich viermal als Zweitplatzierter über die Ziellinie, begeisterte dabei durch seine aktive Fahrweise. Man darf gespannt sein, wo die Reise dieser Fahrer hingeht. Sie alle konnten beim Giro erste große Erfolge feiern und könnten zu neuen aufgehenden Stars werden.