Moran Vermeulen“​Heute ist ein guter Tag zum Sterben...”

Andreas Haslauer

 · 16.09.2026

Moran Vermeulen: “​Heute ist ein guter Tag zum Sterben...”Foto: Daniel Sommer
Moran Vermeulen
... sagte sich Moran Vermeulen eines Tages im September 2023 und beschloss, von einer Radausfahrt nicht wieder zurückzukehren. Dabei wollte er eigentlich Radprofi werden. Aber jahrelang schon hatten ihn Selbstmordgedanken gequält. Warum er doch noch auf der Welt ist und wie er heute lebt, erzählt er im Interview.

TOUR: Moran, Dein Name klingt niederländisch, Du lebst aber in Österreich am Dachstein. Wie kommt das?

VERMEULEN: Dafür kann ich ausnahmsweise mal nichts (grinst). Im Ernst: Meine Eltern waren einst beide Langläufer in der niederländischen Nationalmannschaft. Sie sind zu ihren Profi-Zeiten immer nach Ramsau in die Steiermark gefahren und leben da seit vielen Jahren. Hier bin ich geboren, zwei Jahre später mein Bruder Mika.

TOUR: Hast Du auch Winter-Gene abbekommen?

VERMEULEN: Volle Kanne! Langlaufen, Skispringen, Biathlon. Wir haben wirklich alles gemacht, was mit Winter und Schnee zu tun hatte. Im Tal Langlaufen, abseits der Pisten Skitouren gehen, Skifahren. Immer Vollgas. Bis mich der Radsport magisch angezogen hat. Da habe ich meine Langlaufski in die Ecke gestellt.

Mein Bruder hat weitergemacht, bei den Junioren Europa- und Weltmeister- Titel gewonnen. Bei den Erwachsenen ist er zweimaliger Österreichischer Meister. In den vergangenen drei Jahren gehörte er zu den Top-Ten im Gesamtweltweltcup. Ich bin echt stolz auf meinen kleinen Bruder.

TOUR: Wann hast Du mit dem Radsport angefangen?

VERMEULEN: Mit 19. Wobei ich damals nicht wirklich Rennrad fahren konnte. Die Basics haben mir gefehlt, da ich als Jugendlicher nie Radrennen gefahren bin. Trotzdem habe ich mein erstes Amateurrennen in St. Lorenzen bei Knittelfeld in der Steiermark gewonnen. Im Nachhinein betrachtet, mit mehr Glück als Verstand (lacht). Weil das erste Rennen so unfassbar gut lief, war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich auch eine Woche später bei meinem ersten Elite-Rennen den Jungs mal zeigen werde, wo der Hammer hängt.

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TOUR: Und hat’s geklappt?

VERMEULEN: Nach drei Kilometern hat mich schon das ganze Feld abgehängt. Eine Runde später haben sie mich aus dem Rennen genommen. Aber zumindest wusste ich ab da, dass hochgradige Selbstüberschätzung und mangelndes Können nicht die besten Voraussetzungen für eine Rennradkarriere sind (lacht). Ich war an dem Tag wirklich am Boden zerstört. Mein Vater, der mich in der Zeit trainierte, meinte dagegen nur: Wir schauen uns in Ruhe deine Werte an, analysieren alles und ziehen daraus die richtigen Schlüsse. Klingt gut, dachte ich.

Danach trainierte ich Wochen und Monate wie ein Besessener. Alles, um ein guter und erfolgreicher Radprofi zu werden.

Ich wollte an der Tour de France und Klassikern wie Mailand-San Remo und Paris-Roubaix nicht nur teilnehmen, ich wollte sie gewinnen.

TOUR: Du hast ein paar Rennen gewonnen, aber es war bald klar, dass es für eine große Profi-Karriere nicht reichen würde …

VERMEULEN: Der Sport ist für 99 Prozent der Menschen kein

Business-Modell. Sie betreiben ihn der Ideologie wegen. Dazu gehörte auch ich. Immerhin war ich in Österreich mal Cup-Sieger.

TOUR: Dann kam der 4. September 2023. Was ist da passiert?

VERMEULEN: Ich war in Italien unterwegs, habe in meinem VW-Transporter übernachtet, mich fürs Training in der Nähe des Monte Grappa fertig gemacht. Eigentlich ein Tag wie jeder andere. Als ich einen Pass irgendwo bei Vicenza rauf fuhr, wurde ich von einer auf die andere Sekunde extrem unruhig. Wie so ein Gewitter an einem heißen Sommertag aufzieht, so sah es in mir drin aus. Innen drin blitzte und donnerte es wie verrückt. Im Nachhinein erklärten mir meine Ärzte und Psychologen, das sei wohl eine Panikattacke gewesen.

TOUR: Kannst Du Dich an das Erlebnis noch erinnern?

VERMEULEN: Ich trug einen Pulsgurt und konnte auf dem Radcomputer dabei zusehen, was passierte. Hatte ich in der einen Sekunde noch einen Puls von 90, explodierte dieser binnen zwei Sekunden auf 160, um dann gleich wieder in den Keller zu rauschen. Mein ganzer Körper war so dermaßen gestresst, wie ich es noch nie erlebt habe. Es war wie eine Achterbahnfahrt, die nie enden wollte. Darüber hinaus fühlte ich eine unendliche Traurigkeit, eine Leere, in mir. Ich hätte die gesamten 20 bis 25 Minuten während der Auffahrt heulen können, ich war unendlich traurig, total niedergeschlagen.

TOUR: Wie ging’s danach weiter?

VERMEULEN: Ich habe mir den alten Spruch eingeredet: ‘Am Ende wirdalles gut und wenn es nicht gut ist, ist das nicht das Ende‘. Oben am Pass angekommen, war aber gar nichts gut. Zwar ließ die Panikattacke etwas nach, dafür stieg meine Entschlossenheit steil an. Das war’s, habe ich gesagt. Ich mag nicht mehr, ich kann nicht mehr, will nicht mehr.

Ich öffne jetzt den Clip meines Helmes und rase auf meinem Rennrad den Berg runter. In das erste Auto, das mir entgegenkommt, fahre ich mit voller Geschwindigkeit und voller Wucht rein. Mit dem Kopf voraus!

Ich wollte, dass es nach einem Unfall aussieht. Der Plan war eigentlich gut, bis auf die Tatsache, dass ich einen unschuldigen Autofahrer mit in die Sache hineingezogen hätte. Aber mein Plan ging nicht auf. Zu der Zeit, zu der ich unterwegs war, kam einfach kein Auto. Im Tal unten habe ich mich dann an einen Brunnen gesetzt, war traurig. Eigentlich war und ist heute ein guter Tag zum Sterben, dachte ich. Und ich? Ich habe beim Versagen versagt!

TOUR: Hast Du eine Idee, was Dich in diesen Zustand versetzt hat?

VERMEULEN: Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, ich war fit. Alles war eigentlich gut.

TOUR: Hattest Du Stress? Probleme?

VERMEULEN: Ich hatte jahrelang ein Problem mit mir.

TOUR: Wie meinst Du das?

VERMEULEN: Wenn ich ehrlich bin, habe ich, seitdem ich denken kann, mich selbst runtergemacht. Ich habe mich mit anderen verglichen und mir klar gemacht, dass ich dieses und jenes nicht kann. Wenn mal wieder irgendetwas nicht geklappt hat, wie das bei jedem Menschen auf der Welt der Fall ist, habe ich zu mir gesagt: ‚Siehst du, Moran: Du bist und bleibst ein Leben lang einfach ein Trottel, ein absoluter Dummkopf!‘

TOUR: Warum hast Du Dich selbst so beschimpft?

VERMEULEN: Das gilt es in den nächsten Sitzungen mit meiner Psychotherapeutin herauszufinden. Einen Grund sehe ich auch nicht. Zumindest noch nicht. Meine Eltern lieben mich, ebenso meine Großeltern, mein Bruder, und auch meine Freundin. Es gibt keinen Grund. Eigentlich.

TOUR: Hatten Du das zuvor schon öfter?

VERMEULEN: Schon ganz oft habe ich mich gefragt: Wie bringe ich mich um?

TOUR: Konntest Du Dir keine Hilfe holen? Es gibt doch Möglichkeiten wie Telefonseelsorge und Hotlines, die für Menschen in solchen Situationen da sind.

VERMEULEN: In dem Moment wollte ich keine Hilfe.

Ich war mit der Umsetzung meines Selbstmordes beschäftigt, nicht damit, ihn zu verhindern.

Ich habe überlegt: Springe ich vor den Zug? Dann würde ich allerdings sowohl den Zugführer als auch meine Familie traumatisieren. Schlucke ich Schlaftabletten? Erhänge ich mich? Oder springe ich von einer Brücke? Das Problem: Das hätte alles nach Suizid ausgesehen. Ich wollte aber nicht, dass meine Eltern damit leben müssen. Klingt komisch, aber die ganze Situation war für mich extrem verzwickt. Deswegen war ich froh, da oben auf dem Pass die perfekte Idee zu haben.

TOUR: Hast Du nie jemandem davon erzählt?

VERMEULEN: Nein.

TOUR: Wieso nicht?

VERMEULEN: Ich habe mit mir selbst ausgemacht, dass das nie wieder passieren wird.

TOUR: Und?

VERMEULEN: Es ist wieder passiert. Mit meinem Team Vorarlberg flog ich nach Rhodos ins Trainingslager. Ich hatte mir aber kurz zuvor eine Sehne am Finger abgerissen und konnte nicht so richtig mit den Jungs trainieren. Von Rennen fahren konnte keine Rede sein. Ich machte mich deswegen wieder selbst fertig. Konnte nachts kaum schlafen. Dann wurde ich krank. Es war die absolute Hölle. Ich setzte mich auf den Balkon und dachte: Okay, wenn ich da jetzt mit dem Kopf voraus springe, ist es auch vorbei. Das sieht zwar nach Suizid aus, ist dann aber so. Ich war felsenfest entschlossen zu springen.

TOUR: Was hat Dich davon abgehalten?

VERMEULEN: Ich wusste, dass mein Bruder an dem Tag in Norwegen ein Skirennen hatte, er genau jetzt im Flieger nach Österreich sitzen müsste. Ich sagte mir: ‚Moran, wenn du ihn jetzt nicht erreichst, hast du es wenigstens versucht. Dann springst du!‘ Ich rief an. Und er ging ran. Sein Flieger hatte Verspätung. ‚Hallo? Ist da jemand?‘, fragte er. ‚Moran, bist du das?‘ Ich konnte erst nichts sagen. Dann brachen alle Dämme. Heulend und schluchzend erzählte ich, dass es mir gerade nicht so gut geht. Wir telefonierten stundenlang, er verpasste seinen Flieger. Vom Suizidversuch sagte ich nichts. Zuhause ging dann nichts mehr. Ich offenbarte mich vor der offiziellen Mannschaftspräsentation dem Chef des Team Vorarlberg, erzählte ihm alles. Wirklich alles. Wir beschlossen, dass ich mich erst einmal vom Radsport zurückziehe. Das erklärten wir den Medien bei dem Termin. Meiner Familie und Freunde erfuhren davon aus den Zeitungen.

TOUR: Wie hat Deine Familie reagiert?

VERMEULEN: Sie klagten mich nicht an, sie wollten nur eines: mir helfen! Mein Hausarzt hat mich gedrängt, mich sofort bei der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Salzburg zu melden. Also habe ich mal eine Mail dorthin geschickt, und nur wenige Minuten später klingelte das Telefon. Ihnen habe ich dann alles erzählt. Ich dachte, dass meine Situation vielleicht ein bisschen brenzlig war. Die Ärzte sprachen von Alarmstufe Rot.

TOUR: Wie lautete die Diagnose?

VERMEULEN: Eine schwere Depression und Essstörungen, weswegen wir sofort etliche Therapiestunden ausmachten. Darüber hinaus verschrieben sie mir ein Antidepressivum. Und ein Medikament, das zur Behandlung von Schizophrenie und bipolaren Störungen eingesetzt wird.

TOUR: Wie geht es Dir heute?

VERMEULEN: Viel besser. Ich habe gelernt, dass ich einfach krank bin. Und dass die Krankheit nicht von heute auf morgen weg sein wird. Ich weiß auch, wie ich damit umzugehen habe, wenn negative Gedanken wieder kommen. Meine Ärztin hat mir in einem Brief bescheinigt, dass ich nicht die Kriterien erfülle, um gegen meinen Willen in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden zu müssen. Und da stehen zwei Wörter, die mir wirklich Mut machen, mich für die Zukunft zuversichtlich stimmen.

TOUR: Was steht da?

VERMEULEN: ‚Patient stabil‘, steht da. Und genauso fühle ich mich.

Zur Person

Moran VermeulenFoto: Daniel SommerMoran Vermeulen

Moran Vermeulen wurde am 14. Juni 1997 in Ramsau geboren, wo er heute auch lebt. Seit seinem 18. Geburtstag ist er österreichischer Staatsbürger. Seine Eltern Vincent und Dorien waren beide Skilangläufer in der niederländischen Nationalmannschaft. Morans zwei Jahre jüngerer Bruder Mika läuft für Österreich im Langlauf-Weltcup.

Moran fuhr zwischen 2017 und 2024 für die österreichischen Continental-Teams Tirol Cycling Team, Team Felbermayr-Simplon Wels und Team Vorarlberg. Neben seinem Fernstudium der Sportwissenschaft arbeitet er als Diagnostiker und Trainer beim LZ Ramsau sowie als Sportlicher Leiter für das Team Vorarlberg.


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