Deutschland-TourGroße Bühne für Team Storck-MRW Bau

Sebastian Lindner

 · 03.09.2026

Schon auf der ersten Etappe setzte Lennart Voege sein Team Storck-MRW Bau bei einem Ausreißversuch in Szene
Foto: Getty Images/Dario Belingheri
​Die Deutschland-Tour ist die größte und wichtigste Bühne des Radsports hierzulande; entsprechend begehrt sind die Startplätze bei einheimischen Teams. Für das deutsche Kontinental-Team Storck-MRW Bau war das Rennen die wichtigste Woche des Jahres – und erfolgreich

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​Es ist die letzte kleine Welle der Lidl-Deutschland Tour 2026. Nach 740 Kilometern durch Hessen, Bayern, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg liegt der Zielstrich in Heilbronn keine 2.000 Meter mehr entfernt. Vorneweg kämpft eines der Wunderkinder des Radsports um seinen zweiten Etappensieg: Die Gesamtwertung der Rundfahrt hat der Mexikaner Isaac Del Toro vom UAE Team Emirates-XRG bereits in der Tasche. Doch im Finale der letzten Etappe versucht ausgerechnet ein Landsmann, ihm einen weiteren Erfolg streitig zu machen.

Als Edgar David Cadena Martínez, so der klangvolle Name des kleinen Kletterers, die letzten Höhenmeter nutzt, um aus dem großen Verfolgerfeld herauszuschießen, erntet das zunächst Verwunderung. Kaum jemand kennt den Mann aus Mexiko City. Im Teamauto von Storck-MRW Bau geht allerdings die Post ab, denn Cadena ist der Kapitän des jungen Kontinental-Teams aus Deutschland.

„Ich hatte drei Millionen Gedanken im Kopf und habe Edgar einfach nur gepusht, so gut es geht“, erinnert sich Felix Linders, einer der Sportlichen Leiter der Mannschaft, an den Moment, als er erst über Radio Tour und wenige Augenblicke später auch über den Livestream auf dem Monitor im Auto die Situation erfasste. Dass sein Fahrer 700 Meter vor dem Ziel wieder gestellt wurde, war am Ende zweitrangig, denn Cadena hatte trotzdem etwas Außergewöhnliches erreicht.

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Erster Top-Ten-Platz

Seit der Neuauflage der Deutschland-Tour 2018 ist es noch keinem Fahrer eines Kontinental-Teams gelungen, in die Top-Ten der Gesamtwertung vorzustoßen. Dem Mexikaner gelang es als Erstem, er wurde Zehnter. Selbst auf Rang vier fehlten ihm lediglich neun Sekunden; die werden sich in ein paar Monaten nur noch in Statistiken wiederfinden. In Erinnerung bleiben wird, dass Cadena den Auftrag seines Teams nahezu mustergültig umgesetzt und seiner Mannschaft wichtige Präsenz im Rennen verschafft hat.

„Als deutsches KT-Team bei der Deutschland-Tour dabei zu sein, ist für uns in etwa so, wie als französische Mannschaft die Tour de France zu fahren“, sagt Patrick Schubert, Teamchef von Storck-MRW Bau. „Dass wir uns dann im für uns wichtigsten Rennen des Jahres so gut präsentieren und im Konzert mit neun World-Teams so mitfahren konnten und nicht nur das Feld aufgefüllt haben, ist einfach unglaublich wichtig.“ Mit Alvaro Sagrado schaffte es Storck-MRW Bau auch einmal aufs Podium, als der Spanierauf der zweiten Etappe als kämpferischster Fahrer ausgezeichnet wurde. Auch das Bergtrikot hatte die Mannschaft ursprünglich mit ihm angepeilt, dieser Plan ging letztlich nicht auf.

Gestiegene Ambitionen

Mit der bloßen Besetzung von Ausreißergruppen gibt sich im Team niemand mehr zufrieden. Die Ambitionen sind deutlich gestiegen, seit zur Saison 2023 zwei Bundesliga-Mannschaften zum KT-Team Storck-Metropol zusammenfanden, aus denen nun das Team Storck-MRW Bau geworden ist. Die UCI-Lizenz liegt weiter bei der Betreibergesellschaft von Schubert, doch ansonsten hat sich viel verändert. Neben Radhersteller Storck, der weiter an Bord blieb, stieg das schwäbische Bauunternehmen MRW nicht nur ein, sondern zum Hauptsponsor auf. Geschäftsführer Julian Rammler hatte sich einst selbst als Aktiver auf der Kontinental-Tour versucht.

Seit diesen Tagen kennen sich Rammler und Schubert, ebenfalls ehemaliger Rennfahrer. „Im Oktober 2025 hat Julian sich bei mir gemeldet und gefragt, wie es bei mir aussieht. Ab da wir waren im Gespräch. Das Einzige, was uns fehlte, war Zeit“, erinnert sich Schubert. Denn im Oktober ist der Lizenzierungsprozess für die folgende Saison bei der UCI bereits in vollem Gange. Bis Ende des Monats müssen alle erforderlichen Unterlagen inklusive aller finanziellen Garantien eingereicht und mindestens zehn Fahrer gemeldet sein.

Storck-MRW Bau ließ sich vom Zeitmangel aber nicht bremsen. Zu den späten Fahrertransfers, die das Team noch eintüten konnte, gehört auch Edgar Cadena. Bevor Isaac Del Toro quasi von heute auf morgen zum Star wurde, galt Cadena als Mexikos Nummer eins im Radsport, wurde 2023 und 2024 zweimal in Folge nationaler Meister. Zweimal in Folge war er auch bei der Vuelta Asturias im April erfolgreich. Es waren die ersten und bislang einzigen beiden Siege für das Team. Das Resultat bei der Deutschland-Tour ist ein weiterer Beweis für die Qualität, die Cadena mitbringt. „Ich kann mich im Team kontinuierlich weiterentwickeln, die Bedingungen sind super“, sagt der 26-Jährige, räumt aber ein: „Es ärgert mich, dass ich die Chance verpasst habe, mit Isaac zusammen wegzufahren. Auf der Königsetappe wäre das durchaus möglich gewesen, aber als er ging, war ich im Feld etwas zu weit hinten und eingebaut.“

Kader mit Qualität

Noch höher einzuschätzen ist die Verpflichtung von Matthew Walls. Der 28 Jahre alte Brite war in den vergangenen fünf Jahren in World-Tour-Teams unter Vertrag, kam zur neuen Saison von Groupama-FDJ und fuhr davor für Bora-hansgrohe. 2021 wurde er in Tokio auf der Bahn Olympiasieger im Omnium. Nach dem Gold-Coup suchten Walls allerdings immer wieder schwere Verletzungen und Stürze heim, die kaum einen konstanten Formaufbau zuließen. Das setzte sich auch im Trikot seiner neuen Mannschaft fort. Bei der Tour de Wallonie wurde er in einen schweren Massensturz verwickelt, ein Schlüsselbeinbruch, sechs gebrochene Rippen und eine Lungenverletzung waren die Folge. Die Deutschland-Tour war sein erster Wettkampf nach dem Wiederbeginn. Am höchsten Punkt der Rundfahrt, auf der Kalmit, musste er aufgeben. „Vielleicht kam das Rennen noch etwas zu früh, aber ich wollte es unbedingt versuchen und das Team bei seinem Saisonhighlight unterstützen“, sagte ein enttäuschter Walls, kurz nachdem er ins Teamauto einsteigen musste.

Ein namhafter Kader vergrößert die Chance, bei großen Rennen am Start zu stehen. Von World-Tour-Rennen sind KT-Mannschaften per Reglement ausgeschlossen, Rennen der Pro-Series sind das Maximum, was möglich ist. Neben der Deutschland-Tour, der Tour de Wallonie, der Tour of Britain, der Tour de Luxemburg und dem Münsterland- Giro ist Storck-MRW Bau bei fünf entsprechenden Rennen dabei. Kein anderes deutsches KT-Team bringt es in dieser Saison auf mehr.

Groß denken - und handeln

Was die Mannschaft ebenfalls vom Rest der KT-Konkurrenz abhebt, ist der motorisierte Fuhrpark, mit dem die Equipe seit dieser Saison auftrumpfen kann. Etwas ab vom Schuss, aber in guter Gesellschaft der großen Teambusse von Picnic-PostNL und Visma-Lease a Bike, steht ein ebensolcher Koloss, überwiegend in Beige und Schwarz gehalten. Daneben feiert das Team an einem kleinen Zelt mit Sekt und Pizza gerade den zehnten Platz und den Gesamterfolg bei der Deutschland-Tour. Bevor der Bus für Storck-MRW Bau auf Tour ging – auf internationaler Ebene kann sich so etwas nur eine Handvoll KT-Teams leisten – gehörte er zum Fuhrpark des World-Tour-Teams Intermarché-Wanty, das vor der Saison mit Lotto fusionierte. Davor war er bereits in Diensten von BMC Racing.

Der Bus steht sinnbildlich dafür, dass Storck-MRW Bau Größeres im Sinn hat und den KT-Status in erster Linie als Sprungbrett betrachtet. Hauptverantwortlich für das Gefährt, das inklusive einer kompletten Innenraumerneuerung einen mittleren sechsstelligen Betrag kostete, aber auch für die höher gesteckten Ziele, ist Hauptsponsor Julian Rammler. Der sagt klar: „Wir wollen international mitspielen und irgendwann auch den nächsten Schritt gehen.“ Zuletzt unterstützte der Stuttgarter finanziell seinen Heimatverein, doch der Ehrgeiz, der ihn antreibt, benötigt eine größere Plattform. „Radsport war schon immer meine Leidenschaft. Und wenn man einmal dabei ist, kann man nicht mehr loslassen“, versucht er sein Engagement zu erklären.

Ziel: Aufstieg

Dabei ist Rammler weit mehr als nur Geldgeber. Er scoutet Fahrer, organisiert den Betreuerstab, übernimmt Management- Aufgaben, putzt aber auch am Vorabend des Rennens nochmal die Autos oder räumt den Bus auf, wenn er, wie bei der Deutschland-Tour, zusammen mit dem Team unterwegs ist. „Als Team erreichen wir unsere Ziele nur gemeinsam“, meint er lapidar. Womit sich Rammler ebenfalls beschäftigt, ist die Akquise weiterer Sponsoren. Und dabei sieht er für sich einen entscheidenden Vorteil. „Ich bin nicht in der Radsport-Blase. Ich verstehe den Sport, bin aber noch weit genug weg, weil ich mich hauptsächlich um mein Unternehmen kümmere und damit ein anderes Netzwerk habe als ein Teammanager, der seit Jahren nur im Radsport unterwegs ist.“ Mit anderen Worten: Rammler will seine Geschäftsbeziehungen nutzen, um einen strategischen Partner zu finden, der sein Vorhaben unterstützt. Business to Business, B2B.

Der 39-Jährige, der seinen Geburtstag passenderweise am Abschlussabend der Deutschland-Tour feiert und in eine Team-Gala mit Fahrern, Betreuerstab und Sponsoren einbindet, ist fest davon überzeugt, dass es in Deutschland wieder genügend Unternehmen gibt, die es sich leisten könnten, in den Radsport zu investieren. Die Hürde sei es, zu verstehen, wie der Sport funktioniere. Oder im Sinne des Marketings: Wie sich daraus Kapital schlagen lasse. „Es ist halt anders als in einem Stadion, wo ein Zuschauer Eintritt bezahlt und dann die ganze Zeit Sport und Bandenwerbung sieht.“

Dass der Radsport auch hierzulande wieder Tausende erreicht, beweist die Deutschland-Tour 2026. Die weltweiten TV-Übertragungen in 190 Länder sollen bis zu 33 Millionen Menschen gesehen haben. Die Besucherzahlen direkt an der Strecke zu schätzen, ist eine Herausforderung, der Veranstalter will keine konkreten Zahlen nennen. Hier und da ist von 500.000 Menschen die Rede. „Es war der Wahnsinn. In jedem noch so kleinen Ort standen die Leute an den Straßen und jubelten. An der Kalmit war es ein bisschen wie bei der Tour de France“, sagt der Sportliche Leiter Felix Linders. „Ich mache das zwar noch nicht ewig, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, ergänzt der 23-Jährige.

Schneller zum Erfolg

Gesehen werden aber letztlich vor allem die, die vorne fahren und gewinnen. Deswegen geht die Equipe auch nicht den Weg anderer KT-Teams, die sich in erster Linie als Nachwuchs-Schmieden verstehen. Storck-MRW Bau ist sowohl bei Fahrern wie Betreuern international geprägt. Die Entwicklung von Talenten steht nicht unbedingt an erster Stelle, bestätigt auch Teamchef Schubert. „Nur mit jungen Sportlern kannst du nicht gewinnen. Es braucht auch ein paar reifere, die Ergebnisse einfahren, von denen sich die Jungen etwas abschauen können. Es braucht klare Kapitäne und Fahrer, die sie unterstützen.“ Das sei nicht das klassische Vorgehen in einem KT-Team. „Aber wir wollen nicht das machen, was alle anderen tun.“

Andere Wege gehen – damit holt man auch Markus Storck für gewöhnlich ab. Der umtriebige Fahrradhersteller, der neben der Rolle als Namenssponsor auch die Räder zur Verfügung stellt, sieht das Team ebenfalls auf einem guten Weg. „Dadurch, dass Julian mit MRW-Bau reingekommen ist, hat das Team jetzt einen sehr professionellen Auftritt. Und das ist wichtig. Wir haben richtig gutes Material und ein richtig gutes Umfeld. Das zieht dann auch potenziell gute Fahrer an.“ Dass es dabei internationaler zugehe, könne perspektivisch auch von Vorteil sein. „So lernst du, mit internationalen Fahrern zu arbeiten. Das ist dann auch für den nächsten Schritt wichtig.“

Auf dem Weg zur festen Größe

Dieser ominöse nächste Schritt ist irgendwie allgegenwärtig, auch wenn ihn im Team noch niemand zeitlich oder inhaltlich konkretisieren will. Es wäre wohl auch zu früh. Erst im März hatten Schubert und Rammler das Team so weit zusammen, dass der Rennbetrieb starten konnte. Ein halbes Jahr später stehen die ersten beiden Siege durch Edgar Cadena in Asturien zu Buche, dazu gesellen sich bis zur Deutschland-Tour rund zwanzig Top-10-Platzierungen. „Damit können wir durchaus zufrieden sein. Gerade der starke Auftakt im April hat uns nochmal einen richtigen Schub gegeben“, sagt Rammler, der nun auch noch auf ein starkes Finale hofft. „Es war aber auch ein turbulentes Jahr“, meint Schubert. „Es müssen sich noch einige Sachen finden. Viele wollen mitreden und sich einbringen, weil alle hochmotiviert sind.“

Das ist kein unbekanntes Phänomen in jungen, wachsenden Strukturen. Doch das Fundament bei Storck-MRW Bau ist gelegt. Die weitere Entwicklung wird in erster Linie davon abhängen, wie erfolgreich die Sponsorensuche läuft. Die sportlichen Erfolge übers Jahr und vor allem bei der Deutschland- Tour, sowie der gesamte Rahmen während dieser Woche im August, geben aber Anlass zur Hoffnung, dass Storck-MRW Bau sich zu einer weiteren festen Größe in der nationalen Radsportlandschaft entwickeln könnte.


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