Lukas Niebuhr
· 22.09.2026
Radsport ist Mannschaftssport. Helfer kontrollieren Ausreißer, schließen Lücken und bringen ihre Kapitäne möglichst kraftsparend durch das Rennen. Wer allein fährt, kämpft dagegen nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen den Wind. Umso außergewöhnlicher ist, was Mathieu van der Poel auf der Schlussetappe der Tour de Luxembourg gelang: Der Niederländer fuhr 175 Kilometer allein an der Spitze und setzte eine Woche vor dem WM-Straßenrennen in Montréal ein gewaltiges Ausrufezeichen.
Dabei war diese Machtdemonstration offenbar nicht einmal geplant. „Es war nicht der Plan, vom Start weg alleine zu attackieren“, erklärte Mathieu van der Poel anschließend. Nachdem sich früh die ungewöhnliche Rennsituation ergeben hatte, fuhr er zunächst einfach weiter. Zeitweise rechnete der Niederländer nach eigener Aussage noch damit, dass ihn die Verfolger wieder einholen würden. Stattdessen wuchs sein Vorsprung und aus der spontanen Flucht wurde ein historisches Solo.
Wie ungewöhnlich die Leistung war, zeigt schon das Verhältnis von Solo-Distanz und Etappenlänge. Die fünfte und letzte Etappe der Tour de Luxembourg führte über 177 Kilometer. 175 davon verbrachte Mathieu van der Poel allein an der Spitze. Maximal betrug sein Vorsprung knapp vier Minuten. Im Ziel rettete er noch 1:04 Minuten auf den Zweitplatzierten Mikkel Honoré.
Doch nicht nur in Relation zur Etappenlänge erreicht die Attacke außergewöhnliche Dimensionen. Nach Recherchen verschiedener Medien hat es in diesem Jahrtausend keinen längeren erfolgreichen Soloritt im Straßenradsport gegeben. Der bisherige Bestwert dieses Jahrtausends stammte von David McKenzie, der beim Giro d’Italia 2000 die siebte Etappe nach 164 Kilometern Alleinfahrt gewann.
In der gesamten Radsportgeschichte gab es zwar noch längere erfolgreiche Solofahrten, für den modernen Radsport ist Mathieu van der Poels Leistung jedoch beispiellos. Seit Beginn der 2000er wurde kein erfolgreicher Ausreißversuch über eine größere Distanz im Alleingang beendet.
Auch im Vergleich zu den bisherigen Attacken des Niederländers sprengt die Fahrt alle Dimensionen. Sein zuvor längster Solosieg war Paris-Roubaix 2024, als er knapp 60 Kilometer allein unterwegs gewesen war. Selbst Tadej Pogacar, dessen spektakuläre Fernangriffe den modernen Radsport seit einiger Zeit prägen, kommt mit seinen 81 Kilometern bei Strade Bianche 2024 nicht annähernd an die nun von Mathieu van der Poel zurückgelegten 175 Kilometer heran - wobei die Konkurrenzsituation im Vergleich der beiden Rennen natürlich eine andere ist.
Für Mathieu van der Poel hätte der Zeitpunkt für eine solche Vorstellung kaum auffälliger sein können. Die Tour de Luxembourg war seine Generalprobe für das WM-Straßenrennen am kommenden Sonntag in Montréal. Zuvor hatte es durchaus Fragezeichen hinter seiner Form gegeben. Zwar gewann er bereits die Auftaktetappe in Luxemburg, auf der schweren Königsetappe mit knapp 3000 Höhenmetern verlor er allerdings 7:07 Minuten auf Tagessieger Pepijn Reinderink. Im Gesamtklassement belegte er letztlich Rang 19 mit 8:23 Minuten Rückstand auf Gesamtsieger Davide Piganzoli.
Mathieu van der Poel selbst lieferte dafür eine Erklärung. Er sei aus einem Trainingslager in Spanien nach Luxemburg gekommen und habe dort möglicherweise etwas zu intensiv trainiert. Auch deshalb seien die Beine an den Tagen vor seinem Solosieg nicht auf dem gewünschten Niveau gewesen. Auf der Schlussetappe änderte sich das schlagartig: „Heute hatte ich unglaubliche Beine, aber an den Tagen davor war das anders“, sagte er nach seinem Triumph.
Der 175-Kilometer-Ritt liefert damit zumindest einen eindrucksvollen Hinweis darauf, dass die Formkurve unmittelbar vor dem Saisonhöhepunkt nach oben zeigt. Schließlich erforderte die Alleinfahrt nicht nur einen kurzen explosiven Angriff, sondern eine außergewöhnlich lange Belastung. Van der Poel reist erst in dieser Woche nach Nordamerika und verzichtete damit auf die vorherigen Rennen in Québec und Montréal, die Teile seiner WM-Konkurrenz bestritten.
Wie viel der Luxemburger Solosieg für die Weltmeisterschaft tatsächlich wert ist, wird sich erst im Straßenrennen zeigen. Dass van der Poel nach seiner Vorbereitung zu einer herausragenden Leistung fähig ist, hat er jedoch unübersehbar demonstriert. In Montréal trifft der Weltmeister von 2023 unter anderem auf Remco Evenepoel, Isaac del Toro, Paul Seixas und Wout van Aert.
Vor allem aber dürfte die Art des Erfolgs Eindruck hinterlassen haben. Einen Konkurrenten, der eine 177 Kilometer lange Etappe zu 98,9 Prozent allein an der Spitze bestreiten und trotzdem mit mehr als einer Minute Vorsprung gewinnen kann, können die anderen Nationen bei der WM kaum aus den Augen lassen.
Aus einer Attacke, die nach eigener Aussage überhaupt nicht geplant war, ist so eine der außergewöhnlichsten Alleinfahrten des modernen Radsports geworden. 175 Kilometer allein, der längste erfolgreiche Soloritt dieses Jahrtausends und das nur sieben Tage vor dem WM-Straßenrennen: van der Poel hätte seine Ambitionen für Montréal kaum eindrucksvoller unterstreichen können.

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