Mathieu van der Poel saß nach seinem furiosen Zeitfahren bei der Tour de Suisse fast eine Stunde auf dem Hot Seat. Ob seine Bestzeit halten würde? Niemand wusste es. Nur eines war sicher: Es war brütend heiß. Also tat der Niederländer das, was jeder normale Mensch bei 30 Grad tun würde. Er rollte seinen hautengen Skinsuit bis zur Hüfte herunter und saß oberkörperfrei auf seinem Stuhl.
Die Fernsehkameras zeigten, was sie nicht hätten zeigen sollen: Nippel. Die Zuschauer nahmen es gelassen. Die UCI nicht.
Der Radsport-Weltverband verhängte 500 Schweizer Franken Strafe wegen „unangemessener Bekleidung auf dem Hot Seat“. Anders gesagt: Zwei freie Brustwarzen kosteten 540 Euro.
Das amerikanische Magazin Outside machte daraus prompt „Nipplegate“. Natürlich. Wenn es um nackte Haut geht, kennen die USA nur zwei Zustände: Skandal oder Superbowl-Halbzeitshow.
Dabei wirkte die Szene eher menschlich als provokant. Van der Poel schwitzte. Er wartete. Er kühlte sich ab. Mehr war nicht passiert. Bei 30 Grad und nach so einer Kraftanstrengung - völlig okay.
Sportlich war der Tag ohnehin bitter genug. Tadej Pogačar verdrängte ihn noch von Platz eins mit hauchdünnem Vorsprung. Auf der 23,7-km-Zeitfahrstrecke rund Aarburg brauchten beide exakt 26.37 Minuten. Nach offizieller Zeitmessung war der Slowene 0,31 Sekunden schneller. Der erste Zeitfahrsieg seiner Profikarriere war für Mathieu Van der Poel dahin. Die Geldstrafe gab's gratis obendrauf.
Ohne den Strafzettel wäre van der Poel der unglückliche Zweite geblieben. Mit der Strafe wurde er über Nacht zum Sympathieträger. Fans weltweit schütteln den Kopf über die Regelauslegung, Medien berichten, auf den sozialen Netzwerken solidarisieren sich die Fans. Plötzlich spricht niemand mehr über die Niederlage – sondern über einen Fahrer, der wegen Hitze den Reißverschluss öffnete.
Keine Werbeagentur hätte sich das besser ausdenken können. Aufmerksamkeit weltweit. Sympathiepunkte inklusive. Kostenpunkt: 540 Euro.
Für einen Fahrer, dessen Sponsoren Millionen investieren, dürfte das die günstigste Marketingkampagne des Jahres gewesen sein.
Vielleicht sollte die UCI künftig häufiger Strafzettel verteilen.
Manche sind unbezahlbar.

Redakteur
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