Dabei sein ist alles. Selten dürfte der viel zitierte olympische Gedanke bei einer Rad-WM so gut gepasst haben wie zu diesem Auftritt. Während die Favoriten beim Einzelzeitfahren keine aerodynamische Stellschraube unberührt lassen, rollte Gil Landim Gomes mit einer Ausrüstung von der Startrampe, die eher an eine ganz gewöhnliche Rennradausfahrt erinnerte als an den Kampf gegen die Uhr auf höchstem Niveau. Der Fahrer aus Guinea-Bissau verzichtete auf eine ausgewiesene Zeitfahrmaschine und einen Aerohelm. Dazu kam eine Sonnenbrille, die sich sogar dem Hobbyfahrer-Look unterordnet.
Gerade dieser Kontrast machte den Auftritt so bemerkenswert. Das Outfit des Guinea-Bissauers wurde von kurzen roten Socken, einem individuell gestalteten Rennanzug und einer Kanada-Trinkflasche abgerundet. Für eine Disziplin, in der die Topteams selbst kleinste aerodynamische Vorteile suchen, war das ein erfrischend anderes Bild.
Und Gomes hatte beim Rennen sogar eine besondere Rolle: Er war der erste Fahrer, der die Startrampe des Elite-Zeitfahrens hinunterrollte. Am Ende kehrten sich die Verhältnisse allerdings um. Gomes beendete das Zeitfahren als Vorletzter (der Iraner Arvin Moazemi hat das Rennen nicht beendet und ist damit offiziell Letzter) und verlor mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwas mehr als 33 km/h fast 25 Minuten auf Weltmeister Remco Evenepoel. Oder, mit einem kleinen Augenzwinkern: Die Ersten werden die Letzten sein.
Doch die Ergebnisliste erzählt in diesem Fall nur einen Teil der Geschichte. Dass Gomes sportlich nicht mit den besten Zeitfahrern der Welt konkurrieren würde, rückte angesichts seines Auftritts beinahe in den Hintergrund. Vielmehr sorgte der 29-Jährige, der im Juni Dritter der nationalen Meisterschaft geworden war, mit seinem ungewöhnlichen Erscheinungsbild für Aufmerksamkeit.
Denn kaum eine Disziplin im modernen Radsport ist stärker von Material und Aerodynamik geprägt als das Einzelzeitfahren. Umso größer war der optische Gegensatz, als Gomes mit normalem Rennrad und Straßenhelm auf die Strecke ging. Dass ausgerechnet der erste Starter des Rennens derart aus dem üblichen Zeitfahr-Raster fiel, verlieh dem Auftakt zusätzliche Originalität. Das sportliche Ende der Geschichte war zwar Platz 60, doch Bilder seines Auftritts verbreiteten sich anschließend in sozialen Medien und machten ihn zu einem der Hingucker des WM-Zeitfahrens.
Vielleicht liegt genau darin der Charme dieser WM-Geschichte. Während Evenepoel später seinen vierten Zeitfahr-WM-Titel in Folge gewann, erinnerte Gomes ganz ohne Rekordzeit daran, dass eine Weltmeisterschaft nicht ausschließlich von Sekunden, Wattwerten und Aerodynamik lebt. Manchmal reicht ein außergewöhnlicher Auftritt, um im Gedächtnis zu bleiben. Dabei sein ist eben manchmal tatsächlich alles.

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