Mit seinem fünften Tour-de-France-Sieg hat Tadej Pogačar eine Marke erreicht, die selbst in der Geschichte des Radsports außergewöhnlich ist. Während andere Fahrer jahrelang auf einen einzigen Toursieg hinarbeiten, scheint der Slowene die größte Rundfahrt der Welt inzwischen beinahe nach Belieben kontrollieren zu können. Zugleich hat er bereits etliche Monumente gewonnen, Weltmeistertitel gefeiert und sich als dominierende Figur seiner Generation etabliert. Sein Start bei der Vuelta a España in diesem Jahr, dürfte wenn alles nach Plan läuft, ein weiteres Rennen in seiner Palmarès werden. Doch genau darin liegt das Paradoxon seiner Karriere: Je mehr Pogačar gewinnt, desto schwieriger wird es, neue Ziele zu finden.
Sportlich betrachtet ist die Rechnung zunächst einfach. Nach dem Toursieg bietet die Vuelta eine weitere Möglichkeit, Geschichte zu schreiben. Der geplante Start bei der Vuelta a España ist nicht einfach die logische Fortsetzung einer erfolgreichen Saison. Für Tadej Pogačar geht es um eine der letzten großen Lücken in seinem Palmarès.
Zwar hat der Slowene bereits mehrfach die Tour de France gewonnen, den Giro d'Italia für sich entschieden und zahlreiche Monumente gesammelt. Die Spanien-Rundfahrt hingegen fehlt bislang noch auf seiner Liste der Grand-Tour-Gesamtsiege. Ein Erfolg in Madrid würde ihn in den exklusiven Kreis jener Fahrer bringen, die alle drei großen Landesrundfahrten gewonnen haben.
Hinzu kommt, dass die Vuelta traditionell ein Rennen ist, das offensives Fahren belohnt. Kaum eine Grand Tour passt sportlich so gut zu Tadej Pogačars aggressivem Stil. Die Aussicht auf drei Wochen Rennsport ohne die Kontrollmechanismen der Tour könnte für Fans deshalb besonders reizvoll werden.
Unweigerlich fällt in diesem Zusammenhang der Name Eddy Merckx. Jeder weitere Toursieg, jedes Monument und jede große Rundfahrt verschiebt Tadej Pogačar näher an jenes historische Niveau, das jahrzehntelang als unerreichbar galt.
Interessant ist dabei, dass Pogačars Karriere bislang anders verläuft als die vieler Tour-Spezialisten. Er beschränkt sich nicht auf ein zentrales Saisonziel. Stattdessen fährt er Klassiker, Monumente, Weltmeisterschaften und Rundfahrten auf höchstem Niveau. Gerade diese Vielseitigkeit macht Vergleiche mit Merckx überhaupt erst möglich.
Die Frage ist nicht, ob Pogačar noch weitere Rennen gewinnen kann. Die Frage ist, ob er überhaupt Interesse daran hat, über zehn oder fünfzehn Jahre hinweg jeden Rekord anzugreifen.
Noch interessanter als die Frage nach der Vuelta ist jedoch die Zeit danach. Tadej Pogačar hat mehrfach erkennen lassen, dass olympisches Gold für ihn einen besonderen Stellenwert besitzt. Die Spiele 2028 in Los Angeles könnten damit zu einem der wichtigsten verbliebenen Karriereziele werden. Anders als eine Grand Tour bietet Olympia nur alle vier Jahre eine Chance und besitzt auch für Fahrer, die bereits fast alles gewonnen haben, eine einzigartige Bedeutung.
Gleichzeitig wirkt Pogačar nicht wie ein Sportler, der zwangsläufig bis zum letzten möglichen Jahr nach Rekorden jagt. In Interviews hat er immer wieder angedeutet, dass er sein Leben nicht ausschließlich über den Radsport definiert und sich langfristig auch ein Leben außerhalb des Profi-Zirkus vorstellen kann.
Genau das macht die aktuelle Phase seiner Karriere so spannend. Die Frage lautet möglicherweise nicht, wie viele Toursiege Tadej Pogačar noch erringen kann. Sondern wie lange er überhaupt bereit ist, die Entbehrungen zu akzeptieren, die nötig sind, um auf diesem Niveau zu bleiben.
Mit seinem fünften Toursieg hat Pogačar fast den Punkt erreicht, an dem Siege allein nicht mehr die ganze Geschichte erzählen. Die bevorstehende Vuelta könnte eine der letzten großen Lücken seiner Karriere schließen. Danach rücken andere Ziele in den Vordergrund: olympisches Gold, Paris-Roubaix und natürlich noch der sechste Toursieg, womit er der alleinige Rekordhalter wäre.
Für den Radsport ist das eine ungewöhnliche Situation. Nicht weil Tadej Pogačar keine Ziele mehr hätte. Sondern weil er einer der wenigen Fahrer ist, die es sich leisten können, selbst auszuwählen, welche davon ihnen noch wichtig genug sind.

Redakteur
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