Davide Piganzoli war zu Beginn dieser Tour de France für viele nur eine Fußnote im Starensemble von Visma | Lease a Bike. Ein junger Italiener, solide, talentiert, aber vor allem als Helfer für Jonas Vingegaard eingeplant. Doch mit jeder Bergetappe, mit jedem Tag im Hochgebirge, wächst der Eindruck, dass hier weit mehr heranwächst als ein zuverlässiger Edelhelfer. Spätestens auf der 9. Etappe, einer schweren Bergankunft, hat Piganzoli endgültig auf sich aufmerksam gemacht: Nur 34 Sekunden hinter Vingegaard erreichte er das Ziel – als Dritter. Hinter Felix Gall war er an diesem Tag der stärkste Fahrer im gesamten Feld. Ein Ergebnis, das nicht nur überrascht, sondern beeindruckt.
Auch im Gesamtklassement spiegelt sich dieser Trend wider. Piganzoli liegt aktuell auf Rang acht, mit lediglich dreieinhalb Minuten Rückstand auf das Podium. Für einen Fahrer, der erst seine dritte Grand Tour bestreitet, ist das mehr als nur ein Achtungserfolg. Es ist ein Statement. Und es bleibt nicht unbemerkt: Vingegaard selbst soll ihm bereits signalisiert haben, dass er ruhig für sich fahren könne, wenn er sich stark genug fühle – ein Satz, der in einem Team mit klaren Hierarchien Gewicht hat.
Im Interview nach der 17. Etappe sagte der Däne sogar, dass er einen Etappensieg für seinen jungen Teamkollegen Piganzoli aufgeben würde, damit dieser um das Nachwuchstrikot fahren könne. In dieser Wertung hat er aktuell 2:17 Minuten Rückstand auf Afonso Eulálio, der lange das Rosa Trikot trug und nun ins Weiße Trikot schlüpft. Der Zeitrückstand ist mit Blick auf die kommenden Etappen im Hochgebirge auf jeden Fall machbar, sollte Davide Piganzoli weiterhin so stark fahren wie bisher.
Während Giulio Pellizzari, der große italienische Hoffnungsträger, früh viel Zeit verlor und im Gesamtklassement keine Rolle mehr spielt, richtet sich der Blick der Tifosi nun auf Piganzoli. Der 23‑Jährige verkörpert genau das, was italienische Fans seit Jahren vermissen: ein junger, kompletter Fahrer, der in den Bergen bestehen kann, taktisch klug fährt und keine Angst vor großen Namen zeigt. Seine Entwicklung wirkt unaufgeregt, aber stetig – und genau das macht sie so spannend.
Ob Davide Piganzoli schon in diesem Jahr zu einem echten GC‑Kandidaten reift, bleibt abzuwarten. Doch die Frage, ob er die nächste große italienische Rundfahrt-Hoffnung ist, stellt sich längst nicht mehr nur am Rande. Sie steht im Raum, laut und berechtigt. Und mit jeder Etappe, die er an der Seite von Vingegaard übersteht oder sogar vorne mitfährt, wird sie ein Stück realistischer.
Werkstudent