Als Tadej Pogačar die Vuelta a España nach seinem Sturz verlassen musste, war schnell klar, dass die Rundfahrt ihren haushohen Favoriten verloren hatte. Doch die Folgen reichen weit über die Spanien-Rundfahrt hinaus. Noch ist unklar, ob und wann der Slowene in dieser Saison ins Peloton zurückkehren kann. Damit öffnet sich plötzlich ein Fenster, auf das viele seiner Konkurrenten seit Jahren warten.
Denn in den vergangenen Jahren war Pogačar nicht nur der dominierende Rundfahrer der Welt, sondern auch bei Eintagesrennen nahezu unschlagbar. Fällt der Weltmeister für den restlichen Saisonherbst aus oder kehrt nur eingeschränkt zurück, werden gleich mehrere prestigeträchtige Rennen auf einen Schlag deutlich offener.
Am offensichtlichsten sind die Auswirkungen bei der Vuelta a España. Pogačar hatte die Rundfahrt bis zu seinem Sturz klar kontrolliert und bereits drei Etappen gewonnen. Der Gesamtsieg hätte nur über den Slowenen geführt.
Nun steht plötzlich ein ganz anderer Fahrer vor dem möglicherweise größten Erfolg seiner Karriere. Ob Enric Mas, Primož Roglič, Richard Carapaz, Felix Gall oder einer der weiteren Klassementfahrer: Sie alle haben nun Chancen, die vor einer Woche noch völlig undenkbar gewesen wären. Statt eines Kampfs um Platz zwei ist aus der Vuelta ein völlig offenes Rennen geworden.
Doch die Folgen könnten noch deutlich größer sein. Bereits im September stehen mit dem Grand Prix Cycliste de Québec und dem Grand Prix Cycliste de Montréal zwei der wichtigsten Eintagesrennen außerhalb Europas auf dem Programm.
Vor allem das Rennen in Montréal hätte perfekt zu Pogačars Stärken gepasst. Der selektive Rundkurs mit seinen kurzen, explosiven Anstiegen kommt Fahrern entgegen, die starke Kletterfähigkeiten mit einem explosiven Antritt verbinden. Genau deshalb zählte der Slowene dort im Vorfeld automatisch zu den größten Favoriten.
Sollte er nicht starten können, steigen die Chancen für Fahrer wie Remco Evenepoel, Mathieu van der Poel, Tom Pidcock oder Marc Hirschi deutlich. Auch zahlreiche Puncheure und Klassikerjäger dürften plötzlich von einem Sieg bei einem der prestigeträchtigsten Eintagesrennen der Saison träumen.
Noch größer wäre die Auswirkung auf die Straßen-Weltmeisterschaft. Bei Titelkämpfen gehört Tadej Pogačar inzwischen zu den Fahrern, die von praktisch jedem Konkurrenten beobachtet werden. Seine Fähigkeit, das Rennen bereits weit vor dem Ziel zu entscheiden, hat er in den vergangenen Jahren mehrfach unter Beweis gestellt.
Fehlt der Slowene, verändert sich die Dynamik eines WM-Rennens grundlegend. Nationen wie Belgien, die Niederlande, Frankreich oder Großbritannien müssten ihre Taktik komplett neu ausrichten. Auf einmal gäbe es keinen Fahrer mehr, um den sich sämtliche Überlegungen drehen.
Für Stars wie Remco Evenepoel oder Mathieu van der Poel könnte das die Gelegenheit sein, ein weiteres Regenbogentrikot zu gewinnen. Gleichzeitig würden auch Außenseiter deutlich bessere Chancen erhalten, in den Kampf um die Medaillen einzugreifen.
Vielleicht am spannendsten ist aber der Blick auf die Lombardei-Rundfahrt. Das letzte Monument der Saison gilt beinahe als persönliches Revier von Pogačar. Seit fünf Jahren konnte ihm dort kein Konkurrent den Sieg streitig machen. Der Slowene gewann das italienische Monument Jahr für Jahr und ist auf den schweren Anstiegen rund um Como nahezu unbezwingbar.
Sollte er die Lombardei-Rundfahrt verpassen, wäre die Ausgangslage so offen wie lange nicht mehr. Fahrer wie Remco Evenepoel, Juan Ayuso, Tom Pidcock oder ein formstarker Enric Mas würden sich berechtigte Hoffnungen auf den Sieg machen. Zum ersten Mal seit Jahren könnte ein anderer Name ganz oben auf der Siegerliste stehen.
So bitter die Verletzung für Tadej Pogačar selbst ist, so sehr verändert sie die Kräfteverhältnisse im internationalen Radsport. Über Jahre hinweg mussten sich seine Konkurrenten damit arrangieren, dass bei vielen der größten Rennen der Welt ein Fahrer an den Start ging, der oftmals kaum zu schlagen war.
Nun könnte sich ein seltenes Zeitfenster öffnen. Die Vuelta, die Weltmeisterschaft, der Grand Prix Cycliste de Montréal oder die Lombardei-Rundfahrt: Gleich mehrere der wichtigsten Rennen des Saisonherbstes könnten plötzlich ohne ihren Seriensieger stattfinden.
Für viele Fahrer ist das möglicherweise die beste Chance seit Jahren, einen der ganz großen Siege ihrer Karriere einzufahren.

Redakteur
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