Wie ein Jux fühlt sich das gerade nicht an, auch wenn die Straße zum Juxkopf hinaufführt. Wobei “hinaufführen” fast schon euphemistisch klingt. Gerade sind wir noch kurvig, aber flach, durch Spiegelberg gerollt, da klappt die Straße plötzlich ab und führt steiler gen Himmel als jede Stiege in einem der schwäbischen Fachwerkhäuser am Streckenrad zum Dachboden klettert. Plötzlich steht alles. Beziehungsweise: Die drei Rennfahrer vor uns gehen aus dem Sattel und wuchten sich die bis zu 15 Prozent steile Rampe empor, was die fünf Autos dahinter kurz zum Anhalten zwingt. Ich sitze im fünften Auto auf dem Rücksitz und muss mich nach vorne beugen, um durch die Windschutzscheibe überhaupt nach vorne bzw. oben schauen zu können. Während sich die Rennfahrer Meter um Meter bergwärts schrauben, fahren die Autos im Schritttempo wieder an: Ganz vorne das Fahrzeug des Rennleiters Fabian Wegmann, dahinter die Teamfahrzeuge der drei Ausreißer, dann das neutrale Materialfahrzeug, und dann wir. Mehr drin und dichter dran an einem Radrennen kann man eigentlich nicht mehr sein. Es sei denn, man sitzt selbst im Sattel.
Es ist die zweite Etappe der Lidl Deutschland Tour von Schwäbisch Hall nach Offenbach an der Queich, und ich habe das Privileg, auf Einladung von Hauptsponsor Lidl als VIP in einem “In Race Car” mitfahren zu können. Und nicht nur das. Ich darf den ganzen Tag als VIP-Gast bei der Deutschland-Tour verbringen.
Die Kulisse des Startbereichs in Schwäbisch Hall ist umwerfend. Zu Füßen der großen Freitreppe der Stadtkirche St. Michael breiten sich Startbogen, die Tribüne für die Teampräsentation und der VIP-Bereich aus. Schon lange vor dem Start ist die große Freitreppe gut besetzt mit Radsport-Fans. Von den Treppenstufen, auf denen seit vielen Jahrzehnten im Sommer Freilichttheater gespielt wird, haben sie den perfekten Überblick über das radsportliche Treiben auf dem Marktplatz.
Um 10 Uhr öffnet der VIP-Bereich. Ich bekomme meinen Gast-Ausweis umgehängt und ein Armband, das mir den Zugriff aufs Büffet erlaubt. Mit Kaffee und Butterbrezel bewaffnet, will ich die Umgebung erkunden, da kommt schon ein Mitarbeiter der D-Tour, erkennbar am weißblauen Outfit, auf mich zu und stellt sich vor: Roman Jördens, ehemaliger Radrennfahrer, wird das In Race Car steuern, in dem ich mitfahren darf. Der 53-Jährige ist ein absoluter Radsport-Insider, der seit vielen Jahren in unterschiedlichsten Funktionen in großen und kleinen Profiteams, für den deutschen Radsportverband German Cycling und in der Fahrradbranche arbeitet. Er erklärt mir, wo das Auto steht, erläutert den Zeitplan bis zum Start, wo wir uns treffen.
Wenig später beginnt die Vorstellung und Einschreibung der 18 Mannschaften der Lidl Deutschland Tour. Erst schaue ich vom Absperrgitter aus zu, wie die Rennfahrer auf ihren Rädern über eine Rampe auf die Bühne rollen. Dann entdecke ich, dass man über eine Wendeltreppe aufs Dach des gläsernen VIP-Trucks gelangen und von dort aus den Rennfahrern auf der benachbarten Bühne quasi auf den Radcomputer gucken kann. Der Sprecher stellt jeden Fahrer namentlich vor, das Publikum spendet reichlich Applaus und erweist sich als sachkundig. Wenn die Namen der deutschen Rennfahrer wie Nils Politt, John Degenkolb oder Georg Zimmermann aufgerufen werden, die den Zuschauern auch aus den TV-Übertragungen der Tour de France geläufig sind, wird es besonders laut.
Kurz vor zwölf treffen wir uns an dem grünen Skoda, in dem wir das Rennen begleiten. Roman Jördens schaltet das Funkgerät für Radio Tour ein. Aus dem Lautsprecher knackst und knistert es vielversprechend, bevor eine Stimme die Zuhörer begrüßt, die Details der heutigen Etappe erläutert und allen ein schönes Rennen wünscht. Los geht’s. Wir rollen langsam über das Schwäbisch Haller Kopfsteinpflaster, vor uns brummen die Motorräder der Polizeistaffel los und verlassen die Altstadt über die Henkersbrücke, die den Kocher überspannt.
So. Und wo sind jetzt die Rennfahrer? Ludwig Ziegelmeier, Gewinner einer Verlosung und zweiter VIP-Gast im Auto, und ich recken die Köpfe. Aber im Straßengewirr hinaus aus Schwäbisch Hall ist erst einmal nichts zu sehen. Das Rennen ist noch neutralisiert, Rennfahrer und Begleitross sortieren sich. Zehn Minuten später erreichen wir die Marke von “Kilometer 0”, aus dem Lautsprecher meldet Radio Tour: “Scharfer Start 12.17 Uhr.” Roman Jördens erläutert: “Wir bleiben mit unserem Auto immer vor dem Feld. Wenn sich eine Ausreißergruppe bildet und mehr als eine Minute Vorsprung herausfährt, können wir auch mal zwischen das Feld und die Gruppe.”
Wenig später ist es soweit. Aus den deutschen Continental-Teams können sich drei Fahrer vom Feld lösen und bringen schnell mehr als eine Minute Abstand zwischen sich und das Feld. Von Rembe | Rad-Net ist Ole Theiler dabei, von Lotto Kern-Haus Outlet Montabaur Ben Jochum und von Storck-MRW Bau der Spanier Alvaro Sagrado. Kurz darauf jagen sie an unserem Auto vorbei. Ich bin fasziniert, wie schnell sie sind und wie nah. Aus dem offenen Autofenster könnte man sie mit ausgestrecktem Arm berühren.
Der kleine Begleitkonvoi für die drei Ausreißer formiert sich: Rennleitung, drei Teamfahrzeuge, der neutrale Materialwagen, unser In Race Car. Roman Jördens steuert das Auto immer wieder so, dass wir freien Blick auf die drei Rennfahrer haben. Mal von hinten, mal von vorne. Die notwendige Abstimmung dafür verläuft überraschend simpel. Jördens zieht etwas vor auf Höhe des Rennleiterautos, in dem Fabian Wegmann hinten links sitzt. Er wird pilotiert vom französischen Ex-Profi Sébastien Hinault, der diesen Job auch bei der Tour de France für den Veranstalter ASO ausübt. Jördens guckt ins Auto zu Wegmann rüber und deutet mit der Hand nach vorne, Wegmann nickt und gibt uns mit der Hand einen imaginären Schubs - vorausgesetzt, die Straße ist breit genug, frei und übersichtlich.
Als wir am Juxkopf wieder hinter den drei Ausreißern bergauf schleichen, kommen aus dem Funk-Lautsprecher schlechte Nachrichten. Der Abstand zum Feld schrumpft. Von knapp zwei sind plötzlich nur noch 1:30 Minuten übrig, und die Sekunden schwinden weiter. Roman Jördens schaut ein wenig angespannt in den Rückspiegel: “Wenn jetzt das Feld kommt, kriegen wir ein Problem”, sagt er. Das Problem besteht darin, dass die Straße immer schmaler wird und sich zu einem Hohlweg verengt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Autos verstopfen die Strecke und könnten nirgendwohin ausweichen, wenn die Rennfahrer vorbei wollten. Plötzlich macht sich ein unangenehmer Magendruck bemerkbar, obwohl ich nur Gast im Auto bin.
Es vergehen weitere quälende Minuten, in denen die drei Rennfahrer an der Spitze sich die zweistelligen Steigungsprozente hinaufkämpfen, während die fünf Autos dahinter immer wieder anhalten müssen. Auch nach der Bergwertung steigt die Straße weiter. Rückstand: “Eine Minute zehn”, plärrt es aus dem Tour-Funk. Dann fällt die Straße und Sekunden später erleben wir ein neues Extrem. Die Rennfahrer vor uns verschwinden steil bergab über die kurvige Landstraße blitzschnell im Wald, Roman Jördens tritt ungerührt aufs Gas und wirft den Skoda mit wimmernden Reifen wie ein Rallyeauto von einer Kurve in die nächste. Ich packe die Rücksitzlehne vor mir und verkeile mich zwischen Tür und Mittelarmlehne, um nicht durchs Auto zu purzeln und bin mir sicher, auf dem Tacho kurz eine dreistellige Zahl gelesen zu haben. Ludwig Ziegelmeier schaut zu mir nach hinten und meint trocken: “Da muss man sich ja richtig festhalten...”
Wenig später kehrt wieder Ruhe ein. Zumindest im Auto. Der Abstand zwischen Ausreißern und Feld stabilisiert sich wieder. Wir fahren dem Rennen ein gutes Stück voraus, bis Roman Jördens Ausschau hält nach einem geeigneten Platz zum Halten. “Zeit fürs Picknick”, sagt er schmunzelnd. Der Platz ist gut gewählt: Wir parken kurz vor dem Ende einer langen, ansteigenden Geraden. Von dort aus können wir die herannahenden Rennfahrer schon rund eineinhalb Minuten sehen, bevor sie bei uns vorbeikommen. Im Kofferraum wartet für jeden Gast eine großzügig bestückte Lunch-Box von Sponsor Lidl mit Getränk, Sandwiches, Obst und anderen Leckereien, mit denen wir locker mehr als nur diesen Tag überstehen würden. Es beginnt zu regnen.
Dann tauchen Blinklichter am Fuße der Steigung auf, das Auto des Rennleiters, davor drei Rennfahrer, die immer noch verrückt schnell unterwegs sind. Als sie näher kommen und vorbei rasen, kann ich in die erhitzten, regennassen Gesichter blicken und die Anstrengung erkennen, die es für die drei bedeutet, seit nun schon mehr als zwei Stunden den Vorsprung vor dem Feld zu behaupten. Mit meinem Sandwich in der einen und der Getränkeflasche in der anderen Hand bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen und finde es einen Moment lang unangemessen, derart überversorgt den Rennfahrern zuzuschauen. Aber Zeit für längere Grübeleien habe ich nicht, Roman Jördens ruft: “Einsteigen.” Wir müssen fix los, der Abstand zum Feld schrumpft wieder.
35 Kilometer vor dem Ziel ist der Ausreißversuch von Ole Theiler, Ben Jochum und Alvaro Sagrado zu Ende, das Peloton hat die drei eingeholt. Der erwartete Massensprint im Ziel in Offenbach an der Queich zeichnet sich ab. Wir fahren voraus, um rechtzeitig dort zu sein und die Ankunft der Rennfahrer live zu erleben. Auf dem Weg dorthin grüble ich ein wenig darüber, wie leichtfertig man als Beobachter oft von einer “einfachen Etappe” spricht, die “sowieso” in einem Massensprint endet. So nah am Peloton fand ich die Etappe schon aus der Autoperspektive richtig schwer, zumindest die ersten zwei Drittel.
Gemeinsam mit Tausenden begeisterten Zuschauern verfolge ich dann den Sprint in Offenbach. Wieder einmal bin ich völlig geflasht davon, wie schnell man mit einem Rad im Rennen fahren kann. Es ist ein Gänsehaut-Moment, als die Horde der Schnellsten über den Zielstrich jagt, untermalt vom Jubel der Fans und deren Getrommel auf den Absperrgittern. Und der ebenso überraschende wie verdiente Sieger Alessio Magagnotti aus dem U23-Team von Red Bull-Bora-hansgrohe schreibt mit seinem ersten Profisieg im Sprint als 19-Jähriger nochmal eine ganz eigene Geschichte.
Was für ein besonderer, erlebnisreicher Tag mit einer einzigartigen Perspektive auf ein Radrennen! Wir verabschieden uns von Roman Jördens, der uns so kenntnisreich und unterhaltsam betreut hat, und treten mit vielen Bildern im Kopf den Heimweg an. Während der Fahrt wird mir noch einmal bewusst, wie viele begeisterte Zuschauer wir entlang der gesamten Strecke gesehen haben, egal ob es geregnet hat oder nicht. Junge, Ältere, viele Familien. Immer wieder habe ich Kinder gesehen, mit leuchtenden Augen, die es kaum erwarten konnten, ihre selbst gemalten Pappschilder mit Namen wie “Nils” oder “Dege” oder “Max” in die Höhe zu strecken. Dann höre ich im Autoradio die Meldungen und Berichte über die Ausschreitungen beim DFB-Pokal-Fußballspiel zwischen Kaiserslautern und Mannheim, das am Abend stattfindet. Plötzlich bin ich noch viel mehr begeistert von der fröhlichen, familiären, den Sportlern zugewandten Atmosphäre beim Radrennen. Und denke: Ich war heute definitiv bei der richtigen Sportart.
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