Leon Weidner
· 15.10.2026
Am Vorabend des größten Triumphs gab es ein Interview, das die Feierlaune trübte. Kurz bevor Tadej Pogačar seine fünfte Tour de France gewann, sprach sein Teamchef Mauro Gianetti in der L’Équipe über die Dopingaffären, die seine eigene Laufbahn als Fahrer und Teamchef geprägt hatten. Gianetti, heute Teammanager bei UAE Team Emirates-XRG, leitete von 2004 bis 2008 das Team Saunier Duval. Drei seiner Fahrer, Leonardo Piepoli, Riccardo Riccò und Juan José Cobo, gerieten dort in Dopingaffären, und nach Riccòs positivem EPO-Test zog sich das Team 2008 von der Tour zurück. Heute sagt Gianetti, er hätte damals klarer kommunizieren und erklären sollen, dass er ein Opfer gewesen sei.
Opfer. Das Wort beschreibt ziemlich genau, wie der Radsport mit seiner Vergangenheit im Bezug auf Doping umgeht. Verantwortung wird umgedeutet, Aufarbeitung durch Erzählungen ersetzt. Und die Menschen, die damals in den Strukturen saßen, sitzen heute oft wieder in ihnen, nur ein paar Etagen höher.
Gianetti ist dabei kein Einzelfall. Auch Joxean Matxín, das zweite prägende Gesicht im UAE-Management, gehörte damals zur Führung von Saunier Duval. Sanktioniert wurde keiner der beiden, beide bestreiten jede Kenntnis. Trotzdem steht das erfolgreichste Team der Gegenwart unter der Leitung zweier Männer, die einen der großen Skandale der Nullerjahre aus nächster Nähe erlebt haben.
Bei XDS-Astana ist Alexander Vinokourov weiterhin General Manager, also der Mann, der 2007 nach einer Bluttransfusion während der Tour für zwei Jahre gesperrt wurde. Längst ist daraus ein Familienbetrieb geworden: Das Team beschäftigt neben dem Vater auch beide Söhne.
Besonders heikel wird es dort, wo es um den Nachwuchs geht. Das ProTeam Polti VisitMalta wird von Ivan Basso sowie Alberto und Fran Contador geführt. Basso wurde im Zuge der Operación Puerto gesperrt, Contador verlor nach seinem Clenbuterol-Fall den Toursieg 2010 und den Giro-Titel 2011. Das Team-Sponsoring umfasst neben den Profis ausdrücklich auch die U23- und Juniorenmannschaften. Junge Fahrer lernen den Radsport hier also von Männern, deren Karrieren selbst von Dopingverfahren geprägt sind.
Man kann jedem von ihnen zugestehen, dass er sich verändert hat. Strafen sind verbüßt, zumindest im sportlichen System. Aber darum geht es nicht. Es geht um ein System, in dem Erfahrung aus der dunkelsten Phase des Sports noch immer als Qualifikation gilt und nicht als Hypothek.
Wie weit dieses Erbe reicht, zeigte sich zuletzt an einem Fall, der eigentlich eine reine Erfolgsgeschichte hätte sein sollen. Der Spanier Benjamín Noval gewann in Montréal Zeitfahren und Straßenrennen der Junioren und anschließend auch das EM-Zeitfahren. Kurz darauf berichtete El País, dass der damals 15-Jährige im April 2024 an einem Leistungstest am Navacerrada teilgenommen hatte, betreut von José „Pepe“ Martí. Martí war Trainer bei Lance Armstrongs US-Postal-Team und sitzt seit 2012 eine 15-jährige Sperre ab. Die spanische Anti-Doping-Agentur CELAD schlug zunächst 18 Monate Sperre für den Jugendlichen vor, verzichtete dann aber wegen seines Alters und seiner Unkenntnis auf ein Verfahren. TOUR berichtete bereits kurz nach den WM-Rennen darüber.
Dem Teenager kann man kaum einen Vorwurf machen. Der Fall zeigt aber, wie das Netzwerk funktioniert: Die Verbindung lief über den Vater, einen früheren Profi bei US Postal und Discovery Channel, der selbst nie sanktioniert wurde. Kontakte aus der Dopingära werden nicht gekappt, sondern weitergereicht, im Zweifel an die nächste Generation. Aufgefallen ist das nur, weil die Guardia Civil Martí ohnehin beobachtete.
Dafür gibt es mehrere Gründe, und sie greifen ineinander. Der erste ist schlicht personell. Sportliche Leiter, Trainer und Manager rekrutiert der Radsport fast ausschließlich aus ehemaligen Profis. Wer heute zwischen 45 und 60 Jahre alt ist, fuhr in den Neunziger- und Nullerjahren, also in einer Zeit, in der Doping im Peloton weit verbreitet war. Würde man jeden ausschließen, der damals im Dunstkreis von Doping unterwegs war, blieben die Teambusse ziemlich leer. Diese Ausrede ist bequem. Ganz falsch ist sie aber nicht.
Der zweite Grund ist das Regelwerk. Der Welt-Anti-Doping-Code bestraft Verstöße mit befristeten Sperren. Danach ist man wieder Teil des Systems. Für Teammanager gibt es keine echte Eignungsprüfung, und wer nie gesperrt wurde, gilt formal ohnehin als unbelastet, egal wie viele Skandale sich unter seiner Verantwortung abgespielt haben. Selbst das Verbot, mit gesperrtem Betreuungspersonal zusammenzuarbeiten, greift nur, wenn jemand genau hinsieht.
Der dritte Grund ist das Geld. Erfolg verkauft sich, und die Teams mit den belasteten Führungsfiguren sind sportlich erfolgreich oder zumindest gut vernetzt. Sponsoren, Veranstalter und Verbände haben wenig Anreiz, unbequeme Fragen zu stellen, solange die Ergebnisse stimmen und kein positiver Test die Bilanz trübt.
Der vierte und vielleicht wichtigste Grund ist die Kultur. Der Radsport hat nie eine echte Aufarbeitung erlebt. Der Bericht der unabhängigen Reformkommission CIRC von 2015 beschrieb die Mechanismen der Dopingära zwar ausführlich, personelle Konsequenzen zog er kaum nach sich. Statt Geständnissen gibt es bis heute Opfer-Erzählungen. Wer das öffentlich kritisiert, wie Jérôme Chiotti, einer der Ersten, die das Schweigen brachen, steht schnell allein da. So überlebt die Omertà, nur in modernerer Form.
Wenn der Radsport ernsthaft ein sauberes Image will, und vor allem ein tatsächlich sauberes System, reicht der Verweis auf den Biologischen Pass und die Testzahlen der ITA nicht. Kontrollen erwischen Fahrer. Strukturen erwischen sie nicht.
Nötig wäre zuerst eine unabhängige Eignungsprüfung für Teamverantwortliche: Wer ein WorldTour- oder ProTeam leitet, muss seine Vergangenheit offenlegen und sich einer Prüfung stellen, die nicht von den Teams selbst kontrolliert wird. Zweitens braucht es eine konsequente Durchsetzung des Kontaktverbots zu gesperrten Personen, mit Informationspflichten für Verbände und Nachwuchsteams und mit Konsequenzen für die Erwachsenen, die solche Kontakte herstellen. Drittens muss Prävention schon bei Junioren und im U23-Bereich ansetzen, und zwar auch bei Eltern, Trainern und Betreuern. Gerade dort sitzt oft die Schwachstelle.
Und schließlich bräuchte der Sport das, was er seit Jahrzehnten vermeidet: eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Wer heute Verantwortung trägt, sollte offen über seine Rolle in der Vergangenheit sprechen, statt sich hinter Formeln wie „eine andere Zeit“ oder dem Opferstatus zu verstecken.
Der Radsport erlebt gerade eine goldene Ära. Junge Fahrer gewinnen früher als je zuvor, die Leistungen sind spektakulär, das Interesse ist groß. Genau deshalb wiegen die alten Schatten so schwer. Jeder Rekord, jeder dominante Sieg wird vor dem Hintergrund einer Vergangenheit betrachtet, die nie wirklich abgeschlossen wurde. Und solange die Menschen aus dieser Vergangenheit die Gegenwart steuern, wird sich daran nichts ändern.
Die Fahrer haben längst gewechselt. Die Strukturen nicht. Das alte System wird nicht von allein verschwinden. Es muss abgelöst werden.

Redakteur
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