Die Straßenrad-WM 2026 steuert auf ihren großen Höhepunkt zu: Am Sonntag, 27. September, kämpfen die besten Straßenprofis der Welt in Montréal um das Regenbogentrikot. Auf 273,7 Kilometern und mit 3803 Höhenmetern wartet ein Kurs, der weniger durch einen einzelnen schweren Berg als durch die ständige Wiederholung der Anstiege am Mont Royal zur großen Ausdauerprüfung wird.
Nach den Zeitfahr-Wettbewerben und den Straßenrennen der Nachwuchsklassen steht zum Abschluss der Weltmeisterschaften traditionell das Straßenrennen der Männer-Elite auf dem Programm. Gestartet wird um 15:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit im Quartier Dix30 in Brossard südlich von Montréal, das Ziel befindet sich am Parc Jeanne-Mance. Gegen 21:40 Uhr wird die Ankunft des neuen Weltmeisters erwartet.
Dabei bietet die WM einen interessanten Mix aus langem Anlauf und anspruchsvollem Finale. Zunächst führt das Rennen von Brossard durch die Montérégie, ehe die Fahrer Montréal und den entscheidenden Rundkurs am Mont Royal erreichen. Dort beginnt ein Ausscheidungsrennen, bei dem die Höhenmeter Runde für Runde zusammenkommen. Zwölfmal müssen die Profis den 13,4 Kilometer langen Schlusskurs bewältigen, sodass allein rund 161 Kilometer auf diesem Rundkurs gefahren werden.
Mit 273,7 Kilometern und 3803 Höhenmetern entspricht die Männer-WM schon auf dem Papier einem ausgesprochen langen und selektiven Eintagesrennen. Vom Quartier Dix30 führt die Strecke zunächst durch die Montérégie. Unter anderem werden Carignan, Chambly, Mont-Saint-Hilaire, Richelieu, Saint-Jean-Baptiste, Saint-Jean-sur-Richelieu und Saint-Mathias-sur-Richelieu passiert, bevor es nach Montréal hineingeht.
Dort ändert sich der Charakter des Rennens grundlegend. Zwölf Runden à 13,4 Kilometer stehen rund um den Mont Royal an. Pro Runde sammeln die Fahrer etwa 269 Höhenmeter, ein großer Teil des entscheidenden Parcours ist bereits vom Grand Prix Cycliste de Montréal bekannt. Die WM-Version weist allerdings Änderungen im Zielbereich auf und verbindet diesen Rundkurs mit dem langen Anfahrtsstück aus Brossard.
Das Herzstück des Rundkurses bildet der Mont Royal. Mit der Voie Camillien-Houde wartet dort eine der entscheidenden Passagen, die das Feld bei jeder Überfahrt aufs Neue fordern dürfte. Weil die Männer den Schlusskurs insgesamt zwölfmal absolvieren, bietet sich hier immer wieder die Gelegenheit, das Tempo zu erhöhen und das Feld nach und nach auszudünnen. Der Veranstalter selbst zählt Camillien-Houde ausdrücklich zu den großen Schwierigkeiten des WM-Kurses.
Doch auch danach bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Mit dem Chemin de la Polytechnique folgt eine weitere markante Steigung des Rundkurses. Hier weist der Veranstalter Abschnitte mit mehr als elf Prozent Steigung aus, wodurch sich die Passage insbesondere in den letzten Runden für Attacken anbieten könnte. Entscheidend ist dabei weniger ein einzelner langer Anstieg als vielmehr die Abfolge der Schwierigkeiten: Über zwölf Runden summieren sich die Belastungen und dürften dafür sorgen, dass die Kräfteverhältnisse mit zunehmender Renndauer immer deutlicher sichtbar werden.
Auch nach den letzten Steigungen ist das Rennen noch nicht entschieden. Die Zielgerade auf der Avenue du Parc führt über ein ansteigendes falsches Flachstück, sodass auch der Weg zur Ziellinie noch einmal zusätzliche Kraft verlangt. Sollte eine kleine Gruppe gemeinsam in die Entscheidung gehen, dürfte deshalb neben taktischem Geschick vor allem entscheidend sein, wer nach fast 274 Kilometern noch über die nötige Explosivität für das Finale verfügt. Die Kombination aus wiederholten Anstiegen, kurzen Erholungsphasen und der ansteigenden Zielpassage macht den Rundkurs zu einer klassischen Strecke für ein langes Ausscheidungsrennen.
So offen der Kampf um das Regenbogentrikot erscheint, drei Namen drängen sich vor dem WM-Straßenrennen besonders auf: Remco Evenepoel, Paul Seixas und Isaac del Toro. Gerade der Grand Prix Cycliste de Montréal lieferte knapp zwei Wochen vor der WM einen bemerkenswerten Fingerzeig. Del Toro gewann vor Seixas, während Evenepoel Fünfter wurde. Da große Teile des WM-Finales über dieselben Straßen am Mont Royal führen, besitzt dieses Ergebnis eine besondere Aussagekraft, auch wenn das WM-Rennen mit 273,7 Kilometern eine nochmals andere Belastung darstellt.
Für Evenepoel spricht neben seiner Klasse vor allem die aktuelle Form. Bereits beim Grand Prix Cycliste de Québec hatte der Belgier gewonnen, ehe er zum Auftakt der WM-Woche zum vierten Mal in Folge Weltmeister im Einzelzeitfahren wurde. Dort setzte er sich mit 57 Sekunden Vorsprung auf Filippo Ganna durch, Seixas belegte Rang drei. Nun kann Evenepoel, Straßen-Weltmeister von 2022, seinen zweiten Titel im Straßenrennen anvisieren. Seine größte Stärke dürfte dabei zugleich die große taktische Frage des Rennens darstellen: Lässt er es auf eine späte Entscheidung ankommen oder versucht er, seine Konkurrenten schon deutlich vor dem Ziel mit einer Attacke unter Druck zu setzen?
Mindestens ebenso beeindruckend war zuletzt Isaac del Toro. Der Mexikaner gewann den Grand Prix Cycliste de Montréal vor Seixas und bewies damit unmittelbar auf dem für die WM relevanten Terrain, wie gut ihm die wiederholten Belastungen am Mont Royal liegen. Del Toro und Seixas konnten sich dabei gemeinsam von ihren Konkurrenten lösen. Für Del Toro spricht damit insbesondere der direkte Streckenbezug seiner jüngsten Leistung. Fast zwangsläufig rückt dadurch auch Paul Seixas in die erste Reihe der Anwärter. Der Franzose wurde beim Montréal-Test nur von Del Toro geschlagen und bestätigte wenige Tage später mit Bronze im WM-Einzelzeitfahren nochmals seine Form.
Direkt hinter diesem Trio folgt eine ausgesprochen prominente zweite Reihe. Mit Wout van Aert und Mathieu van der Poel stehen dort zwei Fahrer, denen ein hartes, von ständigen Tempowechseln geprägtes Rennen grundsätzlich Möglichkeiten eröffnet. Beide besitzen zudem reichlich WM-Erfahrung, Van der Poel gewann 2023 selbst das Regenbogentrikot und unterstrich auf der finalen Etappe der Tour de Luxembourg mit seinem historischen Solo-Sieg eine bestechende Form.
Für Belgien ergibt sich durch Van Aert und Evenepoel zudem eine interessante taktische Konstellation. Eine aktuelle WM-Vorschau sieht für das belgische Team ausdrücklich die Möglichkeit, offensiv mit Evenepoel zu agieren oder auf die Option Van Aert zu setzen. Für die Konkurrenz könnte genau diese Doppelspitze unangenehm werden: Nicht jede Bewegung des einen Belgiers lässt sich kontrollieren, ohne dadurch dem anderen Möglichkeiten zu eröffnen.
Zum erweiterten Kreis zählen außerdem Juan Ayuso, Mauro Schmid, Quinn Simmons, Brandon McNulty und Primoz Roglic. Insbesondere McNulty lieferte mit Rang drei beim Grand Prix Cycliste de Montréal bereits einen starken Auftritt auf dem relevanten Terrain, Simmons wurde dicht hinter ihm vierter. Hinter Del Toro und Seixas landeten beide noch vor Evenepoel und Tom Pidcock. In einem WM-Rennen, das sich früh öffnet und in dem nicht ausschließlich die nominell größten Favoriten kontrollieren können, gehören beide deshalb zu den interessanten Kandidaten für einen offensiven Rennverlauf.
Dahinter gibt es eine ganze Reihe von Fahrern, die vielleicht nicht zu den allerersten Sieganwärtern gehören, bei entsprechendem Rennverlauf aber weit vorne landen können. Dazu zählen Felix Gall, Mads Pedersen, Florian Lipowitz, Tom Pidcock, Adam Yates und Giulio Ciccone. Die Bandbreite zeigt zugleich, wie schwer das Rennen vorherzusagen ist: Kletterer treffen auf Puncheure und Klassiker-Spezialisten, ohne dass der Parcours eindeutig nur einem Fahrertyp vorbehalten wäre.
Pidcock hat bereits gezeigt, dass er in Kanada zurechtkommt. Er wurde Vierter beim Grand Prix Cycliste de Québec und anschließend Sechster in Montréal. Großbritannien kann neben ihm auch auf Adam Yates setzen. Gerade wenn die großen Favoriten einander belauern, könnten mehrere konkurrenzfähige Optionen innerhalb einer Nationalmannschaft taktisch wertvoll werden.
Aus deutscher Sicht richtet sich der Blick vor allem auf Florian Lipowitz. Nach seinem Sturz bei der Tour de France ist der 26-jährige jedoch noch nicht wieder in Top-Form. Auch Österreich besitzt mit Felix Gall einen Fahrer, der bei einem besonders schweren Rennverlauf in diese Gruppe der Außenseiter gehört. Italien wiederum hat unter anderem Giulio Ciccone im Aufgebot. Mads Pedersen ergänzt die Liste als ehemaliger Weltmeister. Entscheidend dürfte für Fahrer aus dieser Gruppe sein, wie selektiv die zwölf Runden am Mont Royal letztlich gefahren werden und ob sie den Moment erwischen, in dem die großen Favoriten beginnen, sich gegenseitig zu beobachten.
Damit deutet vor dem WM-Sonntag vieles auf ein schwer kontrollierbares Rennen hin. Evenepoel, Seixas und Del Toro bringen die vielleicht überzeugendsten Argumente mit, doch unmittelbar dahinter wartet eine ganze Reihe von Fahrern, die unterschiedliche Rennsituationen für sich nutzen können. Je früher sich das Rennen öffnet, desto größer dürfte die Chance werden, dass sich neben den drei Topfavoriten noch weitere Namen in den Kampf um das Regenbogentrikot einschalten.

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