Die erste Woche der Vuelta a España 2026 wurde von einem Ereignis überschattet: dem Ausscheiden von Tadej Pogačar. Lange Zeit schien der Slowene die Rundfahrt nach Belieben zu kontrollieren. Drei Etappensiege in den ersten sechs Tagen, das Rote Trikot und deutliche Vorteile gegenüber allen Konkurrenten machten ihn zum klaren Topfavoriten. Selbst auf der spektakulären Schotterankunft der 6. Etappe erwies sich Pogačar als stärkster Fahrer des Feldes.
Doch der schwere Sturz auf der 8. Etappe beendete seine Vuelta vorzeitig. Mit dem Ausscheiden des Dominators ist die Rundfahrt von einem Tag auf den anderen völlig offen geworden. Plötzlich glauben zahlreiche Fahrer an ihre Chance auf den größten Erfolg ihrer Karriere. Ob Enric Mas, Primož Roglič, Richard Carapaz, Felix Gall oder Oscar Onley: Sie alle dürften nun davon überzeugt sein, dass der Gesamtsieg erreichbar ist. Was vor wenigen Tagen noch wie ein Kampf um Platz zwei hinter Pogačar aussah, ist nun ein offenes Rennen um das Rote Trikot.
Die größte positive Überraschung der ersten Woche ist ohne Zweifel Enric Mas. Der Movistar-Kapitän hatte in den vergangenen Jahren zwar immer wieder ordentliche Resultate eingefahren, gehörte aber längst nicht mehr zum engsten Kreis der Grand-Tour-Favoriten. Umso bemerkenswerter sind seine bisherigen Leistungen.
Besonders auf der 6. Etappe setzte der Spanier ein Ausrufezeichen. Nachdem Pogačar auf dem steilen Schotteranstieg attackiert hatte, gelang Mas etwas, das bei einer großen Landesrundfahrt über Jahre niemand mehr geschafft hatte: Er fuhr wieder zu Pogačar auf. Der Slowene selbst sprach anschließend davon, dass Mas „wie eine Rakete“ an ihm vorbeigeflogen sei.
Mit dem Aus von Pogačar rückt Mas nun automatisch in die Rolle eines der größten Favoriten auf den Gesamtsieg. Ein Szenario, das vor dem Start der Rundfahrt wohl nur wenige erwartet hätten.
Ebenfalls überraschend stark präsentiert sich Primož Roglič. Vor dem Start der Vuelta herrschte bei Red Bull - Bora - hansgrohe eher Zurückhaltung. Das Team hatte sogar einen wichtigen Berghelfer aus dem Aufgebot gestrichen, weil man sich aufgrund des Gesundheitszustands des Slowenen offenbar nicht sicher war, wie konkurrenzfähig er sein würde.
Doch Roglič hat in der ersten Woche gezeigt, dass er absolut zum Kreis der Favoriten gehört. Zwar konnte er Pogačar nicht folgen, hielt sich aber kontinuierlich in Schlagdistanz zur Spitze und vermied größere Einbrüche. Vor allem das lange Einzelzeitfahren in der letzten Woche könnte ihm nun in die Karten spielen. Kaum einer der verbliebenen Klassementfahrer dürfte dort so viel Zeit gutmachen können wie der vierfache Vuelta-Sieger. Für ihn steht weiterhin der fünfte Erfolg bei der Spanien-Rundfahrt in Aussicht, das wäre Rekord.
Für die bewegendsten Momente der ersten Woche sorgte Joshua Tarling. Der Brite war nur wenige Tage nach dem tragischen Tod seines Bruders Finlay bei der Volta a Portugal überhaupt zur Vuelta angereist. Allein sein Start wurde im Peloton und bei den Fans mit großem Respekt aufgenommen.
Tarling versuchte trotz der emotionalen Belastung weiterzufahren, entschied sich schließlich jedoch auf der 6. Etappe zum Ausstieg. Sportlich rückte das schnell in den Hintergrund. Vielmehr zeigte seine Geschichte, welche persönlichen Schicksale oft hinter den Leistungen der Profis stehen.
Der erste Ruhetag kommt damit zu einem Zeitpunkt, an dem die Vuelta praktisch neu beginnt. Der große Favorit und Dominator ist weg, mehrere Fahrer träumen plötzlich vom Gesamtsieg und die spannendste Frage lautet: Wer nutzt die wohl einmalige Gelegenheit?

Redakteur
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